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PSYCHOLOGIE HEUTE Juni 2002 Attraktivität: Durchschnitt plus das gewisse Extra Warum künstliche Gesichter attraktiver wirken als natürliche Besuchte Jennifer Lopez einen Babyhort, so würden ihr vermutlich die lieben Kleinen lang und tief in die schönen Augen schauen. Denn bereits Säuglinge legen einen Sinn für schöne Gesichter an den Tag und betrachten attraktive Gesichter länger als unattraktive. Das trifft natürlich erst recht auf die Großen zu. „Untersuchungen bei Erwachsenen zeigen,“ so der Wissenschaftler Howard Bloom, „dass wir um diejenigen herumschwänzeln, die wir schön finden, dass wir uns um sie gruppieren, ihre Intelligenz überschätzen und begierig sind, ihre Freunde zu werden.“ Wie die Motten vom Licht werden wir von Schönen angezogen. Was aber macht ein Gesicht attraktiv? Claus Marberger, Martin Gründl, Christoph Braun und Christoph Scherber wollten es genau wissen. Die Psychologiestudenten der Universität Regensburg fotografierten 64 Frauen- und 32 Männergesichter im Alter zwischen 17 und 29 Jahren, darunter acht Models. Mit einem speziellen Computerprogramm erzeugten sie aus unterschiedlich vielen Originalgesichtern künstliche, jedoch echt aussehende Gesichter. Versuchspersonen beurteilten dann die Attraktivität natürlicher und errechneter, sogenannter „gemorphter“ Gesichter. Das Urteil der Laienjuroren fiel eindeutig aus: Die „gemorphten“ Gesichter wurden als erheblich attraktiver eingestuft. Ähnlich urteilten Profis: Von den 16 Gesichtern, die eine Modelagentur für die Kategorie Beauty auswählte, waren 14 gemorpht. Vernichtend dagegen das Urteil über die natürlichen Gesichter: 70 Prozent der Frauen- und 79 Prozent der Männergesichter erhielten die Note unattraktiv, nur drei Prozent schafften die Schwelle zur Attraktivität.
"Gemorphtes" Gesicht: Zu schön, um wahr zu sein Gemorphte Gesichter gewannen an Attraktivität, je mehr Originalgesichter in ihnen enthalten waren. Am anziehendsten waren allerdings Durchschnittsgesichter, die aus schönen Originalgesichtern zusammengesetzt waren. Dieses Ergebnis bestätigt die Hypothese, wonach solche Gesichter attraktiv sind, die dem Durchschnitt entsprechen. Demnach ist das Schönheitsideal Durchschnitt plus etwas Besonderes. Interessanterweise ist schon Immanuel Kant zum selben Schluss gekommen: „Das Mittelmaß scheint das Grundmaß und die Basis der Schönheit, aber noch lange nicht die Schönheit selbst zu sein, weil zu dieser etwas Charakteristisches erfordert wird.“ Aber was ist dieses Charakteristische? Symmetrie ist kein entscheidendes Schönheitskriterium für Gesichter, fanden die Studenten. Sie spielt zwar eine Rolle, jedoch nicht so stark wie vielfach angenommen. Gesichter, die sehr asymmetrisch sind, wirken eher unattraktiv, aber unattraktive Gesichter sind deshalb noch lange nicht unbedingt asymmetrisch. Umgekehrt zeigte sich: Sehr symmetrische Gesichter müssen nicht automatisch attraktiv sein und sehr attraktive Gesichter zeigen durchaus Abweichungen von der Symmetrie. Nicht die Symmetrie, sondern das Kindchenschema beeindruckt die Betrachter, wie die Regensburger Studenten nachwiesen. Männer und Frauen (!) fanden ein gemorphtes Frauengesicht am schönsten, dass die Proportionen einer Vierzehnjährigen besaß. Die meisten Versuchspersonen fanden Frauengesichter mit einer zehn- bis fünfzigprozentigen Verzerrung zum Babyface sexy, nur wenige favorisierten reife Originalfrauen. Die Regensburger Forscher, die für ihre Arbeit den zweiten Preis der Deutschen Studienpreise erhielten, fanden auch ein gängiges Attraktivitätsstereotyp erneut bestätigt: Wer schön ist, wird automatisch auch als erfolgreicher, zufriedener, sympathischer, intelligenter, geselliger, aufregender, kreativer oder fleißiger eingeschätzt. Peter Düweke
Ausführliche Informationen zur Studie im Internet:
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