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Sciencegarden
Februar 2002

Zu schön, um wahr zu sein

Nach der Lektüre dieses Beitrags werden Sie mit anderen Augen durch die Welt gehen. Sie werden sich nicht mehr so leicht verführen lassen. Zumindest nicht so leicht, wie 500 zufällig ausgewählte Versuchspersonen.

Wunderschöne Augen. Ein Blick, der mehr sagt als tausend Worte. Samtweiche Lippen. Jeder hat da seinen eigenen Geschmack. Oder etwa nicht?

Wenn Sie das nächste Mal zum Einkaufen gehen, achten Sie doch einmal darauf, ob Sie die Dame an der Kasse hübsch finden. Eher vielleicht die junge Putzfrau, die so freundlich lächelt. Finden Sie sie attraktiv?

Und nun stellen Sie sich vor, Sie bekämen nur Fotos dieser beiden Frauen zu sehen. Fotografiert ohne das nette Lächeln, vor einem weißen Hintergrund. Welche der beiden Frauen ist intelligenter? Das Ergebnis wird Sie überraschen: Die junge Putzfrau wird besser abschneiden. Denn eine Frau, die hübscher aussieht, werden Sie höchstwahrscheinlich auch für intelligenter halten. Ob Sie wollen oder nicht.

Ein weiteres Experiment: Sie fotografierten über mehrere Wochen hinweg immer wieder Leute, die in den Supermarkt gehen. Immer nur das Gesicht, vor einem weißen Hintergrund, ungeschminkt und ohne Lächeln. Und dann sehen Sie sich die Bilder einmal durch. Sie werden entsetzt sein! Die meisten Leute auf den Fotos werden Ihnen überhaupt nicht gefallen.

Aber es kommt noch besser: Jetzt bringen Sie die Fotos zum Entwickeln in ein professionelles Fotolabor, und die Mitarbeiter retuschieren einige der Bilder nach ganz bestimmten Prinzipien nach. Und zwar so gut, dass es Ihnen nicht auffallen würde. Vermutlich finden Sie nun jene Gesichter am attraktivsten, die künstlich verändert worden sind.

Wollte man diesen Befund wissenschaftlich exakt überprüfen, so müsste man natürlich ganz anders vorgehen. Man müsste wiederholbare, standardisierte Experimente durchführen, und auch ein Supermarkt wäre wohl als Untersuchungsobjekt denkbar ungünstig. Besser geht das schon an Universitäten - an den meisten Unis gibt es über 10.000 Studentinnen und Studenten. Da finden sich immer genug ahnungslose Opfer.

Das haben sich auch Christoph Braun, Martin Gründl, Claus Marberger und Christoph Scherber gedacht. In einer auch im Internet vorgestellten Studie namens "Beautycheck" (www.beautycheck.de) haben sie ihren Mitbürgern in punkto Attraktivität auf den Zahn gefühlt. Sie fotografierten 100 Gesichter von Studentinnen und Studenten, bearbeiteten sie zum Teil im Computer nach und zeigten das Ergebnis dann 500 zufällig ausgewählten Versuchspersonen.

Gesichter aus dem Computer
 

Diesen Traum-Mann gibt es gar nicht: Er wurde durch Bildverschmelzung am Computer erzeugt. Ebenso existiert diese bildhübsche Frau nur virtuell.

Das Ergebnis ist eine fast 100 Seiten starke Arbeit, die die Autoren anlässlich des Wettbewerbs "Deutscher Studienpreis" angefertigt haben. Sie deckt schonungslos auf, wie einfach wir Menschen gestrickt sind, wenn es darum geht, die Attraktivität unserer Mitmenschen einzuschätzen. Nicht nur, dass Menschen mit einem attraktiven Gesicht auch für intelligenter, ehrlicher und geselliger gehalten werden - nein, auch dass wir alle verrückt nach künstlichen Gesichtern sind.

Tatsächlich: Diejenigen Gesichter, welche die vier Preisträger künstlich am Computer durch Verschmelzen mehrerer Ausgangsgesichter erzeugt hatten, wurden durchweg für besonders attraktiv gehalten. Da hat man als "normaler" Mensch gar keine Chance mehr. Selbst Mitarbeiter einer Model-Agentur fielen bei einem Test auf die Kunstgesichter herein: Auf die Frage, welche Frauen sie zu einem Vorstellungsgespräch einladen würden, wählten sie vor allem die im Computer erzeugten Gesichter aus.

Was sich bisher wie eine unterhaltsame Geschichte liest, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als entlarvende Studie über die Denk- und Wahrnehmungsmuster in unserer verwöhnten Schönheitsgesellschaft: Schönheit siegt, auf allen Ebenen. Vom Politiker-Wahlkampf bis zum Vorstellungsgespräch. Und was noch viel schlimmer ist: Wir alle scheinen auf künstlich nachbearbeitete Gesichter so zu reagieren, als ob es sich um real existierende handeln würde.

Mit fatalen Konsequenzen: Wir finden die Dame auf dem Titelblatt einer Illustrierten atemberaubend schön - und suchen insgeheim auch in unserer alltäglichen Umgebung nach einem solchen "Idealgesicht". Dass es dieses niemals wirklich geben kann, diese Erkenntnis dämmert einem erst, wenn man sich der Tricks moderner Bildbearbeitung bewusst ist. Wir sind, wie so oft, Opfer unserer eigenen Wahrnehmung.

Viele Entwicklungen - gerade auch in der kosmetischen Chirurgie und in der Gentechnologie - deuten darauf hin, dass wir nicht nur in unseren Gedanken, sondern auch in unseren Taten auf dem Weg zum "perfekten Menschen" sind. Wer "nur" normal ist, hat es schwer. Die Ausgrenzung sozialer Gruppen aufgrund ihres Aussehens ist indes einer der fatalsten Irrtümer der Menschheit. Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte sein, dass man die Öffentlichkeit und insbesondere die Entscheidungsträger in unserer Gesellschaft über die weitreichenden Auswirkungen informiert, die Attraktivität auf die Beurteilung von Personen hat. 

www.beautycheck.de
 
 

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Last modified: 2003-06-09, Webmaster