Universität Regensburg - Institut für Geschichte - Lehrstuhl für Bayerische Landesgeschichte

Universität und Benediktinerorden:
Erwerb und Gebrauch gelehrten Wissens in den Benediktinerklöstern Regensburgs im Spätmittelalter

DFG-Projekt am Lehrstuhl für Bayerische Landesgeschichte, Prof. i.R. Dr. Peter Schmid

Bearbeiter: Dr. Rainer Scharf

Das Projekt zielt auf die Frage nach Ausmaß und Wegen des spätmittelalterlichen Wissens- und Bildungstransfers von den Universitäten zu den Benediktinerabteien vornehmlich anhand des Beispiels St. Emmeram in Regensburg. Die Klöster als jahrhundertelange Hauptträger und Bewahrer gelehrter Bildung sahen sich im Zuge der Universitätsgründungen des 14. und 15. Jahrhunderts einer zunehmenden Akademisierung gegenübergestellt. Wie reagierte die monastische Welt auf diesen Wandel? Welchen Einfluß übte die Klosterreform des 15. Jahrhunderts dabei aus? Auf welche Weise machten sich die Klöster und ihre Angehörigen die neuen Bildungsmöglichkeiten zunutze? Stand dabei gelehrtes Bildungswissen im Vordergrund oder ging es um anwendungspraktische Bedürfnisse? Und vor allem: wer waren die Träger dieses Bildungstransfers?

Diese trotz günstiger Quellenlage von der Forschung noch kaum aufgegriffene Thematik soll am Beispiel St. Emmerams als eines bedeutenden monastischen Zentrums mit reichhaltiger handschriftlicher Überlieferung mittels eines in erster Linie prosopographischen Zugangs untersucht werden. Personale Bezüge spielten in einer Zeit vormoderner Wissensorganisation noch eine erheblich größere Rolle als heute. Die betont biographische Ausrichtung soll auch die Gefahr vermeiden, die in den Klösterbibliotheken bewahrten Werke als von konkreten Lebens- und Gebrauchssituationen isolierte literarische Quellen zu betrachten. Die Quellenbasis der Untersuchung bildet der reiche Bestand an Emmeramer Handschriften in der Staatsbibliothek München, unter denen vor allem die an Universitäten und ihrem Umfeld entstandenen Codices ins Blickfeld rücken. Zudem sollen Nachforschungen in Archiven nähere biographische Aufschlüsse über die an dem Bildungstransfer Beteiligten ermöglichen und so die regionalen Bedingungen des Bildungserwerbs sowie Wege, Vermittler und Inhalte des gelehrten Wissens rekonstruieren.

Man muss sich vergegenwärtigen, dass der überwiegende Teil des alten Bibliotheksbestands St. Emmerams erst im 14. und vor allem im 15. Jahrhundert entstand beziehungsweise in das Kloster gelangte. Viele Handschriftenerwerbungen dieser Zeit standen in Zusammenhang mit der akademischen Welt, sei es über die gelehrten Autoren, über Universitäten als Entstehungsorte der Codices oder über akademisch gebildete Schreiber und Vorbesitzer.

Eine monastische Akademisierung lässt sich insofern konstatieren, als einige Äbte, Mönche, Lehrer und Schreiber des Klosters Universitäten besucht oder dort Abschlüsse erworben hatten. Hier ist etwa der Mönch Friedrich Amann (1464), der auf astronomischem, mathematischem und kartographischem Gebiet herausragende Werke hinterließ, zu nennen. Der Schulleiter des Klosters, Hermann Pötzlinger (1469), machte sich nicht nur durch den ungewöhnlich großen Umfang seines Handschriften-Legats an das Kloster, sondern auch durch seine Tätigkeit als Sammler polyphoner Musik einen Namen.

Während die Produktion gelehrter Literatur im Kloster selbst nie völlig abriss, waren es vor allem Externe, die durch großzügige Stiftungen von Handschriften zum weiteren Anwachsen der Bibliothek beitrugen. Hier gilt es, die biographischen Hintergründe der Schenker und ihre Beziehungen zum Kloster zu untersuchen, auch mit Blick auf die Frage der Zufälligkeit oder Planung des Schriftenerwerbs.

Ein sehr gezieltes Vorgehen beim Erwerb von Codices für das Kloster ist im Bereich juristischer Literatur festzustellen; schon Abt Albert von Schmidmüln hatte im 14. Jahrhundert Werke des gelehrten Rechts an italienischen und französischen Universitäten erworben und damit einen später noch vielfach erweiterten Fundus geschaffen, der vor allem der Bewahrung der Rechts- und Besitzansprüche des Klosters diente; im 15. Jahrhundert standen zu diesem Zweck auch juristisch gebildete Kanzler und Schreiber in Diensten des Benediktinerkonvents.

Nicht zuletzt war es die Anziehungskraft antiquarischer gelehrter Literatur, die große Tradition der Bibliothek St. Emmerams, die bereits im 15. Jahrhundert Besucher, Forscher und auch wieder Stifter von Handschriften anzog. Altes Wissen wurde so mit neuem Wissen angereichert.


Seite erstellt: 13.8.2009 - letzte Änderung: 7.9.2012.
Kontakt: rainer.scharf@geschichte.uni-regensburg.de