Das Projekt im Horizont der Forschung


Das Projekt setzt in einer entscheidenden Phase der Forschungsgeschichte zu Text, Auslegung und Rezeption des Neuen Testamentes ein. Einerseits ist bereits seit einigen Jahrzehnten wichtige Forschungsarbeit geleistet worden, deren Ergebnisse nun auf unterschiedliche Art und Weise gebündelt und zugänglich gemacht werden müssen.(1) Es kann hier nicht auf die zahlreichen Untersuchungen zur patristischen Exegesegeschichte eingegangen werden, weder auf die Mono­gra­phien und Aufsätze über die hermeneutischen Methoden der Väter,(2) noch auf jene Studien, die der Ge­schichte der Auslegung eines Verses, einer Perikope, eines biblischen Buches oder einer biblischen Person(en­gruppe) nachgehen.(3) Jedenfalls zeigt sich die zunehmen­de Bedeutung der patristi­schen Exegese schon daran, dass bibelwissenschaftliche Reihen, Zeitschriften und Bibliographien sich mehr und mehr der altkirchlichen Aus­le­gung öffnen.(4) Daneben sind in den letzten Jahrzehnten sogar Zeitschriften begründet worden, die sich ausdrücklich der Exegesegeschichte widmen: Seit 1984 erscheinen die jährlichen Tagungsbeiträge einer mehrheitlich italienischen Forschergruppe in den Annali di storia dell'esegesi in Bologna, und seit 1987 gibt das Straßburger Centre d'analyse et de documentation patristique (CADP) die Cahiers de Biblia patristica heraus.(5) In jüngster Zeit wurde begonnen, die vielfältigen Ergebnisse der einschlägigen Forschung durch Handbücher und Lexika zu systematisieren und einer breiteren akademischen Öffentlichkeit zu vermitteln.(6) Besondere Erwähnung verdient die monumentale Encyclopedia of the Bible and Its Reception, die auf dreißig Bände angelegt ist.(7) Auch die Aufgabe des NTP besteht zum Teil darin, Forschungsergebnisse zur neutestamentlichen Exegesegeschichte, die sich in Aufsätzen und Monographien verstreut finden, zu bündeln und zugänglich zu machen.

Auf der anderen Seite bedarf es gerade jetzt weiterer Grundlagenarbeit, um die For­schung voranzutreiben. Diese Arbeit wird besonders in Münster mit der Herausgabe der Editio Critica Maior des griechischen Neuen Testamentes, aber auch weiterhin in dem Beuroner Vetus-Latina-Unternehmen geleistet. Das Novum Testamentum Patristicum bietet eine notwendige Ergänzung zu den genannten Großprojekten, die mutatis mutandis zurzeit den Übergang zu einem weiteren Stadium der Erforschung des Neuen Testamentes markieren. Während dort das Wissen um die Textgestalten des Neuen Testamentes erweitert wird, stellt das NTP die Kenntnisse über Verständnis und Verwendung dieser Texte auf eine neue Basis. Da die Rezeptions­geschichte vieler Passagen nur sehr selektiv erforscht wurde, besteht die Aufgabe des Novum Testamentum Patristicum zu einem großen Teil aus Pionier­arbeit: Für ganze Abschnitte des Neuen Testamentes und für ganze patristische Quellen­bereiche gilt, dass im Rahmen des NTP-Projektes erstmals überhaupt die entspre­chenden Rezeptionsprozesse untersucht werden.

Auch im Bereich der bibliographischen Arbeit ist dies ein Desiderat. Bislang fehlen verlässliche und umfassende Datenbanken zur Erschließung der Quellen und der Sekundär­literatur zur patristischen Exegese. Insbesondere die orientalischen Traditionen stellen in exegesegeschichtlicher Hinsicht noch ein weitgehend unzugängliches Gebiet dar, das durch das NTP auf der Basis der einschlägigen Reihen (vor allem PO, PS und CSCO) erschlossen wird.




(1) Vgl. z.B. die Forschungsüberblicke von W.-D. Hauschild, „Der Ertrag der neueren auslegungsgeschichtlichen Forschung für die Patristik,“ in: Verkündigung und Forschung. Beihefte zur ‚Evangelischen Theologie' 16 (1971) 5-25; E. Mühlenberg, „Griechische Patristik II: Bibelauslegung,“ in: Theologische Rundschau. Neue Folge 61 (1996) 275-310; B. Studer, „Neuerscheinungen zur Exegese der Kirchenväter,“ in: Theologische Revue 93 (1997) 91-94; P. Maraval, La Bible et les Pères. Bilan de cinquante ans de recherches, in: Les Pères de L'Église au XXe siècle. Histoire – Littérature – Théologie. "L'aventure des Sources chrétiennes", Paris 1997, 445-466.

(2) Maraval, 458-463.

(3) Beispiele: ebd. 463-466.

(4) Das gilt z.B. für den Neuen Stuttgarter Kommentar zum Alten Testament (NSKAT); vgl. Th. Heither/Ch. Reemts, Schriftauslegung. Die Patriarchenerzählungen bei den Kirchenvätern (NSKAT 33/2), Stuttgart 1999 sowie Ch. Reemts, Schriftauslegung. Die Psalmen bei den Kirchenvätern (NSKAT 33/6), Stuttgart 2000; aber auch für den Evangelisch-Katholischen Kommentar; vgl. bes. U. Luz, Das Evangelium nach Matthäus. Mt 8-17, Zürich 42007. Vgl. auch F. Neirynck/J. Verheyden/R. Corstjens, Matthew and Q. A Cumulative bibliography 1950-1995 (2 Bände) (BETL 140), Leuven 1998.

(5) Vgl. auch die ersten drei Bände der Reihe Bible de tous les temps: C. Mondesert (Hg.), Le monde grec ancien et la Bible, Paris 1984; J. Fontaine/Ch. Pietri (Hg.), Le monde antique latin et la Bible, Paris 1985 und A.-M. La Bonnardiere (Hg.), Saint Augustin et la Bible, Paris 1986.

(6) Vgl. speziell das Handbook of Patristic Exegesis. The Bible in Ancient Christianity, by Ch. Kannengiesser with special contributions by various scholars, 2 vols., Leiden u.a. 2006 (korrigierte Neuauflage in Vorb.).

(7) Zum aktuellen Stand: www.degruyter.de/ebr.