Karte Serbien Multiethnizität leben und gestalten.
Eine Studienreise in die Vojvodina


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Tito: Eine Ikone der Vergangenheit überlebt bis in die Gegenwart - Erinnerung an den jugoslawischen Sozialismus

von Anna Katharina Lauber und Mirela Delic

Seit 30 Jahren ist er tot und doch stirbt er nicht: In der Nostalgie lebt Josip Broz Tito weiter. Seine Person bleibt als Symbol im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaften Ex-Jugoslawiens tief verankert. Doch hilft diese Erinnerung die Probleme im heutigen Serbien zu bewältigen? Oder steht sie einem gesellschaftlichen Fortschritt gar im Weg?

Etwas erhöht auf einem Hügel in Belgrads Stadtteil „Dedinje“ liegt die letzte Ruhestätte eines Mannes, der als Kriegsheld, Vater der Jugoslawen und zuletzt als verhasster Diktator propagiert wurde. Seit seiner Beisetzung im Jahre 1980 ruht im „Haus der Blumen“ (serbisch „Kuća cveća“) ein gewisser Josip Broz mit Beinamen Tito. Er war der ehemalige Staatspräsident Jugoslawiens. Eine weitläufige Grünfläche umrahmt das Mausoleum, an den Rändern der Pfade wachsen rote Rosen. Nach dem Sturz Slobodan Milosevićs im Jahr 2000 wurde das Gelände umfassend saniert. Unter nationalistischer Herrschaft hat Tito als Symbol für ein totalitäres Regime gegolten; heute kehrt er in einem positiven Bild im Rahmen der Nostalgie zurück.

Souvenirverkäufer haben auf den gepflegten Wiesen allerlei Kultobjekte ausgebreitet: Die blau-weiß-rote Flagge Jugoslawiens, Pionierkäppchen mit dem markanten roten Stern, T-Shirts und Tassen, darauf Titos Bild – Nostalgiker können sich hier ausrüsten. Auch der Souvenirshop im Museum bietet reichlich Mitbringsel. Eine Postkarte von Tito mit John F. Kennedy? Oder doch eine verfilmte Biografie auf DVD? Nur eine 26-köpfige Gruppe deutscher Studenten, ihre zwei Dozenten und wenige Touristen sind heute zu Besuch. Erst in drei Tagen, am 25. Mai, wird dem „Tag der Jugend“ (serbisch „dan mladosti“) die Erinnerung wieder kultiviert: Einige ehemalige Veteranen, Sozialisten, Titoisten, Vertreter der Vereinigung Blockfreier Staaten und andere „Fans“ Titos und der Zeit des sozialistischen Jugoslawiens (SFRJ) werden sich versammeln, um den verstorbenen Staatspräsidenten zu ehren. Der berühmte Staffellauf („štafeta“) wird von einigen Anhängern nachgestellt. Und nicht nur in Belgrad, auch in anderen Städten Serbiens – beispielsweise in Subotica, einer Stadt in der sich noch vier Prozent der Bevölkerung in Volkszählungen als „Jugoslawen“ bekennen – finden sich Menschen zusammen, um gemeinsam ihrem ehemaligen Staatspräsidenten zu gedenken. 30 Jahre nach seinem Tod wird er nicht vergessen. Tito lebt in der Erinnerung der Bevölkerung Serbiens weiter.

Tito in der Moderne: Die Nostalgie blüht, vor allem im Internet

Mit T-Shirts, Tassen und Schlüsselanhängern können die Titostalgen ihre Zuneigung zeigen. Die Erinnerung an Tito und die Zeit des Sozialismus hat eine starke Kommerzialisierung erlebt. Durch das Internet hat es „Broz“ in die Moderne geschafft: Tito ist Facebook-Mitglied (https://www.facebook.com/pages/Josip-Broz-Tito/141987562482798) und er hat eine eigene Homepage (www.titoville.com). Auf der Seite www.sfrj4ever.ch finden Interessierte Bilder, Lieder oder Texte aus der vergangenen Zeit, um ihre Nostalgie zu pflegen. Unter www.leksikon-yu-mitologije.net wurde unter Mitwirkung der bekannten kroatischen Schriftstellerin Dubravka Ugrešić zahlreiche persönliche Erinnerungen an die SFRJ gesammelt. Nach der ersten Recherche wird klar: Josip Broz Tito hat eine starke Internet-Community. „Jugos“ verewigen ihr Bild vom Marschall und von Jugoslawien im Internet, frei von einer kritischen Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Begebenheiten.

