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Rezensionen von Werken zur bayerischen Geschichte


SZ vom 28.11.1998

Worte als Grund und Boden

Johann Andreas Schmeller – Bayerns großer Akademiker

Johann Andreas Schmeller und die Bayerische Akademie der Wissenschaften. Dokumente und Erläuterungen. Bearb. von Richard J. Brunner unter Verwendung von Materialien von Josef Hahn. Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Abhandlungen der Philosophisch-Historischen Klasse, Neue Folge Heft 115), München 1998. 650 Seiten, 98 Mark.

Quellensammlungen konnten sich noch nie großer Beliebtheit bei einer breiten Leserschaft erfreuen. Ganz besonders schwierig wird es dabei, wenn es um einen Mann geht, der, obwohl er durchaus als der „größte bayerische Germanist“ gilt, den meisten Studenten allenfalls noch dem Namen nach bekannt ist. Daß Richard J. Brunner dennoch die Mühsal auf sich genommen hat, alle Dokumente zu sammeln, zu edieren und zu kommentieren, die sich auf Johann Andreas Schmellers Wirken in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften beziehen, ist doppelt verdienstvoll. Zum einen schließt diese Edition eine empfindliche Lücke in der Schmeller-Forschung, da den bisherigen Biographen Föringer, Nicklas, Hofmann und Rockinger diese Dokumente nur höchst fragmentarisch zur Verfügung standen. Zum anderen liefert die Edition einen wichtigen Beitrag zur Geschichte Akademie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Aus 550 Briefen, Berichten, Protokollen und Rezensionen unterschiedlicher Länge und Provenienz formt sich das lebendige Bild eines Gelehrten, der die Tugenden der Aufklärung bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts tradierte und der trotz seiner Vorliebe für altdeutsche und gotische Literaturdenkmäler mit der deutschen Romantik gar nichts im Sinn hatte. „Mir war menschlicher Besitzthümer keines, nicht Ahnen, nicht Gold, nicht Äcker, nur die Sprache. Die Worte sind mein Grund und Boden, die mir Brod, vielleicht gar Ehre ertragen soll“, schrieb Schmeller in seinen Tagebüchern. Die Texte der Quellensammlung belegen, daß es sich hier nicht um eine eitle retrospektive Selbstbespiegelung handelt, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme.

Schon das zweite Dokument läßt die Hindernisse deutlich werden, die die wissenschaftliche Laufbahn des sprachforschenden Oberlieutenants Schmeller anfangs begleitet haben. Nur dem couragierten Antrag des damaligen königlichen Bibliothekars Joseph von Scherer vom 16. Februar 1816 ist es zu verdanken, daß Schmeller eine sechsmonatige Beurlaubung vom Militärdienst erhielt und in dieser Zeit den Grundstein für seine Sammlung bayrischer Spracheigenthümlichkeiten legen konnte. Keineswegs war es so, wie einige frühere Biographen behaupteten, daß die Akademiker den Seiteneinsteiger ohne Universitätsausbildung mit offenen Armen aufgenommen hätten. Es bedurfte noch langer und vielfältig verzweigter Anstrengungen, bis Schmeller endlich darauf verzichten konnte, durch privaten Sprachunterricht seinen Lebensunterhalt zu verdienen und „zur Verwandlung deutscher Mägdlein in französische Plaudermaschinen“ beizutragen. Die endgültige Entlassung aus dem Heeresdienst und gleichzeitige Anstellung als Kustos an der königlichen Hof- und Staatsbibliothek gelang ihm erst 1829, im Alter von 44 Jahren.

Danach freilich war er, zuerst als Mitglied und ab 1848 als Sekretär ihrer Philosophisch-philologischen Klasse, mit der Bayerischen Akademie der Wissenschaften so eng verbunden, daß man durchaus von einer „Ära Schmeller“ sprechen kann. Diesem Zeitraum und Schmellers unermüdlicher Vortrags- und Gutachtertätigkeit gilt die Mehrzahl der Dokumente. Da sich Schmellers Orthographie und Interpunktion im Laufe von dreißig Jahren mehrfach änderte, mußte der Bearbeiter ganz besondere Sorgfalt auf die Transkription der größtenteils in deutscher Schreibschrift vorliegenden Dokumente verwenden. In einer Zeit, die schnelle und spektakuläre Thesen bejubeln will und die mühsame Quellenarbeit selten hinreichend würdigt, ist dies ebenso zu schätzen wie die Erarbeitung gründlicher, die Benutzung tatsächlich erleichternder Register und Konkordanzen. Daß Brunners Edition von ebensolchen beschlossen wird, erscheint schon beinahe als selbstverständlich.

ANDREAS KÜHNE

© Süddeutsche Zeitung

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Dr. Georg Köglmeier , letzte Änderung: 10.12.1998