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Lea Nr. 12, 09.03.2002 Die Magie der Schönheit Warum wir um jeden Preis anderen gefallen wollen "Schönheit ist Wahrheit, Wahrheit ist Schönheit", sagte der Dichter John Keats (1795-1821). "Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet", meint Christian Morgenstern (1871-1914). Wenn es so wäre, wären wir doch alle schön. Dann gäbe es nur Prinzen und keine Frösche. Doch tatsächlich gibt es immer Menschen, die besonders attraktiv auf andere wirken. Und die es deshalb im Leben einfacher haben: Sie finden leichter einen Job, verdienen mehr, sorgen für höheren Umsatz, machen schneller Karriere. Schöne Menschen kommen einfach an - beim Chef, bei den Kollegen, beim anderen Geschlecht. Aber wie muss man aussehen, um andere für sich einzunehmen? In der Attraktivitätsforschung gibt es die Theorie, dass Frauen dann besonders attraktiv sind, wenn ihr Gesicht kindchenhaft wirkt, also wie das eines kleinen Kindes. Und dazu gehören: ein großer Kopf, eine dominante, gewölbte Stirn, große Augen, eine kurze Nase, runde Wangen, ein kleines Kinn. Der Prototyp dieser Kindfrau: Brigitte Bardot. "Schönheit", sagt Don Symons, Anthropologe an der Universität
von Kalifornien in Santa Barbara", ist keine Laune der Natur. Sie hat Bedeutung,
ist funktional." Glatte Haut, große Augen, eine kurvenreiche Figur
seien verlässliche Hinweise auf Jugend, Gesundheit und Fruchtbarkeit.
Die These ist nicht unumstritten. Andere Studien ergaben, dass erst so
genannte Reifekennzeichen ein Frauengesicht attraktiv machen. Das sind
hohe ausgeprägte Wagenknochen und konkave (nach innen gewölbte)
Wangen - wie sie z.B. Kate Moss hat. Eine Studie der Uni Regensburg (siehe
Kasten "Traumfrau") bestätigt: Die meisten Befragten gaben "gemorphten"
Gesichtern den Vorzug, in denen der reifen "Original"-Frau, ein "Kindchen"-Anteil
von zehn bis 50 Prozent beigemischt wurde: "Die Frauen, die bei diesem
Experiment am attraktivsten beurteilt wurden, gibt es in der Realität
gar nicht."
"Was schön klingt, spottet aller Grammatik, was schön ist,
aller Ästhetik"
Aber für Schönheit gibt es kein Maß, das für alle Zeiten und überall gültig ist. Unsere Programmierung kann von allen möglichen Erwartungen geändert werden. Vor allem von den kulturellen. Eine schöne Frau ist für die Pradong (Thailand) z.B. etwas ganz anderes als für die Matsigenka-lndianer in Peru. Sie kann superschlanke Lolita oder üppige Verführerin, verspieltes Mädchen oder vornehme Lady sein. Schönheit ist immer wieder anders. Aber sie bleibt ein Thema. Wir wollen anderen gefallen, um jeden Preis. Deshalb halfen bereits die alten Ägypter der Natur mit Farbe auf die Sprünge. Schon Königin Kleopatra benutzte einen Eyeliner aus zerriebenen Mineralien. Und der Adel des 18. Jahrhunderts rieb sich weißen Puder auf die Wangen, obwohl so mancher am darin enthaltenen Blei starb. Heute kostet Schönheit nicht mehr das Leben, aber doch ganz schön viel: 2,56 Milliarden Euro gaben die Deutschen 2001 für Duftwässer, Make-up und Körperpflegeprodukte aus. Der Umsatz stieg um 3,5 Prozent, jubelt der Bundesverband Parfümerien. Und fügt stolz hinzu, dass auch in den angeschlossenen Kosmetik-Studios um 12 Prozent mehr umgesetzt wurde. Doch irgendwann reicht der "Anstrich" nicht mehr, da helfen nur noch umfangreiche "Renovierungsarbeiten". Weil: Auch wenn der Geist willig ist, alles für ein jugendlich-straffes Aussehen zu tun - das Fleisch auf unseren Knochen ist schwach. Es unterliegt der Schwerkraft - leider. Im Alter schwächeln vor allem jene Substanzen, die der Haut Elastizität verleihen - Elastin und Kollagen. "Unter dem Mikroskop sieht Kollagen so ähnlich aus wie ein Strickpullover", erklärte Dr. Linton Whitaker, Vorstand der Abteilung für plastische Chirurgie am Medizinischen Zentrum der Uni von Pennsylvania, der Zeitschrift "National Geographic". "Wenn er 10.000-mal getragen und gedehnt wird, sieht er aus wie ein Sack. Wird das Netz von Kollagen und Elastin brüchig, verliert die Haut Elastizität." Immer weniger Menschen wollen tatenlos zusehen, wie aus rosigen Wangen Hängebäckchen werden. Altern ist out, Körperoptimierung in. "Früher hat man die Erfahrung und Würde des Alters geachtet", so Edgar Biemer, Professor für Plastische Chirurgie am Münchner Klinikum rechts der Isar. "Heute ist es oft im Weg. Falten und hängende Lider werden in manchen Berufen schon als Zumutung empfunden." Und so greift man zur einzig wirksamen Waffe, dem Skalpell des Chirurgen.
