Tagungsort Regensburg

Rabbi J(eh)uda ben Samuel he-chasid von Regensburg: Seine Zeit, seine Welt, seine Bedeutung.

Internationales Symposion, veranstaltet vom Institut für Volkskunde der Universität Regensburg vom 23. bis 25. Oktober 1995

Unterstützt von der REGENSBURGER UNIVERSITÄTSSTIFTUNG HANS VIELBERTH, der Deutschen Forschungsgemeinschaft Bonn und der Stadt Regensburg, fand vom 23. bis 25. Oktober 1995 im Fürstenzimmer des Alten Rathauses das internationale und interdisziplinäre Symposion "Rabbi J(eh)uda ben Samuel he-chasid von Regensburg: Seine Zeit, seine Welt, seine Bedeutung" statt. Der Rahmen war, ohne daß dies eingeplant gewesen wäre, einzigartig: Zum einen wurden in der Ausstellung "Gelehrtes Regensburg - Stadt der Wissenschaften" im Leeren Beutel in zwei Vitrinen Handschriften und Frühdrucke der Werke Rabbi Juda he-chasids, Rabbi Eleasar von Worms und des Umfeldes der Chaside Ashkenas, der Bewegung der hochmittelalterlichen jüdischen Pietisten, gezeigt, die für einige Wochen aus deutschen und ausländischen Bibliotheken an ihren ursprünglichen Ort zurückkehrten. Dem unermüdlichen Engagement von Rektor Altner war es zu verdanken, daß die komplizierten (und teuren) Kuriertransporte finanziert werden konnten. Zum anderen erlaubten die Ausgrabungen am Neupfarrplatz einen Blick in eben jene Zeitschicht, in der Rabbi Juda he-chasid von Regensburg gewirkt hatte. Dadurch erhielt die Tagung eine kaum glaubliche Plastizität, und: während der Veranstaltungswoche legte man Teile der Fundamente der von Albrecht Altdorfer bildlich überlieferten mittelalterlichen Synagoge frei.

Rabbi Juda und das Buch der Frommen

Rabbi Juda he-chasid, sein Vater Rabbi Samuel he-chasid sowie sein Vetter und Schüler Eleasar von Worms standen an der Spitze einer geistigen Bewegung innerhalb des hochmittelalterlichen Judentums, die der rationalen eine mystisch-spirituelle Frömmigkeit entgegensetzten und im frühen 13. Jahrhundert bereits Inhalte und mystische Techniken formulierten, die sich später als Gedankengut der Kabbala erweisen sollten. Zentrales Werk dieser Bewegung ist das "Sefer Chasidim" (Buch der Frommen) Rabbi Juda he-chasids, eine sozialethische wie sozialrevolutionäre Schrift, die sich durch zahlreiche exemplifizierende Geschichten zugleich auch an ein breites Lesepublikum wandte, bis heute - so Gershom Scholem - zu den bedeutendsten und eigenartigsten Werken der jüdischen Literatur zählt und seit dem Hochmittelalter die jüdische Theologie und Geistigkeit späterer Generationen nachhaltig prägte. Trotz langer und umfangreicher Forschungen zu dieser wichtigen Periode der jüdischen Geistesgeschichte bieten die Gestalt des Rabbi Juda he-chasid sowie die Chaside Ashkenas nach wie vor mehr Rätsel als gesicherte Erkenntnisse: Warum etwa blieb ein Angehöriger der prominenten, aus Norditalien stammenden Qalonymos-Familie, die über direkte Verbindungen zum Hof Kaiser Friedrichs I. verfügte, nahezu ohne Geschichte, warum wurde diese durch frühe Legendenbildungen ersetzt, wie erklären sich die häufig widersprüchlichen Angaben im "Sefer Chasidim" und die auffallenden Gemeinsamkeiten zur christlichen Spiritualität und zum Frömmigkeitswandel an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert?

