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Darstellungen zur bayerischen Geschichte


SZ vom 30.03.1999

Vor 75 Jahren endete der Hitler-Prozeß

Sympathisant in Richterrobe

Beim Quasi-Freispruch half die bayerische Justiz kräftig mit

Von Otto Gritschneder

Das Publikum im Gerichtssaal jubelte. Das Urteil nach 24 spektakulären Verhandlungstagen war praktisch ein Freispruch: fünf Jahre Haft, die Mindeststrafe für Hochverrat, zu verbüßen in ehrenvoller, hotelähnlicher „Festungshaft“ in Landsberg am Lech. Die Richter stellten dem Angeklagten die baldige Entlassung in Aussicht. Was auch geschah: Vor 75 Jahren, am 1. April 1924, erging das Urteil des Bayerischen Volksgerichts München I, am 19. Dezember war der Putschist zur Bewährung entlassen. Der Weg war frei für Adolf Hitler.

Die milde Behandlung der Putschisten vom November 1923 ist das folgenschwerste Fehlurteil in der Weimarer Republik – aus heutiger Sicht ist es schier unfaßbar. Vergeblich hatten Staatsanwalt und Polizei die „Gefahr für die Sicherheit des Staates“ beschworen und gegen die Haftentlassung gekämpft. Doch die Justiz war auf dem rechten Auge erblindet. Zuständig für die Terroristen aus München wäre eigentlich der Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik beim Reichsgericht in Leipzig gewesen. Doch der bayerische Justizminister Franz Gürtner brachte es gegen Recht und Gesetz zuwege, daß der Prozeß in München stattfand; die Bayerische Regierung weigerte sich, die Haftbefehle aus Leipzig gegen Hitler und seine Mittäter zu vollziehen. In Leipzig wäre mit der Todesstrafe gegen Hitler oder den Weltkriegs-General Ludendorff zu rechnen gewesen.

Außerdem, so fürchtete man in München, wären die bayerischen Politiker mitangeklagt worden, die beim Putsch am 8. November 1923 im Bürgerbräukeller und der Proklamation einer „provisorischen deutschen Nationalregierung“ zunächst mitgemacht hatten. Es waren höchste bayerische Repräsentanten: Generalstaatskommissar Gustav von Kahr, General Otto Ritter von Lossow und der Chef der Landespolizei Hans von Seißer. In München brauchten diese Herren nur als Zeugen auszusagen.

Stundenlange Propagandareden

Der Vorsitzende Georg Neithardt aus Nürnberg sympathisierte offen mit den Nationalisten. Er hatte schon das (formelle) Todesurteil gegen den Eisner-Mörder Anton Graf Arco-Valley mit der Begründung versehen, daß ihm die bürgerlichen Ehrenrechte „natürlich“ nicht aberkannt werden können – die „Handlungsweise“ Arcos sei „der glühendsten Liebe zu seinem Vaterland entsprungen“.

Hitlers Wirtshausputsch und den Marsch der bewaffneten Mittäter Ludendorff, Weber, Brückner, Wagner, Kriebel und Pernet zur Feldherrnhalle verharmloste Neithardt als „Propagandazug“. Daß die Nazis vier Polizisten erschossen und 20 Kisten Banknoten bei der Firma Parcus geraubt hatten, blieb unerwähnt. Eigentlich hätte Hitler als Ausländer ausgewiesen werden müssen – dies unterblieb. Den Richter interessierte auch nicht, daß Hitler nur auf Bewährung in Freiheit war – 1922 war er wegen Landfriedensbruchs verurteilt worden.

Hitler durfte die Verhandlung zu mehrstündigen Propagandareden nutzen: Er sei kein Hochverräter, vielmehr kämpfe er gegen die Hochverräter und Novemberverbrecher von 1918. Er berief sich auf den Münchner Kardinal Faulhaber, der beim Katholikentag im August 1922 gesagt hatte: „Die Revolution war Meineid und Hochverrat und bleibt in der Geschichte mit dem Kainsmal gezeichnet.“ 2918 Schreibmaschinenseiten umfaßten schließlich die mitstenographierten Reden und Gegenreden. Erst jetzt haben Lothar Gruchmann und Reinhard Weber die Mitschriften ediert – ihr vierbändiges Werk erscheint in Kürze.

Der so gut behandelte Hitler hat sich später über die Bayerische Regierung lustig gemacht. Fritz Wiedemann, Hitlers persönlicher Adjutant, zitiert in seinen Memoiren den „Führer“: Er selbst hätte „im umgekehrten Falle ohne falsche Sentimentalität resolut durchgegriffen“.

Der Autor ist Rechtsanwalt in München und Autor des Buches „Bewährungsfrist für den Terroristen Adolf H.“

© Süddeutsche Zeitung

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Dr. Georg Köglmeier , letzte Änderung: 4.5.1999