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Allgemeine Informationen zum Fach Wissenschaftsgeschichte

   
 

Allgemeines

Von Methode und Fragestellung her ein historisches Fach, untersucht die Wissenschaftsgeschichte (engl. history of science) die wissenschaftliche Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur sowie mit sich selbst als Teil dieser Natur. Sie fragt nach der Besonderheit des wissenschaftlichen Wissens, nach dessen geistigen und geschichtlichen Voraussetzungen sowie nach den technisch-industriellen und gesellschaftlichen Auswirkungen von Wissenschaft. Der Gegenstand der Wissenschaftsgeschichte betrifft damit einen Kernbereich europäischer Identität und Rationalität. Die Anfänge liegen in der Antike, und auch die moderne Wissens- oder Wissenschaftsgesellschaft steht in dieser Tradition. In der Wissenschaftsgeschichte geht es um die Ideen und Theorien, die Praktiken und Methoden sowie um das materielle Erbe der Wissenschaften. Ihr Gegenstand ist aber auch die Wissenschaft als gesellschaftliche Institution und kulturelle Praxis. Indem die Wissenschaftsgeschichte die Wissensproduktion wie auch das Wissen selbst konsequent als historisch begreift, vertieft sie das Verständnis für die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung von Naturwissenschaft und wissenschaftsbasierter Technik. Da sie den Blick für Voraussetzungen und Konsequenzen von Wissenschaft schärft, versteht sich die Wissenschaftsgeschichte zugleich als kritische Reflexionsinstanz der modernen Wissensgesellschaft. Wissenschaftsgeschichte liefert darüber hinaus empirisches Material für wissenschaftstheoretische und wissenschaftssoziologische Fragestellungen; bei der didaktischen Vermittlung naturwissenschaftlicher Kenntnisse (Lehramtsstudiengänge) kann sie wertvolle Dienste leisten. Angesichts der bestehenden Kommunikationsdefizite zwischen den naturwissenschaftlich-technischen und geisteswissenschaftlichen Eliten bietet die Wissenschaftsgeschichte eine einzigartige Plattform für eine historisch informierte Auseinandersetzung über Wissenschaft, auf der ganz unterschiedliche Fachkulturen einander begegnen können.

 

Entwicklung und Vertretung des Faches

Die Wissenschaftsgeschichte ist ein 'junges' Fach. Entstanden als Disziplingeschichte innerhalb der naturwissenschaftlichen Fächer, sind inzwischen die Beziehungen zur allgemeinen Geschichtswissenschaft, zu den Kulturwissenschaften und zur Wissenschaftsforschung stärker ausgeprägt. Anders als die Medizingeschichte, die curricular fest in nahezu alle Medizinischen Fakultäten eingebunden und entsprechend breit institutionalisiert ist, und anders auch als die Technikgeschichte, die üblicherweise in die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte eingebunden ist, ist die Geschichte der Naturwissenschaften an deutschen Hochschulen - im Gegensatz zur Situation in den USA, Großbritannien oder Italien - selten vertreten und jeweils unterschiedlich institutionalisiert.

Das erste Ordinariat Deutschlands wurde 1946 in Frankfurt eingerichtet; in den 1960er Jahren kamen Institute bzw. Lehrstühle in Hamburg, München, Tübingen, Stuttgart, Mainz und Berlin hinzu. Zur Zeit [2007] ist die Geschichte der Naturwissenschaften in der Bundesrepublik planmäßig mit 9 C4-/W3- und 9 C3-/W2-Professuren vertreten, in der Regel jedoch nur mit jeweils einer einzigen Professur pro Hochschule. Ein eigenes Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte wurde 1994 in Berlin eingerichtet.

Eigene Studiengänge gibt es an den deutschen Universitäten in Berlin (TU), Hamburg, Jena, München (LMU), Stuttgart und Regensburg; Master-Studiengänge bieten seit 2005/06 bisher nur die Universitäten Bielefeld ("History, Philosophy, and Sociology of Science - HPSS"), Braunschweig ("Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt") und Regensburg an.

Wissenschaftsgeschichte in Bayern

Eigene Professuren für Wissenschaftsgeschichte gibt es in Bayern zu Zeit nur in Regensburg (1 C4), das damit auch bundesweit zu den wenigen Universitäten gehört, wo das Fach Wissenschaftsgeschichte mit Studiengang, Lehrstuhl und Assistentenstelle vertreten ist. Die schmale personelle und sachliche Ausstattung verhindert zwar eine weitergehende Differenzierung, wie sie vom Gegenstand her erforderlich wäre, entspricht aber dem Ausbaugrad des Faches an den meisten anderen Universitäten. Wie sich das Fach in Folge der Neuordnung der Studiengänge durch den 'Bologna-Prozeß' darstellen wird, ist derzeit noch nicht abzusehen.

Wissenschaftsgeschichte in Regensburg

Das in Regensburg 'Allgemeine Wissenschaftsgeschichte' genannte Fach gehört hier zu den 'Kleinen Fächern' der in sich heterogenen Philosophischen Fakultät I. Das Fach ist dem Institut für Philosophie zugeordnet; da sich die Wissenschaftsgeschichte aber von Arbeits- und Ausbildungsprofil her von der Philosophie unterscheidet, ist das Fach faktisch selbständig. Die Professur wurde 1972 eingerichtet; der erste Lehrstuhlinhaber, Prof. Dr. Imre Toth, hatte vor allem die Geschichte der Mathematik, mit Schwerpunkt Antike, vertreten. Seit dieser Zeit wird von der Universitätsbibliothek die einschlägige Literatur systematisch gesammelt; der Bestand an Primärquellen ist gut, der an Sekundärliteratur und Fachzeitschriften sehr gut.