Facetten des Sefer Chasidim

Um zumindest einen Teil dieser Fragen zu beantworten, Forschungsergebnisse auszutauschen, zu diskutieren und durchaus auch einen Neubeginn der Erforschung des Chasidismus sowohl als eines theologisch-intellektuellen Problems wie als Ausdruck populärer Zeitströmungen zu wagen, trafen sich unter Leitung von Christoph Daxelmüller Historiker, Judaisten, Literaturwissenschaftler, Philosophen und Volkskundler aus Israel, Frankreich und Deutschland zu einem dreitägigen Symposion. Prof. Dr. Roland Goetschel (Paris, Sorbonne) befaßte sich in seinem Eröffnungsvortrag über die "Erfahrung des Shabbat im Sefer Chasidim" mit einem wichtigen Bestandteil jüdischen Selbstverständnisses und wies damit den folgenden Diskussionen die Richtung. Die durch ein Standardwerk zum "Sefer Chasidim" international hervorgetretene Dr. Tamar Alexander-Frizer (Beer-Sheva, Ben-Gurion University) behandelte in ihren "Dreams in Sefer Chasidim" das Problem der Annäherung an Gott, das über die Vorliebe des Mittelalters für die Traumprognostik hinausreicht. Es folgten geschichtswissenschaftliche Beiträge: Sebastian Schott M.A. (Universität Regensburg) stellte das "Sefer Chasidim" als bedeutende Quelle für die mittelalterliche Mentalitätsgeschichte heraus, Dr. Andreas Angerstorfer (Universität Regensburg) verfolgte mit detektivischer Akribie die nicht allzu deutlichen Hinweise im "Sefer Chasidim" auf die Massenzwangstaufe der Juden 1096 in Regensburg und Prof. Dr. J. Friedrich Battenberg (Darmstadt) schlug auf der Grundlage der Rechtsgeschichte einen faszinierenden Bogen über die Geschichte und den Status der Juden in der Epoche der Staufer.

Rabbi Juda und Regensburg

Anläßlich des öffentlichen Empfangs durch die Stadt Regensburg begrüßten die Oberbürgermeisterin Frau Christa Meier und der Prorektor der Universität, Prof. Dr. Hans-Jürgen Becker, die Teilnehmer und Gäste, wobei Prof. Becker ein faszinierender Kurzvortrag nicht nur über die Geschichte der mittelalterlichen Regensburger Judengemeinde, sondern auch über die Brückenfunktion der Stadt gelang. Im öffentlichen Abendvortrag über "Geschichte und Legende. Rabbi Juda he-chasid und Regensburg" versuchte Christoph Daxelmüller, ausgehend von den Entdeckungen am Neupfarrplatz, aber auch von der mit dem Tode des Regensburger Gelehrten einsetzenden Legendenbildung und dem kollektiven Gedächtnis einer Gruppe, den Juden, zur Person Rabbi Judas vorzustoßen: Elemente der Hagiographie reflektieren historische Erinnerungen, und Regensburg besitzt mehrere Plätze, die unerkannt mit Rabbi Juda in Verbindung stehen.

Die bedeutendste Schrift des jüdischen Mittelalters

Am Dienstag, 24. Oktober 1995, eröffnete Prof. Dr. Moshe Idel (Hebrew University, Jerusalem) die Sitzung mit Überlegungen zu einer im "Sefer Chasidim" beschriebenen Technik, Träume hervorzurufen, und stellte diese in den großen Zusammenhang mystisch-esoterischer Spekulationen, die das "Buch der Frommen" zu der wohl bedeutendsten Schrift des jüdischen Mittelalters machten. Es schloß sich die Judaistin Dr. Hanna Liss (FU Berlin) mit einem Referat über die Rezeption der esoterischen Theologie des Rabbi Jehuda he-chasid durch Eleazar von Worms an, womit sie auf die Tragweite dieser geistigen Revolution aufmerksam machte. Während die geschichtlichen Nachrichten über den mittelalterlichen Chasidismus karg sind, erweist sich die Legendenüberlieferung, etwa im erstmals 1602 in Basel gedruckten jüdischdeutschen "Ma'ase Bukh" als überreich. Mit einzelnen Legenden, ihrer Entstehung, ihrer Tradition, aber auch ihrer Semantik setzten sich Dr. Eli Yassif (Tel Aviv University) und - unter thematologischen Gesichtspunkten - Dr. Rela Kushelevski, Dr. Avidov Lipsker und - am Mittwoch, 25. Oktober 1995 -, Prof. Dr. Yoav Elstein (alle Bar-Ilan University, Ramat Gan) auseinander, während Prof. Dr. Karl E. Grözinger (Universität Potsdam) die These zur Diskussion stellte, daß die im "Regensburger Zyklus" des "Ma'ase Bukhs" über Rabbi Samuel he-chasid, den Vater des Rabbi Juda, erzählten Geschichten eher auf den Sohn zuträfen und mit anderen Nachrichten über die Chaside Ashkenas besser in Einklang zu bringen wären. Prof. Dr. Galit Hasan-Rokem (Hebrew University, Jerusalem) schlug den Bogen über Rabbi Juda he-chasid hinaus zu dessen bekanntem Zeitgenossen, den Reiseschriftsteller Rabbi Petahiya von Regensburg. Wie bereits Eli Yassif wies sie auf die Bedeutung der Reise und des Reisens in den späteren Legendenbildungen um Rabbi Juda hin, die vielleicht sogar die historische Annäherung an den offenkundig als gravierend empfundenen Aufbruch Rabbi Samuels und Rabbi Judas von Speyer nach Regensburg erlauben. Prof. Dr. Dov Noy (Hebrew University, Jerusalem), Nestor der israelischen Volkskunde, setzte sich mit der Bedeutung und Verwendung der Namen im Sefer Chasidim auseinander, während Dr. Gisela Schiller (Universität Regensburg) für einen letzten, überraschenden Moment sorgte: Ihr gelang es, anhand eines Regensburger Stadtsymbols, des "Brückenmännchens" auf der Steinernen Brücke, nicht nur nachzuweisen, daß dieses in Verbindung zum großen Regensburger Theologen steht, sondern daß wir zur ältesten Schicht der Sagenbildung um Rabbi Juda he-chasid vorstoßen: Auch winzige Mosaiksteinchen tragen dazu bei, Wissenslücken zu schließen.

