Gerhard H. Waldherr

Die römische Epoche in Regensburg

Wie es begann - die Donau wird römische Reichsgrenze
Der germanisch-raetische Limes
Die Kelten
Keltisches Radapona?
Die erste römische Befestigung am Donaubogen
Das Lagerdorf
Die Siedlung an der Donau
Die Markomannen kommen
Die Legion kommt nach Regensburg
Die Legion
"mit Toren und Türmen..." - der Lagerbau
Legio - Regino - Regina Castra
Castra Regina
Das Lagerinnere
Die Soldaten
Die Umgebung des Lagers
Die Entwicklung vom 3. bis zum 6. Jahrhundert
Das Ende der römischen Herrschaft in Raetien
Die Männer aus Baia

Wie es begann - die Donau wird römische Reichsgrenze

Die erste bisher nachweisbare römische Befestigung im Regensburger Stadtgebiet entstand in den 80er Jahren des 1. Jhdts. n. Chr.

Um die Entwicklung, die zu dieser Anlage führte, zu verstehen und um das römische Regensburg in einen historischen Zusammenhang einordnen zu können, müssen wir bis in die Zeit Kaiser Augustus' zurückblicken.

Nachdem Augustus nach der Schlacht bei Actium (31 v. Ch.) seine innenpolitischen Gegner ausgeschaltet hatte und die gesamten politischen Verhältnisse neu zu ordnen begann, bekam Rom auch wieder freie Hand für die Gestaltung einer offensiveren Außenpolitik in Richtung Norden.

 Angesichts des erdrückenden römischen Machtpotentials hatten die alpinen Keltenstämme nur geringe Chancen, einem Ausgreifen der Römer nach Norden Widerstand zu leisten. So gelang im Verlauf eines einzigen Sommers die römische Okkupation des bis dahin von keltischen und rätischen Stämmen besiedelten Alpengebietes.

Bei La Turbie an der Cote d'Azur hoch über Monaco erheben sich heute noch die Oberreste eines ursprünglich 50 m hohen Siegesdenkmals. Dieses Tropaeum Alpium, in den Jahren 7/6 v. Chr. errichtet, sollte an die kriegerische Unternehmung erinnern, bei der die Römer "alle Alpenvölker vom oberen Meer (Tyrrhenisches Meer) bis an das untere (Adria)" unter ihre Botmäßigkeit gebracht hatten.

 Im Jahre 15 v. Chr. schlossen die beiden Stiefsöhne des Augustus, die Generäle Drusus und Tiberius, diese Militäraktion mit einem Sieg über die Raeter und Vindeliker erfolgreich ab.

Die Einverleibung der Alpen und des unmittelbaren Alpenvorlandes in das römische Reich sollte einerseitsd Oberitalien vor den räuberischen Einfällen der Alpenstämme schützen, andererseits erleichterte eine Verkehrsverbindung am nördlichen Alpenfuß die Verbindung wichtiger Reichsteile jenseits des Rheins (Gallien) und an der mittleren Donau (Norikum, Pannonien) erheblich. Die lange zeit vertretee These, es habe sich dabei nur um die Aufmarschbasis für die von Augustus geplante, große Offensive gegen "Germanien" östlich des Rheins gehandelt, ist heute in der Forschung sehr umstritten.

 Egal welche Gründe für das Ausgreifen der Römer über die Alpen ausschlaggebend waren, jedenfalls schienen ihnen eine punktuelle militärische Präsenz an der wichtigen Fernverbindung vom Bodensee Richtung Salzburg und ein großer Waffenplatz in Augsburg zunächst ausreichend.

 Die nächste Phase der Landnahme brachte ein Vordringen der Römer bis zur Donau und die Sicherung der Flußgrenze durch den Ausbau einer Kastellreihe. Gegen Ende der Regierung des Tiberins (etwa 35 - 37 n. Chr.) wurde wahrscheinlich das Kastell Aislingen (Kreis Dillingen) errichtet. Unter der Regierung des Claudius legte man eine Kette von Kastellen (in Holz-Erde-Bauweise) entlang der Donau an: Hüfingen, Emerkingen, Rißtlssen, Unterkirchberg, Ganzburg, Burghöfe, Neuburg, Oberstimm. Allerdings erstreckte sich diese militärische Sicherung noch nicht auf den gesamten heute bayerischen Stromverlauf. Westlich von Oberstimm scheint der Donaulauf bis Linz nur mehr durch kleinere militärishe Anlagen gesichert gewesen zu sein. In diesem Bereich war das Land südlich des Stroms (Niederbayern, Teile Österreichs) wahrscheinlich nur dünn besiedelt und auch auf der unwirtlichen nördlichen Donauseite fehlte ein Gegner, der der römischen Herrschaft hätte gefährlich werden können. Kleinere Militärposten, wie auf dem Frauenberg bei Weltenburg und in Passau, genügten vollauf, um den Einfluß der Römer zu sichern.

 Das neu eroberte Gebiet sollte nun auch verwaltungsmäßig organisiert werden. Wahrscheinlich am Ende der Regierung des Tiberius (gest. 37 n. Chr.), vielleicht auch ein wenig später erfolgte die Einrichtung der Provinz Raetien, die einem kaiserlichen procurator aus dem Ritterstand, der zweithöchsten Gesellschaftsschicht im römischen Imperium, unterstellt wurde.

 Erste Provinzhaupstadt dürfte Cambodunum (= Kempten) gewesen sein, bevor der Sitz der gesamten Verwaltung, darunter auch der Statthalter, am Ende des 1. Jhdts. n. Chr. nach Augusta Vindelicum (= Augsburg) wechselte. Der Name der neuen Verwaltungseinheit, Raetien, leitete sich von dem Volksstamm der Raeter ab, dessen Wohnsitze in den Süd-West-Alpen gewesen sein dürften.

 Raetien umfaßte zunächst das westliche Bodenseegebiet einschließlich der Ostschweiz; die Grenze verlief im Süden entlang der Alpen und stieß im Osten bis zum Inn vor, der Raetien von der Provinz Noricum abtrennte (s. Karte). Im Norden sicherte die oben beschriebene Kette von Kastellen die Donaugrenze ab. Doch diese Donaulinie sollte nicht die weiteste, sprich nördlichste Ausdehnung der Provinz markieren.

 

Der germanisch-raetische Limes

Rhein und Donau bildeten im Laufe der Zeit immer mehr nicht nur die Grenze des Weltreiches, sondern entwickelten sich auch zu wichtigen Verbindungswegen zwischen Ost und West.

Allerdings war der Weg über das Rheinknie bei Augst umständlich und zeitraubend. Um diesen toten Winkel abzuschneiden, ließ Kaiser Vespasian (69-79 n. Chr.) eine Strafe durch den Schwarzwald zur oberen Donau bauen.

Sein Sohn Domitian (81-96 n. Chr.) setzte die Politik der Grenzverkürzung fort. Er eroberte die fruchtbare Wetterau im südlichen Hessen und legte einen mit Wachtürmen und Kastellen gesicherten Postenweg durch den Odenwald bis zum Neckar an.

 Damit war der "limes" erfunden, eine künstliche Grenze, dort wo natürliche, wie z.B. Flüsse, fehlten. Der Begriff limes bezeichnet hierbei einen, wenigstens zum Teil dem Gelände angepaßten, befestigten Weg am Rande des römischen Machtbereiches.

Bis gegen Ende des l. Jhdts. markierten aus Holz ausgeführte Wehrbauten den Vormarsch der römischen Truppen jenseits von Rhein und Donau. In erster Linie sicherten sie eine Art Grenzsaum, in dem man die Bewegungen des Gegners beobachten und notfalls Abwehrmaßnahmen ergreifen konnte.

 An eine feste, starre Grenz- oder Abwehrlinie, wie beispielsweise die chinesische Mauer, dachten die Römer noch nicht. Im Laufe der Zeit setzte allerdings ein Wandel im Grenzverständnis der Römer ein und aus dem bewachten Grenzsaum wurde eine defensiv ausgerichtete Stellungslinie.Östlich des Neckar führte die Grenzbahn über den Jura und erreichte unter Einbeziehung der guten Ackerböden des Nördlinger Rieses bei Eining den "nassen limes", die Donau.

 Die Befestigungslücke am Fluß zwischen Oberstimm und Linz wurde in der zweiten Jahrhunderthälfte durch die Anlage von mehreren Kastellen geschlossen.

In den Jahren 79/81 waren Kösching/Germanicum und Eining/Abusina angelegt worden, die Lager bei Regensburg, Straubing und Moos kamen dazu.

Damit wurde auch der Regensburger Donaubogen in das Verteidigungsnetz mit einbezogen. Allerdings waren die Römer hier nicht die ersten Siedler.

