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Rezensionen von Werken zur bayerischen Geschichte


SZ vom 29.09.1997

Ein Anti-Westler

Widerstandskämpfer, Nationalbolschewist: das Leben von Ernst Niekisch

BIRGIT RÄTSCH–LANGEJÜRGEN: Das Prinzip Widerstand. Leben und Wirken von Ernst Niekisch. Schriftenreihe Extremismus & Demokratie. Herausgegeben von Uwe Backes und Eckhard Jesse, Band 9. Bouvier Verlag, Bonn 1997. 392 Seiten, 49,80 Mark.

Dies ist eine der bewegtesten und zugleich taurigsten politischen Karrieren, in der an bewegten Schicksalen und überraschenden Wendungen reichen Weimarer Republik. Ernst Niekisch (1889–1967), dem das Etikett „Nationalbolschewist“ unauslöschlich eingebrannt bleibt, war ein preußischer Bayer. In Schlesien als Sohn eines Feilenbauermeisters geboren, war er schon im Alter von zwei Jahren mit den Eltern nach Nördlingen gezogen und blieb dort als Volksschullehrer, sozialdemokratischer Funktonär und Revolutionär bis zum Jahre 1923. Hier hatte er auch gleich zu Beginn seiner Karriere das größte Erfolgserlebnis, das dann in einem ebenso großen Mißerfolg endete: Er wurde im Januar 1919 – Mitglied der SPD war Niekisch seit 1917 – zum Vorsitzenden des Münchner Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrates gewählt. Die Bekanntmachung zur Errichtung der Räterepublik – „Die Entscheidung ist gefallen. Bayern ist Räterpublik“ – vom 7. April 1919 trägt seine Unterschrift – worauf er zurücktrat . . .

Ein- und Austritte, eine ständige Standortverschiebung von links nach rechts, haben das Leben dieses ebenso unbequemen wie unbeugsamen Mannes seitdem definiert. „Niekisch verkörperte in diesen Monaten“, schreibt seine Biographin, deren Schilderung wir nicht nur hier folgen, „Verbalradikalismus und Prinzipienschwäche“. Diese Mischung verkörperte er in abgewandelter Form sein ganzes Leben lang, wenn man unter Prinzipienschwäche die Unfähigkeit versteht, die Welt so zu sehen, wie sie ist. Schon seit Mitte der zwanziger Jahre steht Niekisch für einen ganz speziellen Seitentrieb der „Konservativen Revolution“, der als „Nationalbolschewismus“ auch bald ein Etikett erhielt.

Wenn man davon ausgeht, daß alle Nationalrevolutionäre der Weimarer Republik eine antidemokratische Revolution im Namen der Nation und nicht der Klassen wollte, dann hatte Niekisch und sein „Widerstands“-Kreis eine besondere Variante parat. Denn er betrachtete die russische Revolution von 1917 nicht als den Sieg einer Klasse, sondern als nachahmenswürdige Selbstbefreiung der russischen Nation. Für sie wollte er – diesmal im Namen Deutschlands – kämpfen. Daß er damit bei der Mehrheits-SPD keinen Beifall fand, ist verständlich, und auch bei den Unabhängigen (linken) Sozialdemokraten konnte er sich nicht halten.

Im Deutschen Reich war ihm da schon der Prozeß gemacht worden. Am gleichen Tag, an dem der Reichstag denVersailler Vertrag ratifizierte, begann der Prozeß gegen ihn wegen seiner Teilnahme an der Revolution in München. Bis zum Jahre 1921 saß er dafür in Festungshaft; 1923 wandte er Bayern endgültig den Rücken. Bis 1926 war bei ihm schließlich die endgültige Wendung von links nach rechts vollzogen. Sie dokumentierte sich in der Gründung der Zeitschrift Widerstand, in der neben vielen anderen auch Ernst Jünger schrieb. Gegen wen sich dieser Widerstand wandte, sagte er in seinen Erinnerungen: „gegen die Haupttendenz, von welcher die deutsche verantwortliche Politik seit dem Zusammenbruch von 1918 offenkundig beherrscht wurde: gegen die Bereitschaft, sich Westeuropa einzuordnen.“ Von da zogen sich Fäden bis in die oppositionelle Politik der Bundesrepublik herein.

