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Rezensionen von Werken zur bayerischen Geschichte


SZ vom 05.12.1998

Der schlagkräftige Schwan

Lola Montez hatte ihr Leben fest im Griff – eine neue Biographie

BRUCE SEYMOUR: Lola Montez. Eine Biographie. Aus dem Amerikanischen von Renate Sandner. Verlag Artemis & Winkler. Düsseldorf Zürich 1998. 400 Seiten, 48 Mark.

Der Geschichte vom häßlichen Entlein, das ein Schwan werden wollte, liegt meistens ein Mißverständnis zugrunde. Häßlich ist da keine Kategorie, die sich auf körperliche Schönheit bezieht, sondern ein Synonym für „nicht standesgemäß“. Nicht die erstbeste, sondern die beste aller überhaupt denkbaren Welten ist das Ziel derjenigen, die bereits die Umstände ihrer Geburt als Kränkung empfinden. Die Wirklichkeit bleibt freilich in den vom Schwan bei seiner Verwandlung zur Geltung gebrachten Machtmitteln präsent. Lässiger Umgang mit der Wahrheit ist eines davon, ein gezielter Hieb zur rechten Zeit kann ein anderes sein. So besehen, ist das Leben der Elizabeth Rosanna Gilbert aus Grange in Irland, besser bekannt als Lola Montez, neben einer Lügen- vor allem eine beispiellose Ohrfeigengeschichte.

Nimmt man Bruce Seymour bei den Details, die er aus den Quellen erschließt, dann hat sich diese Lola Montez buchstäblich durchs Leben gewatscht. Es hagelt Peitschenhiebe, zurückgegebene Steinwürfe und Schläge mit der flachen Hand in seinem Buch. Selbst Pistolen oder ein Dolch sind fast immer dabei. Auch mit Worten ist Lola Montez der schlagfertigste Schwan des 19. Jahrhunderts gewesen: Leserbriefe an die ihr selten geneigte Presse zeugen vom Willen zu Eleganz bei gleichzeitigem rabiatem Behauptungsvermögen. Es war nie gut Kirschen essen mit ihr, die der Welt schon mit ihrem Namen und ihrer spanischen Herkunft nichts als ein Märchen auftischte.

Lola Montez, so eröffnet Bruce Seymour seine Biographie, habe einmal behauptet, eine Beschreibung ihres Lebens käme der Aufgabe gleich, die authentische Geschichte des Mannes im Mond aufzuzeichnen. Auch dies ein Schlag, ins Kontor künftiger Biographen. Seymour allerdings pariert ihn mit größter Gelassenheit und Faktentreue. Immerhin geht es um eine der anrüchigsten Personen der Zeit, polizeibekannt in London so gut wie in Warschau, in Paris und Dresden, Genf, San Francisco und Sydney. Akten sind folglich zur Genüge vorhanden. Leicht zu fassen freilich ist sie schon zu Lebzeiten nicht gewesen, und auch heute nicht, fast 138 Jahre nach ihrem Tod am 17. Januar 1861 in New York.

Geboren in Irland, aufgewachsen in Indien, aus der Kolonie nach England zurückgekehrt, aufzufinden an der Seite von Franz Liszt in Dresden, auf schon skandalträchtige Weise, in Paris in der Nähe von Alexandre Dumas, und in München unvergessen geblieben als diejenige, die einen König zum Narren machte und ein Königreich ums Haar zu ihrer Domäne: Die Bekanntschaft mit Lolitta, wie der närrische Ludwig I. von Bayern sie rief, geriet jedem an ihrer Seite zur Mesalliance und ihr zum Triumph. Dabei läßt sich, wie Seymour umsichtig zeigt, nicht einmal behaupten, sie hätte all dies mit kalkulierter Raffinesse zu bewirken verstanden. Konstant ist eigentlich wohl nur ihr Vorsatz gewesen, sich in allem nicht um Konventionen zu scheren, keinem Streit aus dem Weg zu gehen und ein ausschweifendes Leben zu führen. Der demonstrative Charakter ihres Auftretens brachte ihr mit vielen Feinden am Ende viel Ehre. Er machte die bescheidenen Mittel vergessen, mit denen sie sich als Künstlerin den Weg in die Unsterblichkeit bahnte.