 

Die Kelten

Lange bevor Germanen und Römer die historische Bühne Süddeutschlands betraten, hatte sich dort eine Zivilisation ausgebreitet, die von der Iberischen Halbinsel über Britannien, Gallien, den Donauraum bis nach Süd-Ost-Europa reichte: die Kelten. Archäologisch faßbar werden sie zunächst in der nach dem Fundort Hallstatt in Österreich benannten Hallstattkultur, deren zeitlicher Horizont sich vom 8. bis zum 5. Jhdt. v. Chr. erstreckt. Gewaltige Ringwall-Anlagen, die als Herrensitze gedeutet werden, bilden das auffälligste architektonische Merkmal der keltischen Zivilisation. Die reichliche Verwendung von Gold- und Edelmetallornamenten, die wir vornehmlich aus den fürstlichen Grabkammern kennen, rege Kontakte mit den mittelmeerischen Völkern (Etrusker, Griechen), die durch Vasenfunde, Münzen und verschiedenartige Luxusobjekte dokumentiert werden, sowie der verbreitete Gebrauch von Eisen und die Salzgewinnungsanlagen sind die bekanntesten äußeren Kennzeichen der Hallstattkultur.

 Nach dem am Neuenburger See in der Schweiz genannten Fundort La-Tène bezeichnen wir die zweite, jüngere Phase der keltischen Zivilisation als die La-Tène-Zeit (5. bis Mitte des l. Jhdts. v. Chr.). Besonders bekannt sind die keramischen Erzeugnisse der La-Tène-Periode: mit Tier- und Pflanzenornamenten, mit verschlungenen Mustern reich verzierte Schalen, Teller und Vasen.

Während des 3. und 2. Jhdts. v. Chr. entstanden Stadtanlagen, die gewöhnlich als oppida (Einzahl: oppidum) bezeichnet werden. Neben Manching, einem der größten stadtartigen Zentralorte, gibt es im bayerischen Donauraum zahlreiche Höhenbefestigungen, deren markanteste Beispiele die am "Stätteberg" bei Unterhausen oder die auf dem "Michelsberg" bei Kelheim sind. In der ersten Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts scheint diese oppida-Kultur gewaltsam untergegangen zu sein. Über den Grund hierfür ist sich die Forschung bisher nicht einig, es scheint sich aber um ein Ursachenbündel gehandelt zu haben. Nach dem Verschwinden der oppida blieb allem Anschein nach zumindest das bayerische Voralpenland bis zur Donau weitgehend menschenleer.

 

Das keltische Radaspona?

Seit Jahrtausenden war die Lagegunst am nördlichsten Punkt, den die Donau auf ihrem Lauf erreicht, erkannt worden.

Hier am Donaubogen treffen das Urgebirge des Bayerischen Waldes, der Fränkische Jura und das tertiäre niederbayerische Hügelland aufeinander.

Auf der Nordseite des Flusses steigt nach Osten der Vorwald (Vorderer Bayerischer Wald) auf. Der Stromlauf selbst umfängt die Regensburger Bucht, einen schmalen Westzipfel der Donauebene. Sie wird im Westen und Norden von den Randhöhen der Alb begrenzt; im Süden beginnt das tertiäre Hügelland.

An der Mündung von Naab und Regen in die Donau kreuzten sich bedeutende vorgeschichtliche Handels- und Verkehrswege. Die Bucht war somit für Fernbeziehungen nach allen Seiten geöffnet. Eine für die kulturelle und wohl auch ethnische Entwicklung Nordostbayerns immens wichtige Verbindung führte über die Bodenwöhrer Bucht und die Cham-Further-Senke aus dem Donaubogen durch das ostbayerische Grenzgebirge in den böhmischen Kessel mit seinem Reichtum an Erzen und fruchtbaren Böden. Das nahe Wasser, die Lößebene des Dungaus (Gäubodens), die sich von Regensburg bis Vilshofen erstreckt, luden zum Siedeln. Wobei jedoch in allen vorgeschichtlichen Perioden Seßhaftigkeit immer nur für einen bestimmten Bezirk - hier den Donaubogen als Teil der Ebene - galt. Innerhalb dieses Bereiches wurden die einzelnen Niederlassungen im Laufe der Generationen immer wieder verlegt.

 Gräberfunde und andere archäologische Hinterlassenschaften beweisen die Anwesenheit von Menschen seit der älteren Steinzeit (ca. 100.000 v. Chr.).

Allerdings ist das wirkliche Ausmaß der Besiedlung nicht abzuschätzen.

Auch in der Spätlatènezeit hat die siedlungsbegünstigende Lage – wie in den vorausgehenden vorgechichtlichen Epochen – Menschen im Donaubogen zur Niederlassung verleitet.

Jedoch läßt sich hier auch für diese Periode keine bedeutende Ansiedlung nachweisen. Vereinzelte Funde – in erster Linie Keramik – kennen wir aus Großprüfening, dechbetten, am Weißgerbergraben und im Bereich Niedermünster-Kolpinghaus; sie zeigen jedoch auch für diese Zeit keinen festen Sledlungsschwerpunkt an.

Hier eine größere Niederlassung oder gar einen zentralen Ort - vergleichbar mit den keltischen oppida bei Manching oder auf dem Michelsberg bei Kelheim - anzunehmen, sind nur Träume eines übertriebenen Lokalpatriotismus. Auch wenn der allerdings erst mehrere Jahrhunderte später in der Lebensbeschreibung des Hl. Emmeram (8. Jhdt.) auftauchende, möglicherweise auf eine keltische Wurzel zurückgehende Ortsname Radaspona immer wieder zu solchen Spekulationen Anlaß gibt.

 Die eventuelle Namensüberlieferung besagt für die keltische Geltung des Platzes nichts.

Von allen bisherigen Versuchen, den Namen Radaspona historisch einzuordnen und zu deuten, vermag keiner eine befriedigende Lösung zu geben. Möglicherweise wurde die Bezeichnung durch im laufe der römischen Epoche an den Ort gekommene keltisch-germanische Bevölkerungsteile auf die Zivilsiedlung, die sich in der Nachbarschaft der römischen Militäranlagen bildete, übertragen und somit über Jahrhunderte hinweg erhalten.

Eventuell handelt es sich aber auch um eine 'gelehrte' Konstruktion Arbeos.

Jedenfalls klafft für die mehr als einhundert Jahre von der Mitte des letzten Jahrhunderts v. Chr. bis zur Ankunft der Römer um 80 n. Chr. eine Lücke in der archäologischen Überlieferung.

 

Die erste römische Befestigung am Donaubogen

Die Verkehrsgunst des Platzes war es wohl, was die römischen Strategen dazu bewog, hier einen Heeresverband zu stationieren. Von einem Hangsporn im heutigen Stadtteil Kumpfmühl (unmittelbar südlich der heutigen Kirche St. Wolfgang) bot sich die Möglichkeit, den gesamten Donaubogen sowie die zwei Talmündungen (Naab und Regen) einzusehen und damit die Handels- und Verkehrswege beherrschen zu können.

 In der ersten Bauphase erstellten die römischen Soldaten eine Kastellanlage in Holz-Erde- Bauweise. Durch zwei vorgelagerte Spitzgräben wurden sie zusätzlich gesichert. Mitte des 2. Jhdts. vergrößerte man die Anlage, orientierte sie neu (zur inzwischen entstandenen Zivilsiedlung im Bereich Augsburger Str./Kumpfmühler Str.) und ersetzte dabei die Umwehrung durch eine Bruchsteinmauer mit einer Dicke von ca. 2 m. Der antike Name der Befestigung ist uns nicht bekannt. Von dieser ersten römischen Anlage im Stadtgebiet blieben keine oberirdischen Spuren zurück.

 In dem Kastell mit einer Innenfläche zuerst 2,2 ha (160 x 137 m), später $$$ ha fand eine aus Infanteristen und Reitern bestehende, ca. 500 Mann starke Hilfstruppeneinheit Platz. Im Gegensatz zu dem angesehensten und größten Kampfverband des römischen Heeres, der Legion, bestanden diese Truppen nicht aus Soldaten, die das römische Bürgerrecht besaßen, sondern wurden aus den Bewohnern der jeweiligen Provinzen, die juristisch gesehen "Fremde" (peregrini), also "Nicht-Bürger" waren, rekrutiert. Man stationierte diese sogenannten Auxiliarkohorten (auxilium = Hilfe) meist in weniger bedrohten Gebieten, zu denen um diese Zeit auch Raetien gehörte.

