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In meinem Buch "Relation als Vergleich. Die Relationstheorie des Johannes Buridan im Kontext der Scholastik" habe ich ansatzweise die Stellung des Kommentars im mittelalterlichen Denken zu bestimmen versucht. In der Aufarbeitung dieses Problemfeldes scheint auf dem Gebiet der Theologie mit Bezug auf Bibelkommentare weit mehr geschehen zu sein als in der Philosophie. Hier herrschen allgemein noch sehr oberflächliche Vorstellungen. Man kann vor dem Aufkommen der Philologie zwischen eigenständiger Theorie und der Kommentierung fremder Texte keinen prinzipiellen Unterschied machen. Diese bereits in der Spätantike hochentwickelte, im Mittelalter jedoch nicht bloß fortgeführte, sondern um neue Typen erweiterte Artikulationsform des Denkens lässt sich keinesfalls mit dem Schema ratio – auctoritas zureichend fassen. Ziel muss eine minutiöse Typologisierung der einzelnen Kommentarformen sowie eine Erhebung ihrer geschichtlichen Abfolge sowie deren historische Bedeutung sein.
Eine prominente Form philosophischer Theologie ebenso wie der religiösen Weise, von Gott zu reden, ist die sog. "negative Theologie". Nun ergibt der historische Befund, dass die Denker des Mittelalters dem apophatischen Element ein sehr unterschiedliches Recht zuweisen. Duns Scotus und Meister Eckhart bilden hier wohl die beiden extremen Gegenpole. Auch bei den bekannten Vertretern der negativen Theologie werden Grund und Tragweite der Negation je anders eingeschätzt. In dieser Diskussion lässt sich sowohl die Verschmelzung von sehr unterschiedlichen Traditionen (Augustinus; Dionysius Areopagita; Meimonides) wie auch deren je andere Inanspruchnahme beobachten. Es kommt aber neben solchen Traditionsbildungen und -verschmelzungen im Mittelalter ein ganz neues Element hinzu: die Frage nach der epistemologischen Funktion negativer Prädikate. Hierbei ist zugleich die Möglichkeit gegeben, in einem relativ engen thematischen Rahmen zu analysieren, in welchem Maße die denkerische Entwicklung durch die Kraft der Argumente bestimmt ist. Mit dem Ansatz des Duns Scotus endet die dionysische Tradition, noch lange bevor der fiktive Charakter des Corpus dionysiacum durchschaut worden ist.
Die philosophische Mediävistik kann nur produktiv sein, wenn sie philosophische Durchdringung in all ihren Formen (Interpretation; Aneignung; Argumentationsanalyse) mit historischer Forschung verbindet. Johannes Buridan ist der einzige der führenden Nominalisten, der zur Metaphysik des Aristoteles einen Literalkommentar verfasst hat. Mit nur wenigen, wenn auch gewichtigen Ausnahmen sind fast alle Literalkommentare Buridans noch unediert. Im Anschluss an meine in Vorbereitung befindliche Edition von Buridans Tractatus de relationibus soll diese Aufgabe in Angriff genommen werden.
Thomas von Aquin hat eine damals seit langem aufgegebene Tradition wieder aufgegriffen: die Kommentierung von Schriften des Boethius. Da die historisch-kritische Edition des Thomas-Kommentars zu De hebdomadibus – die sog. "Axiomenschrift" – auch mit einem neuen Datierungsvorschlag verbunden war, wird auch durch die veränderte zeitliche Umgebung auf den Text ein neues Licht geworfen. Hier ist eine Übersetzung des Kommentars entstanden. Ein Kommentar zum Text des Thomas ist in Arbeit.
Der Umfang, in dem das Werk des Thomas von Aquin in deutscher Übersetzung vorliegt, bleibt weit hinter dem zurück, was in den Nachbarländer erarbeitet worden ist. Die Forschung ist sich einig, dass den verschiedenen Sammlungen von Quaestiones disputatae ein besonderer wissenschaftlicher Wert zukommt. Natürlich sind sie nicht mit der systematischen Einheit der großen Summen zu vergleichen. Aber die umfängliche Berücksichtigung von Pro- und Contra-Argumenten gibt weitaus größere Gelegenheit, in die zeitgenössische Diskussion einzugreifen. Auch die Artikelcorpora der Quaestiones disputatae sind in der Regel umfänglicher als in den Summen; dies erklärt sich daraus, dass Thomas hier besonders grundsätzlich antwortet und die Antworten systematisch absichert.
