Ziele
Mit der Rezeption und Auslegung des Neuen Testamentes in der frühchristlichen und spätantiken Zeit erschließt das NTP eine wesentliche Grundlage der europäischen wie auch der von Europa geprägten außereuropäischen Kulturen. Dabei gibt es ein Arbeitsinstrument an die Hand, das einem breiten Spektrum von Wirkungsfeldern zugute kommt.
Zuvorderst dient es der theologischen Wissenschaft. Hier kann es einen wertvollen Beitrag zu einem angemessenen Umgang mit der patristischen Bibelexegese leisten. Insbesondere unter den Stichworten „Wirkungsgeschichte“ und „Rezeptionsforschung“ wurde gerade auch von Exegeten die Schriftauslegung der „Väter“ wieder neu ins Gespräch gebracht.(1) Jüngere biblische Kommentare berücksichtigen deshalb teilweise auch die patristische Exegese.(2) Dies geschieht freilich in der Regel so exkursartig und selektiv, dass gerade dadurch das Desiderat eines umfassenden patristischen Kommentars zum Neuen Testament deutlich wird. Besonders problematisch erscheint, dass die patristische Schriftauslegung bisweilen aus gegensätzlichen Richtungen und oft nicht ganz ideologiefrei in eine Antithese zur historisch-kritischen Exegese gebracht wird. Während manche die Auslegung der „Väter“ generell als Vorbild für eine theologisch gehaltvolle Exegese empfehlen (und gleichzeitig die theologische Anschlussfähigkeit der historisch-kritischen Methode bezweifeln), neigen andere dazu, der patristischen Schriftauslegung pauschal jegliche Bedeutung für die Theologie als Wissenschaft abzusprechen. Das NTP soll jenseits dieser Extreme zu einem nüchternen, wissenschaftlich verantwortbaren und hermeneutisch sensiblen Umgang mit der patristischen Schriftauslegung verhelfen.
Es ergibt sich das Desiderat einer umfassenden Aufarbeitung der Rezeptionsgeschichte der Bibel aus der Erkenntnis, dass jede Bibelexegese bewusst oder unbewusst immer schon in Traditionen steht, zu denen sie sich zustimmend oder ablehnend verhalten kann, die sie aber auf jeden Fall reflektieren muss, um ihren eigenen Standpunkt hermeneutisch abzusichern.
Die gesamte Theologiegeschichte ist untrennbar mit dem jeweiligen Verständnis neutestamentlicher Texte verbunden. Adressaten des NTP sind deshalb nicht nur die Spezialisten, also die Exegeten und Patristiker. Vielmehr richtet es sich an alle Theologen, insofern sie auf irgendeine Weise mit der Auslegung der Heiligen Schrift befasst sind. Indem das Novum Testamentum Patristicum auf die historische Vielfalt der Exegesen verweist, historisiert und relativiert es die jeweiligen Auslegungen und beugt so exegetischen Engführungen und theologischen Fundamentalismen vor. Viele entscheidende Neuaufbrüche in der Theologie – etwa in der Reformation, bei Adolf von Harnack oder in der Nouvelle Théologie, die das Zweite Vatikanische Konzil entscheidend geprägt hat – hingen mit einem Rückgriff auf die patristische Theologie zusammen. In diesem Sinne kann das NTP, indem es eine Fülle bislang kaum beachteten Quellenmaterials erstmals systematisch erschließt, auch zu neuen Ansätzen in der gegenwärtigen Theologie stimulieren oder solche zumindest historisch fundieren.
Die patristischen Schriften und hier insbesondere die Kommentare verwenden nicht nur klassische Methoden antiker Bildung, sondern transportieren auch zahlreiche Inhalte griechisch-römischer Kultur. Sie thematisieren nebenbei vielfältige Fragen aus vorchristlicher Zeit, die sich von der Anthropologie und Ethik über die Prinzipienlehre bis hin zur Kosmologie und zum Naturverständnis erstrecken. Insofern erschließt das Novum Testamentum Patristicum über die reine Bibelrezeption hinaus auch wichtige Elemente der antiken Welt. Es stellt somit auch ein wertvolles Hilfsmittel für die Altertumswissenschaften dar. Speziell für die Spätantikeforschung leistet das NTP einen nicht zu unterschätzenden Beitrag, indem es aufzeigt, wie der zentrale heilige Text der neuen Religion auf die vielfältigen Situationen der wegweisenden Übergangszeit zwischen Antike und Mittelalter appliziert wird. Zugleich zeigt es jenseits großer kulturgeschichtlicher Thesen anhand zahlreicher konfliktträchtiger Einzelfragen in differenzierter Weise, wie die Verbindung von frühem Christentum und antiker Welt in Anknüpfung und Widerspruch konkret geschehen ist.