 Der 25 Jahre dauernde Dienst in einer römischen Hilfstruppeneinheit war für den Provinzialen ein, wenn auch mühevoller Weg, auf der sozialen Leiter nach oben zu steigen. Der tägliche Dienstbetrieb machte ihn mit lateinischer Sprache und Schrift sowie der römischen Zivilisation vertraut. Außerdem erhielt er bei seinem ehrenhaften Ausscheiden das römische Bürgerrecht und wurde damit ein vollwertiges, geschäftsfähiges Mitglied der römischen Gesellschaft. Die Armee stellte den wichtigsten Motor der Romanisierung der Provinzen dar; der römische Staat sicherte sich auf diese Weise die Loyalität der aufstiegswilligen "New-comer". Neben dem Bürgerrecht wurde dem Veteran auch noch das Eherecht verliehen. Das bedeutete, daß eine bereits bestehende oder noch zu schließende Personenverbindung mit einer Fremden vor römischem Recht als Ehe anerkannt wurde. Damit war die Gewähr gegeben, daß auch die Ehefrau des Soldaten und die gemeinsamen Kinder römische Bürger und Bürgerinnen waren.

 Der Tag der Entlassung aus der Armee war somit für den "einfachen Mann" ein Festtag und eine entscheidende Station in seinem Leben. Den Erwerb der neuen Rechte ließ sich der neue römische Bürger durch eine kleine bronzene Urkunde, ein sogenanntes Militärdiplom, schriftlich bestätigen und damit für immer nachweisbar machen. Das älteste, sicher datierte Militärdiplom, das bisher aus Regensburg bekannt ist, bekam der Bataver ("Holländer") Fronto am 16. Dezember 113 n. Chr. ausgestellt. In Folge seiner neugewonnenen Rechtsqualitäten wird er auf dem Bronzetäfelchen Marcus Ulpius Fronto genannt, d.h. er führt die tria nomina (das Recht der drei Namen), eines der erworbenen Standesprivilegien und - nach außen - das Kennzeichen des römischen Bürgers.

 

Das Lagerdorf

Mit seinem neuen Rechtstitel und mit den Ersparnissen der Dienstzeit konnte sich der Veteran mit seiner, jetzt auch gesetzlich angetrauten Ehefrau im Lagerdorf niederlassen, dort einen Gewerbebetrieb, einen Laden oder ein Wirtshaus aufmachen. Er konnte aber auch als Landwirt einen der Gutsbetriebe (villa rustica) in der Umgebung, die zur Versorgung der Truppe notwendig waren, bewirtschaften.

 Die Archäologen fanden in Regensburg-Kumpfmühl, in unmittelbarer Nachbarschaft des Lagers, Spuren einer derartigen Zivilsiedlung, deren Ausstattung auf die Bedürfnisse der Soldaten ausgerichtet war.

Nachgewiesen werden konnten hier neben einem Gebäude, das wahrscheinlich als Kneipe gedient hat, Läden, Werkstätten, Gewerbebetriebe (z.B. eine Ziegelei) und vor allem eine Badeanlage.

Diese Thermen mit Kalt- und Warmbädern, Schwitzbädern, Umkleideräumen, Gymnastikräumen usw. ausgestattet, dienten den Römern nicht nur zu hygienischen Zwecken, sondern sie bildeten gesellige Treffpunkte, wo man sich erholte, mit Bekannten plauderte oder auch Geschäfte tätigte, also das Angenehme mit dem Nützlichen verband.

 

Die Siedlung an der Donau

Da die Donau nicht nur Grenzfunktion hatte, sondern auch als Transportweg eine wichtige Rolle spielte, ist es keineswegs verwunderlich, daß sich am Fluß, wohl an einer Schiffsanlegestelle (ein regelrechter römischer Hafen ist bisher in Regensburg noch nicht nachgewiesen), etwa gleichzeitig mit dem Lager eine weitere kleine römische Siedlung bildete.

Die zum großen Teil in Holzfachwerk-Bauweise ohne gemauerte Fundamente errichteten, lang-rechteckigen Häuser gruppierten sich an der Straße, die vom Fluß Richtung Süden zum Kastell führte, bis zur Höhe des heutigen Bismarckplatzes.

 

Die Markomannen kommen

Das relativ ungestörte Leben der römischen Soldaten an der Donaugrenze änderte sich jedoch Mitte des 2. Jhdts. plötzlich. Im germanischen Gebiet nördlich der Donau herrschte Unruhe.

Ausgelöst durch Wanderbewegungen ostgermanischer Stämme waren auch die nördlich der Donau wohnenden Völker, darunter Markomannen, Quaden, Sarmaten u.a., unruhig geworden. Sie forderten neue Wohnsitze innerhalb des Reiches. Als ihnen das untersagt wurde, versuchten sie gewaltsam Einlaß zu erlangen. In Rom unterschätzte man wohl diese Gefahr und hatte große Teile der Truppen von der Donau abgezogen und als Unterstützung an die römische Ostgrenze geordert, die wieder einmal von den alten Rivalen, den Parthern, bedrängt wurde.

 In den 60er Jahren des 2. Jhdts. wurde die von Truppen weitgehend entblößte Donaugrenze von germanischen und sarmatischen Stämmen überrannt; sengend und plündernd drängten sie tief in das römische Reichsgebiet bis Aquileia. Zwar erfolgte der Hauptsturm der germanischen Scharen an der unteren Donau im Bereich der pannonischen Provinzen mit Hauptstoßrichtung Italien, dennoch waren anscheinend Teile der Germanenscharen in Richtung Westen, d.h. nach Noricum und Raetien abgeschwenkt und vagabundierten durch die Provinz. Den anstürmenden, nach Siedelland und Beute suchenden Stammesgruppen konnten die nur schwach besetzten römischen Kastelle nicht standhalten.

 Ob auch im Regensburger Gebiet heftigere Auseinandersetzungen stattfanden, darüber ist sich die Forschung immer noch nicht ganz einig. Allerdings kann man Brand- und Schutthorizonte, die bei Ausgrabungen entdeckt wurden, als Zeugnis dafür nehmen, daß sowohl das römische Auxiliarkastell als auch die beiden zivilen Ansiedlungen in Schutt und Asche gelegt wurden. Zu den erst kürzlich entdeckten Anzeichen für kriegerische Auseinandersetzungen wird auch der Kumpfmühler Schatzfund gezählt, der 1989$$ bei Bauarbeiten ans Tageslicht kam.

 

Die Legion kommt

Nach einiger Zeit konnte das Drängen der Markomannen, wenn auch nur mit Mühe, gebremst werden und auch in Raetien kehrte wieder Ruhe ein.

 Um die Sicherheit der Nordgrenze des Reiches weiterhin zu garantieren, entschloß sich Kaiser Marcus Aurelius (161-180 n. Chr.), in unserer Provinz die III. Italische Legion zu stationieren. Diese Einheit war Mitte der 60er Jahre in Oberitalien rekrutiert worden (daher auch ihr Beiname "Italica") und in den Markomannenkriegen zum Schutz des italischen Kerngebietes eingesetzt gewesen. Seit etwa 170 n. Chr. ist die Truppe im Regensburger Raum nachweisbar. Ihre Aufgabe war wohl von vornherein defensiver Natur.

 

Die Legion

Raetien reihte sich damit in die Zahl der Provinzen ein, in denen der größte und bestausgerüstete Kampfverband der römischen Armee stationiert war.

Eine Legion war taktisch und verwaltungstechnisch eine geschlossene Formation, etwa einer modernen Division entsprechend. Ihre Stärke betrug ca. 5.500-6.400 Mann - alle im Besitz des römischen Bürgerrechts - mit einer Vielzahl von Rangabstufungen und Aufgaben. Die Großeinheit war untergliedert in 10 Kohorten, von denen wiederum jede aus 6 Zenturien bestand. Eine solche Hundertschaft umfaßte trotz ihres Namens nur 80 Angehörige der Kampftruppe, der Rest setzte sich aus Spezialisten - Ärzte, Verwaltungssoldaten, Handwerker, Musiker usw. - zusammen. Obwohl in der Legion hauptsächlich Infantristen dienten, gab es auch rund 120 Reiter, außerdem noch Artilleristen zur Bedienung der Pfeilschleudern und Wurfmaschinen.

 

"mit Toren und Türmen..." - der Lagerbau

Bei der Wahl eines geeigneten Garnisonsortes waren die römischen Landvermesser wohl von der Gunst der Lage am Donaubogen genauso beeindruckt wie ihre Kollegen, die rund 80 Jahre früher den Platz für das Kumpfmühler Kastell gewählt hatten.

 Hier brauchte man sich nicht lange den Kopf darüber zu zerbrechen, wie die zahlreichen neuen Siedler - Soldaten und Zivilisten - mit Nahrungsmitteln versorgt werden konnten. Denn ostwärts öffnete sich dem Blick die über 80 km weit reichende Stromebene. Ihr Kernstück, der Dungau mit seinem sehr fruchtbaren Lößboden und optimalen klimatischen Bedingungen, ist auch heute noch die Kornkammer Bayerns, deren landwirtschaftliche Nutzung sich über 7000 Jahre zurückverfolgen läßt.