Aber auch in der realen Welt bleibt Sympathie für Tito bestehen. Fragt man Studenten oder Professoren, Bürgermeister oder Taxifahrer bekommt man fast immer die gleiche Antwort: Tito brachte den Wohlstand in die Region und den Frieden an den Balkan. Für viele Menschen in Serbien ist die Ikone Josip Broz Tito zum Symbol geworden für eine Zeit des Wohlstands, der Einigkeit und des Friedens. Die Nostalgie ist nicht nur ein sehnsüchtiger Rückblick der Transformationsverlierer. Es ist der Gegenentwurf zu einer Zeit nach den Bürgerkriegen, zu dem blutigen Zerfall der jugoslawischen Föderation und zu den heutigen wirtschaftlichen Problemen. Die 1960er und 1970er Jahre des sozialistischen Jugoslawien werden zu einer „goldenen Zeit“ idealisiert.

Großer Staatsmann oder Diktator? Titos unterschiedliche Rollen in der Erinnerungskultur

„Durch Belgrad faucht noch immer ein geistiger Košava“, sagt Todor Kuljić, Soziologe und Professor an der Philosophischen Fakultät in einem Gespräch an der Universität Belgrad. Der starke Winterwind, typisch für die Region Vojvodina im Norden Belgrads, ist Sinnbild für die ideologische Umwälzung der intellektuellen Elite in der postsozialistischen Zeit. „Die Antifaschisten und Titoanhänger von früher sind zu Anti-Antifaschisten konvertiert“, so Kuljić. Er selbst habe zu Titos Lebzeiten die jugoslawische Regierung kritisiert – aus linker Perspektive. Heute dagegen verteidige er in einigen Punkten Titos Politik.

Wer war Tito?

Josip Broz Tito, der noch heute als eine der schillerndsten politischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts angesehen wird, wird am 7. Mai 1892 in Krumrovec im heutigen Kroatien geboren. Er begann seine politische Karriere im Alter von 18 Jahren in der Sozialdemokratischen Partei Kroatiens, kämpfte im 1. Weltkrieg an der Karpatenfront auf österreichisch-ungarischer Seite und wird 1920 Mitglied in der Kommunistischen Partei Jugoslawiens. International bekannt wird er durch den Partisanenkrieg gegen die deutschen und italienischen Besatzer im zweiten Weltkrieg. Die Mythen aus dieser Zeit gingen in den Kult um seine Person ein und sichern ihm die Sympathien des jugoslawischen Volkes. 1945 wird er Ministerpräsident der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ) und später Staatspräsident auf Lebenszeit. Am 4. Mai 1980 stirbt er nach monatelangem Todeskampf in Ljubljana. Er litt an einer schweren Thrombose.

Josip Broz Tito ist die Schlüsselfigur des jugoslawischen Sozialismus. Er fungiert heute als Symbol für eine gesamte politische Strömung und eine ganze Epoche der jugoslawischen Geschichte. Nach dem deutschen Kulturwissenschaftler Jan Assmann erfährt die kollektive Erinnerung alle vierzig Jahre einen Epochenwechsel. Schneller aber als durch diesen Wandel von Generation zu Generation wurden die Einstellungen zu Tito und dem Sozialismus in den postsozialistischen Gesellschaften revidiert, schreibt Kuljić in dem Essay „Umkämpfte Vergangenheiten“: Der Partisanenmythos und der Kampf gegen die Faschisten im zweiten Weltkrieg bildeten den Rahmen für das sozialistische Selbstverständnis und die Konstruktion der öffentlichen Person Josip Broz Tito. Der Bruch zwischen Tito und Stalin 1948 ermöglichte Jugoslawien eine Rolle zwischen den Blöcken während des Kalten Krieges. Das prägte die antistalinistische Generation. Der multiethnische Staat Jugoslawien war antinationalistisch und international orientiert.

