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Exkursion Kriege erinnern.
Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Krieg 1992-1995 in Bosnien-Herzegowina

Route und Exkursionsziele:

1. Zagreb 8. Jablanica
2. Jasenovac 9. Mostar
3. Donja Gradina 10. Sutjeska
4. Kozara 11. Gorazde
5. Prijedor 12. Srebrenica
6. Banja Luka 13. Sarajevo
7. Sarajevo
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Srebrenica / Potočari

Inhalte dieser Seite


Überblick

Das Massaker an bosniakischen Jungen und Männern im Juli 1995 in Srebrenica ist mittlerweile offiziell als Genozid anerkannt, und seit 2003 finden auf der Gedenkanlage Potočari am 11. Juli jeden Jahres Gedenkveranstaltungen und Massenbeerdigungen statt. Srebrenica ist nicht nur Symbol der Gewalttätigkeit und Brutalität des Krieges 1992-1995, sondern auch des Versagens der internationalen Gemeinschaft in diesem Krieg.

Offizielle Internetseite des Memorialzentrums Potočari-Srebrenica: http://www.potocarimc.ba/_ba/mc/


Julia Kling: "Die Rolle der UN im Fall Srebrenica"

Das ostbosnische Srebrenica, in dem im Juli 1995 mehrere tausend Bosniaken von bosnisch-serbischen Truppen unter Ratko Mladić hingerichtet wurden, ist zu einem Symbol für die Schrecken geworden, die sich hinter dem Begriff „ethnische Säuberungen“ verbergen.

Das niederländische Kontingent (Dutchbat) war hier stationiert.Die in Srebrenica begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit wiegen jedoch noch viel schwerer durch die Tatsache, dass die Enklave bereits seit 1993 den Status einer UN-Schutzzone („safe-area“) trug und daher unter dem expliziten Schutz der Vereinten Nationen und deren Friedenstruppen stand.

Das grausamste Massaker in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg fand damit praktisch vor den Augen der ganzen Welt statt, ohne dass von Seiten der UN eingeschritten wurde.

Nach Bekanntwerden der Gräueltaten wurden sowohl von der UN als auch der niederländischen Regierung Untersuchungen in Auftrag gegeben, um festzustellen, inwiefern die Blauhelmsoldaten vor Ort und die Vereinten Nationen als ganzes Mitverantwortung an den Ereignissen im Juli 1995 tragen. Man kam zu dem Ergebnis, dass das niederländische Kontingent (Dutchbat), das zum Zeitpunkt der Verbrechen in der Enklave stationiert war, durch ein unklares Mandat und eine deutliche militärische Unterlegenheit gegenüber den anrückenden bosnisch-serbischen Truppen der Bevölkerung kaum Schutz bieten konnte. Verschärft wurde die Lage noch durch die Tatsache, dass sich über 50 Soldaten des Dutchbat in serbischer Geiselhaft befanden. Fatal war auch die Order, die an die Blauhelmsoldaten in Potočari übermittelt wurde, dass der Schutz der eigenen Truppen Vorrang vor der Ausführung des Mandats habe, was dazu führte, dass Tausenden Flüchtlingen, die im niederländischen Compound Schutz gesucht hatten, nicht geholfen wurde.

SrebrenicaHinzu kamen jedoch noch weitere schwerwiegende Fehler von Seiten der Vereinten Nationen. Obwohl mehrmals von den Niederländern angefordert, wurde keine NATO-Luftunterstützung geschickt, wohl weil in UN-Kreisen befürchtet wurde, der friedenssichernde und humanitäre Einsatz der Blauhelmsoldaten würde dadurch gefährdet werden. Auch der kaum funktionierende Informationsaustausch zwischen den einzelnen Zuständigkeitsbereichen hatte verheerende Folgen, da er dazu führte, dass selbst dann, als vor Ort klar wurde, welche Ziele Mladić mit der Enklave verfolgte, diese Informationen nicht mit genügend Nachdruck nach oben weitergegeben wurden, bzw. dass man von Seiten der Einsatzleitung nicht in angemessener Weise auf die Entwicklungen reagierte.

SrebrenicaIm Fall Srebrenica zeigen sich viele der Versäumnisse, die an sich auch symptomatisch für das gesamte Engagement der UN während des Krieges in Bosnien-Herzegowina war: Die internationale Gemeinschaft schätzte nicht nur die serbischen Kriegsziele völlig falsch ein, sie hatte vor allem auch kein gemeinsames Konzept für den Einsatz. Erst das Bekanntwerden des Massakers von Srebrenica führte dazu, dass eine Neuausrichtung des internationalen Engagements in Bosnien-Herzegowina beschlossen wurde.