Buch des Blutes?

Mit dem Vortrag des Jiddisten Prof. Dr. Joseph Bar-El (Bar-Ilan University, Ramat Gan) über "The Motif of 'Praying Deads' and the Conditions of Development in 'Sefer Chasidim'" verläßt der Berichterstatter die chronologische Reihenfolge. Bar-El stimmte nachdenklich: Die jüdische Gemeinde Regensburgs erlebte an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert ihre geistige und wirtschaftliche Blüte. Sie stand in intensivem Kontakt zur Außenwelt, ihren Gelehrten ist der überragende Ruf Regensburgs innerhalb des europäischen Judentums im Mittelalter zu verdanken. Ohne sie ist eine Geschichtsschreibung auch des nichtjüdischen Regensburgs nicht denkbar, sie trägt wesentlich zur Kultur der Stadt bei, die ihr Jubiläum 1995 feierte. Dies darf nicht vergessen lassen, wie ungesichert insgesamt die Situation der Juden im Hochmittelalter war, wie brüchig die Sicherheit. Bar-El ging, wie vor ihm bereits Angerstorfer, auf die Ausschreitungen der Kreuzzugswirren gegen Leib und Leben der Juden ein. Auch Rabbi Juda setzte sich im "Sefer Chasidim" mit dem Verhältnis zwischen Juden und Christen auseinander, sprach sich für Vorsicht aus. Mit der Feststellung, daß das "Sefer Chasidim" (Buch der Frommen) auch "Sefer Damim" (Buch des Blutes) genannt werden könnte, schlug Bar-El den Bogen zurück zur Wirklichkeit: Die relativ liberale Haltung der Stadt Regensburg gegenüber den Juden im Hochmittelalter darf nicht das Leid vergessen lassen, das das aschkenasische Judentum in dieser Periode erlitt.

Neue Perspektiven

Das interdisziplinäre Gespräch, das zustande kam, zeigte neue Perspektiven auf. Noch sind angesichts der Quellenlage keinesfalls alle Lücken in der Historiographie der Chaside Ashkenas geschlossen, doch das Ergebnis beweist, daß erst die überfachliche und internationale Zusammenarbeit in der Lage ist, neue Forschungsperspektiven aufzuzeigen und neue Wege zu gehen. Der Tagungsband ist in Vorbereitung - er soll 1996 erscheinen. Er wird die Bedeutung einer Bewegung dokumentieren, deren Vordenker in Regensburg lebten und wirkten, in einer Stadt, in der heute wieder eine Jüdische Gemeinde existiert. Sie hatte die Teilnehmer in Anwesenheit der Oberbürgermeisterin, Frau Christa Meier, des Rektors der Universität Regensburg, Prof. Dr. Helmut Altner, des Kulturreferenten Dr. Egon Greipl und Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche zum Empfang geladen, Ausdruck auch dafür, mit welcher Neugierde man sich mit der vergessenen Geschichte Regensburgs auseinanderzusetzen bereit ist, und Bestätigung dafür, daß es richtig gewesen war, die Tagung nicht in Israel - woher die überwiegende Mehrzahl der auswärtigen Gäste anreisen mußte - sondern in Regensburg zu veranstalten, der "Stadt und Mutter in Israel", der "Heiligen Gemeinde des Rabbi Juda".

Christoph Daxelmüller