Universität Regensburg - Institut für Geschichte - Fach Geschichte

Eine Alpenüberquerung im römischen Stil

Als am Sonntag, dem 15. August 2004, dreizehn Studenten der Universität Regensburg in Prüfening abmarschierten, boten sie einen mehr als ungewöhnlichen Anblick. Sie hatten nämlich vor, die Alpen in der Ausrüstung der römischen Truppen aus der Zeit um 200 n. Chr. zu überqueren. Ziel der Marschgruppe war die oberitalienische Stadt Trient. Die Gesamtstrecke umfasste mehr als 500 km. Angeführt wurden die Legionäre, Bogenschützen und Aufklärer von den beiden Studenten Josef Löffl (Projektleiter) und Florian Himmler (Exkursionsleiter). Zur Begleitung gehörten der Arzt Dr. Walter Neussel sowie mehrere Freundinnen von Exkursionsteilnehmern.

Legionäre

Angefangen hatte das Unternehmen mehrere Jahre zuvor in einer Stundentenkneipe: Im kleinen Kreis kam plötzlich die Idee auf, einen Selbstversuch der ganz besonderen Art zu wagen. Könnte man denn nicht in Anlehnung an ein 1985 vom bayerischen Militärhistoriker und Experimentalarchäologen Dr. Marcus Junkelmann durchgeführtes Projekt von Regensburg aus nach Rom marschieren und das in der Ausrüstung römischer Legionäre?

Erstaunlicherweise wurden bereits am nächsten Tag - obwohl die Bierlaune zu diesem Zeitpunkt bereits wieder verflogen war – die ersten Schritte zur Umsetzung des Plans unternommen. Das Hauptproblem aber war von Anfang an die Finanzierung eines solchen Projekts. Sollte man die notwendigen Mittel über Sponsoren aufbringen? Würde überhaupt jemand einer Handvoll Studenten finanziell unter die Arme greifen?

Zum Glück bekamen sie von unerwarteter Seite Unterstützung. Einer der zukünftigen Legionäre wandte sich an Dr. Heinrich Konen vom Lehrstuhl für Alte Geschichte, damals noch wiss. Assistent von Prof. Peter Herz, dere ohne zu zögern seine Unterstützung zusagte, trug er sich doch selbst mit dem Gedanken, sich ebenfalls mit einem experimentellarchäologischen Projekt zu befassen, nämlich mit dem Nachbau eines spätantiken Flusskriegsschiffes („Lusoria-Projekt“). Allerdings hatte er daran gezweifelt, Studenten zu finden, die seine Begeisterung für derart praktisch orientierte wissenschaftliche Arbeit teilten. Nach einigen Gesprächen wurde der Plan gefasst, beide Projekte miteinander zu verbinden. Die Studenten wurden ein Jahr lang als Bootsbauer eingesetzt, und die dabei verdienten Gelder flossen in die Finanzierung der Ausrüstung für den Alpenmarsch. Einige der Teilnehmer investierten auch noch ihr eigenes Geld, bzw. bekamen noch etwas Unterstützung von ihren Verwandten, aber die Bootsbaugehälter waren trotzdem die eigentliche Basis der Projektfinanzierung.

Parallel dazu wurden die Planungen für den Marsch selbst immer konkreter. Die Strecke Regensburg - Rom wurde irgendwann verworfen, da ihre Bewältigung zuviel Zeit gekostet hätte, und wohl auch die Konstitution und Willensstärke der Teilnehmer überfordert hätte. Stattdessen wurde als neuer Zielort die Stadt Trient gewählt, wo die antike Regensburger Legion eine über Inschriften belegte Nachschubstation hatte. Die kürzeste Verbindung nach Trient wäre die Südroute über Landshut und Rosenheim gewesen. Die Marschgruppe einigte sich nach einigen Diskussionen aber dann auf eine Route, die sie zuerst die Donau aufwärts bis Rein am Lech führen würde, und dann an Augsburg vorbei über Partenkirchen und Mittenwald nach Innsbruck und zum Brennerpass. Auf dieser Route waren die antiken Römerstrassen wesentlich besser erforscht, und die römische Provinzhauptstadt Augsburg lag auch auf dem Weg.