Quellen




Claudia Wagner: "Nationale und internationale Folgen des Massakers von Srebrenica"

Das Massaker von Srebrenica im Juli 1995, bei dem innerhalb weniger Tage über 8000 muslimische Jungen und Männer umgebracht wurden, war trauriger „Höhepunkt“ des Bosnien-Krieges von 1992 bis 1995. Die wenigen hundert in Potočari stationierten UN-Soldaten mussten zusehen, wie die bei ihnen vor den serbischen Truppen Schutz suchenden Männer und Frauen getrennt wurden, um in Bussen an unbekannte Orte gebracht zu werden. Unmittelbar nach dem Abtransport herrschte Unklarheit über den Verbleib der Männer. Erst in den Folgemonaten wurde anhand von Zeugenaussagen der wenigen Überlebenden und Satellitenbildern das Ausmaß des Grauens begriffen. Überlebende und Angehörige, Blauhelm-Soldaten und das UN-Generalsekretariat, die in Bosnien lebenden Nationen und der Oberste Repräsentant gingen und gehen ganz unterschiedlich mit dem Massaker und seinen Folgen um.

Schuldeingeständnisse

Am 15. November 1999 wurde der Bericht des UN-Generalsekretärs Kofi Annan veröffentlicht, der zu Vorwürfen Stellung nimmt und Versäumnisse der UN auflistet.

Erstens seien die ergriffenen Maßnahmen der UNO weder ausreichend noch sinnvoll gewesen. Das Waffenembargo verfehlte sein Ziel, die humanitäre Hilfe erreichte oft die Opfer nicht, und ein Einsatz von Friedenstruppen wäre nur dann sinnvoll, wenn auch ein tatsächlicher Friedenswille der beiden Parteien zu erkennen gewesen wäre bzw. ein Friedensabkommen vorgelegen hätte. Zweitens werden der fehlende Informationsfluss angeprangert (Bsp. Luftstreitkräfte) sowie zahlreiche Fehlinformationen zugegeben. Außerdem gibt der Generalsekretär zu, dass das Ausmaß der serbischen Kriegsziele nicht erkannt worden ist. Auch den Sinn der Schutzzone stellt er in Frage: die „save area“ war keinesfalls sicher, da eine ausreichende Verteidigung nicht möglich war; die Entmilitarisierung der Zone vereinfachte nur den serbischen Angriff, da die Muslime nur noch wenige leichte Waffen besaßen, die Serben dagegen schweres Gerät.

Diesem umfassenden Schuldeingeständnis folgte von niederländischer Seite der Bericht des Instituts für Kriegsdokumentation NIOD, der den Niederlanden im April 2002 eine Mitschuld am Massaker anlastete. Der Bericht führte zum Rücktritt des gesamten Kabinetts unter dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Wim Kok. Im Juli 2005 räumten die Niederlande in einem Regierungsbericht ebenfalls ihre Mitschuld ein. Gleichzeitig erhielten im Dezember 2006 jedoch ca. 500 ehemalige Blauhelm-Soldaten einen Orden der niederländischen Regierung. Sie hätten, so der Außenminister Henk Kamp, einen „außerordentlich schwierigen Auftrag“ und nach offiziellen Untersuchungen träfe sie keine Mitschuld. Die Auszeichnung sorgte für erhebliche Unruhe und Proteste in Bosnien-Herzegowina.

Im Juni 2004 erkannte die Regierung der Republika Srpska das Massaker als solches an. Ende März 2010 nahm die Regierung Serbiens nach einer turbulenten Sitzung mit knapper Mehrheit eine Resolution an, in der sie sich für das Massaker entschuldigte, jedoch den Begriff „Genozid“ vermied.

Gerichtliche Verfahren

Bereits am 25. Mai 1993 wurde durch die Resolution 827 des UN-Sicherheitsrates der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) gegründet, der bis heute über 160 Verdächtige angeklagt hat. Er erhob im November 1995 Anklage gegen den Anführer der bosnisch-serbischen Armee und Sonderpolizei, Ratko Mladić, und gegen den Präsidenten der Republika Srpska, Radovan Karadžić. Im Februar 2002 begann der Prozess gegen den ehemaligen Staatspräsidenten Slobodan Milošević. Zu Diskussionen in Serbien und ganz Europa führte das im Rahmen des Prozesses gezeigte „Skorpion-Video“, in dem sechs muslimische Zivilisten, z.T. minderjährig, von Mitgliedern der serbischen paramilitärischen Gruppierung Škorpioni (Skorpione) erschossen werden. Milošević verstarb im März 2006. Im Juli 2008 konnte Karadžić festgenommen werden; sein Prozess läuft zur Zeit. Ursprünglich wollte der ICTY seine Arbeit im Jahr 2011 beenden, jedoch befindet Mladić sich noch immer auf der Flucht.

Eine Klage Bosnien-Herzogowinas gegen Serbien als Rechtsnachfolger der Bundesrepublik Jugoslawien hatte keinen Erfolg. Nichtsdestotrotz schätzte der Internationale Gerichtshof in seinem Beschluss Ende Februar 2007 das Massaker von Srebrenia als Genozid ein.

Auch die Klage der 2002 gegründeten Organisation „Mütter von Srebrenica“ am Landgericht Den Haag gegen die UN im Juni 2007 wurde aufgrund des Immunitätsstatus der UN zurückgewiesen. Im März 2010 bestätigte das Berufungsgericht in Den Haag die Immunität der UN.

