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Berliner Zeitung
27.12.2001

Schönheit wirkt wie eine Droge

Das künstlich komponierte Gesicht aus dem Computer gefällt Frauen und Männern besser als natürlicher Liebreiz

von Wiebke Rögener

Paris hatte keinen Zweifel, wem der Apfel gebührte, der "der Schönsten" zugedacht war - hatte Aphrodite als "Miss Antike" ihm doch die Liebe der schönen Helena versprochen. Was solch unwiderstehlichen Liebreiz aber ausmacht, darüber streiten die Ästheten seit Menschengedenken. Später mischten sich Verhaltensforscher in die Debatte ein, seit Jahren auch die Neurowissenschaftler. Sie suchen zu ergründen, warum wir bestimmte Gesichter attraktiv finden und was beim Anblick schöner Antlitze im Gehirn passiert. 

Die Forscher förderten unterschiedliche Erkenntnisse zu Tage. Mal soll es die Symmetrie eines Gesichtes sein, die ansprechend erscheint und auf gute Gesundheit schließen lässt, mal wurden aus zahlreichen Bildern zusammengesetzte Durchschnittsgesichter oder eher kindliche Proportionen besonders positiv beurteilt. 

Diesen Widersprüchen gingen die Regensburger Psychologen Christoph Braun, Martin Gründl und Claus Marberger sowie der Rostocker Biologe Christoph Scherber nun mit Hilfe eines Computerprogramms nach. Sie verwendeten das Programm "Morpher 3.0", mit dem sich aus Fotos realer Personen beliebige Mixturen herstellen lassen. Die Software verändert die Form der Gesichter, ohne dass die Manipulation dem Betrachter auffällt. Denn Unstimmigkeiten in älteren Untersuchungen rühren daher, so mutmaßen die Jungforscher, dass die Kunstgesichter nicht recht lebensecht aussahen. So beseitigen herkömmliche Methoden bei der Mischung mehrerer Gesichter auch Hautunreinheiten - und verfälschen so möglicherweise das Urteil. 

Mit der neuen Technik wurde nun eifrig gemixt. Anschließend sollten fünfhundert, repräsentativ für die Gesamtbevölkerung ausgewählte Versuchspersonen bewerten, wie ihnen das Ergebnis gefiel - natürliche Gesichter und solche, die aus bis zu 64 Konterfeis komponiert waren. Das Ergebnis war eindeutig: Computerkunst schlägt die Natur um Längen. Von den 16 Gesichtern, die am meisten Punkte machten, gehörten nur zwei realen Personen - in beiden Fällen handelte es sich um Männer. Die 14 übrigen Gesichter waren am Rechner aus mehreren Fotos zusammengefügt worden. Je mehr Fotos für die Komposition verwendet wurden, desto besser war die Platzierung. 

Das scheint die These von der überlegenen Schönheit des Durchschnitts zu stützen. Doch nicht nur die Anzahl der vermengten Gesichter verbesserte die Beurteilung. Ein Mix aus Gesichtern, die auch einzeln als besonders schön bewertet worden waren, schnitt in der virtuellen Schönheitskonkurrenz deutlich besser ab als eine Synthese durchschnittlicher oder unattraktiver Gesichter. 

Noch einmal steigern ließ sich die Bewertung, wenn zusätzlich die Proportionen des weiblichen Kunstkopfes in Richtung auf das "Kindchenschema" verändert wurden: Hohe Stirn und Kulleraugen brachten zusätzliche Punkte. Aber auch bestimmte Erwachsenen-Merkmale, etwa hohe, ausgeprägte Wangenknochen, wurden positiv beurteilt. Aus den Theorien von Evolutionsbiologen lassen sich Argumente für beides ableiten. Einerseits seien sehr junge Frauen bevorzugte Partnerinnen, da sie noch viele Kinder zur Welt bringen könnten, lautet eine bekannte Theorie. Andererseits weisen Evolutionsbiologen darauf hin, dass Merkmale erwachsener Gesichter Geschlechtsreife und Gebärfähigkeit signalisieren. 

