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Metropolität

Was ist vormoderne Metropolität?

Was machte eine europäische Stadt im vorindustriellen Zeitalter zur Metropole? Zur Bearbeitung der ersten und zentralen Leitfrage des hier entwickelten Forschungskonzeptes sind verschiedene theoretische Ansätze einzubeziehen. Ausgehend von der klassischen Stadtdefinition des amerikanischen Stadtsoziologen Louis Wirth, der Städte „als eine relativ große, dicht besiedelte und dauer- hafte Niederlassung gesellschaftlich heterogener Individuen“ versteht, spielen sich in Metropolen demographische, räumliche und soziale Prozesse in großer Dynamik ab. Wenn man rein quantitative Metropolendefinitionen, etwa das Kriterium der Millionenstadt, außer Acht lässt, da sie der demographischen Entwicklung früherer Epochen nicht gerecht werden, stehen verschiedene qualitative Merkmale - in unterschiedlicher Akzentuierung - im Fokus der modernen Großstadtforschung:

 a) die Bündelung zentralörtlicher Funktionen, insbesondere als politisches Zentrum (Hauptstadt, vgl. Jansen/Roeck 2002), als international bedeuten- der Handels- und Finanzplatz oder als kulturelles Zentrum;

b) eine hohe soziale Mobilität und Diversität, die etwa in sozioprofessioneller Spezialisierung, in religiös-kultureller Pluralisierung oder in verstärkten sozialen Konflikten beobachtbar sind;

c) ein hohes Innovationspotenzial, das aus Wissens- und Kulturtransfers, Institutionalisierung von Bildung und Wissenschaft sowie aus den komplexen urbanistischen Anforderungen an die Infrastruktur schnell wachsender Großstädte gespeist wird;

d) eine erhöhte Dichte der Besiedlung, die sich in der Maximierung der besiedelten Flächen und Geschosshöhen im Stadtkern und in der ausgreifenden Urbanisierung des Umlandes (Suburbanisierung) äußert sowie
e) ein metropolitaner Geltungsanspruch, der aktiv nach innen und außen vertreten wird, d.h. Wirkungen auf die Identität der Einwohner wie auch die Wahrnehmung von außen entfaltet.

 

Das Forschungsfeld, das mit vormoderner Metropolität eröffnet wird, hat die vorliegenden Theorieangebote der Metropolitan Studies und modernen Stadtsoziologie zu Metropole/Metropolität auf zwei Ebenen kritisch zu überprüfen und zu modifizieren. Zum einen haben die oben genannten Kriterien durchaus Relevanz für die dynamischen demographischen, räumlichen, sozialen, politischen etc. Prozesse in der Vormoderne, jedoch nur in zur Moderne deutlich differenter und von daher notwendig spezifizierbarer Hinsicht. So wirft zum Beispiel das Kriterium des metropolitanen Geltungsanspruchs fruchtbare Fragen bezüglich der Identitätsbildung und Wahrnehmung in vormodernen Metropolen auf. Allerdings entfallen in Antike, Mittelalter und Frühneuzeit - gemäß der Definition von Reif - weitgehend die Träger des modernen „metropolitanen Diskurses“ oder der städtischen „Symbol- und Imagepolitik“. Der Regensburger Forschungsverbund bietet hier mit Schwerpunkten zu liturgischen Repräsentationen mittelalterlicher Metropolen (H. Buchinger), zur Bedeu tung und Verbreitung ikonographischer Repräsentationen in italienischen Metropolen des Mittelalters (A. Dietl) oder zum stadtbezogenen Literatur- und Theaterbetrieb im frühneuzeitlichen London (A.-J. Zwierlein) gleich mehrere innovative Bearbeitungskonzepte zur Frage nach metropolitanen Diskursen an (s. auch Untersuchungsfelder).