Hilfe vor Ort – das schlechte Gewissen der „Internationalen“

Bereits kurz nach dem Krieg begannen die Mütter und Witwen der vermissten Männer durch Proteste am 11. eines jeden Monats des Massakers zu gedenken. Sie forderten ein Mahnmal in Potočari, dem ehemaligen Stützpunkt der UN, wo die meisten von ihnen ihre Männer zuletzt gesehen hatten. Nur zögernd ließen sich die bosnisch-muslimische SDA-Partei und die internationale Gemeinschaft überzeugen. Als im Stadtrat von Srebrenica keine Einigung über den Ort des Gedenkens zu erreichen war, erließ der Oberste Repräsentant Wolfgang Petritsch am 25. Oktober 2000 den Beschluss, in Potočari – also auf dem Territorium der Republika Srpska - einen Friedhof und ein Mahnmal zu errichten. Im Mai 2001 wurde die „Srebrenica-Potočari Memorial and Cemetery Foundation“ gegründet, und knapp zwei Jahre später wurden die ersten 600 Opfer beigesetzt. Die Internationale Kommission für vermisste Personen (ICMP) hatte eigens ein Pionierprogramm entwickelt, um die 40 000 Vermissten in Bosnien-Herzogowina und des Kosovo-Krieges zu identifizieren. Im September 2003 folgte die offizielle Eröffnung der Gedenkstätte durch Bill Clinton. Finanziert worden war der Ort durch private Organisationen und Regierungen. Er besteht aus zwei Teilen. Ein Teil der alten Batterie-Fabrik, in der die UN-Soldaten stationiert waren, wurde in einen Raum der Erinnerung (spomen-soba) umgebaut, der eine Ausstellung mit Fotografien, Erinnerungen und persönlichen Gegenständen der Opfer enthält. Auf der anderen Straßenseite befinden sich die offen gestaltete Moschee und der Friedhof. Jedes Jahr im Juli werden die neu gefundenen und identifizierten Toten dort beerdigt.

Die Internationale Gemeinschaft versuchte und versucht auch, die seit 2001 einsetzende Rückkehr der Muslime in die Region zu unterstützen, beispielsweise durch den Wiederaufbau der Moschee und die Ernennung eines Imam. Die Gesellschaft für bedrohte Völker bezeichnet jedoch auf ihrer Internetseite die Rückkehrpolitik der internationalen Gemeinschaft als völlig gescheitert, da den Rückkehrern weder Sicherheit noch spürbare ökonomische Hilfe gewährleistet werden könne.

Wahrnehmung der internationalen Aktionen vor Ort

Das Engagement der internationalen Gemeinschaft in Bezug auf den Gedenkort Potočari wird oft als „Wiedergutmachung“ des fehlenden Schutzes der muslimischen Zivilbevölkerung gesehen. Kein weiterer Gedenkort in Bosnien-Herzegowina wird durch die internationale Gemeinschaft finanziert. Damit wird durch internationalen Einfluss das Massaker von Srebrenia zum – wenngleich heftig umstrittenen - Zentrum des offiziellen Gedenkens. In einem Artikel der „Zeit“ wird die Gedenkstätte als „Ort der offiziellen Erinnerung“ bezeichnet, als ein Ort, „an dem Politiker vor Kameras treten.“ Es stellt sich also die Frage, wie die Bevölkerung vor Ort zur Gedenkstätte steht

Die serbische Bevölkerung vor Ort feierte unmittelbar nach Kriegsende anfangs den 11. Juli als Befreiungstag Srebrenicas und den 12. Juli als Gedenktag für die serbischen Opfer muslimischer Angriffe. Ende der 90er Jahre wurden neue orthodoxe Kirchen und Kreuze errichtet, Moscheen dagegen weiterhin zerstört. Das von den „Müttern von Srebrenica“ organisierte Gedenken an das Massaker an den bosniakischen Männern und Jungen im Juli 1995 wurde, wie beispielsweise 1998 anlässlich des ersten Besuchs der Mütter und Witwen, immer wieder durch das Singen nationalistischer Lieder von serbischer Seite gestört. Im Jahr 2000, zur ersten großen Gedenkveranstaltung, wurden die Busse der Muslime mit Steinen beworfen und ein Haus muslimischer Rückkehrer in Brand gesetzt. Die Rückkehr der Muslime wurde als Angriff auf die Republika Srpska verstanden. Zwei Tage vor der Gedenkveranstaltung zum zehnten Jahrestag (2005) wurden an der Gedenkstätte zwei Bomben entdeckt und rechtzeitig entschärft.

Zentrale Forderung der serbischen Bevölkerung bleibt, auch ihre Opfer muslimischer Angriffe nicht zu vergessen. Daher wurde mittlerweile in Erinnerung an die Überfälle auf die serbischen Dörfer um Zalazje im Jahr 1992 der 12. Juli als Gedenktag eingeführt.

Die RS-Regierung und Polizei zeigen sich insgesamt jedoch zunehmend kooperativ, was den Schutz von Rückkehrern angeht.

Die Rückkehrer(innen) sind zum großen Teil Frauen, die ihren verstorbenen Angehörigen nahe sein wollen. Für sie zählt vor allem der psychologische, weniger der politische Aspekt der Gedenkstätte und des Friedhofs.