Etwa zehn Übersetzer haben sich die Aufgabe aufgeteilt, die Übertragung ins Deutsche der über 500 Artikeln erarbeiten – dies mit der festen Absicht, trotz des gewaltigen Umfangs des Gesamttextes die Übersetzungen sukzessive in einigen Jahren vorlegen zu können.
Im Rahmen der DFG-Forschergruppe "Formen und Funktionen des Krieges im Mittelalter" beschäftigt sich das Teilprojekt "Krieg als spekulative Metapher" mit dem Problem des Prinzipiendualismus und des Antagonismus. Schon in der Vorsokratik entstehen bei Empedokles, Pythagoras und Heraklit Theorien, die die Wirklichkeit als durch antagonistische Verhältnisse konstituiert ansehen. In der klassischen griechischen Philosophie werden diese zwar widerlegt, aber, zumal im Corpus aristotelicum auch fragmentarisch überliefert. Diese Diskussionen kommen im 13. Jahrhundert wieder auf, und zwar durch das Wiederaufleben der gnostischen Tradition bei den Albigensern und anderen dualistischen Strömungen. Im Mittelpunkt des Projektes steht die Rezeption der klassischen Friedenstexte bei Augustinus und Dionysius, insbesondere in den großen Kommentaren zu dessen Schrift Über die göttlichen Namen. Daneben gilt es aber auch zu klären, wie das Mittelalter sich Gegensätze überhaupt gedacht hat; hier sind die modifizierenden Aneignungen der aristotelischen Gegensatzlehre zu analysieren. Von da aus kann man dann die Frage stellen, ob der Wirklichkeit tatsächlich antagonistische Prinzipien zugrunde liegen und ob dies der Gegensatz von Gut und Böse sein kann.
Ebenfalls als eine Leistung der Vermittlung kann auch das "Repertorium edierter Texte aus dem Bereich der mittelalterlichen Philosophie und ihrer angrenzenden Gebiete", Berlin (Akademie Verlag) 1994, betrachtet werden. Hier ist eine beträchtlich erweiterte und aktualisierte Neuauflage mit den bibliographischen Angaben zu ca. 28.000 Werken von ca. 2500 Autoren. Von diesen Texten sind etwa 48.000 kritische oder unkritische, vollständige oder unvollständige Editionen und Übersetzungen bibliographiert wird; der Abschluss der Arbeiten ist für Ende 2003 geplant. Auch die Präsentation ist im Sinne optimaler Übersichtlichkeit wesentlich verbessert worden. Die Fritz Thyssen Stiftung hat dies mit beträchtlichen Mitteln unterstützt.
Nützlich ist dieses Werk nicht bloß für das schnelle Auffinden derjenigen Texte, die in großen oder auch ganz kleinen Einheiten in den vergangenen 150 Jahren mediävistischer Forschung ediert worden sind (auch die bibliographischen Angaben von Übersetzungen in die wichtigsten Sprachen sind dort zu finden). Für den einzelnen Autor ergibt sich auch ein Überblick über die Geschichte der Interessenkonjunkturen, dem Vergessenwerden, den Wiederentdeckungen etc. Unter dem letzten Gesichtspunkt betrachtet ist es keine bloße Spezialbibliographie.
Spontaneität meint die unbedingte Initiierung von Bewegung bzw. von Tätigkeit. Während das Wort erst im späten Mittelalter aufkommt, ist der Gedanke alt. Platon fasst die Seele, Prinzip des Lebendigen und des Kosmos überhaupt, als Selbstbewegung. Dieser Gedanke wird bei Augustinus und der an ihn anschließenden Tradition übernommen. Diese trifft im Zuge der Aristoteles-Rezeption zusammen mit der fundamentalen Kritik des Aristoteles, wonach reine Selbstbewegung nicht zu denken ist, vielmehr bei Bewegung stets ein agierendes und ein passives Moment unterschieden werden muss. Mit dem Konzept der Spontaneität wird in der Geschichte des Denkens sehr unterschiedliches gefasst: die spezifische Verfasstheit des Menschen, des Lebendigen, der voluntativen bzw. rationalen Selbsttätigkeit. Die innere Virulenz des Themas macht es erforderlich, das Konzept der Spontaneität über die klassische Philosophie der Neuzeit (Descartes; Leibniz, Kant und Fichte) bis in die Gegenwart hinein zu verfolgen, wobei in dieser Hinsicht nicht bloß die französische Philosophie (Bergson) eine herausragende Rolle spielt, sondern auch in die mannigfachen systemtheoretischen Inanspruchnahmen von Autopoiesis eine Rolle spielen.
