ad. Kreisrunde Ohren, ein ebensolches Gesicht, Pflaumennase und Knopfaugen; wer kennt ihn nicht, den Sieger über das Böse in der Welt und ewigen Optimisten, mehr Mensch als Maus: Mickey.
Über das Geheimnis seines Erfolges ist in der Fachwelt viel geschrieben worden, Stimmen voll kulturpessimistischen Bedauerns; was bisher fehlt, sind kulturwissenschaftliche Betrachtungen, die auf affektive Untertöne verzichten.
Mit 17 Millionen Besuchern jährlich ziehen die Disney-Freizeitparks mehr zahlende Gäste an als die amerikanische Bundeshauptstadt oder der Louvre. In ihnen konzentrieren sich die Prinzipien moderner Massenkultur, entfalten sich amerikanische Mythen, werden europäische Erzähl- in amerikanische Unterhaltungsstoffe transformiert.
Ob Märzhasen, Sieben Zwerge oder wilde Piraten - die Untertanen des Magic Kingdom zeichen sich durch strukturelle Gleichheit aus. Landschaftsgestaltung, Innen- und Außenarchitektur bilden die vollkommene Umwelt für hydraulische Automaten, die ein paar Gesten lang Mensch spielen und die ewig gleichen Sätze sprechen. Ein dreidimensionaler, eingefrorener Zeichentrickfilm mit Wiedererkennungsgarantie.
Nichts darf die künstliche Oberfläche stören: in zum Sujet passende, bobonfarbene Uniformen gekleidete Kehrkommandos beseitigen jede Zigarettenkippe, die täglich anfallenden Tonnen Müll werden in unterirdischen Schächten abtransportiert. Disneyland produziert eine moderne Botschaft: Unterhaltung total, sauber und konfliktfrei. Diese besondere Wirklichkeit kennt nur Vergangenheit und Zukunft; Main Street stellt die "typische" Hauptstraße einer mittelwestlichen Small Town dar, mithin ausgerichtet auf amerikanische Zivilisation und Wertorientierungen wie Erfolg und Fortschrittsglaube, im Gegensatz zum "Wilden Westen" - ihre Doubles sind lebensgroß. Die Raumschiffe präsentieren sich verkleinert, als Fiktion.
Die Teilnehmer der vom Regensburger Institut für Volkskunde organisierten
Paris-Exkursion (30.4. - 6.5.95) verließen das jeder Phantasie bare
Magic Kingdom Euro-Disney in Marne-la-Vallée mit der folgenschweren
Erkenntnis, daß "Maus" und "lächeln" auf französisch dasselbe
sind: Souris.