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Darstellungen zur bayerischen Geschichte


Stattgarter Zeitung vom 18.11.1998

Die Flucht der Lola Montez und die Revolution am Faschingssamstag

Eine Ausstellung im Münchner Stadtmuseum beleuchtet augenzwinkernd Rolle und politische Bedeutung der Mätresse des Bayernkönigs Ludwig I.

Reden und Feierlichkeiten zum Gedenken an die Revolution vor 150 Jahren sind verklungen. Doch am Ende des Jahres, in dem Deutschland sich an die Vorgänge von 1848 erinnert, setzt München mit einer Ausstellung über Lola Montez einen ironisch angefärbten Schlußpunkt.

Von Rolf Linkenheil, München

Die Forderungen der Revolutionäre im März 1848 nach einer verfassungsmäßig garantierten Erweiterung der bürgerlichen Rechte, nach Pressefreiheit, öffentlicher Gerichtsbarkeit und einer Änderung der Landtagswahlordnung rüttelten in der bayerischen Landeshauptstadt nicht am monarchischen System. Eine tiefverwurzelte Achtung vor dem König als einer unantastbaren Instanz konnte keine Revolutionshelden - wie etwa Friedrich Hecker in Baden - gebären.

Die Erhitzung der Gemüter zwang jedoch die wohl berühmteste Mätresse eines Monarchen des 19. Jahrhunderts, die rauchend und peitscheschwingend mit ihrem Bluthund durch Münchens Straßen zu ziehen pflegte, aus der Stadt zu fliehen: Lola Montez. Ohne sie mochte Ludwig I. nicht mehr König sein. Freiwillig dankte er ab, beseelt von der Hoffnung, in den Armen der Angehimmelten, befreit von den Fesseln des Amtes andernorts sein Glück zu suchen.

Daraus ist nichts geworden. Doch so oder so - die weiß-blaue Dynastie der Wittelsbacher überstand die Affäre schadlos. Ludwigs ältester Sohn Maximilian warf sich im Beisein der königlichen Familie seinem Vater zu Füßen, um sich krönen zu lassen. Die Bayern hatten weiterhin einen König. Nach dem Tod Maximilians II. bekamen sie sogar einen "Märchenkönig", Ludwig II.

"Lola Montez oder die Revolution in München" ist der Titel einer Ausstellung, in der das Stadtmuseum augenzwinkernd und doch seriös die Frau, die sich als spanische Tänzerin ausgab, in ihren gesellschaftlichen Rollen zu porträtieren versucht. Nach der Auffassung von Museumschef Wolfgang Till und dem Gestalter der Ausstellung, Thomas Weidner, spielen konservativ gesinnte Historiker die Leidenschaft König Ludwigs I. für die dunkelhaarige und blauäugige Frau in ihrer politischen Bedeutung ungebührlich herunter. Für Weidner sind die intimen Kontakte des US-Präsidenten Bill Clinton zur Praktikantin Monica Lewinsky ein laues Lüftchen im Vergleich zur stürmischen Hingabe Ludwigs I. an die Bolero-Tänzerin.

Am 5. Oktober 1846 kam die 1821 als Elizabeth Rosanna Gilbert in einem irischen Dorf geborene Lola Montez nach München. Zuvor war sie als spanische Tänzerin durch Europa getingelt. Die Kavaliere lagen ihr nicht nur zu Füßen. Ihren Geburtsort hatte sie nach Sevilla verlegt; den Nachnamen entlehnte sie vom berühmtesten Stierkämpfer seiner Zeit, Francisco Montes. Sie bemühte sich um ein Engagement am Münchner Hoftheater, wurde aber abgewiesen. Erst nachdem sie bis zum König vorgedrungen war, durfte Lola auf die Bühne. Ludwig war Feuer und Flamme für sie. Publikum und Kritiker amüsierten sich eher über "die wahrhaft känguruhartigen Sprünge der Schönen".