Schon vor der Machtergreifung der Natinalsozialisten – Jünger hatte ihn gewarnt – war Ernst Niekischs Schicksal besiegelt, als er ein Buch mit dem Titel: „Hitler – ein deutsches Verhängnis“ herausbrachte. Es gehört zu den unklaren Stellen in seinem Lebenslauf, wie es dennoch geschehen konnte, daß sein Widerstand noch bis 1934 legal erscheinen durfte und als Gesprächskreis bis 1937 illegal weiter existierte.

Am 22. März 1937 verhaftete ihn die Gestapo; er wurde 1939 wegen Hochverrats zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt und als kranker Mann im April 1945 aus dem Zuchthaus Brandenburg-Goeden befreit.

Dieses deutscheste aller deutschen Schicksale wäre nicht so exemplarisch, wenn er sich danach nicht sofort zuerst der Führung der SBZ, dann der DDR zur Verfügung gestellt hätte. Mit seinem „Ansehen, nicht seinem Rang“ wurde er dort Präsident des Nationalrates, dann Professor an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin. Im Grunde aber blieb er ein Isolierter; im Februar 1955 trat er aus der SED aus.

Das konnte er nur deshalb, weil er zwar den Westen verachtete, aber seinen Wohnsitz in Berlin-Wilmersdorf nie aufgegeben hatte. Und so ist von einem etwas makabren Nachspiel aus seiner Spätzeit zu berichten. Denn der Anti-Kapitalist Ernst Niekisch stellte in der kapitalistischen Bundesrepublik, nicht der ausdrücklich antifaschistischen DDR, einen Antrag auf Wiedergutmachung, die ihm nach achtjährigem Prozeß vom Bundesgerichtshof auch zuerkannt wurde. 1500 Mark billigte ihm das Gericht als eine einmalige Beihilfe zu.

Birgit Häsch-Langejürgen hat dieses bewegte und auch verwirrende Leben, „arm an politischen Erfolgen, reich an menschlichen Erfahrungen“, in einem Tonfall dargestellt, der dem Charakter des Porträtierten entspricht – mit Unverständnis gegenüber Friedlosigkeit und Rechthaberei, mit Sympathie gegenüber Unbeirrbarkeit und Mut. Sie hat den Vorteil, daß sich ihr unter anderem neue Quellen im Bundesarchiv in Potsdam und in anderen Archiven der neuen Bundesländer boten, mit Geschick ausgenutzt. Stilistisch ist die Verfasserin mit zeitgnössischer Saloppheit derart gesegnet, daß man ihr unbezweifelbares journalistisches Temperament ein bißchen gezügelt gewünscht hätte. Doch weder das Lesevergnügen noch die wissenschaftliche Leistung werden dadurch geschmälert.

Eine allgemeine Bemerkung zum Schluß: Es fällt auf, daß es den jungen Historikern zunehmend schwerer fällt, den Zeitgeschmack nachzuschmecken, mit dem sie es in der Weimarer Republik zu tun haben. Nicht nur die Akteure sind tot, auch die sogenannten„Zeitzeugen“ der Weimarer Zeit sind immer dünner gesät. Umso wichtiger sind Studien wie diese, die ihre Urteile nicht dem Hörensagen entnehmen, sondern den trotz allem eruierbaren Fakten. PAUL NOACK

Der Autor ist emeritierter Hochschullehrer für Politikwissenschaft und lebt in München.

© Süddeutsche Zeitung

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Georg Köglmeier , letzte Änderung: 29.9.1997