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Forschungsprogramm

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Ziel des Themenverbunds

Ziel des Themenverbunds "Ost-West-Transfers" ist es, systematisches und empirisch untermauertes Wissen über die Art, Qualität und Richtung politischer, sozialer, ökonomischer und kultureller Verflechtungsprozesse zwischen Ost und West bzw. West und Ost zu erhalten.

Diese Ost-West-Perspektive hat durch das Ende des Kalten Krieges und die daran gekoppelten tiefgreifenden Transformationen in Europa und der Welt neue Bedeutung gewonnen. Doch erschöpft sich die Relevanz des Themas Ost-West-Transfers nicht in der gegenwärtigen Aktualität. Der Fokus auf Ost-West-Transfers soll nicht nur zu einem vertieften Verständnis der Dynamiken und Effekte von Transfer- und Verflechtungsprozessen in Europa und der atlantischen Welt führen, sondern auch unser Denken über Verflechtungsprozesse, die Moderne bzw. die Modernen sowie über Raumkonzepte verändern.

Für den Themenverbund ist entscheidend, dass die genannten Begrifflichkeiten eine gemeinsame Verständnisebene der beteiligten Fachdisziplinen bereitstellen. Diese gemeinsame Ebene ist essentiell, um einen fächerübergreifenden Dialog entstehen zu lassen, der aus der Arbeit des Verbunds wesentlich mehr als die Summer seiner (disziplinären) Teile erwarten lässt.

Verflechtungen


"Verflechtungen" als Prämisse

Der Themenverbund geht von der Prämisse aus, dass sich die Gegenstände der sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung nicht als abgeschlossene, klar abgegrenzte Phänomene betrachten lassen. Vielmehr zeichnen sie sich durch vielfältige Verflechtungen und gegenseitige Abhängigkeiten aus. Soziale und kulturelle Tatbestände sind durch Relationalität, nicht Essentialität gekennzeichnet.

Insbesondere in Bezug auf die Moderne, die sich in der um 1750 einsetzenden "Sattelzeit" (R. Koselleck) formierte und sich in der Folgezeit in unterschiedlichen historischen und kulturellen Kontexten unterschiedlich manifestierte, kann Interdependenz als ein konstitutives Merkmal angesehen werden. Nicht zuletzt aufgrund von verkehrs- und kommunikationstechnischen Neuerungen gewannen Verflechtungsprozesse im 19. Jh. eine neue Dynamik, die sich im 20. Jh. und mehr noch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs massiv beschleunigte. Die so entstandene Verflechtung der modernen Welt ist das Ergebnis von Transfer- und Austauschprozessen, die auf verschiedenen Ebenen angesiedelt sind und von einer Vielzahl von Akteur/innen und Prozessen getragen werden. Somit geht es dem Themenverbund um die Historisierung von Globalisierung einerseits, die Kontextualisierung ihrer Manifestationen andererseits.

ost-west


Begriffe: "Osten" und "Westen"

Für die "Moderne" sind die Begriffe "Westen" und "Osten" zentral, da sie nicht nur Himmelsrichtungen beschreiben, sondern kulturelle Aufladungen erfuhren und zu Identitäts-bildenden Momenten wurden.

Mit "Westen" ist hier im Sinne Anselm Doering-Manteuffels jene europäisch-atlantische Werteordnung und jener europäisch-atlantische Politik-, Gesellschafts-, Wirtschafts- und Kulturzusammenhang gemeint, der sich seit dem 18. Jh. in komplexen Prozessen wechselseitigen Austausches herausbildete und sich seiner Selbst, und zwar auch in bewusster Konstruktion eines "Ostens", bewusst wurde. Der "Westen" war somit nicht nur der historische Ort von Reformation und Aufklärung, Liberalismus und Demokratie, Kapitalismus und Industrialisierung, sondern auch eine Chiffre für die Moderne.