Amra Begic, unsere Führerin durch die Gedenkstätte hat selbst zahlreiche männliche Verwandte verloren und betonte immer wieder die Wichtigkeit unseres Besuches. Ihr eigener Vater war im Dezember 2008 gefunden und im Juli 2009 begraben worden. Einerseits war die Identifizierung ihres Vaters erst durch international unterstützte Forensik möglich; andererseits erwähnte sie während der Führung auch immer wieder die Versäumnisse der UN. Nichtsdestotrotz ist der Friedhof für sie als Angehörige als Ort der Trauer sehr wichtig.

Da wir leider keine weitere Möglichkeit hatten, mit den Menschen vor Ort oder den „Müttern von Srebrenica“ über ihre Meinung zur Rolle der Internationalen Gemeinschaft und zur Bedeutung Gedenkstätte zu sprechen, kann an dieser Stelle nur auf Zeitungsartikel und Internetquellen verwiesen werden.

Zur Einweihung der Gedenkstätte durch Bill Clinton im Juli 2003 teilte eine der Witwen von Srebrenica einem BBC-Reporter mit, dass der ehemalige US-Präsident der einzige sei, der die „moralische Autorität“ habe, die Gedenkstätte zu eröffnen. Gleichzeitig hatten viele der Anwesenden gemischte Gefühle, was Clintons Besuch anging: einerseits sei man dankbar, dass das Eingreifen der USA half, den Krieg zu beenden; andererseits wäre die Intervention wesentlich früher nötig gewesen.

Einen Schritt zur Versöhnung unternahmen mehrere niederländische Soldaten, die 2008 an dem seit 5 Jahren jährlich stattfindenden Friedensmarsch von Tuzla nach Srebrenica teilnahmen und so auch versuchen, ihr eigenes Trauma zu überwinden.

In den Jahren 2004 und 2005 fanden in Brčko, Foča, Konjic, Prijedor und Srebrenica unter dem Titel „Bridging the Gap“ eine Reihe eintägiger Vorstellungen des ICTY statt. Der Gerichtshof präsentierte Überlebenden, Angehörigen, Rückkehrern, lokalen Politikern, Wissenschaftlern und Journalisten seine Arbeit und beantwortete die zum Teil äußerst kritischen Fragen.

Fest steht, dass das Begraben ihrer Toten für die Angehörigen von zentraler Bedeutung ist, auch wenn die Identifizierung schmerzhaft sein kann. Viele Muslime knüpfen jedoch an eine Versöhnung die Auslieferung Mladićs. Mit dem Anthropologen Ger Duijzing ist zu betonen, dass eine kollektive Erinnerung von Serben, Muslimen und Kroaten an den Bosnien-Krieg entscheidend für das Weiterbestehen des bosnischen Staates wäre.

Literaturhinweise:




Zum Andenken an Srebrenica vom Juli 1995: Botschaft an die Welt von Studierenden der Universität Regensburg, Deutschland, im Juni 2010

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind Studenten der Universität Regensburg, die im Rahmen eines Seminars des Lehrstuhls Ost- und Südosteuropäische Geschichte an einer einwöchigen Exkursion nach Bosnien-Herzegowina teilgenommen haben. Das Thema war der Umgang mit Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und den Krieg in Bosnien-Herzegowina von 1992-95. Vor Ort haben wir uns mit verschiedenen Arten des Gedenkens an ehemalige Konzentrationslager wie Jasenovac, Donja Gradina und Omarska, und mit dem Gedenken an Krieg im Allgemeinen in Sarajevo, Sutjeska, Goražde und Srebrenica beschäftigt. Ferner haben wir uns mit dem Schicksal vieler betroffener Personen auseinandergesetzt. Nachdem wir uns vor der Reise auf wissenschaftliche Weise mit dem Thema befasst hatten, dachten wir, wir wären gut vorbereitet. Dem war nicht so, und das wurde uns spätestens in Srebrenica bewusst.

Dort hat die Führerin der Gedenkstätte uns zunächst ihre eigene Geschichte erzählt, die stellvertretend für fast alle Bewohner dieser Gegend gelten mag. Nach Monaten der Hungersnot, Angst und des Kriegszustands im Gebiet von Srebrenica und dessen anschließender Einnahme durch die bosnischen Serben im Juli 1995 – trotz der Anwesenheit von UNO-Blauhelmsoldaten - wurden ihr Vater und ihre Brüder von ihr und ihrer Mutter getrennt, in Busse verfrachtet und, wie sich später herausstellen sollte, mit Tausenden anderen Männern ermordet. Mit den Bussen wurden sie direkt zu den für sie ausgehobenen Massengräbern gebracht, in Zehnerreihen aufgestellt und erschossen. Diese Orte wurden so gewählt, dass sie später schwer zu finden sein sollten. Hinzu kam, dass die Leichen der Opfer nach einiger Zeit wieder ausgegraben und auf sekundäre Massengräber verteilt wurden, um den Genozid zu vertuschen. Bis heute suchen die Hinterbliebenen nach Überresten, um ihre männlichen Angehörigen mit menschlicher Würde begraben zu können und die traurige Gewissheit zu haben, dass sie nicht mehr zurückkommen werden.