 Am nördlichsten Punkt der Donau, und damit auch an einem sehr exponierten Grenzpunkt des römischen Weltreiches, sollte nun eine Demonstration der römischen Macht gegeben werden. Die symbolische Bedeutung, die dem trotzigen Lagerbau zukam, trug eventuell mit dazu bei, daß man von der Stelle des Kumpfmühler Kastells abwich und die neue Befestigung in der Flußaue, direkt an der Reichsgrenze erbaute.

 Leicht hatten es dabei die Legionare, die ihr Lager zum großen Teil selbst bauen mußten, sicher nicht. Das sumpfige, von kleinen Rinnsalen durchflossene Gelände mußte durch Kiesaufschüttungen trockengelegt werden. Erst dann begann der Bau der Lagermauer, die mit einer Seitenlänge von 540 x 460 m eine Fläche von 24,3 ha ( = 33 Fußballplätze) umschloß. Der größere Platzbedarf (ca. elfmal die Fläche des Kumpfmühler Lagers) war sicherlich ebenfalls ein Grund für die Ortsverlagerung in die Ebene.

 Zur Einweihung des Lagers ließ der Legionskommandeur, der gleichzeitig auch Statthalter der Provinz Raetien war, über der porta principalis, dem Osttor, eine Steininschrift anbringen.

Sie war ursprünglich ca. 8 – 10 m lang; 2 Fragmente des Mittelstückes (3,2 m) blieben davon erhalten.

Diese sog. "Gründungsurkunde" von Regensburg gibt uns ein festes Datum für die Einweihung des Lagers, nämlich 179 n. Chr. Mindestens 5 Jahre hatten sich zu diesem Zeitpunkt die Legionare bereits geplagt, hatten Steinmetze, Bauarbeiter, Ingenieure usw. etwa 30.000 m³ exakt behauene Quaderblöcke hergestellt, was bei der großen anfallenden Schuttmenge auf 60.000 m³ bewegtes Steinmaterial schließen läßt.

 Bis zur heutigen Stadt Kelheim mag das gesamte Donautal, dessen Hänge als Steinbrüche für die Kalk- und Sandsteinquader dienten, den Anblick einer Großbaustelle geboten haben. Auf dem Fluß brachten die Lastschiffe die grob behauenen Werksteine zu einer Uferlände nahe am Lager. Nach dem mühevollen Entladen richteten sie die Steinmetze auf der Hauptbaustelle fertig zu. Mit Hilfe von Drehkränen, Flaschenzügen und Holzrollen wurden die schweren Quader bewegt und an ihrer Mauerstelle plaziert.

 Die fertige Lagermauer, deren Höhe ohne Zinnen ungefähr 7,5 m erreichte, bot mit ca. 30 Türmen und 4 Toranlagen sicher einen imposanten, aber auch drohenden Anblick für die Germanen, denen derartige Steinarchitektur völlig fremd war.

Auch nach rund 1800 Jahren beeindrucken noch uns die wuchtig aufragenden Kalksteinblöcke, die im Stadtbild an mehreren Stellen zu sehen sind.

 Regensburg war durch diesen Bau zum größten Garnisonsort der Provinz Raetien geworden. Militärplätze vergleichbarer Größenordnung befanden sich um diese Zeit in Argentorate (Straßburg) und Lauriacum (Lorch bei Linz). In nächster Nachbarschaft zu Castra Regina lagen die kleinen Kastelle bei Sorviodurum (Straubing) und Abusina (Eining).

 

Legio - Regino - Regina Castra. Die römischen Namen Regensburgs

Lesen wir bei Plato-Wild, einem Regensburger Geschichtsforscher des 18. Jhdts., nach, so finden wir nicht weniger als 44 Namen für Regensburg. Bei weitergehender Suche wächst die Zahl auf über 70.

 Bezeichnungen wie Tiberina, Tyberias, Augusta Tiberii sollten eine vermeintliche Erbauung der Stadt durch Kaiser Tiberius, den Stiefsohn des Augustus, nachweisen.

Hermanns- oder Germansheim, Ingramsheim und ähnliche Formen weisen auf das Wirken sagenhafter deutscher Herrscher, und mit der Bezeichnung Noricum, abgeleitet von Norix, einem Sohn des Hercules, öffnet sich der Bereich der antiken Mythologie.

 Kehren wir "auf den Boden der Tatsachen", d.h. zu den schriftlichen Quellen zurück:

Für die römische Zeit sind uns mehrere Bezeichnungen überliefert, die durchaus gleichzeitig bzw. aufeinanderfolgend im Gebrauch gewesen sein könnten.

Schließlich befand sich in der Regensburger Bucht ja nicht nur das befestigte Legionslager, sondern auch eine westlich vorgelagerte Zivilsiedlung (canabae) und die militärische Anlage gegenüber der Naabmündung mit einer dazugehörigen kleinen "Ortschaft" (vicus). Außerdem war auch der Name des Kumpfmühler Kastells und der Donausiedlung möglicherweise bis in die Zeit des Legionslagers lebendig geblieben, weitergegeben von bereits Ansässigen an die Neuankömmlinge.

 Wäre die Überlieferungssituation besser, so ließe sich eine noch größere Zahl von Namen erwarten als die durch schriftliche Zeugnisse bekannten Legio, Regino, Reginum und Castra Regina.

Heute hat sich die wohl erst in der Spätantike entstandene Bezeichnung Castra Regina eingebürgert. "Regina" ist dabei dem vorrömischen Flußnamen des Regens entlehnt, so daß "Castra Regina" eine "militärische Befestigung an der Regenmündung" bezeichnet.

 

Castra Regina

Da das Gebiet des Regensburger Legionslagers (heute zentraler Altstadtbereich) durchgehend bebaut war, und die Möglichkeit großflächige Grabungen dort vorzunehmen, sehr eingeschränkt war und ist, kennen wir von der inneren Struktur des Lagers nur sehr wenig.

Römische Militäranlagen wiesen jedoch von Britannien bis Syrien ein gewisses Maß an Regelhaftigkeit auf. Bringen wir dieses Schema in Zusammenhang mit den bisher im Regensburger Altstadtbereich gemachten archäologischen Funden aus der Römerzeit, so können wir ein ungefähres Bild, wie Castra Regina im Inneren aussah, entwerfen. Klar sein muß uns dabei allerdings, daß es sich nur um eine Modellvorstellung handeln kann, die uns keine Sicherheit vorgauckeln darf und durch jede weitere Befundung verändert werden wird.

 

Versuch einer Schilderung des Lagerinneren

Gegliedert wurde das Lagerinnere u.a. durch die in Ost-West-Richtung verlaufende via principalis und die in Nord-Süd-Richtung führende via praetoria. Diese zwei Straßen bildeten gleichsam das Achsenkreuz des Lagers. An diesen Lagerhauptstraßen lagen die Sonderunterkünfte für Handwerker, Verwaltungssoldaten usw., das Lazarett, die Latrinen u.ä. Die rechtwinklig abzweigenden kleineren Lagergassen führten zu den Wohnquartieren der einfachen Soldaten. Da im Lager ca. 6.000 Mann untergebracht werden mußten, nahmen diese Kasernenanlagen den meisten Platz ein.

 Im südlichen Drittel des Lagerbereichs könnten sich die Stallungen für die Pferde der etwa 120 Mann starken Kavallerieeinheit, die zur Legion gehörte, befunden haben.

 Im Zentrum des Lagers, im Bereich der heutigen Schwarzen-Bären-Straße, lagen die principia, das Hauptquartier. Durch einen, aus wuchtigen Quadern bestehenden Eingang betrat man einen repräsentativen Gebäudekomplex, der einen weiten Innenhof umschloß. Die Baulichkeiten beherbergten Büros, Waffendepots, Repräsentationsräume und vor allem auch das Fahnenheiligtum. Hier wurden die Stangenfeldzeichen (signa) und der Legionsadler (aquila) aufbewahrt. Auch das Bildnis des Kaisers, dem göttliche Verehrung erwiesen werden mußte, hatte hier seinen Platz. Auf einem Altar im Hof wurden u.a. der disciplina militaris, der Göttin der militärischen Zucht und Ordnung, Opfer dargebracht. Die principia bildeten sowohl den verwaltungstechnischen als auch den kultischen Mittelpunkt des Lagers. Evtl. gehörte ein heute in einem romanischen Haus am Frauenbergl eingemauerter massiver römischer Türstock zu diesen Bauten.

 Ähnlich prächtig muß man sich wohl auch das praetorium, eigentlich das Wohnhaus des Kommandanten der Legion, vorstellen.

In Castra Regina lebte hier der Lagerpräfekt. Der Truppenkommandeur residierte in seiner Eigenschaft als Statthalter der Provinz in der Hauptstadt Augsburg. Ab und zu kam er persönlich zur Inspektion nach Regensburg. Meist jedoch überbrachte ein berittener Bote die Befehle, denn die Reise von Augsburg nach Regensburg war trotz des relativ gut ausgebauten Straßennetzes eine Strapaze.