Gleichzeitig entstand das westliche Selbstbild auch durch Alteritätsdiskurse, in denen Osteuropa, dem Balkan und natürlich auch dem Orient jene Werte und Eigenschaften zugeschrieben wurden, von denen sich der Westen abgrenzen wollte. Aber nicht nur die westliche Identitätskonstruktion ist untrennbar mit Bezügen zum Osten verbunden, sondern auch die als spezifisch wahrgenommene soziale, ökonomische, politische und kulturelle Entwicklung Westeuropas und Nordamerikas war eingebettet in ein Beziehungsgeflecht mit dem "Osten". Die lange Zeit gängigen Vorstellungen von "Modernisierung", "Verwestlichung", "Europäisierung" oder "Amerikanisierung" haben diese Zusammenhänge ausgeblendet und vielmehr den westlichen Weg als normativ angesehen, an dem sich andere Weltgegenden messen ließen und dem letztlich auch diese Regionen folgen würden.

Der Themenverbund will deshalb diese Vorstellungen von einem westlichen "Sonderweg" und damit verbunden auch der "Rückständigkeit" des "Ostens" dekonstruieren, indem die gegenseitige Bezogenheit und Abhängigkeit der historischen und gegenwärtigen Entwicklungen betont werden. Eine Erkenntnis-leitende Perspektive dabei ist das Konzept der "multiplen Modernen" (S. Eisenstadt). Mit diesem Zugang bieten sich auch neue Einsichten in die Konstruktion gesellschaftlicher Großgruppen, wie die der Nation, die sich zwar als bewusste Abgrenzung wahrnimmt, sich aber gleichzeitig über unterschiedliche grenzüberschreitende Bezüge konstituiert.

Raum


Kategorie "Raum"

Eine weitere die unterschiedlichen beteiligten Disziplinen verbindende Perspektive ist die Bedeutung von Raum als sozial- und kulturwissenschaftlicher Analysekategorie. Dabei ist der Ansatz des Themenverbunds vom sog. "spatial turn" beeinflusst, der die doppelte Realität von Räumen als einerseits geographisch-lokaler Materialität und als andererseits machtgefügte, soziale und im besonderen Maße auch symbolische Konstruktionen betont hat. Durch die Verbindung sozial- und kulturwissenschaftlicher Zugänge sollen sowohl soziale und ökonomische Aneignungsprozesse von Raum als auch kulturell konstruierte Raumvorstellungen in den Blick genommen und aufeinander bezogen werden.

Einen besonderen Fokus werden physische und soziale Räume darstellen, in denen sich einerseits intensive Verflechtungen und Transfers untersuchen lassen, die andererseits kulturell besonders aufgeladen sind. Leitend sind dabei Konzepte wie "Kontaktzone" (contact zone) und "Grenzraum" (borderland). Durch dichte Interaktionen, Austauschprozesse und Verflechtungen entstehen distinkte Gesellschaft- und Kulturformationen, die transnational bzw. transregional sind und damit landläufige (sowie vom Nationalstaat sowie anderen mächtigen soziokulturellen Institutionen geförderte und eingeforderte) Vorstellungen von kultureller, sozialer und politischer Eindeutigkeit von Raum unterlaufen. So gefasst, sind Grenzregionen sowohl Felder von Innovation, Diffusion und soziokulturellen Neukonfigurationen, aber auch von Konflikt, Widerstand, Aufeinanderprallen und womöglich auch Vernichtung von Kulturen; diese Räume bieten somit besonderes heuristisches Potenzial.

Ähnlich wie Grenzregionen sind transnationale bzw. transkulturelle soziale Räume für die Forschungszusammenhänge des Themenverbunds zentral. Damit sind Räume gemeint, die durch fortlaufende und häufig multidirektionale Migrations- und Verflechtungsbewegungen über nationale sowie kulturelle Grenzen hinweg entstehen. Diese Verbindungen lassen neue soziale Räume entstehen. Im Mittelpunkt der Untersuchung der spezifischen Dynamiken dieser Räume stehen dabei die Akteure des Verflechtungsgeschehens.

Dabei gilt eine besondere Aufmerksamkeit den "brokers", d.h. den Vermittler/innen zwischen Kulturen und Trägern von Transferprozessen. Diese Funktionen können je nach Kontext sowohl von Individuen als auch von Gruppen und Institutionen erfüllt werden. In engem Zusammenhang mit den Trägern der Verflechtung steht die Frage nach den kulturellen Übersetzungsleisten, die mit Austauschbeziehungen einher gehen.

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Kontakt

David Franz

ostwest.transfer@ur.de

Gebäude IOS

Landshuter Straße 4

93047 Regensburg

Zimmer 229