Die Offenheit bei gleichzeitig sichtbarer Betroffenheit, mit der die Frau auf der Gedenkstätte in Potočari von diesen tragischen und schockierenden Erlebnissen berichtete, bewegte uns emotional zutiefst. Nach eigener Aussage sehe sie es nun als ihre Lebensaufgabe, Srebrenica nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Auch wir, die Studenten, wollen diese Geschichte über die Grenzen von Bosnien-Herzegowina hinaustragen.

Wir wollen die Menschen in der ganzen Welt zum Nach- und Umdenken bewegen. Denn wir teilen die Ansicht, dass die Menschen in Srebrenica hätten gerettet werden können, wenn es dafür einen Willen und mehr Wissen über die Geschehnisse gegeben hätte. Die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Sicherung des Friedens in der Welt errichtete UNO ist ihrem Versprechen an die Menschen in Bosnien-Herzegowina nicht nachgekommen. Niemand half ihnen, als sie von ihren eigenen Nachbarn verfolgt und hingerichtet wurden.

Somit ist die Tatsache, dass der Krieg und vor allem der Völkermord in Srebrenica im Beisein der UNO stattfinden konnte, nicht nur an sich verheerend, sondern auch erschreckend für die Zukunft. Das Ziel einer friedlichen Welt ohne Krieg kann man nicht erreichen, wenn man nicht aus den begangenen Fehlern lernt. Es sind tausende Unschuldige auf tragische Weise ums Leben gekommen. Doch macht es die Situation nicht besser, diejenigen Organisationen, Regierungen und Einzelne, die im Juli 1995 fraglos versagt haben, mit einem Mahnmal, mit einer „Säule der Schande“, öffentlich an den Pranger zu stellen.

Diese Botschaft ist ursprünglich mit der Absicht verfasst worden, sie weiter zu leiten an eine Stelle, die genau ein solches Mahnmal in Potočari anstrebt. Eine „Säule der Schande“, in welche die Namen von entsprechenden Organisationen und Personen eingraviert werden sollen. Ja, es wurden gravierende Fehler mit tragischen Folgen gemacht, im Sommer 1995. Ohne Zweifel auch von Seiten der UNO, die dies in ihrem Report von 1999 auch eingestanden hatte.

Wir als Gruppe sind uns darüber einig, dass dies dennoch nicht der richtige Weg ist und wir dies nicht unterstützen möchten. Deshalb möchten wir unsere ursprünglich an Westeuropa gerichtete Botschaft, die Teil des Mahnmals werden sollte, von dieser Idee wegführen und unsere eigene Botschaft an die gesamte Welt richten. Denn die Mahnung, daß Srebrenica sich nie wiederholen dürfe, gilt für die gesamte Welt und nicht nur für ihren westlichen Teil. Und es trägt auch nicht zum notwendigen Dialog bei, Namen auf einem Mahnmal der Schande zu verewigen. Die Frage nach der Verantwortung der Geschehnisse in Srebrenica ist nicht nur eine juristische. Es ist zugleich eine zutiefst politische, ethische und auch eine moralische Frage. Wir müssen uns diesen Fragen stellen. Das ist unsere Verantwortung. aber diese werden wir - das ist unsere feste Überzeugung - mit an den Pranger gestellten Namen nicht wahrnehmen können.



Bildergalerie Srebrenica



Marion Forster, Julia Merl und Birte Richardt: Reisetagebuch vom 28. Mai 2010

Auf dem Weg nach Srebrenica. Die Fahrt huckelig, anstrengend. Pause an einem Trinkwasserbrunnen. Ein Bus mit Soldaten. Sie alle tragen rechts den BiH-Aufnäher, links aber eigenhändig den von der R.S. aufgenäht. Wieder einmal wird uns die Situation in diesem Land bewusst. Später auf der Fahrt müssen wir stehen bleiben. Direkt neben der Fahrbahn werden Minen geräumt. Unglaublich. 15 Jahre nach dem Krieg. Es schaudert mich und gleichzeitig sehe ich aus dem Fenster und begreife, wie unberührt diese Natur ist, gerade weil hier Krieg war und gerade weil man nicht frei durchs Gelände springen kann. Komisch, dass Einschränkung Freiheit gibt. Komisch, dass es solch merkwürdiger Hindernisse bedarf, damit niemand in diese wunderschöne Landschaft eingreift.

Die lange Fahrt gibt uns Gelegenheit, uns noch einmal auf die Situation in Srebrenica einzustellen. Wir alle hören es noch einmal. Srebrenica wurde seit 1992 von den Serben belagert und dann zu einer UN-Enklave erklärt. Niederländische Blauhelme hier. Sollen schützen. Können es nicht. Sind zu schlecht ausgerüstet, erhalten nicht die richtigen Befehle. Im Juli 1995 rücken die Serben endgültig an, Beschuss der Stadt. 20.000 Menschen flüchten von Srebrenica nach Potočari zum UN-Lager. Anfangs werden alle aufgenommen. Dann stellt man fest, dass es zu viele sind. Es ist nur Platz für 5.000. Selektion. Nur Frauen mit Babys wird der Eintritt noch erlaubt. Der Rest? Weggeschickt. Manche versuchen die Flucht über die Berge nach Tuzla in die Föderation. Wenige schaffen es. Viele laufen direkt in die Arme der serbischen Truppen. In Srebrenica kam es im Juli 1995 zum größten Völkermord seit dem Zweiten Weltkrieg. Zwischen dem 12. und dem 17. Juli wurden in Srebrenica bis zu 8000 Bosniaken, 8000 Menschen grausam ermordet.