Am besten von allen Gesichtern schnitt schließlich ein Antlitz ab, das aus den Merkmalen mehrerer schöner Frauen aus Fleisch und Blut gemittelt worden war. Es handelte sich um die Züge einer erwachsenen Frau mit den Gesichtsproportionen einer Vierzehnjährigen. Dieses Kunstprodukt gefiel nicht nur der Laien-Jury besser als die Bilder real existierender Models, die ebenfalls zur Auswahl gestanden hatten. Auch Mitarbeiter einer Modelagentur, die um ihr fachkundiges Urteil gebeten worden waren, wählten in diesem Test fast ausschließlich Computergesichter für eine potenzielle Catwalk-Karriere. Dagegen wurden mehr als siebzig Prozent der real existierenden Gesichter als "unattraktiv" bezeichnet. Nur konsequent also, dass die Regensburger Forscher ihre Studie im Internet mit dem Konterfei einer Barbie-Puppe zieren. 

Kein Wunder, dass auch lebendige Schöne längst nicht mehr allein auf ihre natürlichen Reize vertrauen, sondern bei jedem veröffentlichten Foto die Künste der Bildbearbeitung spielen lassen. "Bei so viel perfektionierter Schönheit erstaunt es nicht, dass viele Menschen von ihrem eigenen Aussehen oder von dem ihrer Partner frustriert sind", bemerken die Regensburger Psychologen. Das von Medien und Werbung produzierte unerreichbar makellose Idealbild dürfte wohl auch ein wesentlicher Grund für die ständig steigende Zahl von Schönheitsoperationen sein. 

Schließlich ist Schönheit nicht nur Ansichtssache, sondern hat erhebliche soziale Folgen. Sie sei "ein offener Empfehlungsbrief, der die Herzen im voraus für uns gewinnt", stellte der Philosoph Arthur Schopenhauer fest, und die Forschung gibt ihm heute Recht: Schön sein lohnt sich. Denn hinter einem schönen Gesicht vermuteten die Teilnehmer der Regensburger Studie auch besonders sympathische, intelligente, kreative und fleißige Menschen. 
 
 


UNIVERSITÄT REGENSBURG/CHRISTOPH BRAUN (4)
Was ist schön? Was ist hässlich? Als "sehr unattraktiv" bewerteten die Teilnehmer einer repräsentativen Befragung die Gesichter in der linken Spalte; als "sehr attraktiv" empfanden sie die Konterfeis rechts daneben. Es handelt sich um Kunstgesichter - sie wurden per Computer aus "echten" Gesichtern zusammengemischt.

Was bei solchen Wertungen im Kopf der Befragten vorgeht, untersuchte ein Team um den Neurowissenschaftler Itzhak Ahrens von der Harvard Medical School in Boston. Die Forscher baten junge heterosexuelle Männer, die Schönheit mehrerer männlicher und weiblicher Gesichter zu beurteilen. 

In einem zweiten Experiment konnten die Versuchspersonen durch wiederholtes Betätigen zweier Tasten beeinflussen, wie lange sie welche Gesichter betrachten durften. Gleichzeitig wurde gemessen, welche Bereiche ihres Gehirns während dieser Versuche besonders aktiv waren. Es zeigte sich: Männliche wie weibliche Gesichter wurden gleich oft als schön oder hässlich bewertet. Doch nur bei schönen Frauengesichtern machten die befragten Männer sich die Mühe, auf die Tasten zu drücken, um sie länger anzuschauen. 

Auch bei den Bildern aus dem Gehirn wurde dieser Unterschied deutlich. Mehrere Hirnregionen waren immer dann aktiv, wenn ein Gesicht, gleich welchen Geschlechts, als besonders schön eingestuft wurde. Ein bestimmtes Gehirnareal im "Nucleus accumbens" aber reagierte besonders intensiv auf schöne Frauengesichter - vor allem, wenn sie im Wechsel mit normalen Gesichtern gezeigt wurden. 

Hirnforschern ist diese Region nicht fremd. Sie gehört zu einem "Belohnungssystem", von dem bisher bekannt war, dass es beispielsweise auf Drogen oder auf das Angebot finanzieller Anreize reagiert. Zwar sei es kaum erstaunlich, dass junge Männer gern attraktive Frauen betrachten, kommentieren die Neurowissenschaftler. Dass jedoch der Anblick schöner weiblicher Gesichter eine Belohnung an sich für Männer sei - so wie Geld oder Kokain - sei jedoch ein überraschender Befund. Ob sich in Frauenköpfen Ähnliches abspielt beim Anblick schöner Männer - darüber schweigt die Forschung noch. 

Neuron, Bd. 32, S. 537 

Die Studie "Beautycheck" im Internet: 
www.beautycheck.de/ 
 
 

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