 

Zum anderen sind im Rahmen des beantragten Graduiertenkollegs eigene Konzepte und Kriterien vormoderner Metropolität zu entwickeln. Dies betrifft zum Beispiel die Funktionen und Formen transmetropolitaner Kommunikation. Welche Wirkungen zeitigen die kulturellen, technologischen oder politisch-sozialen Errungenschaften großer Metropolen auf ihre Statusgruppe im europäischen (und möglicherweise übereuropäischen) Raum? Wie verlaufen hier Kommunikation und Transfers? Regensburger Forschungen zu Städtekonkurrenzen und Stadtvorbildern in der Antike (D. Steuernagel) oder zum Intermetropolenrecht in der Frühen Neuzeit (M. Löhnig) gehen in diese Richtung. Als ‚Intermetropolenrecht‘ ist hier ein übergreifendes Recht des Netzwerkes verschiedener Metropolen zu verstehen, das sich durch das Entstehen von Regeln auszeichnen kann, die in den beteiligten Zentren ortsunabhängig beachtet werden. Metropolen können auch als stilbildende Zentren liturgischer Entwicklung charakterisiert werden, die zur Ausprägung der großen Ritenfamilien christlicher Liturgie geführt haben. Als bestimmende Faktoren sind dabei nicht nur realpolitische Geltungsansprüche hauptstädtischer Liturgien (etwa von Rom und Byzanz, aber auch Alexandrien etc.), sondern auch metaphorische Bezüge zu identifizieren. Die Historizität von Metropolen wäre ein weiterer Themenbereich, der sich von den bisherigen Wegen der Metropolenforschung unterscheidet: Im Rahmen eines Forschungsprogramms „Vormoderne Metropolität“ soll vergleichend und transdisziplinär nach den Trägern, Feldern und Formen eines geschichtsbezogenen Diskurses in der und über die Metropole gefragt werden. Dieses Kriterium ordnet sich dabei keineswegs nur dem oben skizzierten metropolitanen Geltungsanspruch unter, sondern hat ganz eigene Folgen für die Erhebung von Herrschaftsansprüchen, für den Status sozialer Gruppen oder für die Gestaltung des metropolitanen Raums, wie etwa der Regensburger Schwerpunkt zu spätantiken Friedhöfen als soziale Orte (A. Merkt) zeigt.
 

Welche konzeptuellen Möglichkeiten bietet die Verwendung des Metropolenbegriffs für ein transdisziplinäres Forschungsprogramm, das sich auf die europäische Vormoderne konzentriert? Im Konzept vormoderner Metropolität lassen sich Eigenart und Wandel im historischen Erscheinungsbild wie in der normativen Bedeutung einzelner Metropolen genauso darstellen wie strukturelle Vergleiche mit anderen Epochen und außereuropäischen Kulturen. Bislang wurde noch nie der Versuch unternommen, die longue durée großer urbaner Zentren in einem theoriegeleiteten und differenzierten Zugriff zu analysieren. Die beteiligten Wissenschaftler der Universität Regensburg bieten dafür sowohl in diachroner als auch fachlicher Hinsicht ein breites Spektrum eigener Forschungsschwerpunkte an, die von den antiken Zentren (D. Steuernagel, A. Merkt, H. Buchinger, ergänzt durch die beiden assoziierten Wissenschaftler B. Edelmann-Singer und T. Saile) über mittelalterliche Urbanisierungsprozesse (J. Oberste, A. Dietl, H. Buchinger, M. Selig, M. Spoerer) bis zu den frühneuzeitlichen Metropolisierungen reicht (A.-J. Zwierlein, M. Spoerer, M. Löhnig). Als heuristische Ausgangsfolie bieten sich - gemäß den Forschungsschwerpunkten der Antragsteller - zunächst die städtischen Großzentren in Europa, die ‚Metropolen‘ im Sinne der quantitativ ausgerichteten Metropolitan Studies, an, generieren sie doch am stärksten und oft am frühesten gesellschaftlich relevante Veränderungspotentiale. In ihnen macht sich der Veränderungsdruck durch demographische Expansion, Migration, überlokale Verflechtung unter gleichzeitiger Auflösung traditioneller sozialer Formationen und Spielregeln am dringlichsten bemerkbar. Hier zeigt sich zuerst die Notwendigkeit neuer politischer und sozialer Organisationsformen zur Beherrschung einer anonymen Masse, die nicht mehr nach den Regeln der face-to-face-Kommunikation funktioniert, neuer Instrumente wirtschaftlicher Steuerung, die den Bedürfnissen und neuen Möglichkeiten transnationaler Handelsbeziehungen gerecht werden, und innovativer städtebaulicher Lösungen, die auf die wachsende Bevölkerung ebenso reagiert wie auf die Repräsentationsbedürfnisse der politischen und wirtschaftlichen Eliten. Dabei wird jedoch dezidiert nicht auf das in der Geschichtswissenschaft und historischen Geographie etablierte Konzept der europäischen Stadt abgehoben, das, basierend auf M. Webers Stadttypologie, mit Kleinteiligkeit, Nutzungsmischung und Selbstorganisation argumentiert, sondern entlang der aufgezeigten Untersuchungsperspektiven eine differenzierte Analyse spezifischer historischer und kultureller Bedingungen für Urbanisierungs- und Metropolisierungsprozesse angestrebt.