Wir sind also auf das was uns erwartet vorbereitet. So glauben wir zumindest noch. Waren wir vorbereitet? Kann man auf so einen Ort vorbereitet sein?

Srebrenica. Gerade angekommen. Es ist heiß. Wie heiß war der Sommer 1995? Es ist viel los hier. Schulklassen, Schülergekreische. Ich bin erstmal desorientiert. Es herrscht hier eine Art Geschäftigkeit, die verunsichert, mich jedenfalls. Die Kinder haben Blumen mitgebracht. Wir begehen den Friedhof. Wahrlich ein Ort des Friedens. Eine offene Moschee. Unzählige weiße Holzsäulen - die Gräber. Die Sonne brennt vom Himmel. Jede Säule erstrahlt. Die Tafel mit den Opferzahlen ist ernüchternd, erschütternd und doch nimmt sie nicht das Gefühl von Ruhe. Dieser Ort hat etwas Magisches. Eine große Säule betet auf Englisch, BKS und Arabisch in den Himmel, an alle Menschen, dass so etwas wie in Srebrenica nie wieder passieren dürfe und niemals wieder Jemandem passieren dürfe. Ich lasse mich ein. Ich fühle. Dennoch merke ich, wie emotional erschöpft ich bin. Hier an unserer letzten Station.

Wir gehen alle zur offenen, symbolischen Moschee. Amra Begic empfängt uns und beginnt ihre Erzählungen. Ich höre ihr nicht richtig zu. Bin nicht wirklich aufnahmebereit. Kann irgendwie nicht mehr. Gleichzeitig fühle ich mich schlecht, grausam, leer und kalt. Lange halte ich sie einfach nur für eine Art Museums-Führerin. Sie erzählt von diesem Ort, an dem man sogar rauchen sollte – eine symbolische, immer wieder letzte Zigarette mit den Toten, mit Menschen, von denen man 1995 genau hier, an diesem Ort, getrennt wurde. Sie erzählt, wie sie heute noch hier steht, eine raucht und sich dabei vorstellt, wie ihr Vater auf sie hinunter blickt und sie schimpft, weil sie hier raucht, ja weil sie überhaupt raucht.

Ich horche plötzlich auf, was sie sagt. Sie spricht von sich. Von ihrer eigenen Betroffenheit. Davon, dass ihre Familie hier gestorben ist. Davon wie ihr Vater getötet wurde. Sie schildert, zwar mit noch fester Stimme und doch immer wieder mit Tränen in den Augen, was sie heute fühlt, wenn sie hier eine Führung macht. Ihr Vater und 26 ihrer Cousins sind hier umgekommen. Die Überreste ihres Vaters hat man erst vor wenigen Jahren gefunden. Er wurde 2009 hier begraben. Diese Führung macht sie nun seit 5 Jahren. Seit 5 Jahren erzählt sie immer wieder, jeden Tag, mehrmals, diese Geschichte. Ihre Geschichte. Sie ist keine Museumsführerin. Sie war damals 16.

Viele von uns haben sich bereits abgewandt und sind einfach weggegangen, können das alles nicht mit anhören. Viele stehen noch da und weinen leise. Es ist nicht mehr peinlich, hier im Kreis zu stehen, dieser Frau zuzuhören und einfach nur zu weinen. Ich kann kaum beschreiben, was ich fühle, während ich ein paar Leuten aus unserer Gruppe in die Augen sehe und dort Tränen finde. Alles ist so bewegend und krass. Es fangen immer mehr von uns an zu weinen. Dann endet die Erzählung dieser Frau. Wir stehen da. Gehen auseinander. Manche in kleinen Gruppen, manche allein. Setzen uns irgendwo hin und starren einfach nur.

Ich selbst sitze vor dem kleinen Hügel mit den Rosen auf einer Bank. Rosen als Symbol für die anonymen Toten, deren Gebeine man noch nicht finden konnte. Betrachte jede Rose. Wie konnte ich nur so kalt sein? Wie konnte ich nur nicht mehr spüren, als ich diesen Ort betreten hatte. Am Morgen standen wir noch alle im Bad vorm Spiegel und dachten Dinge wie: Setze ich die Sonnenbrille auf oder nicht? Welches Oberteil? Am Morgen? Eigentlich bis gerade eben. Selbst beim Betreten dieses Ortes beschäftigten uns solch banale Dinge.

Und nun? Nun sitze ich hier und mir wird so sehr bewusst wie klein ich bin.

