Herzblatt auf dem Lande

Medienspektakel wie bei einem Staatsempfang


sk. In der letzten Woche beherrschte sie sämtliche Medien: die 1. Fränkische Junggesellenversteigerung. Antenne Bayern lobte den großen Erfolg, die Süddeutsche verglich die Veranstaltung augenzwinkernd mit einer Viehversteigerung, RTL redete von der Menschenwürde (?!). Doch bei jedem Bericht in den Medien hatte man den Eindruck, selber auf einer anderen Veranstaltung gewesen zu sein.

Der Agrarsoziale Arbeitskreis der evangelischen Landjugend Dinkelsbühl glaubte, vom richtigen Hintergrund ausgegangen zu sein. Die fortschreitende Kontaktarmut nahmen sie zum Anlaß, dem Glück der einzelnen etwas auf die Sprünge zu helfen. Doch aus dem regional geplanten Fest mit 500 Leuten wurde bald ein Happening mit 1700; aus ganz Deutschland meldeten sich InteressentInnen - angestachelt von dem Medienrummel. Alle Fernsehstationen bis auf VOX - die kauften sich den Bericht nur - und Eurosport waren vertreten, auch Radio Bremen, Bild, etc stellten sich ein. Oft konnte man den zu ersteigernden Junggesellen auf der Bühne nicht mehr sehen, weil die Presse dem tobenden Volk penetrant zu Leibe rückte. Viele Junggesellen konnten sich im nachhinein dafür bedanken, nicht unbedingt im Licht der Öffentlichkeit gestanden zu haben, denn zehn von vierzig gingen zum sogenannten Aufwurfpreis von 1 DM weg. Wer vorher noch mit einem Lächeln die Bühne betreten hatte, verkrampfte zunehmend, um schließlich von einer mitleidigen Seele abgeholt zu werden.

Denn gerade jenen Junggesellen, die wirklich auf der Suche nach einer neuen Partnerschaft waren, wurde sehr wenig Interesse entgegengebracht, im Gegensatz zu den Sunnyboys, die nur "just for fun" angetreten waren. So mußte eine Sprechstundenhilfe für 270 DM erleben, wie sie den ganzen Abend von einem BWL-Studenten ignoriert wurde, eine 17jährige Schülerin wurde von ihren sogenannten Freundinnen gepuscht, sich für 300 DM den zu ihr am wenigsten passenden Mann zu ersteigern.

Die Veranstalter wuschen allerdings dabei die Hände in Unschuld, denn laut des Versteigerungsreglements übernahmen sie keinerlei "Gewähr für Güte, Beschaffenheit, offene oder verdeckte Mängel, sonstige Schäden oder besondere Eigenschaften ... Technische Daten, Maße oder Gewichte und Baujahre sind unverbindlich."

Doch selbst sie hätten die Perversion der Veranstaltung bemerken müssen, als ein 46jähriger Witwer, Vater eines 13jährigen Sohnes, das Podium betrat - vom Auktionator wurde daraufhingewiesen, jetzt nur ernstgemeinte Gebote abzugeben. Diese unterblieben, der Mob toste, Rufe wie "Den nimmt doch eh keiner" wurden laut. Der Witwer wurde daruafhin gebeten, die Bühne zu verlassen.

Dennoch hofften die Veranstalter, daß "heute Nacht etwas Schönes rauskommt, auch für die Pärchen bis zum Morgengrauen." Für einige sicherlich: das wüste Gefummel war nicht zu übersehen.


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