Rezeptionen des Neuen Testaments zeigen sich nicht nur in „Texten“ im engeren Sinne, sondern auch in bildlichen Darstellungen aller Art. Diese dürfen in einem umfassenden Projekt wie dem Novum Testamentum Patristicum nicht ausgeklammert werden – eine alleinige Konzentration auf schriftliche Formen der Rezeption würde vielmehr eine künstliche Grenze ziehen: Einerseits mögen ikonographische Rezeptionen biblischer Texte mit ihren besonderen, gelegentlich auch technisch bedingten Akzentsetzungen in zahlreichen Fällen weitere Kreise von Rezipienten erreicht haben als viele Auslegungen in schriftlicher Form. Bilder neutestamentlicher Szenen begegnen ja nicht nur als Reliefs auf Sarkophagen, als Wandmalereien in Katakomben und Kirchenräumen, als Illustrationen auf Einzelpapyri und in Codices, sondern auch auf Alltagsgegenständen wie Textilien, Tongefäßen und in Böden von Trinkgläsern. Andererseits stehen ikonographische Formen der Rezeption biblischer Texte oft in einem so engen Zusammenhang mit solchen in schriftlicher Form, dass beide Medien sich durch Übereinstimmungen, aber auch durch Kontraste gegenseitig erhellen können. Nachdem die Christliche Archäologie immer mehr aus den Theologischen Fakultäten verschwindet und sie auch im Rahmen der Altertumswissenschaften ein Schattendasein fristet, kann das NTP dazu beitragen, die Bedeutung dieses kleinen Faches für die Erforschung der Spätantike und für die Sicherung des kulturellen Erbes Europas neu bewusst zu machen.
Neben der Erweiterung der wissenschaftlichen Erkenntnis kommt dem NTP auch eine Bedeutung zu, die über die rein akademische Sphäre hinausreicht und das Leben der Kirchen und der Gesellschaft betrifft. In der katholischen und den orthodoxen Kirchen gilt seit alters her die Regel, dass die Heilige Schrift mit Hilfe der „Väter“ auszulegen sei. Auch die Reformatoren haben sich immer wieder auf Auslegungen der antiken christlichen Schriftsteller berufen. Wenn auch die konfessionellen Standpunkte zur Frage der Normativität der Alten Kirche auseinandergehen, wird doch selten bestritten, dass die gemeinsame Besinnung auf die Fülle und Vielfalt der patristischen Schriftauslegungen konfessionelle Engführungen aufbrechen und die Ökumene befruchten kann. Über den innerchristlichen Kontext hinaus bietet das NTP durch seine Aufarbeitung historischer Rezeptionen auch eine wissenschaftliche Basis für grundsätzliche Diskussionen über Wert und Unwert, Ideologie und Rationalität von Rekursen auf heilige Texte in unterschiedlichsten, nicht zuletzt auch gesellschaftlichen und politischen Fragen.
Die Bibel und ihre Auslegung haben nun nicht nur eine Religion, sondern einen ganzen Kulturkreis geprägt. Das Novum Testamentum Patristicum stellt deshalb ein wertvolles Referenzmittel für alle Disziplinen dar, die sich mit diesem Kulturkreis befassen, wie etwa die historische Literaturwissenschaft, die Kunstgeschichte oder die Mediävistik. Insbesondere seitdem rezeptions- und wirkungsgeschichtliche Theorien in das Selbstverständnis der Kulturwissenschaften Eingang gefunden haben, muss ein Werk als Desiderat erscheinen, das umfassend das „Webmuster“ – so nennt Henri de Lubac die patristische Schriftauslegung – der christlichen und das heißt weitgehend der europäischen Literatur und Kunst erschließt.(3) Gerade in einer Situation, in der verstärkt nach der Identität Europas und wieder neu nach dem Anteil von Christentum und Antike an dieser Identität gefragt wird, kann das NTP einen wertvollen Beitrag zu fundierten Reflexionen über die antiken und christlichen Wurzeln des europäischen Kulturraumes leisten.
[1] Vgl. z.B. schon J. Gnilka, „Die Wirkungsgeschichte als Zugang zum Verständnis der Bibel“, in: Münchener Theologische Zeitschrift 40 (1989) 51-62; Ch. Dohmen, „Rezeptionsforschung und Glaubensgeschichte. Anstöße für eine neue Annäherung von Exegese und Systematischer Theologie“, in: Trierer Theologische Zeitschrift 96 (1987) 123-134.
[2] Ein Paradebeispiel ist der Evangelisch-Katholische Kommentar zum Neuen Testament (EKK).
[3]
Vgl. H. De
Lubac,
Exégèse médiévale. Les quatre sens de
l'Écriture 1/1, Paris 1959, 17.