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1/03

Geheimnis Schönheit

Sie blendet, ist vergänglich und oft unwiderstehlich. Dennoch faszinieren uns auch Menschen, die keinem Ideal entsprechen: Schönheit hat viele Gesichter. 

Von Nicole Jansen

Üppige Locken, riesiger Busen, fassrunder Bauch und feiste Schenkel: Kein Zweifel, sie ist eine Göttin, die Venus von Willendorf. Vor gut 25.000 Jahren schuf ein unbekannter Meister die elf Zentimeter hohe, gesichtslose Kalksteinfigur, die 1908 bei Ausgrabungen in der österreichischen Wachau entdeckt wurde. Ihr Zauber wirkt bis heute - auf Archäologen, aber auch auf Heerscharen von Frauen, die mit ihrem Aussehen hadern. Und angesichts der kleinen Dicken denken: Wenn die als Venus durchgeht, sollte ich vielleicht auch nicht nur Supermodel Heidi Klum oder Latinostar Jennifer Lopez nacheifern. 

Ein ansprechendes Äußeres mit ebenmäßigem Gesicht, durchtrainiertem Körper und optimistischer Ausstrahlung ist ein hoher, nicht selten auch hoch bezahlter Wert im konsumorientierten, werbedominierten 21. Jahrhundert. Schöne Menschen gelten nach der psychologischen Studie Beautycheck (Universität Regensburg) in den Augen der anderen automatisch als erfolgreicher, sympathischer geselliger, intelligenter, aufregender, kreativer und fleißiger als die Mehrheit mit dem Durchschnittsgesicht. 

Aber was genau macht den atemberaubenden Mann, die unwiderstehliche Frau aus? Bei der Definition von Schönheit messen die meisten Menschen mit zweierlei Maß. Zunächst akzeptieren wir das Schönheitsideal, das uns von der Gesellschaft, in Kunst und Medien vermittelt wird. Beispiel Pierce Brosnan alias James Bond: perfekt gescheitelt, leicht gebräuntes Gesicht, große, schlanke Figur und ein Schauspieler-Image als Retter der Welt. Gleiches gilt für die australische Mimin Nicole Kidman. Sie verfügt nicht nur über elfenbeinfarbenen Teint, eine schmale Gesichtsform, volle Lippen und den Körperbau einer Tänzerin, sondern auch über das attraktive Extra einer feuerroten Haarpracht.

Zum anderen entscheidet unsere eigene soziale Prägung darüber, ob uns ein Mensch gefällt oder nicht. Ähnelt die neue Kollegin auch nur entfernt der Mutter oder der Sandkastenliebe, ist sie für einen Mann grundsätzlich interessant. Und wenn der Student in der U-Bahn genauso verschmitzt zu ihr herüberlächelt wie früher der lustige, starke große Bruder, dann hat er schon einen satten Sympathievorschuss bei seiner Mitreisenden.

Kennen lernen ist damit in beiden Fällen ein leichtes Spiel. Denn ob unser Gegenüber uns vertrauenswürdig erscheint oder nicht, entscheidet sich in den ersten 30 Sekunden einer Begegnung. Natürlich kann sich eine interessante Persönlichkeit auch hinter dem Auftreten einer ,,grauen Maus“ verbergen. Doch wenn uns das Äußere nicht in irgendeiner Weise anzieht, dann fehlt der impulsgebende Schlüsselreiz, um die Persönlichkeit hinter der Fassade entdecken zu wollen.

Schönheitsideale aller Kulturen reflektieren bis heute das Streben nach Dingen, die rar sind. Ausgewogene körperliche Proportionen waren in der Antike beileibe nicht so üblich, wie uns Michelangelos David und seine perfekt dimensionierten Marmorkollegen weismachen. Nur Reiche und Adelige konnten ihre Haut in der Renaissance vor Sonnenstrahlen schützen, sodass sie makellos weiß blieb. Das einfache Volk trug murrend gesunde Gesichtsfarbe. Und die dicken Damen des Barock zwangen ihre Üppigkeit in so eng geschnürte Korsetts, dass dramatische Ohnmachten an der Tagesordnung waren.