 Wie die entdeckten Teile eines monumentalen Quadermauerwerkes andeuten könnten, lag das mehr einer Stadtvilla als einem militärlischen Quartier ähnelnde prätorium in Regensburg möglicherweise hinter den principia (Bereich Weißbräuhausgasse/Weiße-Lilien-Straße).

 Die via principalis entlang nach Osten ging man vorüber an den mit roten Ziegelplatten aus der legionseigenen Ziegelei gedeckten Lagerbaracken und Übungshallen. Dazwischen standen immer wieder Götterbilder, Weihealtäre und kleine tempelartige Kultanlagen. Nicht nur bei Kämpfen, sondern auch für die täglichen Dienstverrichtungen versuchte man die Hilfe der höheren Mächte zu erflehen. Dabei konnte sich sogar jede Hundertschaft (centuria) einer bestimmten, nur für sie zuständigen Gottheit unterstellen, wie uns ein erhaltener Weihealtar für den Genius (Schutzgott) einer solchen Einheit, der heute im archäologischen Untergeschoß im Niedermünster zu sehen ist, vor Augen führt.

 In den Außenbereichen des Lagers häuften sich Werkstätten und Handwerksbetriebe.

Am Fuße des Erdwalls, der auf der Innenseite der Lagermauer aufgeschüttet war, zog sich die via sagularis um das gesamte Lager. Gab im Gefahrfall der Hornist (cornicularius) das Signal, so konnte über diese 10 m breite Straße die Mauer von den Soldaten schnell bemannt werden. Außerdem stellte sich hier die Legion zum Exerzieren oder in Marschordnung zum Ausrücken im Ernstfall auf.

 

Die Soldaten

Im römischen Reich existierte zwar grundsätzlich Wehrpflicht, aber die römische Armee war eine Freiwilligen-Armee, d.h. jeder Reichsbewohner, der das römische Bürgerrecht besaß, und das war nach dem Jahr 212, als Kaiser Caracalla dieses Recht praktisch allen Reichsbewohnern zugestand, keine Besonderheit mehr, - also mehr oder weniger jeder- konnte sich für den Dienst in der Legion anwerben lassen. Wurde er in einem Werbebüro eingestellt, so begann eine mindestens 20jährige (meist 25jährige) Dienstzeit, die für die meisten der Angeworbenen eine sozialen Aufstieg bedeutete. Die Armee wurde immer mehr das Hätschelkind der römischen Kaiser, da die kaiserliche Macht auf die militärische Unterstützung immer mehr angewiesen war. Das Heer "machte" die Kaiser. Man kann sich leicht vorstellen, daß es den Soldaten damit materiell nicht schlecht ging. Obgleich der reguläre Sold nicht übermäßig hoch war, konnte sich selbst der einfache Soldat wegen der zahlreichen Sonderzahlungen, Geldgeschenke usw. einen gehobenen Lebensstandard leisten. Dienstgrade und Offiziere gehörten sogar meist zur sozialen Oberschicht ihrer Heimatgemeinden.

 Wenngleich die ersten Soldaten der III. Italischen Legion aus Oberitalien stammten, so wurde doch durch die laufende Ergänzung sehr bald die ethnische Geschlossenheit durch eine sozusagen "internationale Vielfalt" ersetzt. Man traf bald in der Legion Angehörige aus allen Teilen des römischen Reiches.

 Die jungen Männer traten im Durchschnitt mit einem Alter von 16-20 Jahren in die Armee ein. Eine Beförderung vom einfachen Fußsoldaten bis zum primus pilus der 1. Kohorte, dem bereits Offiziersrang zukam, war möglich. Dies bedeutete nicht nur den Aufstieg in die zweithöchste Klasse der römischen Gesellschaft, den Ritterstand, sondern auch einen Sold, der - man höre – etwa das 60fache des einfachen Soldatenlohns ausmachte.

 Der Soldat mußte seine Ausrüstung selbst kaufen. Die Waffen wurden in privaten Waffenschmieden, die z.T. in den größeren Kastellorten lagen, hergestellt. Da die Ausrüstung Eigentum des einzelnen Legionars war, versah sie der Besitzer gern mit Besitzmarken oder Besitzerinschriften. Mehrere Inschriften auf einem Stück zeigen, daß die Ausrüstung, wenn sie noch intakt war, nach der Dienstzeit weiterverkauft werden konnte.

 Der tägliche Dienst in der Armee war genau geregelt. Mit einem Hornsignal wurde noch vor Sonnenaufgang geweckt. Der Vormittag war den Waffen- und Gefechtsübungen vorbehalten. Die Mittagszeit wurde wieder durch ein Hornsignal gegeben.

 Soweit die Legionare nicht zum Wachdienst im Lager oder in den verschiedenen Wachttürmen an der Grenze abkommandiert oder zu anderen Spezialaufgaben (z.B. Futtertransport) abkommandiert waren, hatten sie am Nachmittag dienstfrei. Allerdings wird in den Militärhandbüchern immer wieder davor gewarnt, den Soldaten zuviel Freizeit zu lassen, da die militärische Disziplin darunter leide.

 Ein nicht geringer Teil der Angehörigen der III. Italischen Legion verrichtete seinen Dienst nicht im Stammquartier Castra Regina, sondern war in der Provinzhauptstadt Augsburg, wo sich der Sitz des Provinzstatthalters befand, für Verwaltungsaufgaben eingesetzt. Teile der Legion waren auch als Bautrupp beim Straßenbau oder für Kastellum- bzw. -neubauten in der ganzen Provinz eingesetzt (z.B. Böhming, Pfünz, Ellingen).

Freizeit

Was machten die Soldaten deren Dienst mittags endete? Sie hielten sich sicherlich nur die absolut notwendige Zeit in ihren Unterkünften innerhalb des Lagers auf. Denn die Unterbringung der einfachen Soldaten war nicht sehr komfortabel. Wie Ausgrabungen unter der Niedermünsterkirche und in der Grasgasse (Bayer. Vereinsbank) zeigen, müssen wir uns die Soldatenunterkünfte als etwa 60 m lange Baracken (Doppelbaracken) mit Steinfundament und evtl. Holzfachwerkaufbau vorstellen, die im Inneren durch Zwischenwände in einzelne Raumgruppen unterteilt waren. Ca. 80 Mann mußten sich so eine Baracke teilen, wobei jeweils 8 Mann (contubernium = Zeltgemeinschaft) 2 Räume zur Verfügung hatten.

Diese Wohngemeinschaften waren auch weitgehend für die Essenszubereitung zuständig. Die zugeteilte Verpflegung bestand aus ungemahlenem Getreide, das mit einer Handmühle geschrotet oder fein ausgemahlen und dann zu einem Brot- oder Teigfladen weiter verarbeitet wurde.

Da es keine Gemeinschaftsküche gab, erfolgte das Backen der Fladen auf kleinen Backöfen, die aus Gründen des Feuerschutzes in den agger (Erdwall an der Lagermauer) eingebaut waren (Funde im Bereich Niedermünsterkreuzgang). Fleisch, Gemüse, Käse, Obst bereicherten den Speisezettel der Soldaten.

 Die Lebensmittelversorgung der Legion stellte ein logistisches Problem ersten Ranges dar. Das Korn wurde oft von weit her transportiert. Obgleich der fruchtbare Gäuboden nahe lag, führte man z.B. für Castra Regina Lebensmittel bis aus Oberitalien ein. Aus diesem Grund saß in Trient ein "Einnehmer des Proviants der III. Italischen Legion", der für die Requirierung von Lebensmitteln zuständig war.

Werfen wir einen Blick auf die Unterkunft der Soldaten.

In den 2 kleinen Kammern, die jedem contubernium zur Verfügung standen - eine davon durch Oberlichtfenster schummrig erhellt -, war höchstens Raum für einen Schlafplatz (Stockbetten), eine offene Feuerstelle sowie für die Ausrüstung. Etwa 2 ½ m² überdachter Raum standen jedem Soldaten zur Verfügung. Sicherlich war man bemüht, dieser Enge weitmöglichst zu entfliehen. Allerdings war dafür im Lager kaum Gelegenheit, denn es gab für die unteren Dienstgrade keine Gemeinschaftsräume. Viele verbrachten ihre Freizeit deswegen entweder im Lagerbad (evtl. im Bereich Alter Kornmarkt), das nicht nur der Körperpflege, sondern auch der Geselligkeit diente. Andere hielten sich in den überdachten Säulenhallen auf, die die Lagerhauptstraßen begleiteten (Reste in Residenzstraße), und schlugen ihre Zeit mit Würfel- oder Brettspielen tot.

 Besser hatten es da schon die Offiziere. Für sie gab es Kasinos (sogenannte scholae), die im Verwaltungskomplex des Lagers, den principia, untergebracht waren.

