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Attraktivitätsforscher erklären sich den Wandel des Ideals
damit, dass Fett in früheren Zeiten als Statussymbol galt: Nur die
Wohlhabenden konnten es sich leisten sich satt zu essen, während die
Armen aus Nahrungsmangel zwangsläufig schlank blieben. Heutzutage
hingegen ist in den reichen Industrienationen der westlichen Welt die Versorgung
mit Nahrungsmitteln für alle gesichert und niemand braucht Hunger
zu leiden. Dadurch hat Fett seinen Informationswert als Zeichen von Wohlstand
verloren. Teilweise hat sich dieser Zusammenhang sich sogar umgekehrt:
In den USA beispielsweise ist starkes Übergewicht vor allem ein Problem
der sozialen Unterschicht.
Links: "Venus vor dem Spiegel" (1615) von Rubens mit üppig
barocker Figur.
Wenn die Vorliebe für Schlankheit etwas mit wirtschaftlichem Wohlstand zu tun hat, sollten eigentlich Menschen in wirtschaftlich ärmeren Ländern fettreichere Körper bevorzugen. Und so ist es auch: Eine weltweite Studie, in der 62 verschiedene Kulturen untersucht wurden, zeigte, dass Schlankheit vor allem in den Ländern bevorzugt wird, in denen sich die Menschen um ihr tägliches Brot keine Gedanken machen müssen. In armen Ländern hingegen gelten tendenziell dickere Frauen als schön (Anderson, 1992). Anzeige: Auch die gesellschaftliche Stellung der Frau scheint eine Rolle zu spielen: In traditionellen Kulturen, in denen Frauen in erster Linie Hausfrauen und Mütter sind, werden fülligere Figuren bevorzugt, in Kulturen hingegen, in denen Frauen mehr politische Macht und einen höheren Anteil an der Erwerbstätigkeit haben, werden schlanke Figuren bevorzugt. Barber (1998) konnte nachweisen, dass während des 20. Jahrhunderts auch in der westlichen Welt dieser Zusammenhang bestand: Je traditioneller die Rolle der Frau, desto kurvenreicher das Figur-Ideal. Je größer das Wirtschaftswachstum und je größer der Anteil der Frauen an Bildungssystem und Erwerbstätigkeit, desto weniger kurvenreich war das Ideal. Das Taillen-Hüfte-Verhältnis Doch völlig abhängig von gesellschaftlichen Einflüssen
ist das weibliche Figur-Ideal keineswegs. Bei allem scheint es eine Gesetzmäßigkeit
zu geben, nämlich das ideale Verhältnis von Taille zu Hüfte
(Waist-to-Hip-Ratio, WHR). Egal ob dick oder dünn - das ideale Verhältnis
sollte bei etwa 0,7 liegen. Man erhält diesen Wert, indem man den
Taillenumfang durch den Hüftumfang dividiert. Beispiel: 63 cm Taillenumfang
geteilt durch 90 cm Hüftumfang ergibt 0,7.
Ein Taillen-Hüfte-Verhältnis von 0,6, 0,7 und 0,8 (von links nach rechts). Laut Theorie müsste die mittlere Figur mit einer WHR von 0,7 am attraktivsten sein. Ein niedriger WHR-Wert ist ein Merkmal, das Frauen von Männern unterscheidet. Bis zum Beginn der Pubertät ist bei Jungen und Mädchen das Verhältnis zwischen Taille und Hüfte etwa gleich (ca. 0,9). Durch den Einfluss von Östrogen wächst dann jedoch bei Frauen das Becken, es bilden sich die typisch weiblichen Fettansammlungen an Po und Oberschenkeln heraus und die WHR geht gegen 0,7. Beim Mann dagegen bleibt die Hüfte im Verhältnis zur Taille schmal (das Ideal liegt hier bei 0,9). Der Attraktivitätsforscher Devendra Singh führte in den 90er
Jahren zahlreiche Untersuchungen zur Waist-to-Hip-Ratio durch und fand
zum Beispiel heraus, dass alle Siegerinnen von "Miss-Amerika-Wahlen" von
1920 bis in die 80er Jahre eine WHR zwischen 0,72 und 0,69 besaßen.
Bei Playboy-Models lag sie zwischen 0,71 und 0,68. Das ideale Taillen-Hüfte-Verhältnis
lag also über Jahrzehnte konstant bei etwa 0,7, und das obwohl das
Körpergewicht dieser Models durchaus schwankte. So hatten auch die
Schönheitsikonen Marilyn Monroe, Sophia Loren, Twiggy und Kate Moss
trotz ihrer unterschiedlichen Gewichtsklassen eines gemeinsam: eine WHR
von etwa 0,7.