Diese Frau hatte etwas ausgelöst. Es ist nur schwer zu beschreiben. Es ist dieses Leid hier. Es ist aber auch alles, was in dieser Woche passiert ist. Es ist, als hätte sie alles noch einmal berührt. Die ganze Woche über haben wir soviel Schlimmes gehört, gesehen und gefühlt. Wir waren in Omarska und sind alle stark geblieben, obwohl wir die hautnahen Erzählungen von Satko hörten. Obwohl wir in sein Gesicht sehen konnten, während wir ihn uns 1992 am Boden liegend, halb verhungert vorstellten. Trotzdem haben wir es ausgehalten. Jetzt geht es nicht mehr. Alles holt uns ein.

Ich drehe mich um. Suche die Anderen. Einige sitzen nebeneinander vor der Opfertafel. Alle den Kopf gesenkt und leer. Manche rauchen. Andere wandern am Friedhof hin und her. Eine Gruppe sitzt still woanders. So fühlen wir also alle gemeinsam.

Dennoch frage ich mich, ob sie mehr fühlen. Haben sie von Anfang an gefühlt? Ich schaue den Friedhof an, die Anderen, wieder die Säulen. Ich erschrecke vor mir selbst. Wie schnell man doch abstumpft. Ich schäme mich. Möchte hier weg.

Manche von uns schaffen es noch, in die Fotoausstellung in einem Gebäude gleich auf dem Gelände der Gedenkstätte zu gehen. Die Bilder, die dort zu sehen sind, zeigen den Weg von der Ausgrabung bis zur Identifikation der menschlichen Überreste.

Wir überqueren die Straße und begehen das Fabrikgelände auf der anderen Seite. Nun wird klar, vom Ort des Friedens haben wir nun Abstand genommen. Jetzt sind wir in einer kahlen Fabriklandschaft angekommen. Wir sehen an den kühlen Containerwänden entlang und jeder verfolgt so seinen eigenen Film, der sich in unseren Köpfen abspielt. Hier ist es also passiert. All die Menschen, das Drängen, die Hoffnung, das Ausgeliefert-sein, die Schutzlosigkeit, das Übrig-bleiben. Genau hier.

Dann eine riesige Halle, in der Mitte ein Filmvorführungsraum – abgetrennt, schwarz. Daneben eine Art Ausstellung von Einzelschicksalen. Nur wenige. Texte, Bilder. Ich kann mir nicht alle anschauen. Muss auch nicht mehr. Ich bekomme Gänsehaut. Vor dem Raum mit der Filmleinwand. Jeder nimmt eine unsichtbare Hürde. Das ängstliche Zögern vor den kommenden Eindrücken ist greifbar. Ich denke an den Film in Donja Gradina. Fühle mich nicht stark genug. Gleichzeitig suche ich diese Grenzerfahrung, um wieder gut zu machen, was ich vorher nicht gefühlt habe.

Eine Mutter von Srebrenica. Die Frau lächelt in die weite Ferne. Sie spricht von den wunderschönen Augen ihres Sohnes. Vom Leuchten. Von Liebe. Sie erinnere sich noch ganz genau. Auch an den letzten Blick. Sie verabschiedeten sich schnell, im sicheren Vertrauen darauf, sich bald wieder zu sehen. Es sollte anders kommen. Sie sollte ihren Sohn an diesem Tag zum letzten Mal sehen und das letzte Mal die Farbe seiner Augen.

Keine Musik zum Film. Erdrückende Stille. Man hört schluchzen, den Kloß im Hals. Immer wieder geht Jemand. Bilder der UN-Sicherheitszone. Menschen zusammen getrieben, weinend, schreiend, kreischend. Andere bei der Flucht über Tuzla. Es ist unglaublich ergreifend. Erwachsene Männer im Gras, eingeholt, gefangen, heulend, wie kleine Kinder. Kein Stolz. Nur Angst. Was für ein Gefühl muss es sein, wenn alle Schranken der Gesellschaft fallen? Die Gewissheit, dass man verloren ist. Wenn man wieder hilflos wie ein Kind wird? Was für eine Situation muss es sein, in welcher der Mensch seine wahre Natur wieder erkennen lässt?

Und die brennenden Fragen in jedem von uns: Wer hat all das gefilmt? Wie konnte das Jemand filmen? Die Bilder sind nicht schwarz-weiß, nicht, wie man sie aus Dokumentationen lang vergangener Kriege kennt. Sie sind in Farbe. Aufgenommen vor nur 15 Jahren. Was habe ich am 11. Juli 1995 gemacht?

Man erkennt die Gebäude wieder, an denen wir vorbei gefahren sind, die Gebäude, in denen wir sitzen. Der Film ist zu Ende. Alle bleiben ungewöhnlich lange sitzen. Schwarz, schluchzen. Ich kann nicht aufstehen. Ich weiß gar nichts mehr. Ich verlasse den Raum. Wische meine Tränen ab. Amra und zwei von uns stehen da. Ich gehe zu ihnen. Weiß nicht warum. Vielleicht will ich in diesem Moment einfach nur leiden. Die Beiden erzählen mir später, dass es ihnen nicht anders gegangen sei. Eine fragt die Frau, was die arabischen Zeichen auf den Grabsteinen bedeuten. Die Frau sieht uns an und erklärt, dass man im Islam glaube, dass man sich eines Tages, an irgendeinem Ort wieder sehen und dort für immer vereint sein wird. Und dann, dann sagt sie mit einer Stimme und mit einem Blick, den ich nie vergessen werde : Und ich hoffe und ich hoffe so sehr, dass es diesen Ort gibt!