Außerdem waren auch ihre Wohnungen, eigene Häuschen, die an die Mannschaftsbaracken angebaut waren, bedeutend luxuriöser. Sie umfaßten mehrere Räume, die zumindest zum Teil mit Fußbodenheizung ausgestattet waren. Trotz dieses Komforts werden auch die Offiziere versucht haben, ihre Freizeit möglichst außerhalb des Lagers zu verbringen. Möglichkeiten dazu gab es hinreichend.

 

Die Umgebung des Lagers

Zusammen mit den Legionaren waren auch eine große Menge an Zivilisten hierher gekommen. Man darf von insgesamt gut 10.000-15.000 Menschen ausgehen. Händler, Kaufleute, Handwerker, Wirte und Dirnen, sie alle ließen sich außerhalb des Lagers nieder. So entstand mit dem Legionslager gleichzeitig westlich davon eine ausgedehnte Zivilsiedlung, die sich im Süden bis zum heutigen Eisenbahngelände und im Westen bis zum Nonnenplatz erstreckte].

Vom Lager aus führte durch das Westtor [Einmündung Gesandtenstraße in Neupfarrplatz] die Verlängerung der Lager Ost-West-Achse (via principalis) etwa der Gesandtenstraße entsprechend] eine Straße in die Zivilsiedlung. Die Straßen waren zum Teil gepflastert, von gedeckten Säulengängen flankiert und mit Kanalisation versehen. Die Zivilsiedlung dürfte ein buntes Bild voller Leben geboten haben. Von den Hauptstraßen zweigten kleinere Nebenstraßen ab und unterteilten die canabae, wie man eine solche zivile Siedlung nennt, in einzelne Häuserblöcke (insulae, Nähe Arnulfsplatz 60 x 25 m).

 Im Erdgeschoß der Gebäude, zur Straße hin, öffneten sich die Läden der Händler und die Werkstätten der Handwerker. Die Breite des Warenangebotes war ein Spiegelbild der Größe des Weltreiches. Auch der einfache Soldat konnte sich beim Geschirrhändler neben der einheimischen sogenannten rätischen Firnisware das gehobenere Tafelgeschirr, terra sigillata-Gefäße aus Westerndorf, Rheinzabern oder gar aus Südfrankreich leisten. (Schüssel ca. 5 Sesterzen; Jahreslohn eines Legionssoldaten um 200 n. Chr. ca. 2400 Sesterzen.)

Der Kleiderhändler bot neben dem groben Kapuzenmantel, der der einheimisch-keltischen Tracht entstammte, auch feinere Stoffe feil. Das Angebot im Delikatessengeschäft entsprach ebenfalls dem "Geschmack der großen weiten Welt"; vom Pfeffer aus Indien bis zu den in Öl eingelegten Austern vom Mittelmeer oder Atlantik war alles zu haben. Natürlich durfte auch garum, die schmackhafte Würzsoße, die man vor allem in Südspanien aus halbverfaulten Fischen gewann, nicht fehlen. Wein aus Italien, Obst aus dem Süden fanden sich genauso auf dem Markt wie einheimische Produkte, die die in der Umgebung lebenden Bauern (meist ehemalige Soldaten) lieferten.

 Auch in punkto Unterhaltungsmöglichkeiten konnte sich "Klein-Rom" an der Donau sehen lassen. Wirtshäuser gab es in großer Zahl. Hier floß der gemischte Wein in Strömen (der Schoppen kostete nur wenige Asse), und beim - offiziell verbotenen - Würfel- oder Brettspiel dürfte mancher Sesterz seinen Besitzer gewechselt haben. Viele der Gastwirtschaften boten auch über Getränke und Speisen hinausgehende Unterhaltung für die Gäste. Die Prostitution blühte und wenn man sich etwa für eine Übernachtung ein Zimmer in einem Gasthaus mietete, war das Mädchen häufig automatisch im Zimmerpreis mit inbegriffen. Am Morgen danach konnte man seiner Angebeteten dann beim nahen Juwelier kostbaren Schmuck und Edelsteine kaufen. Für diejenigen, die sich dabei finanziell übernommen hatten, war der Besuch beim Geldverleiher dann oft die letzte Rettung.

 Für das körperliche und seelische Heil war ebenfalls gesorgt; der Weg zum Quacksalber stand denen offen, die den Militärärzten mißtrauten, und Devotionalienhändler und Wahrsager sorgten für die Abergläubischen, denen die offiziellen Götter nicht genügten.

 Neben Gewerbetreibenden aller Art lebten in der Siedlung auch die Familien der Soldaten. Wenngleich der römische Soldat während seiner Dienstzeit offiziell unverheiratet sein mußte, so hatten doch die meisten eine Familie. Viele Soldaten suchten sich eine Frau aus der Umgebung, mit der sie in einem zwar rechtlich nicht gesicherten, aber dennoch eheähnlichen Verhältnis zusammenlebten und Kinder zeugten. So daß die Einwohnerzahl der Zivilsiedlung rasch anwuchs. Einen nicht geringen Teil der Bevölkerung bildeten auch die Veteranen, also dienstentlassene Soldaten, die nach ihrer langen Militärzeit häufig nicht mehr in ihre Heimat zurückkehrten, sondern sich nahe ihres Garnisonsortes niederließen und mit ihren nun rechtsgültigen Ehefrauen und Kindern die soziale "upper class" bildeten.

 Die Regensburger Zivilsiedlung erlebte in den anfänglichen Friedensjahren eine wirtschaftliche Blüte und nahm sicherlich fast stadtartiges Gepräge an, wenngleich sie rechtlich diese Stellung niemals erreichte. Durch die römischen Legionare, die Lesen, Schreiben und die offizielle Kommandosprache Latein verstehen mußten, waren römische Kultur und Lebensgewohnheiten auch hier an der Nordgrenze des Weltreiches eingezogen. Und wenn die Ehefrauen der höheren Offiziere geschminkt und frisiert nach dem Vorbild der jeweiligen Kaiserin - die Mode erreichte Castra Regina sicherlich immer etwas zeitverzögert - mit ihren Sklaven und Sklavinnen in der Siedlung einkaufen gingen, dann wehte auch hier ein Hauch von Rom durch die Gassen, in denen sich ein gewisser, wenn auch provinzieller Wohlstand entwickelt hatte.

 An dieser Schilderung wird deutlich, daß für viele Gegenden die Einbeziehung in das römische Reich keineswegs in erster Linie Unterwerfung unter eine imperialistische, ausbeuterische Macht bedeutete. Gerade für unser Gebiet trifft dies in besonderem Maße zu, da es hier so gut wie nichts auszubeuten gab.

Vielmehr brachte die Zugehörigkeit zum Imperium bisher nicht gekannte Vorteile und Errungenschaften:

Rechtssicherheit, inneren Frieden, die Möglichkeiten eines sozialen Aufstiegs, Dinge, für die eine auf Kriegszüge und Beutemachen ausgerichtete Gesellschaft wie die germanische nicht einmal sprachliche Begriffe besaß.

Der bereits angesprochene Wohlstand schlug sich auch in den Wohnquartieren nieder. Abgekehrt vom Lärm und Treiben der Hauptstraße orientieren sie sich nach hinten zu einem Hof. Die Fenster der Wohnräume waren meist vergittert, häufig aber auch verglast. Die einzelnen Zimmer besaßen Fußboden- und Wandheizung. Die Wände der Zimmer wiesen häufig auf einer dicken Putzschicht einfache Wandmalereien (geometrische Muster oder stilisierte Pflanzenmuster) auf, auch das eine Nachahmung der Wohnkultur im Süden.

 Im römischen Regensburg muß es neben den Lokalen für Handel, Gewerbe und Unterhaltung sicher auch öffentliche Bauten (z.B. Rathaus, Thermen, Vereinslokale) gegeben haben. Ein Amphitheater, in dem herumreisende Gladiatorenschulen ihr grausames Können im Kampf Mensch gegen Tier oder Mensch gegen Mensch zeigten, dürfte genauso wenig gefehlt haben wie eine kleine Theaterbühne, auf der Schauspielergruppen meist ins Obszöne gehende derbe Stücke aufführten, wie sie bei den Zuschauern äußerst beliebt waren. Von all dem konnte die Archäologie bisher keine Spuren finden.

 Militärlager und Zivilsiedlung gehörten also zusammen - allerdings stellen sie noch nicht das gesamte römerzeitliche Regensburg dar.

 Vielmehr bot sich von der Höhe des Ziegetsberges, wo die Fernstraße aus Ausburg kommend das Donautal erreichte, beim Blick in den Donaubogen das Bild einer sehr differenzierten Siedlungslandschaft.

Gleich auf dem Scheitelpunkt der Erhebung lag ein Tempelbereich für Merkur, der beliebtesten Gottheit in Rätien. Was lag näher, als das Heiligtum für den Gott der Kaufleute, Händler und Reisenden - aber auch der Diebe - hier direkt an der Fernstraße anzulegen. Um einen sogenannten gallorömischen Umgangstempel gruppierten sich 2 kleinere Tempelgebäude, davor mehrere Altäre sowie die Buden der Devotionalienhändler. Wie die große Anzahl von Scherben von Opfergefäßen sowie von tönernen Götterstatuetten deutlich macht, lief deren Geschäft ganz gut.