Nach zwei Auftritten beschloß Lola, die Mätresse des Bayernkönigs zu werden. Ludwig kaufte seiner Geliebten ein Palais und finanzierte ihren aufwendigen Lebensstil. Für schöne Frauen und klassische Bauten war ihm nichts zu teuer. Ansonsten galt er als Geizkragen. Sein Leben lang trug er denselben Hausrock. Das gute Stück, mit Flicken übersät, begegnet dem Besucher der Ausstellung in einer Vitrine am Eingang.

Der Weg führt weiter in ein abgedunkeltes Kabinett, in dem die intimsten der intimen Briefe zu lesen sind, die Lola und der König in keineswegs astreinem, aber deutlichem Spanisch wechselten. In nahezu pubertärer Art begeistert sich der 60jährige Monarch über einen Abdruck von Lolas Mund auf dem Papier, hält er ihn doch für ein bißchen etwas anderes. Glückselig teilt er "Lolitta" seine Erregung mit. Aus dem Briefwechsel geht, darauf macht Thomas Weidner aufmerksam, auch eindeutig hervor, daß das Verhältnis zwischen der Tänzerin und dem Herrscher über Bayern keineswegs platonisch war, wie Biographen behaupten, die das Unsägliche nicht wahrhaben wollen. Ludwig selbst schreibt an Lola, daß er sich nach einer Wiederholung dessen sehnt, was ihn zweimal so entzückte.

Seine Leidenschaft, die er mit einem Ausbruch des Vesuv vergleicht, rechtfertigte der Vater von neun Kindern gegenüber der Geistlichkeit mit dem Hinweis, er sei ein Dichter, der neuer Anregung bedürfe. Als alles vorbei war und Lola in den Armen anderer Liebhaber lag, reimte der abgedankte König: "Den besten Freund, der jemals Dir geworden,/Du stießest treulos ihn von Dir, /Verschlossen waren Dir des Glückes Pforten,/Bloß folgend Deiner lüsternen Begier."

Zwei unnachahmliche Erinnerungsstücke sind der Nachwelt überliefert: der Abguß von Lolas Fuß und der Rest ihrer letzten Zigarette, die sie vor ihrer Vertreibung aus München rauchte. Rauchen auf der Straße war bis zu den ersten Unruhen 1847 verboten. Eine öffentlich rauchende Frau gar bedeutete eine unverzeihliche Provokation. Maximilian Graf von Arco-Zinneberg erhaschte sich vor ihrer überstürzten Abreise Lolas letzten Stummel. Der Fußabdruck, den Ludwig in Verehrung der Tanzkunst vom Fuß der Geliebten in Auftrag gab, stammt jedoch von der Venus von Milo. Lolas Fuß war so verkrüppelt, daß der Künstler das echte Werk dem König nicht zumuten wollte.

Ein wenig Revolution fand in München auch über die Vertreibung Lolas hinaus statt. Am 4. März 1848 erstürmte eine Menschenmenge das Zeughaus. Es war der Faschingssamstag. Auf zeitgenössischen Stichen sind die Revoluzzer mit mittelalterlichem Rüstzeug wie Hellebarden oder gar Morgensternen abgebildet. Effektivere Waffen gab es da nicht. "Die historische Armierung verlieh dem revolutionären Straßenzug den Charakter einer karnevalistischen Veranstaltung", schreibt Weidner im Ausstellungskatalog.

Prinz Karl, der Bruder des Königs, stellte sich zu Pferd dem aufgeregten Volk und versprach, daß die Vertreter der Stände zum 16. Mai einberufen werden. Kein Revolutionsgeschrei, sondern "Vivat"-Rufe erschallten; die Münchner trugen ihre Waffen zurück ins Zeughaus. Auf einer zeitgenössischen Karikatur mit dem Titel "Der Bayer zapft an" sind die März-Forderungen nach Pressefreiheit und Volksvertretung auf der Spundwand eines Bierfasses aufgelistet. Auf eine mit rotem Tuch drapierte Säule haben die Ausstellungsmacher ein Bierfaß gestellt - eine Statue tiefster bajuwarischer Verehrung.

Bis 31. Januar 1999 täglich außer Montag geöffnet. Katalog: 48 Mark

© Stuttgarter Zeitung

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Dr. Georg Köglmeier , letzte Änderung: 27.11.1998