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stellen dringende Probleme unserer modernen Gesellschaften dar. Jedes Jahr verlieren weltweit über 1,6 Millionen Menschen aufgrund von Gewalttaten ihr Leben. Gewaltverbrechen gehören damit zu den häufigsten Todesursachen bei 15- bis 44-Jährigen. Noch viel mehr Menschen leiden unter körperlichen, sexuellen und mentalen Beeinträchtigungen, die durch Gewaltverbrechen verursacht wurden. Nicht zuletzt belasten die Folgen von Gewalt die Volkswirtschaft; die durch Gewalt verursachten Produktionsausfälle sowie die Kosten für das Gesundheits- und Rechtssystem sind enorm. Trotzdem sind die biologischen, psychologischen, historischen und kulturellen Gründe und Konsequenzen von Aggressionen und Gewalt weitgehend unbekannt. .
Diese multidisziplinäre Forschungsinitiative untersucht das Gewaltphänomen in vielfältiger Hinsicht : von den molekularen, genetischen und neurobiologischen Grundlagen von Aggressionsverhalten bis zu den historischen, kulturellen und politischen Ursachen und Formen von Gewalt in menschlichen Gesellschaften. Darüber hinaus erforschen wir die physischen, immunologischen und psychopathologischen Folgen von körperlicher oder psychosozialer Gewalt sowie die Darstellung von Gewalt in Kunst, Literatur und den neuen Medien.
In Regensburg kann die Gewaltforschung auf eine lange Tradition zurückblicken. Seit langem ist sie ein Thema in den Natur- wie den Geisteswissenschaften. Bis vor kurzem jedoch hatte diese Forschung die Gestalt vielfältiger, verstreuter Einzelaktivitäten, die durch die Grenzen von Fakultäten und Instituten voneinander getrennt waren. Mit unserer Initiative wird nun erstmals der Versuch unternommen, die Ansätze und Methoden unterschiedlicher Disziplinen zusammenzuführen, um zu einer tieferen und umfassenden Analyse des Gewaltphänomens zu gelangen.
Aus biologischer Sicht ist Aggressionsverhalten gegenüber Artgenossen notwendig für den Erwerb und die Verteidigung von Nahrung, Territorium und Fortpflanzungspartnern. Eine genaue Einhaltung artspezifischer Regeln ist notwendig, um eine effektive und verletzungsarme Kommunikation zu gewährleisten. In relevanten Tiermodellen (Insekten, Nagetiere) für normale und abnormale Aggression erforschen wir die Organisation sozialer Rangordnungen und die neurobiologischen Mechanismen, die ihrer Ausbildung und Aufrechterhaltung zugrunde liegen. Außerdem streben wir einen Vergleich dieser grundlegenden Ergebnisse mit den entsprechenden Parametern bei gewalttätigen Menschen an. Pathologische Aggression und Gewalt kommt zum Beispiel oft in Personen vor, die negative Erlebnisse wie beispielsweise emotionale Vernachlässigung, Verlust von Eltern oder Missbrauch in ihrer frühen Kindheit erfahren mussten. Vergleichbare Ergebnisse wurden in Tiermodellen für Stress im frühen Lebensalter gefunden.
Ein dringendes Desiderat stellt insbesondere die Erforschung der Konsequenzen von Gewalt für die Opfer dar. Daher untersuchen wir die langfristigen Folgen von Gewalttaten – sowohl physisch als auch psychisch – in relevanten Tiermodellen für psychosozialen Stress und Angstkonditionierung und in Patienten, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung (posttraumatic stress disorders = PTSD) leiden.
Die Geisteswissenschaften untersuchen Gewalt im Rahmen der sozialen, politischen, ökonomischen, kulturellen und spirituellen Organisation menschlichen Lebens. Sie stellen Fragen wie: In welchem Verhältnis steht Gewalt zu Werten, Normen, Einstellungen, Überzeugungen, zum Geschlechterverhältnis, zu Erziehungsmethoden, Herrschaft u.ä.?
Themen, die in Regensburg bearbeitet werden, umfassen: Familienrecht und häusliche Gewalt; Gewalt in der Kriegsliteratur und bildender Kunst; symbolische Gewalt; Ästhetik der Gewalt; diskursive und rhetorische Vorbereitung von Gewalt; Kriegsverbrechen; Folter; Gewalt in den Medien und ihre Auswirkungen; das gewaltschaffende und friedensstiftende Potential heiliger Schriften; Stereotypen angeblich gewaltaffiner Kulturen, Nationen und Religionen. Das Gros der Forschung beleuchtet die ambivalente Funktion von Gedächtnis, Erinnerung und Gemeinschaft. Die Geisteswissenschaftler in Regensburg legen besonderen Wert auf die Frage, wie gewaltbedingte Störungen mit kulturellen Mitteln bewältigt werden können, durch Recht und Politik, aber auch durch Bildung und Wissenschaft, Religion, Literatur und Kunst. Die Erforschung kultureller und sozialer Prozesse erweitert und vertieft nicht nur unser Verständnis von Gewalt als kulturellem und sozialem Phänomen, sondern verhilft auch dazu, Praktiken der Prävention und Verarbeitung zu entwickeln.
Die Forschungsinitiative versteht sich auch als ein Beitrag zu dem akademischen Diskurs über das Verhältnis von Natur und Kultur. In den letzten Jahrzehnten wurden in den Naturwissenschaften Erklärungsmodelle entwickelt, welche die „Schwelle zur Kultur“ (Edward O. Wilson) überschreiten. Dabei ist das alte Einheitsideal der Aufklärung wiederbelebt worden, demzufolge alle wissenschaftlichen Disziplinen durch eine gemeinsame wissenschaftliche Rationalität verbunden sein sollten. In diesem Zusammenhang stehen zahlreiche Fragen zur Handlungsmotivation von Menschen und Tieren, zum „Wesen des Menschen“, zu philosophischen und naturwissenschaftlichen Fragen über den „Freien Willen“ und – damit assoziiert – zur Rechtssprechung in unserer Gesellschaft und zum kulturellen Gedächtnis. Was unterscheidet unter evolutiven Aspekten die Be- (und Ver-) urteilung von „Natürlichem Aggressionsverhalten von Tieren“ und „Gewalttätigkeit beim Menschen“ ? Die Phänomene Aggression und Gewalt eignen sich in besonderer Weise, dem Natur-Kultur-Diskurs eine weitere Perspektive zu geben.