Nicht nur Einheimische vor Antritt einer Reise, auch Fremde beteten hier für den günstigen Ausgang ihrer Geschäfte, wie etwa eine Weiheinschrift zeigt, die von Trierer Kaufleuten gestiftet wurde.

 Blickte man vom Tempelbezirk in Richtung Westen, zur Naabmündung, dann konnte man am südlichen Donauufer eine dorfartige Siedlung (vicus) ausmachen. Sie war im Schutz einer kleinen Militäranlage entstanden, deren Besatzung - nur 40-50 Mann - die Flußmündung überwachen.

Archäologische Untersuchungen im Zuge der Entstehung einer Wohnbebauung [Kornweg] brachten hier Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre Erstaunliches ans Tageslicht. Zahlreiche Gewerbebetriebe konnten nachgewiesen werden. Ein mit beschädigten Rüstungsteilen und anderen Metallgegenständen gefüllter Keller läßt auf einen metallverarbeitenden Betrieb schließen. In einem anderen Gebäude fanden sich ein Brunnen, eine Trockenanlage (Darre), ein Wasserbecken sowie ein gemauerter Ofen. Eine nähere Spezifizierung der sicher anzunehmenden gewerblichen Nutzung ist derzeit nicht möglich. Ob Bierbrauerei oder Weinkelter, all das muß Spakulation bleiben und könnte nur eventuell durch eine Bodenanalyse geklärt werden.

Die Nutzeinrichtungen wurden mit einem Holz-Glas-Pavillon überdacht und sind als ein kleines Museum zu besichtigen.

 Rund um das Lager und die Zivilsiedlung lagen eine ganze Reihe von Bauernhöfen (villae rusticae). Der gesamte heutige südliche Landkreis war mit solchen Hofstellen aufgesiedelt, die zur Versorgung der Legion angelegt wurden.

 Wanderten Reisende auf der Straße vom Ziegetsberg herab, so durchschritten sie kurz bevor sie die Zivilsiedlung erreichten, das ausgedehnte Gräberfeld (heute Bahngelände). Unübersehbar war die Menge der Gräber; die angenommenen Zahl von 6.000 Bestattungen ist sicherlich viel zu niedrig angesetzt. Wie die Funde zeigen wurde dieses Gräberfeld wahrscheinlich kontinuierlich vom 2. bis ins 8. Jhdt. belegt.

Direkt an der Hauptstraße fanden sich die Gräber der Reichen und Vornehmen - prächtige Pfeilergrabmäler oder wie kleine Tempel aussehende Grabhäuser. Weiter abseits waren die einfacheren Erdgräber der Ärmeren zu erkennen - wie die Grabsteine zeigen, häufig Familiengräber.

 

Die Entwicklung vom 3. bis zum 6. Jahrhundert

Das beschauliche Leben in Castra Regina änderte sich im Laufe des 3. Jhdts.

Neue Stammesgebilde tauchten an der Reichsgrenze im Bereich der oberen Donau auf. Die Alamannen, entstanden aus dem Zusammenschluß mehrerer kleinerer germanischer Teilstämme, durchbrachen plündernd und zerstörend den obergermanischen und westrätischen Limes. Und während vielleicht Teile der III. Italischen Legion im Osten gegen die Sassaniden kämpften, wurden in den 40er Jahren des 3. Jhdts. auch das Legionslager und das Umland von Regensburg stark verwüstet. Die immer wieder für diese Epoche feststellbaren Zerstörungshorizonte im archäologischen Befund (z.B. Bismarckplatz) sprechen eine deutliche Sprache.

Während das Lager nach diesen Anstürmen wieder aufgebaut wurde, erholte sich das Umland kaum mehr von den Zerstörungen. Die meisten Gutshöfe wurden aufgegeben. Die zahlenmäßige Übermacht der germanischen Stämme war groß, das Weltreich innerlich politisch zerrissen, und Rom mußte das Gebiet nördlich der Donau völlig preisgeben (nach 259/60). Nun orientierten sich die Grenzen Raetiens wieder an den Flüssen Rhein, Iller und Donau.

Noch ein zweites Mal, Ende des 3. Jhdts., wurde Castra Regina in Schutt und Asche gelegt.

 Eine Ahnung von den Greueltaten, die die Alamannen während ihrer Plünderungszüge verübten, vermitteln die makaberen Funde, die man 1981 beim Neubau des Regensburger Justizgebäudes sowie bei den Grabungen anläßlich der Errichtung des BMW-Werkes in Regensburg-Harting machte. In beiden Fällen entdeckte man menschliche Skelettreste. Der Schädel einer jungen Frau wies deutliche Spuren von Schwerthieben auf; bei den Überresten der Bewohner des römischen Gutshofes in Harting (14 Männer, Frauen und Kinder) zeigte sich, daß allen Opfern systematisch die Stirn mit einem harten Gegenstand, eventuell einer Eisenstange, eingeschlagen worden war. Schnittspuren an der Stirn eines weiblichen Schädels, wie sie nur beim Skalpieren entstehen, sowie starke Zertrümmerung der Knochen bezeugen, daß hier mit großer Wahrscheinlichkeit eine beabsichtigte Verstümmelung, ein blutiges Hinschlachten von Menschen stattgefunden hat. Ein Opferritual wäre denkbar.

 Trotz schwerster Verluste bei Zivilbevölkerung und militärischer Besatzung erlosch das Leben in und um das Lager nicht ganz. Die wenigen weiter existierenden Gutsbetriebe (ca. 1/10 der Betriebe des 2. und 3. Jhdts.) konzentrierten sich in der unmittelbaren Umgebung der Befestigung. Hier wurde die Umwehrung wieder ausgebessert; damals mauerte man möglicherweise je eine Hälfte der doppelbögigen Tore zu. (s. Porta Prätoria).

 Aber auch das Lagerinnere änderte sein Aussehen gewaltig. Allem Anschein nach zog die Zivilbevölkerung der Siedlung in das Kastell - wahrscheinlich v.a. in den Süd- und Westteil, während der Nordostteil weiterhin stärker militärisch geprägt blieb. Die III. Italische Legion wurde Anfang des 4. Jhdts. (sog. 'Diokletianische Heeresform') in 6 Unterabteilungen zu je ca. 1.000 Mann aufgeteilt. Nur eine dieser neuen Abteilungen lag weiterhin in Regensburg.

 Ein Teil der Forschung möchte in einem mächtigen Bau am Alten Kornmarkt, der allerdings nur unzureichend bekannt ist, auf Grund seiner vornehmen Ausstattung - Ziegelfußboden, Fußbodenheizung, Wandmalerei - den Sitz des spätantiken militärischen Befehlshabers vermuten.

 Die Funktion des Lagers hatte sich jedenfalls entscheidend geändert, aus der Kaserne war im Laufe des 4. Jhtds. eine mauerumwehrte Zivilsiedlung mit militärischer Besatzung geworden.

 Das Leben ging weiter - zwar unter einfacheren Bedingungen, aber die Friedenszeit in der ersten Hälfte des 4. Jhdts. ließ den Fernhandel wieder aufleben und bald gab es auch wieder gehobenere Artikel zu kaufen.

Diese Nachblüte wurde durch eine erneute Katastrophe abrupt unterbrochen. Um 357 fielen Juthungen, ein Teilstamm der Alamannen, in Raetien ein und richteten schwere Verwüstungen in der Provinz an. Auch Castra Regina dürfte in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Die Besiedlung des Umlandes kam nun fast völlig zum Erliegen.

 

Das Ende der römischen Herrschaft in Raetien

Die Soldaten, die seit dem späten 3. Jhdt. die Besatzungen der Grenzbefestigungen bildeten, waren kaum mehr die Nachkommen der vorher in diesem Raum lebenden provinzialrömischen Bevölkerung. Die Alamannenstürme hatten sie fast ausgerottet.

 Die römische Militärverwaltung war gezwungen, die Grenzverteidigung immer mehr germanischen Söldnern zu überlassen, Alamannen, Juthungen, Goten wurden zur Rekrutierung herangezogen. Römer finden wir fast nur mehr in der Oberschicht bei Militär und Verwaltung.

Im 3. und 4. Jhdt. ging somit in Raetien geradezu ein Bevölkerungswechsel vonstatten. Die seit dem 1. Jhdt. ansässigen Provinzialen keltischer und italischer Abstammung wurden durch Germanen verschiedener Herkunft ersetzt.