Bei den äthiopischen Murzi-Nomaden spannen die Frauen traditionell ihre Ohrläppchen um untertassenförmige und ihre Unterlippe bis weit übers Kinn hinaus um tellergroße Platten. Je größer, desto schöner - und schmerzhafter. Japanische Jugendliche rebellieren gegen das angeborene Einheitsschwarz ihrer Haarschöpfe am liebsten mit wasserstoffblond oder kreischbunt gefärbten Frisuren.

Und nach den Hungerjahren des zweiten Weltkriegs waren in der westlichen Hemisphäre pummelige Filmstars die größten Idole. Marilyn Monroe trug Konfektionsgröße 42 - ein Maß, das bei Modebewussten heute gefährlich an der Übergrößengrenze kratzt - und galt dennoch als Schönheitsideal einer ganzen Generation.

Mager oder mollig?

Bis Twiggy kam. Die klapperdünne britische Model-Ikone der 60er Jahre begründete den figürlichen Minimal-Trend, der mehr oder weniger ausgeprägt bis heute anhält: Schlank ist gesellschaftlich gesehen gleichbedeutend mit schön, diszipliniert, erfolgreich. Dagegen bringt ein kräftiger bis übergewichtiger Körperbau gleich den Ruch des disziplin- und maßlosen Verlierers mit sich.

Die Ausnahme dieser Regel bilden Menschen, die sich jede überflüssige Kalorie verkneifen und Qualen leiden, um ihr Wunschgewicht zu halten. Ewiger Verzicht und ständiger Kampf gegen die Pfunde stehen jedem irgendwann ins Gesicht geschrieben — und machen ihn im Wortsinn zu einer unglücklichen Figur. Im Gegensatz dazu stehen selbstbewusste Schwergewichte wie zum Beispiel Talkmasterin Vera Int'Veen, die auf die Formel „Dicksein macht glücklich“ schwören. Abgesehen von Gesundheitsgefährdungen, die mit Über- wie Untergewicht einhergehen, liegt der Königsweg zum persönlichen Wohlbefinden wie immer in der Mitte: Kräftige Frauen und Männer kommen mit Köpfchen und Schönheitsfehlern genauso gut durchs Leben wie Menschen mit Modelmaßen.

Gepflegtes Aussehen und selbstsicheres Auftreten sind auch im Ränkespiel der Macht durchaus hilfreich. Im 20. Jahrhundert bewiesen gleich drei US-Präsidenten, dass Charme, Witz und schöner Schein ebenso erfolgreich wirken wie politische Kompetenz - und alle entsprachen zu einem Mindestmaß dem Schönheitsideal ihrer Zeit. Der smarte John F. Kennedy brachte nach den unruhigen Kriegsjahren eine entschlossene Linie ins Weiße Haus - und natürlich eine hinreißend schöne First Lady samt entzückender Kinder. Der lässige Ronald Reagan schlug Jimmy Carter auch mit dem Image des Machos und Haudegens, das er in über 50 Filmen gezeigt hatte. Bill Clinton schließlich fegte George Bush senior mit seiner Vision von einem modernen, selbstbewussten Amerika aus dem Amt. Ein paar Millionen unentschlossene Wähler ließen sich aber auch von seinem jugendlichen Strahlen und den perfekt sitzenden Anzügen überzeugen. Und spätestens seit dem Prozess um die Behauptung, Bundeskanzler Schröder färbe sein fülliges Haupthaar, ist auch hierzu Lande klar, dass das Äußere von Politikern ein Machtfaktor ist.

Makel sind menschlich 

Hoffnung für alle, die weder wie Brad Pitt noch wie Julia Roberts aussehen, steckt in einer Binsenweisheit: Schönheit ist vergänglich. Oft überdauert ihr Eindruck keine halbe Stunde. In der Studie Beautycheck entwickelten die Psychologen aus 64 Frauengesichtern mittels Morphing am Computer eines, das von nahezu allen Testpersonen als perfekte Schönheit empfunden wurde. Doch weil es so glatt und ausgewogen war, konnte sich kurz nach der Betrachtung niemand mehr an Details der Computerbeauty erinnern. Ihr fehlten die menschlichen Makel, die ein Gesicht oder eine Gestalt einzigartig machen - sei es ein Höcker auf der Nase, ein Muttermal oder abstehende Ohren.*

Von kurzer Dauer: Das am Computer entworfene perfekte Gesicht aus einer Studie hatten die Teilnehmer binnen Minuten vergessen.