Ebenfalls der Erschließung der mittelalterlichen Texte dient ein ganz neuartiges Internetlexikon: "www.Alcuin.de – Regensburger Infothek der Scholastik". Hier werden nur Daten zur Biographie und zu den Texten der mittelalterlichen Autoren gesammelt. Absicht ist nicht, dort eigene Forschungsresultate ins Netz zu stellen, sondern vielmehr zu dokumentieren, was an sehr disparaten Orten publiziert wird. Dadurch kann das sonst übliche und sonst auch unabdingbare Korrelation Autor-Artikel aufgegeben werden. Stattdessen soll die immer noch unzureichend erforschte Vernetzung mittelalterlicher Dispute schrittweise transparent gemacht werden. Man kann also relativ rasch finden, welche Übersetzung es von einem Text gibt, wie erfolgreich die jeweiligen Versionen waren etc. Zugrunde liegt eine Datenbank, in die fortlaufend neue (oder korrigierte) Einträge vorgenommen werden. Innerhalb des neuen Mediums entfallen sowohl die strikten Vorgaben, wie sie Lexikonredaktionen zu überwachen haben, wie auch die Festlegung eines Redaktionsschlusses. Die kontinuierliche Erweiterung mit neuen Informationen gewährt die Möglichkeit, den Fortschritt der Forschung schneller dokumentieren zu können.
Es werden möglichst alle einem Autor zugeschriebenen Werke (plus Titelvarianten) verzeichnet. Aus diesem Verzeichnis ist zu erkennen: die Verfügbarkeit (kritisch ediert – unkritisch ediert – handschriftlich überliefert); die Autorschaft (echt – zweifelhaft – unecht); sofern bekannt, wird auch die Entstehungszeit spezifiziert; Entstehungszeit.
Daneben finden sich "Einzelbemerkungen zu den Texten": In einer eigenen Rubrik werden Informationen zu den einzelnen Texten verzeichnet: Diese beziehen sich auf besonders hervorzuhebende Charakteristika, Quellen, Selbstverweise, Rezeptionsgeschichte etc.; Manuskripte werden nur in Ausnahmefällen angeben. Die benützte Literatur ist verzeichnet; wichtig ist uns nicht die Wiederverwendung oder Ergänzung vielfältig anderweitig dokumentierter Literatur, sondern vielmehr, dass der Benutzer den Kenntnisstand beurteilen kann, auf dem die Angaben beruhen.
Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt bildet die Diskussionsgeschichte des Begriffsfeldes "Axiom, Prinzip, Grund, Ursache, Bedingung". Ausgangspunkt hierfür ist die verbreitete, aber prüfungsbedürftige These, wonach Leibniz im Prinzip des zureichenden Grundes lediglich dasjenige ausdrücklich gemacht habe, was die europäische Philosophie immer unausdrücklich als geltend anerkannt habe. So wie das Nachdenken hier zuletzt auf die Grenzen der Rationalität stößt und zu fragen hat, in welchem Sinne genau hier von Grenze die Rede ist, so stößt es auf die grundlegenden Fragen nach dem Verhältnis von Vernunft und Geschichte oder anders gefragt auf das Problem, wie sich verschiedene Formen von Rationalität denken lassen, ohne die Einheit der Vernunft aufgeben zu müssen.
In Philosophien mit weit auseinanderliegenden historischen Koordinaten und sehr unterschiedlicher Interessenrichtung kommt dem Thema des Gedächtnisses eine herausragende Stellung zu. Es wird als eine Theorie des Bewusstseins konzipiert: Platon, Augustinus, Bergson. Diese Theorien werden je für sich untersucht, um sie dann gegen eine andere und ebenfalls sich immer wieder regenerierende Tradition abheben zu können, die Gedächtnis nur als Erinnerungsvermögen versteht. An deren Anfang steht Aristoteles. Auch hier kommt es in der mittelalterlichen Scholastik zu einer ersten Konfrontation der beiden Traditionen.