 Um 400 beginnt am ostraetischen Limes eine neue, und wie sich zeigen soll, folgenschwere Entwicklung. Beiderseits der Grenze treten Bevölkerungsgruppen auf, die dem elbgermanischen Kulturkreis zuzurechnen sind. Erkennbar werden sie für uns durch ihre typische Keramik - flache Schalen, mit freier Hand geformt und mit Schrägriefen versehen. Wie die archäologischen Funde zeigen, sind diese Leute wahrscheinlich aus Südwestböhmen nach Nordbayern gezogen. Sie werden in der archäologischen Fachsprache nach zwei großen Brandgräberfeldern nördlich von Straubing und in Südwestböhmen als "Friedenhain-Prestovice-Gruppe" bezeichnet. Leitlinie für ihren Weg war jene Paß-Verbindung, die aus dem Böhmischen Kessel in die Cham-Further-Senke führte; von da erschließt das Regental einen Weg zur Donau und damit auch zum römischen Regensburg.

 Ihre Dörfer legten die Neuankömmlinge zum großen Teil in Sichtweite der römischen Grenzbefestigungen an; dies läßt darauf schließen, daß ihre Ansiedlung von den Römern gebilligt wurde. Schon bald erfolgt eine intensive Rekrutierung. Zwischen Eining und Straubing scheinen die Neusiedler bald den größten Teil der römischen Truppen gestellt zu haben. Die Grenzverteidigung lag damit in der Hand von Föderaten, d.h. vertraglich verpflichteten und entlohnten, aber weitgehend intakten und selbständigen germanischen Stämmen und Stammesteilen. Ihre Befehlshaber übernahmen möglicherweise die militärischen Uniformen und Rangabzeichen ihrer Vorgänger. Eventuell standen auch noch Romanen als Offiziere in Dienst.

 Gerade in Castra Regina nahm die elbgermanische Komponente immer mehr zu und spielte im 6. Jhdt. bereits die dominierende Rolle. Die letzte Abteilung der III. Italischen Legion war Ende des 4. Jhdts. aus dem Lager abgezogen und die leeren Kasernenbauten von den Elbgermanen übernommen worden.

 Den römischen Zivilisationserrungenschaften standen die neuen Bewohner allerdings fremd gegenüber. Wie archäologische Grabungen unter der Niedermünsterkirche und in der Grasgasse zeigen, verfielen die Fußbodenheizungen in den Offizierswohnungen, die Heizkanäle verfüllten sich mit Schutt. Dem Verfall der Häuser wußte man nur mit primitiven Methoden - Einziehen von Holzstützen, Ausbesserung der Estriche mit Lehm - notdürftig Einhalt zu gebieten.

Eine romanische Restbevölkerung - die Reichen und Vornehmen waren wahrscheinlich längst nach Süden abgewandert - lebte unter Wahrung ihrer kulturellen Eigenständigkeit neben den germanischen Neuankömmlingen weiter.

Die Zeit ließ aus dem Nebeneinander ein Miteinander werden; diese friedliche Koexistenz kommt besonders deutlich bei einem Gefäß, das die Archäologen bei ihrer Grabung in der Grasgasse entdeckten, zum Ausdruck. In römischer Technik - auf der Scheibe - angefertigt, allerdings in Form und Aussehen der Keramik der böhmischen Föderaten ähnlich, zeigt es die Verbindung beider Kulturen.

 Wenngleich die Entwicklung forscherisch noch keineswegs vollständig und widerspruchsfrei erfaßt ist, so können wir doch festhalten, daß man sich das Ende der römischen Herrschaft nicht durch einen schroffen Gegensatz Germanen - Römer vorstellen darf. Langsam, regional unterschiedlich, "versickerte" sozusagen im bayerischen Raum die römische Macht.

 Spätestens 476 hörten die Soldzahlungen Roms an die Grenztruppen auf; die rätische Grenzverteidigung brach damit endgültig zusammen. Die meisten der Föderaten werden jedoch in ihren Garnisonsorten oder deren Umgebung geblieben sein. So wurde etwa das große Gräberfeld vor den Festungsmauern ohne Unterbrechung weiterbelegt.

 Nach dem Zusammenbruch der Grenzverteidigung setzte von Westen her der Vormarsch der Alemannen sowie die Einwanderung weiterer elbgermanischer Stammesgruppen (aus Thüringen, Südböhmen, Nordböhmen) ein, die bald weite Teile des ostbayerischen Raumes beherrschten. In Regensburg selbst scheint es jedoch, als ob die ansässige "böhmische Gruppe" weiter ihre Vormachtstellung behaupten konnte.

 

Die Männer aus Baia

Die Herrschaft über Italien hatte gegen Ende des 5. Jhdts. der Ostgotenkönig Theoderich, der sagenhafte Dietrich von Bern, an sich gebracht; der letzte weströmische Kaiser, Romulus Augustulus, war im Jahre 476 von dem Germanen Odoaker abgesetzt worden. Dieser wiederum wurde von Theoderich mit eigener Hand erschlagen.

 Das Gebiet bis zur Donau war damit ostgotisches Interessengebiet geworden.

Im Jahre 536 gaben die Ostgoten allerdings ihren Anspruch auf das Alpenvorland zu Gunsten der Franken auf; deren Expansion hatte seit der Wende zum 6. Jhdt. den Zuzug größerer Bevölkerungsgruppen aus dem Westen und Norden in den Ostraetischen Raum mit sich gebracht. Die politische und ethnische Entwicklung dieses Gebietes in der ersten Hälfte des 6. Jhdts. ist leider nur andeutungsweise zu erschließen. Der gesamte süddeutsche Raum bildet in ethnischer und kultureller Hinsicht eine Einheit, die von den Archäologen nur mit Mühe untergliedert werden kann.

 In den schriftlichen Quellen taucht um das Jahr 551 erstmals der Name "Baibari" für das Volk auf, das in östlicher Nachbarschaft zu den Alemannen wohnte. Ein gutes Jahrzehnt später (ca. 565) bezeichnet der Dichter und spätere Bischof von Poitiers, Venantius Fortunatus, die Leute östlich des Lechs als "baiovarii".

Dieser Name hat die Wissenschaft zu immer neuen Theorien gereizt, ohne daß bisher eine widerspruchsfreie Lösung gefunden werden konnte; seine Deutung als "Männer aus Baia = Böhmen" ist eine Möglichkeit, die derzeit zwar von vielen Wiissenschaftlern favorisiert wird, gegen die es jedoch durchaus auch ernstzunehmende Gegenargumente gibt.

 Folgt man der 'Böhmen-These', so könnte man in diesen "Leuten aus Böhmen" die Nachfahren der böhmischen Föderaten zu sehen? Dieser Schluß bietet sich zwar an, ist aber bisher noch keineswegs eindeutig bewiesen. Jedenfalls darf man sicher nicht von der geschlossenen Einwanderung eines fertig ausgebildeten Stammes ausgehen.

Die Geschichte, wie sie sich für uns durch die Archäologie erschließt, zeigt, daß der Stamm der Baiern vielmehr aus vielfältigen ethnischen Elementen - Alamannen, Franken, Langobarden, Ostgoten, Romanen, Elbgermanen - zusammenwuchs. Ein römisch-germanisches Bevölkerungsgemisch, das sich erst allmählich, möglicherweise durch politischen Druck von außen, als Einheit begriff.

Die "Männer aus Böhmen" waren damit - wenn überhaupt - nur eine der vielen Gruppen, die an der Ausbildung des neuen Stammes teilhatten. Ihre Herrschaft über die praktisch uneinnehmbare und unzerstörbare Festung Castra Regina mag ihnen eine herausragende Rolle innerhalb der Stammesentwicklung zugeteilt haben, die sie möglicherweise auch zum Namensgeber des neuen Volkes werden ließ. Es ist damit aber nicht gesagt, ob sie oder ihr Adel tatsächlich die alleinige Führung innerhalb des Stammes besaßen.

Es ist auch nicht gesagt, ob Regensburg von Anfang an politischer Mittelpunkt des im Entstehen begriffenen Herrschaftsgebildes war. Einiges spricht aber dafür, daß die ihre massive Quaderummauerung noch besitzende Festung zum Kristallisationskern des neuen Stammes der Baiern wurde. Ihre gewaltigen Mauern erschienen noch im 8. Jhdt. als das Charakteristikum.

 Mit einiger Wahrscheinlichkeit dürfte die Stadt, obwohl sie innerhalb des bairischen Stammesgebietes wenig zweckmäßig am Nordwestrand lag, von Anfang an auch Sitz der Herzöge gewesen sein.

555 begegnet uns mit Garibald erstmals ein bairischer Herzog, dessen Nachkommen als Agilolfinger bezeugt sind. Er wird vom Frankenkönig Chlothar mit der langobardischen Königstochter Walderada verheiratet. Dies zeigt die enge Verbundenheit der Agilolfinger, über deren Herkommen ein weitgespanntes Spektrum von Forschungsmeinungen existiert, mit den Franken.

 

Stand: VI 99

Balken Oben