Nach Titos Tod dann die Wende: Unter Slobodan Milošević erhielten die nationalistischen Ideen neuen Aufwind. Der öffentliche Diskurs war in einem Prozess der Neuorientierung von einem nationalen Antikommunismus geprägt. In den ersten Jahren nach dem Zerfall der SFRJ war es mehr als verpönt im Guten vom Sozialismus und der Person Tito zu sprechen. Die Erinnerungen waren zu frisch und die nationalen Eliten prägten ein Negativbild dieser Vergangenheit. Auch Historiker in den neugegründeten Staaten ließen sich mitreißen und skizzierten eine jeweilige nationale Geschichte, indem sie Mythen und Legenden für die Geschichtsschreibung verdichteten. So wurde durch die Instrumentalisierung der Vergangenheit die Identitätsfindung in den jungen ex-jugoslawischen Staaten unterstützt. Das Bild von Titos friedlichem, multiethnischem Jugoslawien verkam zu dem eines totalitären Völkergefängnisses. „Er wurde – zu Recht – seiner Unantastbarkeit beraubt“, so Kuljić. Doch die serbische Geschichtsschreibung sei „fast über Nacht von der Glorifizierung Titos zu seiner Dämonisierung übergegangen.“

Ging dieser Prozess zu schnell für die Bevölkerung? Eine selbstreflektierte Erinnerungskultur existiert praktisch nicht. In der Bevölkerung bleibt eine Restsympathie für Tito und sein Jugoslawien tief verankert – trotz „Zwangsamnesie und erzwungenem Gedächtnis“, wie es Kuljić ausdrückt. Bei einer durch Vladimir Ilić durchgeführten Studie in der Vojvodina bezeichneten die meisten Befragten die Zeit Titos als „Goldene Zeit“. Für die Mehrheit gilt der ehemalige Staatspräsident als die historische Figur, die am ehesten die gegenwärtigen Probleme lösen könnte. Eine wichtige Erkenntnis der Umfrage: Die große übernationale Sympathie unter den befragten Ungarn und Serben, deutet darauf hin, dass Tito in der Bevölkerung Serbiens, im Unterschied zur Mehrheit der aktuellen politischen Elite, als Symbol für eine multiethnische Integration gesehen wird. Eine weitere von Ilić durchgeführte Befragung von 1999 beschäftigt sich mit der Einstellung von Jugendlichen gegenüber der Zeit des Sozialismus. Das Ergebnis: Tito rangiert bei jungen Serben an erster Stelle der beliebtesten Einzelpersonen der serbischen Geschichte. Sind das nur Überreste des sozialistischen Personenkultes, oder steckt mehr dahinter?

Eigene und kollektive Erinnerung: Wem gehört die Vergangenheit?

Vorbei sind die Zeiten, „als man noch jemand war“ in Serbien. Die wirtschaftliche Situation war besser im sozialistischen Jugoslawien, mit dem jugoslawischen Pass konnte man reisen, wohin man wollte, der Staatsmann Tito transportierte ein positives, modernes Bild Jugoslawiens ins Ausland – weit weg von den Assoziationen mit Krieg, Mord und Vertreibung der 1990er Jahre. Dieses Bild konstruiert Marko, ein Student in Belgrad. Er ist Anfang 20. Die Zeit des Sozialismus hat er nicht bewusst erlebt. Doch er kennt sie aus Filmen, Erzählungen der Familie, hört die Musik der Jugo-Jahre. Die Band „Bajaga i instruktori“ ist ihm ein Begriff, genauso wie „Bijelo dugme“ oder „Indexi“. Er erinnert sich gerne an die Zeit Jugoslawiens. Doch können es nicht seine eigenen Erinnerungen sein. Oder doch? Woher kommt diese Nostalgie? Ist Marko nur ein Student mit einer gewissen Sympathie für eine linke Politik und seine Ikone ist nicht Che Guevara, sondern Josip Broz Tito? Er trägt ein T-Shirt mit einem roten Stern. Während er sich eine Zigarette dreht, sagt er: „Die Zeit Titos war die beste, die wir hier je hatten.“