Die Münchner Affäre ist der Schlüssel zu dieser Geschichte. An ihrem Anfang steht ein alternder Monarch mit ästhetischen und erotischen Neigungen und zu wenig Gespür für die politische Dimension seines Verhaltens. Nicht er freilich macht die Tänzerin zu seiner Mätresse, das hätte sie angezettelt – kolportiert sie. Das Gesetz des Handelns auf diese Weise auf ihre Seite ziehend, nötigt sie ihn förmlich, ihr die bayerische Staatsbürgerschaft und den Titel einer Gräfin von Landsfeld zuzuerkennen. Sie fegt Minister und Obrigkeiten beiseite und hörnt nebenbei ihren königlichen Liebhaber, bis das Volk jeden Respekt vor ihm verliert und ihm, im Revolutionsjahr 1848, nur noch die Abdankung bleibt. Später, in Amerika, wird man sie als diejenige feiern, die in Bayern der Volksherrschaft den Weg ebnete. Die Rolle liegt ihr, der nichts wichtiger als der erworbene Adelstitel war, nicht wirklich. Sie widerspricht dem Urteil aber auch nicht. Schließlich führt es sie ins Zentrum eines Stücks, Lola Montez in Bavaria, eigens für sie geschrieben, mit ihr als Hauptdarstellerin – so wie sie auch in jener ganz anderen Darbietung immer die Hauptdarstellerin gewesen war: ihrem Leben.

Als eine Art Theatrum Mundi des 19. Jahrhunderts kann diese Aufführung gelten, grobschlächtig zwar und geeignet, rauhe Gesellen des Skandals wegen in die Theater von Philadelphia und Pittsburgh zu locken, aber auf ihre Weise signifikant: Fiktion und Wirklichkeit verfließen im Bühnenlicht zu der Art von Melange, die heute Präsidenten im Weißen Haus wie Präsidenten auf der Kinoleinwand aussehen läßt. Ludwig von Bayern, Lola Montez zeitlebens in Gedichten, spärlicher werdenden Briefen und der Erinnerung an vergeudete Gulden ergeben, hat davon zu seinem späten Glück nur noch wenig erfahren. Auch er war ja dabei, sich in einer Fiktion aufzulösen, mit einem Reiterstandbild auf der Ludwigstraße und Lolitta als Anlaß für seine Bayern, zu bekennen, a Hund sei er seinerzeit ja trotzdem gewesen. Revolutionen, das hatte sich schon in den Unruhen von 1848 gezeigt, sind in ihrem Kern meistens ein zu einem bestimmten Zeitpunkt aus dem Ruder laufender Heimholungsversuch.

Lola Montez von Bruce Seymour ist die authentische Geschichte einer so schwer wie der Mann im Mond zu fassenden Frau. Stets erschließt sich aus den Quellen noch eine andere Kontur der Person, öffnet sich ein weiterer Kern, dringt die Darstellung vor zu Facetten, die das Bild, das man sich von ihr macht, vorläufig aussehen lassen. Warmherzig und eine Furie ist sie gewesen, gewissenlos in finanziellen Dingen und erfolgreich in ihren Angelegenheiten, nachdenklich und ohne Furcht und doch so leicht zu verletzen, daß ein unbeabsichtigter Tritt auf ihren Rocksaum ihr genügte für einen sorgsam geführten Schlag ins Gesicht. Eine Diva, aber nicht von europäischem Zuschnitt allein. Daß ihr Leben in Amerika endete, daß sie dort vor ihrem Tod jene Ruhe und Gelassenheit fand, an der es ihr auf ihren europäischen Irrwegen so sehr fehlte, ist die weitestreichende aller von ihr vollzogenen Metamorphosen. Mit ein wenig Koketterie ließe sich behaupten, daß dies die Ankunft der Kunst in Hollywood war, zu einem Zeitpunkt, als noch niemand von Hollywood wußte.

Eine Göttin aus zweiter Hand, darin aber geführt von der eigenen Hand, mit der sie ihre Geschicke lenkte und sich nicht scherte um ihr Bild in der Geschichte. Eine, im positiven Sinne, Hysterikerin also, und darin der Prototyp eines neuen Menschen, für ihr Zeitalter eindeutig verfrüht. Die Amerikaner, versessen auf Distanz und Nähe zu ihren Wurzeln, haben dieses Vorzeichen der Moderne als erste verstanden. Bruce Seymour hat, mit eminentem Fleiß, das skandalöse Lebenskunstwerk und Lügengebilde Lola Montez auf den Boden unabweisbarer Tatsachen gestellt.

GERALD SAMMET

© Süddeutsche Zeitung

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Dr. Georg Köglmeier , letzte Änderung: 9.12.1998