Gegenwärtige Forschungsschwerpunkte sind: Wissenschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit (Naturphilosophie, Materielehre, Methodologie); Chemiegeschichte des 18. bis 19. Jahrhunderts (Disziplingeschichte, Kommunikation); Geschichte instrumenteller Innovationen zwischen Physik und Chemie; Materielle Kultur der Wissenschaften (Instrumenten- und Sammlungsgeschichte); Geschichte der Physik und technischen Akustik; Theorie und Beobachtung in der babylonischen Astronomie.

In der Lehre ist eine disziplin- oder epochenspezifische Differenzierung weder wünschenswert noch aus Kapazitätsgründen möglich; vielmehr wird eine integrative Betrachtungsweise angestrebt, die - eher struktur- als ereignisgeschichtlich - auf die allgemeinhistorischen Voraussetzungen, die grundlegenden Konzepte/Methoden und die gesellschaftlichen Folgen der Naturwissenschaft zielt. In dieser Hinsicht ist die Wissenschaftsgeschichte in Regensburg als Angebotsfach für die gesamte Universität konzipiert. Indem das Fach historisches Wissen über Naturwissenschaft für Studierende ganz unterschiedlicher Fachrichtungen bereitstellt, bietet es innerhalb der Universität eine Plattform für eine historisch fundierte Reflexion über Wissenschaft, auf der die unterschiedlichen Wissenskulturen einander begegnen können. Die geringe Studentenzahl erleichtert den persönlichen Kontakt mit den Dozenten. Da die Wissenschaftsgeschichte Studierende ganz unterschiedlicher Disziplinen zusammenführt, ist eine individuelle und mit den Dozenten abgesprochene Studienplanung unabdingbar.

Vom Lehrstuhl betreut wird eine der Universität gehörende Sammlung von etwa 900 historischen naturwissenschaftlichen Instrumenten und Apparaten des 18.-20. Jahrhunderts, deren älteste Stücke auf das Kloster St. Emmeram zurückgehen. Solche Sammlungen sind inzwischen selten geworden; die Regensburger zeichnet sich durch Provenienz und thematische Kohärenz aus. Die wissenschaftliche Betreuung reicht von der Inventarisierung, historischen Erforschung und Aufbereitung in Katalogform bis hin zur Konzeption und Durchführung von Ausstellungen. Diese Arbeit wird in Form von Projektseminaren regelmäßig in das Lehrangebot einbezogen.

 

Lehrangebot

In den Bakkalaureus- sowie den Lehramts-Studiengängen kann Wissenschaftsgeschichte als Nebenfach bzw. als Studieneinheit im Rahmen von EWS und Frei Kombinierbarem Nebenfachs belegt werden. Die Studierenden erhalten damit einen - sowohl in der Schule als auch in ihren jeweiligen Studienrichtungen üblicherweise ausgeklammerten - Zugang zu Wissenschaft als Gegenstand der Erforschung, was sie in die Lage versetzt, aus einer Metaperspektive über Wissenschaft zu reflektieren und interdisziplinär zu kommunizieren.

Der Regensburger Masterstudiengang Wissenschaftsgeschichte (ab WS 2006/07) ist als konsekutiver, forschungsorientierter Studiengang konzipiert. Seine Besonderheit liegt darin, daß er Studierende mit einem ersten Studienabschluß in einem historischen, philosophischen, gesellschafts- oder kulturwissenschaftlichen Fach und solche mit einem naturwissenschaftlichen oder mathematischen Abschluß zusammenführt. Dazu werden in speziellen Basismodulen im ersten Studienjahr die Grundlagen der jeweils anderen Fachrichtung erworben; denn erst diese Doppelqualifikation befähigt zur wissenschaftshistorischen Arbeit. Sie wird in den Lehrveranstaltungen eingeübt und in der gemeinsamen Problemlösung mit Studierenden unterschiedlicher vorausgehender Studienabschlüsse vertieft. Begleitend werden, ebenfalls im ersten Studienjahr, die wissenschaftshistorischen Methoden und Arbeitstechniken, dazu in historiographischer Perspektive die wichtigsten Positionen der modernen Wissenschaftsgeschichtsschreibung vermittelt. Die zentralen Module des Masterstudienganges dienen dem Erwerb der wissenschaftshistorischen Sachkompetenz, organisiert unter den Perspektiven "Naturbegriff und Wissensordnung" sowie "Wissenschaft und Gesellschaft", die als einander komplementär ergänzende Betrachtungsweisen systematisch aufeinander zu beziehen sind. Die integrierende Funktion fällt insbesondere der Vorlesung zu, die als Zyklus über mehrere Semester die Entwicklung der Naturwissenschaften in Europa von der Antike bis ins 20. Jahrhundert behandelt und - unter der leitenden Fragestellung nach dem Verhältnis von Kontinuität und Wandel - zugleich unterschiedliche Epochen aufeinander bezieht. Im Projektseminar läßt sich dieses Wissen z.B. in der Konzeption einer Ausstellungseinheit operationalisieren. In einem individuell zusammenzustellenden Vertiefungsmodul bauen die Studierenden ihre interdisziplinäre Sachkompetenz und Urteilsfähigkeit weiter aus. Das abschließende Forschungsmodul dient der Hinführung auf die Masterarbeit und der Auseinandersetzung mit Ergebnissen der neueren Forschung.

Letzte Änderung: 10.05.2009

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