Das historische Gedächtnis wird durch die allgemeine Erinnerungskultur, die Geschichtswissenschaft und Primärerfahrungen geprägt, so Günther Hockerts, Professor für Zeitgeschichte an der Universität München. Vor allem jene Generation der Serben, die ihre eigene Kindheit und Jugend im Sozialismus verbracht hat, erinnert sich emotional an die Zeit Titos. Für sie vermischt sich die subjektive Vergangenheit mit der kollektiven. Als junger Pionier am „Tag der Jugend“ am Staffellauf teilzunehmen, der Urlaub der Familie an der Adria, der Zusammenhalt in der Klassengemeinschaft – diese positiven Erfahrungen aus der eigenen Kindheit werden emotional mit der Vergangenheit eines ganzen Kollektivs verbunden. Tito fungiert hier als Symbol: Er bietet den Erinnerungsort für eine Fülle an Sehnsüchten nach einer als besser empfundenen Zeit. Die Geschichtswissenschaft in Serbien hat sich für eine Neuschöpfung der nationalen Identität instrumentalisieren lassen und hat vielfach bis vor kurzem nicht dazu beigetragen, die Vergangenheit wissenschaftlich zu verarbeiten. Die offizielle Erinnerungskultur der letzten Jahre in Serbien führte sogar zu einer gewissen Schizophrenie: Die Zeit des Sozialismus und ihre Schlüsselfigur wurden lange Jahre abgelehnt. Doch die Werte, die im Sozialismus hochgehalten wurden, sind in einer Welt hoher Arbeitslosigkeit, politischer Instabilität und relativer politischer Selbstisolierung für die private Erinnerung wieder sehr aktuell geworden.

Solidarität, Sicherheit, Stabilität, soziale Inklusion, Soziabilität, Solidität (Seriosität) und Selbstachtung sind laut Predrag J. Marković, Historiker am Institut für Zeitgeschichte in Belgrad, die Konstanten, an denen sich nostalgische Vorstellungen ausrichten. Der Realsozialismus wird von der Generation mit eigenen Erlebnissen der Zeit eng verknüpft mit dem Modernisierungsprozess, der Überwindung von Armut und einer Verbesserung der sozialen Situation in der Tito-Ära. Deshalb erscheint die nostalgische Erinnerung in einer sehr apolitischen Form. Die wenigsten wünschen sich das sozialistische System der SFRJ zurück. Aber in einer Welt der Krise sehnen sich viele in eine Zeit zurück, die eindeutigere Werte zu bieten hatte und wie ein positiver Gegenentwurf zur heutigen gesellschaftspolitischen Situation erscheint.

Die serbische Jugend hat keine eigenen Erfahrungen im sozialistischen Jugoslawien gemacht. Diese Generation hat die Zeit als Vergangenheit indirekt verinnerlicht. Für junge Serben sprechen vor allem zwei Argumente für Titos Zeit. Erstens: Die Reisefreiheit. Jugoslawien war im Kontrast zu anderen Ländern des Realsozialismus ein offener Staat. Touristen kamen ins Land, Jugoslawen durften ins Ausland reisen. Durch die schwierige außenpolitische Lage Serbiens und seit den Kriegen der 1990er waren Auslandsreisen bis vor Kurzem nur noch mit Visa möglich. 80 Prozent der Jugendlichen waren nie außerhalb Serbiens, so die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GTZ). In immer weiter globalisierten Gesellschaften führt das zu einem Gefühl der Benachteiligung. Zweitens: Die heutigen jungen Serben sind besonders von der schlechten wirtschaftlichen Lage betroffen. Vor allem wegen der immer noch andauernden Wirtschaftskrise leben zehn Prozent der serbischen Bevölkerung unter der absoluten Armutsgrenze. Das Bild Jugoslawiens mit der „relativ prosperierenden Wirtschaft“, wie es die jugoslawische Soziologin Zagorka Golubović formuliert hat, stimmt zwar nur für die Jahre bis ca. 1980, aber vor allem junge Serben haben es häufig als indirekte Erinnerung durch Erzählungen ihrer Elterngeneration verinnerlicht. Wie den älteren Generationen gibt die Figur Tito, der für lange Zeit eine wichtige Konstante in der jugoslawischen Vergangenheit darstellte, auch der heutigen Jugend in Serbien einen dringenden Halt in einer Welt des Umbruchs.