Die Rolle der Oberweite Doch Körperfülle, Taille und Hüfte sind noch längst nicht alles für eine perfekte Figur. Zur Schönheit einer Frau gehört auch die passende Oberweite. Doch was ist passend? Auch hier lohnt wieder ein Blick zurück: Für eine ideale Frauenfigur früherer Jahrhunderte musste der Busen vor allem eines sein: klein. Am besten klein und rundlich (siehe Abbildungen oben!) - im Mittelalter wurde der Ideal-Busen mit Äpfeln verglichen. Heute hingegen ist das (insbesondere westliche) Ideal ein großer Busen. Auffallend ist dabei auch, dass während früherer Jahrhunderte
die Frau oben herum mit einem zierlichen Busen eher jugendlich-mädchenhaft
sein sollte, unten herum mit reichlich Fett an Po und Oberschenkeln dagegen
üppig weiblich. Heute hingegen hat sich das Ideal genau umgekehrt:
Begehrt ist nun ein großer Busen bei gleichzeitig schmaler, eher
etwas androgyner Hüfte. Die Ironie des Ganzen ist, dass damals wie
heute beide Schönheitsideale kaum zu erreichen waren, da sie extrem
unrealistisch sind: Entweder hat eine Frauenfigur viel Fett, dann ist sie
sowohl unten- als auch oben herum üppig. Oder sie ist schlank, dann
hat sie eine schmale Hüfte und schlanke Oberschenkel, aber auch einen
kleinen Busen.
Anzeigen:
In Brasilien beispielsweise gilt traditionell bei Frauen ein kurvenreiches Becken, ein etwas vollerer Po und ein kleiner Busen als schön. Große Brüste galten dort bisher als ordinär. In den letzten Jahren hat sich jedoch auch dort das brasilianische Schönheitsideal an das amerikanische angenähert, und die verpflanzten Brustimplantate werden immer größer.
Ein letztes wichtiges Merkmal für eine schöne Frauenfigur sind lange Beine. Eigentlich sehr nahe liegend, schließlich werden Beine seit Langem durch Schuhe mit erhöhten Absätzen künstlich verlängert. Doch was dem Laien völlig plausibel erscheint, ist in der Attraktivitätsforschung bislang kaum untersucht. Auch die berühmten Untersuchungen von Singh blendeten diese wichtige Variable einfach aus. In unseren Online-Experimenten zum weiblichen Figur-Ideal haben wir alle fünf genannten Variablen berücksichtigt: Körperfülle, Beckenbreite, Taillenweite, Oberweite und Beinlänge. Jedes Merkmal gibt es bei unserem Versuchsmaterial in drei Ausprägungen (z.B. breit - mittel - schmal), und alle Ausprägungen sind unabhängig voneinander kombinierbar - macht zusammen 243 Kombinationsmöglichkeiten (3 x 3 x 3 x 3 x 3 = 243). Zudem verwenden wir keine Strichzeichnungen, sondern Fotomaterial, das wir mit Hilfe von Morphing-Software systematisch verändert haben. Durch die Realitätsnähe und Vielfalt des Versuchsmaterials sind die Online-Experimente der Uni Regensburg bislang weltweit einmalig. Wir versprechen uns von den Daten präzisere Erkenntnisse über
das in unserer Gesellschaft vorherrschende Figur-Ideal bzw. die verschiedenen
Figur-Ideale. Denn erste Ergebnisse legen nahe, dass es je nach Beurteiler
unterschiedliche Ideal-Typen gibt.
(a) Die durchschnittliche Frauenfigur mit "Normalmaßen"
Das äußerst differenzierte Versuchsmaterial ermöglicht es außerdem, Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Körpermerkmalen zu untersuchen. Denn verändert man ein bestimmtes Körpermerkmal, so hat dies auch Einfluss auf die Wahrnehmung anderer Merkmale: Beispiel: Die Figuren b und d haben exakt die gleiche Beinlänge. Bei Figur d wirken sie jedoch länger, da sie dünner ist und ein schmaleres Becken hat. Gerade diese Wechselwirkungen machen die Erforschung von Attraktivität so kompliziert. Sie können selbst teilnehmen an den Figur-Experimenten
der Uni Regensburg. Testen Sie Ihr eigenes Figur-Ideal! Unter 243 Figur-Varianten
ist bestimmt auch Ihr Ideal dabei!
Letzte Änderung: 24.10.2008, Webmaster |