Falten, Narben oder dünne Haare können ebenfalls als positive Merkmale gelten, nämlich die eines erfahrungsreichen Lebens. Darum faszinieren Gesichter wie das des 81-jährigen Sir Peter Ustinov, Catherine Deneuve mit über 60 oder auch die 50-jährige Isabella Rossellini selbst weit jenseits der Altersgrenzen, innerhalb derer sich die globale Schönheits-Society bewegt. Leuchtende Augen und herzhaftes Lachen bringen mädchenhafte Anmut auf das Antlitz mancher Greisin zurück oder den entschlossenen Ausdruck aus seinen besten Jahren auf das Gesicht des Großvaters. Wo sich Lebensweisheit, -lust und -erfahrung widerspiegeln, kommt Schönheit wirklich von innen.

Instinkt contra Ideal

Forschungen zufolge kann bis zu 30 Jahre jünger wirken, wer bis ins hohe Alter gesund isst, den Geist durch vielseitige Interessen wie Hobbies, Reisen oder Lernen fit hält und mit seinem Leben zufrieden ist. Wer sich wohlfühlt in seiner Haut, hat Augen und Ohren offen für die Umwelt. Man nimmt andere wichtig und kann über sich selbst lachen: Und somit ist Charisma - nicht nur bei älteren Menschen - offenbar nicht wie wörtlich übersetzt eine „Gnadengabe“, sondern die Mischung aus Selbstvertrauen, der Fähigkeit, den Augenblick zu genießen, und dem Interesse für Menschen und Meinungen.

Bei der Partnerwahl achtet der Single vielleicht noch auf äußerliche Vorlieben wie blondes Haar oder breite Schultern. Im Wesentlichen werden aber auch hoch Zivilisierte mehr vom Instinkt als von aktuellen Schönheitsidealen geleitet. Der Mann, den die erfolgreiche Singlefrau zur Familiengründung sucht, hat bessere Chancen mit einem (ansatzweise) breiten Kreuz und einer (annähernden) Körpergröße von etwa 1,80 Meter. Umgekehrt wird der Großstadtnomade eher bei einer Frau sesshaft, die irgendwo über Fruchtbarkeit verheißende Rundungen verfügt. So gesehen gibt es auch nach 25.000 Jahren keinen Zweifel: Die Venus von Willendorf ist eine Schönheitsgöttin.

www.beautycheck.de
 


* Anmerkung zum Absatz "Makel sind menschlich":

Die Autorin des Artikels schreibt:

"Hoffnung für alle, die weder wie Brad Pitt noch wie Julia Roberts aussehen, steckt in einer Binsenweisheit: Schönheit ist vergänglich. Oft überdauert ihr Eindruck keine halbe Stunde. In der Studie Beautycheck entwickelten die Psychologen aus 64 Frauengesichtern mittels Morphing am Computer eines, das von nahezu allen Testpersonen als perfekte Schönheit empfunden wurde. Doch weil es so glatt und ausgewogen war, konnte sich kurz nach der Betrachtung niemand mehr an Details der Computerbeauty erinnern. Ihr fehlten die menschlichen Makel, die ein Gesicht oder eine Gestalt einzigartig machen - sei es ein Höcker auf der Nase, ein Muttermal oder abstehende Ohren."


Hierzu wird richtig gestellt: In unserer Studie gab es überhaupt kein Experiment, beim dem getestet wurde, wie gut sich Versuchspersonen an unterschiedliche attraktive Gesichter erinnern können. Das von uns angeblich durchgeführte Experiment, dessen Ergebnisse und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen wurden von der Autorin frei erfunden. 
 
 

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Last modified: 2003-06-26, Webmaster