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Pressemitteilung, 23. Februar 2012

Neue Behandlungswege bei Hirntumoren und Hirnmetastasen

Großer Zulauf bei neuer Fortbildungsreihe des Zentrums für Hirntumoren „Glioma: Update Neuroonkologie“

 

Über hundert niedergelassene Fachärzte und Ärzte von Kliniken aus ganz Ostbayern informierten sich am Universitätsklinikum Regensburg im Zentrum für Hirntumoren (ZHT) und der angeschlossenen Wilhelm Sander-Therapieeinheit über den neuen Stand bei der Diagnostik und Behandlung von Hirntumoren. Schwerpunktthema bildeten Behandlungswege von hirneigenen Tumoren und von Metastasen im Gehirn. Prof. Ulrich Bogdahn, Direktor der Klinik und Politik für Neurologie, freute sich über den großen Zulauf zur neuen Fortbildungsveranstaltung „Glioma: Update Neuroonkologie“, die das ZHT künftig jährlich anbieten wird: „Die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen behandelnden Kollegen ist unerlässlich für erfolgreiche Behandlungsverläufe.“

 

Auf der Veranstaltung waren alle Fachdisziplinen des ZHT sowie renommierte Gastwissenschaftler aus Deutschland vertreten. Ausführlich gaben die Experten Einblick in den aktuellen Wissensstand bezüglich der Diagnostik und Behandlung von Hirntumoren sowie bei Metastasen im Gehirn. Hirnmetastasen finden sich häufig bei Bronchialkarzinomen, Mammakarzinomen und malignen Melanomen. Deren Behandlung sei laut Prof. Oliver Kölbl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie, noch komplexer als jene von hirneigenen, malignen Tumoren, die rund fünfzig Prozent aller Raumforderungen im Gehirn ausmachten. Im Vergleich zu diesen sei bei Hirnmetastasen die Entwicklung durchgängiger und wissenschaftlich fundierter Therapiekonzepte noch stark in Bewegung, da neben den Fächern Neuroradiologie, Neurochirurgie, Neuropathologie, Strahlentherapie und neurologische Neuroonkologie die jeweiligen Organfächer eingebunden werden müssen. „Der Koordinationsaufwand ist dementsprechend hoch, die Datenlage zu vielen der relevanten Wissensbereiche noch gering“, erläuterte Oberarzt Dr. Peter Hau, kommissarischer Leiter der Wilhelm Sander-Therapieeinheit. „Während die Behandlung von malignen Gliomen aufgrund der positiven Therapieentwicklungen der letzten Jahre zunehmend in das Interesse der spezialisierten Zentren und auch anderer Versorgungseinrichtungen rückt, ist die Behandlung von Patienten mit Hirnmetastasen offen für weitere Verbesserungen. Auch hier besteht unser Ziel, die Therapie noch gezielter auf den einzelnen Patienten abstimmen zu können“, so Prof. Alexander Brawanski, Direktor der neurochirurgischen Universitätsklinik.

 

Einzelheiten aus dem Fortbildungssymposium
Bei malignen Hirntumoren ist die operative Entfernung die Grundvoraussetzung einer effizienten Tumortherapie. Brawanski belegte an aktuellen Beispielen, dass das Ausmaß der Resektion von malignen Hirntumoren einen positiven Einfluss auf das Überleben, die Wirksamkeit der Begleittherapien und die Verbesserung der krankheitsbedingten neurologischen Defizite habe. Wenn möglich, wird der Patient in wachem Zustand operiert, um das Maß an Komplikationen möglichst gering zu halten. Bei Hirnmetastasen hängt die Reichweite der chirurgischen Therapie von der Entwicklung des primären Tumors ab. Sind mehr als drei Hirnmetastasen vorhanden, kommen zusätzlich radiochirurgische Methoden und Strahlentherapie zum Einsatz.
Prof. Kölbl wies darauf hin, wie wichtig es für den Therapieverlauf beim Glioblastom ist, die Strahlentherapie zügig nach der Operation zu beginnen. Ein verzögerter Bestrahlungsbeginn erhöhe das Risiko zu sterben, so dass in Regensburg spätestens drei Wochen nach der Operation mit der Radiotherapie begonnen werde. Im Vergleich dazu zog Prof. Dirk Vordermark, Direktor der Klinik für Strahlentherapie des Universitätsklinikums Halle, unter dem Gesichtspunkt der Lebensqualität sowie der Verlängerung der Überlebenszeit von Patienten mit Hirnmetastasen das Fazit, dass die Entscheidung für eine Form der Strahlentherapie immer individuell getroffen werden müsse und im Einzelfall auch der Verzicht beispielsweise auf eine Ganzhirnbestrahlung sinnvoll sein kann.  

