Universität Regensburg - Institut für Geschichte - Fach Geschichte

Alte Geschichte auf neuen Wegen

Nachbau eines römischen Flussschiffs bietet weltweit einzigartige Möglichkeit, mit dem Ruder in der Hand in das Alltagsleben am spätantiken Flusslimes einzutauchen

Navis lusoria

Innerhalb eines Jahres haben Studierende der Universität Regensburg ein originalgetreues römisches Flussschiff vom Typ navis lusoria gebaut und zu Wasser gebracht, um auf experimentellem Weg etwas über die Eigenschaften und das Leistungsvermögen dieser Schiffsgattung zu erfahren. Dabei war es nicht einmal das ursprüngliche Ziel der Gruppe um die Regensburger Althistoriker Prof. Dr. Christoph Schäfer (inzwischen an der Universität Hamburg) und Dr. Heinrich Konen, ein solches Schiff, wie es am „nassen limes“ in der Spätantike zu Hause war, zu bauen, sondern nur Mittel zum Zweck, um ein anderes experimentell-wissenschaftliches Projekt durchführen zu können – nämlich einen Marsch über die Alpen in originalgetreuer römischer Ausrüstung des 2. nachchristlichen Jahrhunderts. Um diese Ausrüstungen finanzieren und herstellen bzw. herstellen lassen zu können, gingen die Studierenden auf Dr. Konens Vorschlag ein, sich am Nachbau einer navis lusoria zu beteiligen – in der Tat ein lohnendes Objekt, wurden die Beteiligten doch nicht nur reich an Erfahrungen – nein, sie verdienten auch genügend Geld, um die Ausstattung für ihren Marsch über die Alpen finanzieren zu können.

Historischer Hintergrund // Zielsetzungen des Projektes

Vor über 1600 Jahren waren Rhein und Donau die hart umkämpften Grenzen des gewaltigen Imperium Romanum, dessen Tage mit den Stürmen der anschließenden Völkerwanderungszeit langsam zur Neige gingen. Anders als im 1. und 2. Jahrhundert n.Chr., als die Verteidigung der Flussgrenzen im Wesentlichen durch die dort aufgestellten Legionen gewährleistet werden konnte, wurde nun verstärkt auf den Einsatz zahlreicher kleiner Fluss flottillen gesetzt. Das Standardschiff dieser an der Donau wie am Perlenband aufgereihten Geschwader war die navis lusoria, die gemäß den Quellen in großer Anzahl auf dem Fluss und seinen Nebenarmen patrouillierte und Transportdienste verrichtete. Dank ihrer guten Fahreigenschaften und ihres geringen Tiefganges konnte sie im unübersichtlichen und zergliederten Flussgebiet nahezu alle versteckten Orte erreichen und so die römische Kontrolle über diese Lebensader des Reiches aufrechterhalten. Mit den spektakulären Wrackfunden in Mainz unter dem Hotelkomplex Hilton II im Jahre 1982 wurde es, dank der Forschungsarbeit von Dr. Olaf Höckmann, möglich, diesen Bootstyp zuverlässig zu rekonstruieren. Auf der Basis seiner Pläne ist nun in Regensburg ein Fahrzeug dieser Art entstanden, das weltweit gesehen einzige seetaugliche antike Flusskriegsschiff. Mit dem Lusoria-Projekt besteht nun die Möglichkeit, in umfänglichem Maße Daten zu den Fahreigenschaften und dem Leistungsvermögen dieses zentralen Schiffstyps zu sammeln. Darauf aufbauend werden sich zwei Dissertationen mit Fragen der Organisation und Technik des antiken Schiffbaus und den spätantiken Donauflotten auseinandersetzen. Die fertig gestellte Galeere soll in den kommenden Jahren in öffentlichen Auftritten das Interesse der Bevölkerung an der antiken Vergangenheit Regensburgs und seiner Umgebung wecken. Interessierten Zeitgenossen bietet sich ferner die weltweit einzigartige Möglichkeit mit dem Ruder in der Hand in das Alltagsleben am spätantiken Flusslimes einzutauchen.

Einen guten Vorgeschmack bekamen die am Bau beteiligten Studierenden, mussten doch die meisten von ihnen selbst auf den harten Ruderbänken Platznehmen, die Rudertechnik mit den relativ schwer handhabbaren „Riemen“ erlernen, um das Boot – unter den wachsamen Augen eines patentierten Kapitäns - auch auf der Donau bewegen zu können. Zudem mussten die Anforderungen des Wasser- und Schifffahrtsamtes erfüllt werden, um die internationale Großschifffahrtsstraße Donau befahren zu dürfen. Erst als diese Hürden genommen waren konnte man zur Schiffstaufe und zur offiziellen Jungfernfahrt starten. Die Bootstaufe nach römischem und ökumenischem Ritus am 1. August vor dem Bootshaus des Regensburger Ruderklubs von 1890 stieß auf großes öffentliches Interesse. Vom Bootssteg und vom Ufer aus verfolgte eine große Anzahl von Menschen die Manöver des Schiffes auf der Donau, um sich dann in dem vor Ort errichteten Römerlager über die Lebensumstände und den Alltag der römischen Legionäre ein Bild zu machen.

Das vom Lehrstuhl für Alte Geschichte der Universität Regensburg durch Dr. Heinrich Konen und Prof. Dr. Christoph Schläfer initiierte Projekt ist zu ca. 75 % über Sponsorengelder und Spenden von außeruniversitären Unterstützern finanziert worden. Der anfangs kalkulierte Kostenrahmen von 100.000 Euro konnte dank des enormen Engagements der Studierenden der Philosophischen Fakultäten, die sich als Hilfskräfte und über Projektübungen am Bau beteiligten, sowie mit Unterstützung von freiwilligen Helfern aus ganz Deutschland eingehalten werden.

Ein Teil der Crew des Flusskriegsschiffes hat alsbald das Ruderzeug gegen die Standardausrüstung von römischen Legionären und Bogenschützen getauscht und sich zwei Wochen nach der Schiffstaufe auf den Marsch über die Alpen, von Regensburg nach Trient, gemacht (s. den Bericht dazu).

R. F. Dietze

aus: U-Mail. Regensburger Universitätszeitung, 29. Jg., 2004, Nr. 5, S. 1 f.