Schönheit sorgt für Quote: "Die Beauty Klinik" (RTL II, So., 20:15 Uhr) zeigt den Alltag im Schönheits-OP. Dort legen sich pro Jahr ca. 350.000 Deutsche unters Messer. Optische Nachhilfe ist längst nicht mehr ein Privileg der Stars. 350.000 Deutsche ließen sich 2000 nach einer Forsa-Umfrage durch plastische Chirurgie verschönern. Laut Statistik der deutschen Plastischen Chirurgen waren die am häufigsten korrigierten Körperteile die weibliche Brust (40%), Oberschenkel und Bauch (je 20%) und der Po (10%). Gutes Aussehen wird auch für Männer immer wichtiger - sie stellen heute bereits 20% der Patienten. Tendenz steigend. Sie lassen vor allem Fett absaugen, Lider und Nase korrigieren sowie Falten unterspritzen. Nahezu jedes Körperteil kommt inzwischen auf den Operationstisch oder unter den Laserstrahl. Und die, die das Körper-Tuning fordern, werden immer jünger. "Zu mir kommen Jugendliche, die wollen aussehen wie Britney Spears oder Pamela Anderson", sagt Professor Werner Mang, Gründungspräsident der Deutschen Gesellschaft für ästhetische Chirurgie in Lindau am Bodensee. 53% der 13-Jährigen und 78% der 18-Jährigen sind mit ihrem Körper nicht zufrieden. Das einzige, was viele von einer Operation abhält: Ihnen fehlt das Geld und - die Zustimmung der Eltern. Aber: Schönheitsoperationen können das Selbstbild und das Selbstvertrauen verbessern, doch sie "retten weder eine ruinierte Ehe, noch verhelfen sie zur Karriere", warnt Wolfgang Gubisch, Experte des Online-Dienstes "Deutsches Gesundheitsnetz". Und: Seit den 80er Jahren hat sich der Anteil missratener Eingriffe verzehnfacht. Unter den Fällen, die die Kölner Anwaltskanzlei Meinecke & Meinecke vor Gericht vertrat, sind Laserpatienten mit vernarbten Gesichtern, erblindete Klienten, ein Komapatient nach Fettabsaugen, verstümmelte Brüste, zernarbte Bauchdecken. "Man sagt fast jeder Frau etwas Hübsches, wenn man eine andere
Frau kritisiert"
Schönheit kann krank machen - und sogar tödlich sein - aber
sie ist auch ein grenzenloses Vergnügen - mit therapeutischer Wirkung.
Eine gut gepolsterte Liege in einem Kosmetiksalon, eine Abreibung mit kostbaren
Ölen. Eine entspannende Gesichtsmaske, ein neues Make-up, perfekt
manikürte Nägel. Und das Wissen - "ich fühle mich toll und
ich sehe umwerfend aus". Sich verwöhnen und schön fühlen
kann verdammt viel Spaß machen.
"Schönheit" bedeutet überall und zu allen
Zeiten etwas ganz anders
Last modified: 2003-06-09, Webmaster |