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Darstellungen zur bayerischen Geschichte


SZ vom 16.02.1999

Der Kurfürst ist tot, und das Volk jubelt

Heute vor 200 Jahren starb Karl Theodor, der Bayern an Österreich abtreten wollte

Von Rudolf Reiser

Heute vor 200 Jahren jubelt ganz München. Aber nicht, weil Fasching ist, sondern die Residenz den Tod des Kurfürsten Karl Theodor bekanntgab! Die Bürger verzeihen ihm auch jetzt an seinem Sterbetag nicht, daß er einst Bayern an Österreich abtreten wollte, was München zur Provinzstadt degradiert hätte. Nur Friedrich II. hat dies verhindert. Und so kam es, daß die Stadtwache lange auf dem Marienplatz vor dem Bild des Preußenkönig das Gewehr präsentierte.

Die Regierung Karl Theodors, der 1724 bei Brüssel geboren, 1742 Kurfürst von der Pfalz wird und 1778 den kinderlosen Kurfürsten Max III. Joseph beerbt, ist voller Gegensätze, Glanzlichter und Greuel, kurzum eine farbige Barockkomödie. Als er in München einzieht, umgeben ihn begnadete Musiker und hübsche Mätressen. Die Damen und einige Geistliche übernehmen auch gleich das Regiment. Das Ärgernis ist so groß, daß das Sprichwort geht: „Kutten und Unterröcke sind die Räder der Staatsmaschine.“

Seine Schönheiten bescheren ihm unentwegt Nachwuchs, die Geistlichen einen Skandal, von dem man in ganz Europa mit Abscheu spricht. Sie verfolgen nämlich in einer gnadenlosen Hetze die aufgeklärten Geister („Illuminaten“) In den Klöstern werden mit der Deckung des Kurfürsten unliebsame Zeitgenossen mißhandelt. Beichtstühle haben Falltüren, die ihre Opfer nie wieder freigeben.

Andererseits öffnet Karl Theodor für die Öffentlichkeit den Hofgarten, die Bibliothek und die Gemäldesammlung. Dann fördert er Mozart (1781 Uraufführung von „Idomeneo“ im Cuvilliéstheater) und gründet die erste meteorologische Gesellschaft in Deutschland. In seinen Diensten steht der Amerikaner Rumford, der den Englischen Garten anlegen läßt und mit der Einführung der Kartoffel die Hungersnot aus Bayern verbannt.

Auch in seinem Stammland Pfalz trifft der „Jäger aus Kurpfalz“, wie ihn manche nennen, populäre Entscheidungen. So werden am Mannheimer Nationaltheater Schillers „Räuber“ uraufgeführt. Von den Musikern sprechen die Opernkenner (auch Mozart) in den höchsten Tönen. In Heidelberg wird die steinerne Neckarbrücke endlich fertig. Stolz erhebt sich dort noch heute seine Figur über halbentblößten Flußgöttinnen.

Am Neckar hat er sich so manchen Backfisch geangelt, an der Isar aber ufert die Mätressenwirtschaft aus. „Weiber und Töchter des baierischen Adels wetteiferten um das Glück, die Hure des fürstlichen Wohllüstlings zu sein“, liest man. So wendet sich seine Frau Elisabeth schon früh von ihm ab. Als sie 1794 stirbt, heiratet er kurz darauf als 70jähriger die 19jährige Habsburgerin Leopoldine. Sie wird auch schwanger, sagt aber dann aus, daß das Kind von ihrem Galan sei, dem Grafen Ludwig von Arco. So ist der Weg frei für den populärsten Wittelsbacher in München: Kurfürst Max IV. Joseph, den späteren ersten Bayernkönig

© Süddeutsche Zeitung

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Dr. Georg Köglmeier , letzte Änderung: 16.2.1999