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Bild der Wissenschaft
12.11.2001 

Die schönsten Gesichter macht der Computer

Wie muss ein Gesicht beschaffen sein, um als "schön" zu gelten? Dieser Frage sind Psychologie-Studenten der Universität Regensburg im Wettbewerb um den Deutschen Studienpreis zum Thema "Bodycheck – Wieviel Körper braucht der Mensch?" nachgegangen. Sie verglichen fotografierte Originalgesichter mit Gesichtern, die künstlich am Computer hergestellt wurden und legten sie Versuchspersonen zur Bewertung vor. Es stellte sich heraus, dass die Gesichter, die als die attraktivsten angesehen wurden, nur in der virtuellen Welt existieren. Da auch in der Werbung Gesichter computertechnisch "nachgebessert" werden, sehen die Autoren der Studie die Gefahr, dass der heutige Mensch einem völlig unrealistischen Schönheitsideal nachjagt. Die Studenten haben für ihre Arbeit den 2. Preis gewonnen. 

Claus Marberger, Martin Gründl, Christoph Braun und Christoph Scherber von der Universität Regensburg sind für ihre Arbeit von mehreren Hypothesen darüber, was als schön gilt, ausgegangen: "Durchschnittliche Gesichter sind am attraktivsten", "Symmetrie macht attraktiv", "Reifezeichen gepaart mit Merkmalen des Kindchenschemas machen attraktiv", "Was schön ist, ist auch gut". Nach diesen Hypothesen fotografierten sie 64 Frauengesichter und 32 Männergesichter im Alter von 17 bis 29 Jahren, darunter acht Fotomodelle. Diese fotografierten Gesichter legten sie etwa 500 Versuchspersonen zur Beurteilung vor. 

Danach berechneten die Studenten mithilfe eines Computerprogramms systematisch neue Gesichter ("Morphing"), in denen unterschiedlich viele Originalgesichter zu immer gleichen Anteilen enthalten sind. Diese "gemorphten" Gesichter wurden ebenfalls den Versuchspersonen zur Beurteilung vorgelegt. Außerdem wurden alle Originalgesichter und alle gemorphten Gesichter Mitarbeitern einer Modelagentur vorgelegt, die beurteilen sollten, ob sie als Model für die Kategorie "Beauty" geeignet wären. 

Bei den Befragungen der Versuchspersonen zeigte sich, dass gemorphte Gesichter im Durchschnitt als attraktiver bewertet werden als Originalgesichter. Je mehr Originalgesichter in den gemorphten Gesichtern enthalten sind und je attraktiver die in einem gemorphten Gesicht enthaltenen Originalgesichter sind, desto attraktiver wurde das gemorphte Gesicht von den Versuchspersonen empfunden. Die Befragung in der Modelagentur ergab, dass von den ausgewählten Gesichtern, die als Model in der Kategorie "Beauty" in Frage kämen, 88 Prozent gemorpht waren. 

Die Autoren der Studie überprüften auch die oben genannten Hypothesen über das, was als schön gilt. Sie konnten unter anderem zeigen, dass Symmetrie zwar ein Faktor für Attraktivität ist, dieser Faktor aber bei weitem nicht so eine große Rolle spielt wie oft angenommen. Es gilt: Gesichter, die sehr asymmetrisch sind, sind eher unattraktiv, aber sehr unattraktive Gesichter sind nicht unbedingt asymmetrisch. Ebenso gilt: Sehr symmetrische Gesichter sind noch lange nicht attraktiv, und sehr attraktive Gesichter zeigen durchaus Abweichungen von der Symmetrie. Dagegen spielt ein hoher Kindchenschema-Anteil bei der Beurteilung von Frauengesichtern eine große Rolle. Kindliche Merkmale wie große, rundliche Augen, eine große, gewölbte Stirn und kurze Ausprägungen von Nase und Kinn erhöhen die Attraktivität von Frauengesichtern deutlich. 

Lediglich etwa 10 Prozent der Versuchspersonen gaben den reifen Originalgesichtern den Vorzug. Die meisten anderen bevorzugten Frauengesichter, denen ein Kindchenanteil von 10-50 Prozent beigemischt war. Dies bedeutet aber auch, dass die Frauen, die als die attraktivsten galten, in der Realität gar nicht existieren. 

Für die jungen Forscher sind diese Erkenntnisse nicht nur verblüffend, sondern auch erschreckend. "Diese virtuellen Gesichter zeichnen sich durch Merkmale aus, die für uns normale Menschen völlig unerreichbar sind. Indem uns aber die Medien solche perfekten Gesichter täglich vor Augen führen - man denke nur an die bis ins letzte Detail computertechnisch nachbearbeiteten Gesichter für Kosmetikwerbung -, besteht die Gefahr, dass wir selbst zu Opfern unseres eigenen, völlig unrealistischen Schönheitsideals werden", schreiben die Autoren. 

Mehr zum Thema Gesichter finden Sie im bdw-Newsticker-Archiv.

Doris Marszk 
 


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Last modified: 2003-06-09, Webmaster