Universität Regensburg - Institut für Geschichte - Fach Geschichte - Historische Ressourcen Bayern

Darstellungen zur bayerischen Geschichte


SZ vom 21.10.1997

Vor 650 Jahren wurde Ludwig der Bayer im Dom bestattet

Der Imperator, der nicht zu Kreuze kroch

Vom Papst exkommuniziert, ließ sich der Herrscher dennoch zum Kaiser krönen

Ein Münchner ist einer der bedeutendsten Kaiser gewesen. Er legte sich mit den Päpsten und mächtigen Fürsten an, berief die größten Wissenschaftler seiner Zeit in seine Heimatstadt und gebot genau ein drittel Jahrhundert über das Deutsche Reich: Ludwig der Bayer. Er ist am 11. Oktober 1347 bei Fürstenfeldbruck gestorben und wurde in diesen Tagen vor 650 Jahren in der Frauenkirche zur letzten Ruhe gebettet. Dort erinnert heute eines der schönsten Grabmäler an den Mann, dessen Emblem heute Bundesflagge ist.

Der um die Jahreswende 1281/82 geborene Herrscher war eine herausragende Figur der Geschichte. Er nahm als erster König die Kaiserkrone nicht vom Papst, sondern von Vertretern des römischen Volkes an, holte den ersten Verfechter der Volkssouveränität, Marsilius von Padua, an seinen Münchner Hof, baute hier die größte antipäpstliche Akademie der Geschichte. Er setzte in Rom den letzten kaiserlichen Gegenpapst ein und gewann 1322 in Ampfing die letzte Ritterschlacht auf deutschem Boden. 1346 bestimmte er mit dem bayerischen Landrecht den Wendepunkt in der deutschen Rechtsgeschichte. Er faßte nämlich das mündlich überlieferte Recht zusammen und setzte fest, daß ausgebildete Richter (und nicht Schöffen) die Urteile fällen.

Das wichtigste aber: Ludwig wertete als erster Deutscher die Herrschaft nicht als eine Gottesgnade (Gottesgnadentum), sondern als Ergebnis überlieferter Verfassungsnormen. Wir wissen nicht sicher, ob er schon daran dachte, dem Volk oder bestimmten Schichten die Entscheidung über die Macht zu überlassen. Doch allein die Tatsache, daß Marsilius von Padua sein Vertrauter war, läßt Rückschlüsse zu.

Am Beginn der atemberaubenden Karriere des Wittelsbachers stand der Sieg bei Gammelsdorf 1313 über die Österreicher. Ganz beeindruckt von dieser Leistung kürten ihn am 20. Oktober 1314 vor den Toren Frankfurts vier Kurfürsten zum deutschen König. Die Opposition wählte dagegen den besiegten Habsburger Friedrich. Diese Entscheidung machte einen abermaligen Waffengang erforderlich. Auch diesmal siegte Ludwig (mit den verbündeten Schweizer Eidgenossen) am Morgarten. In der Schlacht bei Ampfing konnte Ludwig seinen Feind Friedrich gefangennehmen, freilich verlor er im gleichen Jahr seine Frau Beatrix.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel

Da kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel der Bannstrahl von Papst Johannes XXII. Dieser verkündete am 8. Oktober 1323, Ludwig nenne sich zu Unrecht König. Da dieser aber nicht zu Kreuze kroch und auf sein Amt nicht verzichtete, wurde er exkommuniziert. Doch der Münchner wußte um seine Stärke. Zuviele Fürsten huldigten ihm, zudem wurden die Reichskleinodien in München aufbewahrt. Das hieß konkret, er ist der Herrscher.

In dieser Situation öffnete der König das Schloß von Friedrichs Kerker und versöhnte sich mit ihm. Ausdrücklich verzichtete der Habsburger auf die Krone und wollte fortan nur noch über Österreich herrschen. Unter der Voraussetzung, daß er dafür die Billigung seiner Brüder in Wien gewinnt, reiste nun Friedrich Ostern 1325 dorthin. Da er zu Hause nichts erreichte, kehrte er trotz des päpstlichen Verbotes nach Bayern zurück. Dort empfing ihn aber nicht eine grimmige Wache, sondern ein heiterer Wittelsbacher, der den Feind von einst zu seinem Mitkönig bestimmte. Schließlich verkündete er, auf den Thron zu verzichten, wenn Avignon den Habsburger Friedrich als König bestätigt.

Da beging der Papst einen Kardinalfehler. Anstatt Ludwig zu prüfen, lehnte der Heilige Stuhl ab - und Ludwig war mit einem Schlag unumstrittener König im Reich. Alle Fürsten wußten jetzt, nicht der Bayer ist schuld, sondern Avignon. So konnte Ludwig 1327 ohne Mühe zu seinem Romzug aufbrechen. Er ließ sich dort zum Kaiser krönen, was den Papst dazu veranlaßte, einen neuen Prozeß gegen den Rivalen zu eröffnen. Da er ihn nicht Herzog oder König titulieren konnte, war er für ihn nur noch „der Bayer". Ein Beiname, der ihm bis heute geblieben ist!

Jetzt war auch der Weg frei für die erste große Blüte Münchens. Nie fanden sich soviele prominente Gäste aus ganz Europa ein. Neben Marsilius war der große William von Occam der bekannteste. Er rief Ludwig im Alten Hof zu: „O Kaiser, verteidige mich mit deinem Schwert, und ich verteidige dich mit meinem Wort". Der so Angesprochene ließ es sich jetzt gut gehen, schätzte voll gedeckte Tische und schützte sich gegen Giftanschläge. Verheiratet war er in zweiter Ehe (seit 1324) mit Margarete von Holland. Der Kaiser reiste gerne in die majestätischen Berge und lebte auf, wenn das Horn von den Felswänden widerhallte, schrieb ein Chronist.

Wie es so ist, schließlich fand sich doch ein Verräter im Reich: der Böhme Wenzel, der sich auf Betreiben des Papstes Clemens VI. 1346 zum Gegenkönig (Karl IV.) wählen ließ. Schon rüstete Ludwig gegen ihn, da starb am 11. Oktober 1347 der gehetzte Wittelsbacher während einer Bärenjagd. Papst und Kurie jubilierten, doch die Münchner fanden das geschmacklos und bestatteten ihren toten Herrscher trotz Fluch und Bann in der Münchner Frauenkirche. Das Epitaph dort zeigt Ludwig mit hübschen Locken und Krone. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein Porträt, was im Mittelalter keine Selbstverständlichkeit war. Genauso stellte ihn nämlich auch der Künstler im Mainzer Dom dar.

© Süddeutsche Zeitung

Zurück zum Anfang der Seite.


Dr. Georg Köglmeier , letzte Änderung: 18.9.1998