In diesem Augenblick bricht alles. Wir brechen unter diesem Augenblick. Wir schluchzen laut los. Ungehemmt. Schamlos. Wie Kinder. Wir können nicht mehr. Es ist so grausam. Dieser Blick. Diese Augen. Voller Hoffnung und doch mit ängstlichem Zweifel und Tränen gefüllt. Eine von uns rennt weg. Muss raus aus dieser riesigen Grabhalle. Die Frau läuft ihr nach. Später erfahre ich, dass diese Frau sogar noch die Kraft zum Trösten aufgebracht hat. Sie sagte, dass alles gut werde, dass es lange her sei. Es sei gut, dass wir da sind. Man müsse die Zukunft aufbauen. Man dürfe nur nie, niemals vergessen. Die eine von uns schämt sich, weil sie getröstet wird, obwohl sie dieser Frau Trost geben sollte. Sie kann ihr kaum in die Augen schauen. Woher nimmt diese Frau diese Kraft?

Wir haben diese Kraft nicht. Wir stehen noch zu zweit da. Unfähig uns richtig zu umarmen. Wir stehen da und weinen. Jemand kommt zu uns und breitet die Arme aus und wir lassen uns einfach nur hineinfallen und weinen so unglaublich heftig. Ich glaube nicht, dass man beschreiben kann, wie es ist, wenn man Jemandem eigentlich Fremden in die Arme fällt und weint. Wenn alles andere nicht mehr wichtig ist. Wenn man so bestürzt ist, dass man nicht darüber nachdenkt, ob es vielleicht komisch oder peinlich sein könnte.

Danach. Wir waren nicht vorbereitet. Niemand. Niemand spricht. Wir verkriechen uns. Jeder für sich. Ich setze mich in die Sonne, nichts sagend. Niemand spricht. Manche weinen noch lange. Ich zittere. Viele rauchen. Ich auch. Keine Worte.

Der Bus kommt. Wir steigen ein und fahren und keiner spricht. Ich starre die Flasche an, die vor mir auf dem Boden hin und her rollt. Wir beschließen in Srebrenica zu halten. Kaffee zu trinken. Beieinander zu bleiben. Wir sitzen auf einer Bank, unweit von den Anderen, die in ein Café gegangen sind. Wir können gut zu ihnen hinüber blicken, weil wir auf einer kleinen Anhöhe sitzen. Wir können inzwischen darüber sprechen, weil wir weinen konnten. Ich bin gerührt. Die Beiden verstehen. Wir sprechen unglaublich offen miteinander. Das ganze Leben, all die eigenen Probleme kommen einem so nichtig und unwichtig, unbedeutend und fast nicht existent vor. Wir fühlen Dankbarkeit, für unser schönes Leben. Für das Glück, nicht damals, nicht hier, geboren zu sein.

Ich schaue zum Rest unserer Gruppe hinüber. Sie sitzen alle um einen runden Tisch und starren immer noch einfach nur vor sich hin. Jeder hat ein Getränk. Keinen interessiert es. Dieses Bild gehört wohl auch zu denjenigen, welches ich nie vergessen werde. Ein scheinbar einfach nur komischer Anblick, der aber so tief geht, weil er so Vieles über unsere Erlebnisse und unsere Gruppe aussagt. Das Gefühl berührt mich tief. Alle zu sehen, wie sie gemeinsam irgendwie trauern, schweigen. Wie alles was wir eben gesehen und gehört haben, ausnahmslos Jeden berührt. Dieser Moment ist wie die Reise: Unendlich traurig und doch so wertvoll. Jeder von uns versteht und fühlt. Das ist so wertvoll. Wir blicken um uns.Wie kann man in Srebrenica heute zusammen leben? Es ist unvorstellbar. Übersteigt alles, was ich nachzuvollziehen, zu verstehen versuchen kann.

Auf der Wetterkarte der Zeitung in Srebrenica gibt es kein Wetter in der Föderation. Srebrenica liegt in der RS.

Am Abend. Wieder in Sarajevo treffen wir uns mit Satko zum Weggehen. Im Nachhinein befremdlich. Zu diesem Zeitpunkt ganz normal. Diese Reise lebt von Extremen. Erst vor wenigen Stunden waren wir noch alle blass und furchtbar traurig zusammen gestanden. Jetzt stehen wir bei Musik, um einen Tisch mit pivo und Rakija. Wir haben die Ereignisse dieses Tages nicht vergessen, nicht verdrängt. Wir versuchen damit umzugehen. Wir haben ein bisschen mehr verstanden, worum es im Leben gehen sollte. Es sind die Menschen und genau deswegen, stehen wir hier, beieinander und genießen unsere Gruppe.

Wir sprechen über den Tag, aber auch über andere, schöne Dinge. Wir feiern. Wir leben dieses Land so, wie es sich uns darbietet, so wie es sich tatsächlich anfühlt. Eine wunderschöne, genießerische, unendlich traurige Poesie wohnt in diesem Land.

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