Passend zur Route musste auch der historische Hintergrund gewählt werden: Im Jahr 193 n. Chr. marschierten die Donaulegionen nach Italien, um ihrem Anführer Septimius Severus auf den Kaiserthron zu setzen. Die Regensburger Legion (LEGIO III ITALICA), hatte sich ebenfalls an dieser Aktion beteiligt, und so wurde dieses Szenario übernommen.

Die meisten der Teilnehmer waren heilfroh, als es dann endlich losging. Schwerbeladen machte sich der Trupp am Vormittag des 15. August auf die Reise. Die erste Etappe nach Bad Abbach verlief noch ohne größere Probleme, aber der zweite und der dritte Marschtag wurden beinahe zum Fiasko. Einige hatten sich doch ernsthaft überladen, bei manchen fingen die Schuhnägel an, sich von unten durch die Sohle zu bohren, und der knappe Zeitdruck machte es notwendig, auch in der Mittagshitze durchzumarschieren, obwohl die Sonne die Panzerung dabei gewaltig aufheizte. Starke Flüssigkeitsverluste und eine entsprechende Erschöpfung waren die Folge. Der Ausgang des Unternehmens war daher anfangs noch mehr als fraglich, aber spätestens in der zweiten Woche begannen sich die meisten Probleme zu verringern. Die Scheuerstellen verheilten, die Blasen verhärteten sich, und die Routine schliff sich allmählich ein. Das Marschieren blieb zwar ziemlich monoton, wurde unterwegs aber immer wieder durch besondere Ereignisse aufgelockert. In Mertingen traf sich die Regensburger Legion mit einer Römergruppe aus Augsburg, in Utting am Ammersee wurde sie von Wissenschaftsminister Dr. Goppel besucht, am Ende der zweiten Woche wurden endlich die Alpen erreicht, und bei der Etappe Partenkirchen – Mittenwald begleitete Dr. Junkelmann die Kolonne.

Am anstrengendsten gestalteten sich danach der Abschnitt Mittenwald – Innsbruck (ca. 40 km) und die Überquerung des Brennerpasses. Obwohl am sogenannten „Wipptaler Wanderweg“ Schilde und Lanzen aus Sicherheitsgründen weggelassen werden mussten, war die Begehung der steilen und rutschigen Fußpfade im Bergwald nördlich des Brenners sehr anstrengend und äußerst risikoreich. Glücklicherweise blieb die Gruppe den ganzen Marsch über von größeren Verletzungen verschont, und es wurde auch niemand ernsthaft krank. Wunde Stellen, schmerzende Schultern und Füße, verspannte Muskeln und chronische Müdigkeit wurden mit der Zeit als normal angesehen. Erschöpft, aber mit großer Erleichterung, kamen die „römischen Studenten“ schließlich am 11. September in Trient an, wo sie zuerst am Rathaus empfangen und am Abend zum örtlichen Oktoberfest eingeladen wurden. Am nächsten Tag erfolgte dann die Rückfahrt nach Regensburg.

Der begeisterte Empfang in Trient war keine Ausnahme. Die meisten Gemeinden nahmen die durchmarschierenden Studenten mit einer überwältigenden Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft auf. Die „Römer“ revanchierten sich dafür, indem sie den vielen Besuchern ihre Ausrüstung vorführten und die Fragen der Gäste geduldig beantworteten.

Auch für die experimentelle Archäologie brachte das Unternehmen einiges. So wurden verschiedene Tragemethoden für die Schilde und die Helme ausprobiert, der Tragekomfort von Rüstungen mit dem von Kettenhemden verglichen, und es wurden erstmals römische Schnürstiefel in größerer Zahl parallel getestet. Einige der Teilnehmer mussten zwar irgendwann wegen Fußproblemen auf modernes Schuhwerk umsteigen, die anderen marschierten aber weiter mit den genagelten calcei und es stellte sich heraus, dass derartige Stiefel bei guter Wartung durchaus eine Strecke von über 500 km überstehen konnten. Um die Ergebnisse und Erfahrungen der Expedition zu bewahren, arbeitet die Studentengruppe bereits an einem Bildband, der eventuell bereits im Frühjahr 2005 publiziert werden soll.

Florian Himmler

aus: U-Mail. Regensburger Universitätszeitung, 29. Jg., 2004, Nr. 5, S. 2 f.