 

Die multiperspektivische, epochenübergreifende und transdisziplinäre Perspektive, die das Regensburger Forschungsprogramm „Metropolität in der Vormoderne“ anbietet, besetzt damit eine wichtige Schnittstelle in der kulturwissenschaftlichen Städteforschung, indem sie die unbestreitbare Relevanz heutiger Millionenstädte als „Entscheidungs-, Steuerungs- und Kontrollzentren der globalen (und nationalen) Ökonomie und Politik“ in eine langfristige historische Dimension einbindet. Der Konzeptbegriff der Metropolität eignet sich dabei in besonderer Weise für ein transdisziplinäres Forschungsdesign. Er lenkt den Blick vom städtischen Einzelfall auf die Bedingungen, Erscheinungsformen und Folgen jenes Prozesses, in denen Städte zu führenden und prägenden urbanen Zentren im internationalen Maßstab aufstiegen. Diese Fragestellung generiert zugleich syn- und diachrone Vergleichsparadigmen sowie ein notwendiges Verständnis von der Wandelbarkeit  und  Vielfältigkeit  der  Bedingungen  metropolitaner  Prozesse.  Möglichkeiten  der transdisziplinären Vernetzung, wie sie in Publikationen der Antragsteller bereits vorgeführt werden, liegen in der hier anzustrebenden Metropolenforschung in jedem der unten skizzierten Untersuchungsfelder vor. 

Dabei erscheint ‚Metropole‘ trotz vielfacher Verwendung als eine in der bisherigen historischen Forschung zu wenig und zu unklar definierte analytische Kategorie. Die heterogene Verwendung des Quellenbegriffs ‚Metropole‘ / metropolis vor allem in antiken und mittelalterlichen Texten führt bis heute zu generellen Vorbehalten gegen die Verwendbarkeit des Metropolenparadigmas in der Vormoderne oder zu semantischen Engführungen etwa auf die Hauptstadtfunktion. Gesteigert werden solche Vorbehalte durch das definitorische Dickicht der auf die Moderne bezogenen Metropolitan Studies, die von einer einheitlichen Metropolendefinition weit entfernt sind. Mit dem Verzicht auf  diese  Untersuchungsperspektive  wäre  nach  unserer  Auffassung jedoch  die Chance verspielt, das komplexe Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren wirtschaftlicher, kultureller, sozialer, politischer, religiös-kultischer sowie rechtlicher, technischer und topographischer Natur zu analysieren, das für die internationale Ausstrahlung der bedeutendsten urbanen Zentren verantwortlich war und dem Urbanisierungsprozess in seinem jeweiligen zeitlichen und kulturellen Kontext die entscheidenden Muster und Normen vermittelte.

 

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