 

Ein weiterer Baustein der Hirnmetastasentherapie bildet die Systemtherapie, welche aus klassischen Chemotherapien und neuen zielgerichteten Medikamenten bestehen kann. Hierbei wird, wie Prof. Joachim Steinbach, Leiter des Dr. Senckenbergischen Instituts und Hertie-Stiftungsprofessor jeweils für Neuroonkologie vom Universitätsklinikum Frankfurt, erläuterte, zunächst individuell die molekulare Struktur der Metastasen untersucht, da etliche Hirnmetastasen den inzwischen entwickelten zielgerichteten Therapien gut zugänglich sind. In der praktischen Therapie kommen bereits einige dieser blockierenden Substanzen zum Einsatz, so zum Beispiel Gefitinib beim Bronchialkarzinom oder Vemurafenib bei malignen Melanomen. Mit Hilfe dieser neuen, individualisierten Therapie könne noch zielgenauer gegen die Hirnmetastase vorgegangen werden, erhofft sich Steinbach.

 

Auf das Spektrum der Chemotherapien beim Glioblastom ging PD Dr. Peter Hau ein. Auch hier stehen neue molekulare Substanzen wie beispielsweise der Antikörper Bevacizumab im Fokus des Interesses. Bevacizumab hemmt die Neubildung von Blutgefäßen, die zum Wachstum des Tumors notwendig sind. Während die Substanz von den US-amerikanischen Behörden bei der Behandlung im Rezidiv des Glioblastoms bereits zugelassen ist, wird Bevacizumab in Europa momentan in mehreren Studien evaluiert, an denen auch das Zentrum für Hirntumore Regensburg beteiligt ist. PD Dr. Hau wies darauf hin, dass das Zusammenspiel der verschiedenen Kliniken und Institute im Rahmen des ZHT erforderlich ist, um das Ziel einer individuell optimierten Therapie zu erreichen.

 

Besondere Form der Metastasenbildung: Meningeosis carcinomatosa

Auf eine besondere Form der Metastasenbildung im Gehirn, die sogenannte Meningeosis carcinomatosa, ging Prof. Bogdahn ein. Dabei handelt es sich um Absiedelungen von Tumorzellen im Nervenwasser oder entlang der Hirnhäute. Eine Meningeosis carcinomatosa kann zum Beispiel durch  Übelkeit und Erbrechen, Kopf- und Rückenschmerzen und Hirnnervenausfälle auffällig werden. Bogdahn wies darauf hin, dass eine Meningeosis carcinomatosa immer eine Notfallsituation sei, die schnellstes Handeln verlange, da lebensbedrohliche Schluck- und Atemstörungen auftreten können. Nach schneller Diagnosestellung sollte umgehend eine Therapie mit einer Chemotherapie eingeleitet werden, die direkt ins Liquorsystem gegeben wird.

Besonders wichtig zur Klärung der Behandlungsmöglichkeiten bei Hirntumoren sind die diagnostischen Fächer, die in das ZHT intergriert sind. Hier sind insbesondere die Neuroradiologie und Neuropathologie zu erwähnen. Prof. Dr. Schuierer, Leiter des Zentrums für Neuroradiologie, stellte die Überlegenheit der Kernspintomografie gegenüber der Computertomografie bei der Unterscheidung wachsender Hirntumoren und neue Möglichkeiten der Bildgebung heraus. Laut Prof. Dr. Riemenschneider, Leiter der im Rahmen der Wilhelm-Sander Stiftung für Neuroonkologie neu gegründeten Abteilung für Neuropathologie, könne mit letzter Sicherheit eine Diagnose nur durch eine histologische Untersuchung des Gewebes bestätigt werden. Er berichtete über neue molekulare Marker und ihre hohe Bedeutung in der modernen Diagnostik und Therapie des Glioblastoms, jenem äußerst bedrohlichen Hirntumoren, der die ungünstigste Prognose zur Folge hat und daher am Universitätsklinikum Regensburg Gegenstand besonders intensiver Forschung ist. Langfristig bestehe das Ziel darin, mit Hilfe der differenzierten histologischen Einordnung durch verschiedene molekulare Marker eine individualisierte Therapieempfehlung für den einzelnen Patienten ableiten und ein besseres therapeutisches Ansprechen erreichen zu können.

 

Ansprechpartner:
PD Dr. med. Peter Hau, Oberarzt, kommissarischer Leiter der Wilhelm Sander-Therapieeinheit NeuroOnkologie, Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universität Regensburg am Bezirksklinikum,
Tel. (0941) 941 3013, -8083, peter.hau@medbo.de

 

Cordula Heinrich, Pressestelle Universitätsklinikum Regensburg, Franz-Josef-Strauß-Allee 11, 93042 Regensburg, Tel.: 0941-944-5734, Fax: 0941-944-5634, E-Mail: pressestelle@klinik.uni-regensburg.de, Homepage: www.uniklinikum-regensburg.de

 

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