Sehnsucht nach Jugoslawien: Nostalgie als Ergebnis enttäuschter Erwartungen

Während unserer Reise in Serbien haben wir eines erkannt: Die Person Josip Broz Tito und die Nostalgie, die sich um ihn rankt, dürfen nicht allein mit den Augen eines heutigen Westeuropäers betrachtet werden. Vielmehr muss man sehen: Gutes gab es in Jugoslawien unter Tito vieles. Der jugoslawische Reisepass hatte in etwa die Bedeutung des EU-Passes in der heutigen Zeit, Jugoslawien war im Kontrast zu anderen sozialistischen Ländern ein Land der Reisefreiheit und galt als offener Staat. Die Ära Titos ist eine der längsten Friedensepochen der Region.

„Wir waren etwas“: Eine Formulierung, auf die wir während unserer Reise immer wieder gestoßen sind. Ob Studenten, Politiker oder einfacher Arbeiter – ein großer Teil der Bevölkerung in Serbien hat das Gefühl, in den letzten Jahrzehnten etwas verloren zu haben. Das Prestige im Ausland habe gelitten, die wirtschaftliche Situation sei schlechter geworden, die soziale Ungleichheit habe sich vergrößert und der gesellschaftliche Zusammenhalt sei nicht mehr der, der er einmal war. Nicht nur Menschen, die im neuen System keinen Platz gefunden haben, die sogenannten Transformationsverlierer, sind nostalgisch. Auch strenge Kommunisten sind nicht die einzigen, die sich an der sozialistischen Vergangenheit orientieren. Dieses Phänomen der Erinnerungskultur in der serbischen Gesellschaft geht tiefer. Es ist ein weitverbreiteter Wunsch nach einer besseren Zeit. Die Probleme der Gegenwart und die schnelle Transformation erzeugen eine Sehnsucht nach der Vergangenheit. Der heutige Erinnerungskult knüpft an die Tito-Verehrung des Realsozialismus an und stillt wichtige Bedürfnisse der postsozialistischen Gesellschaften. Sie deutet auf die Mängel in einem nicht ausreichend funktionierenden System hin. Tito ist dabei das Symbol für die scheinbar bessere, „goldene“ Zeit Jugoslawiens.

Diese Art der Nostalgie ist in der gesamten Region des ehemaligen Jugoslawiens nicht unter Zwang und auch nicht durch eine Neuschöpfung der Vergangenheit durch intellektuelle Eliten zu beseitigen. Und in ihr liegt vielleicht auch die größte Gemeinsamkeit zwischen den Nachfolgestaaten, die sich vor einigen Jahren noch blutig bekämpft haben. Zwar in unterschiedlicher Intensität und auch durch andere Rahmenbedingungen beeinflusst, wird aber der gemeinsamen sozialistischen Vergangenheit erinnert. Das nostalgische Erinnern wird die großen Konflikte der Region nicht lösen. Doch kann diese Gemeinsamkeit helfen, die noch zu heißen Erinnerungen der letzten Kriege erkalten zu lassen und eine konstruktive Basis für eine normale Zusammenarbeit zu erschaffen. Eine selbstkritische Vergangenheitsbewältigung ist dafür in jedem der ex-jugoslawischen Staaten enorm wichtig. Die politisch motivierte Neukonstruktion der Vergangenheit kann durch diese Erinnerung relativiert werden. Aber in jedem Fall darf über dieses weit verbreitete Bedürfnis nach einem Rückblick nicht einfach hinweg gesehen werden. Die Nostalgie ist ein Fingerzeig auf die Probleme in der heutigen serbischen Gesellschaft. Tito ist seit über 30 Jahren tot. Doch noch immer beeinflusst er die Menschen in der Region des ehemaligen Jugoslawiens.


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Quellen: