Zu Hauptinhalt springen
Startseite UR

Profil des Graduiertenkollegs

Profil des Graduiertenkollegs

Urbane Kulturen orientieren sich an metropolitanen Vorbildern. Bereits in der ersten „urban revolution“ im vorchristlichen Asien setzten wenige große Zentren wie Çatal Hüyük, Uruk oder Ur die Standards für die Ausgestaltung und Wahrnehmung städtischer Lebensformen. Worin aber liegt die besondere Wirkung solcher „Referenzorte“ im Urbanisierungsprozess begründet? Das hier skizzierte Forschungsprogramm fragt gezielt nach zeit- und kulturspezifischen Bedingungen für die Konstitution und Bedeutungsvielfalt von Metropolen. Wodurch werden metropolitane Bedeutungsüberschüsse in der Vormoderne generiert, welche Binnen- und Außenwirkungen erzeugen sie?

 

Fundamental erscheint für alle Metropolendefinitionen bis heute der Faktor der demographischen Dynamik und Größe, doch führt die Analyse der Ursachen für dynamisches Städtewachstum auf spezifische Bedingungen von Metropolität, die für die Vormoderne nicht hinreichend geklärt sind. Soziale und politische, wirtschaftliche und kulturelle Faktoren geraten bei dieser Analyse in den Blick: Metropolen potenzieren als

‚Weltstädte‘ zugleich die Möglichkeiten und Probleme der Vergesellschaftung einer bestimmten Zeit und Kultur. Als Präzedenzfälle der Urbanisierung manifestiert sich in ihnen am deutlichsten die spezifische „Eigenlogik“ der Stadt, wobei Metropolen in Europa stets - und besonders in der Vormoderne - als Ausnahmefall zu betrachten sind.

 

Zugleich sind Metropolen komplexe historische Gebilde mit einer langen, von Konjunkturen und Katastrophen geprägten Biographie, die in der Identitätskonstruktion ihrer Bewohner eine wichtige Rolle einnimmt. Von den 15 größten Städten im lateinischen Europa zählen zu Beginn des 16. Jahrhunderts, angeführt von Paris und Neapel, 100% zur Gruppe ehemaliger römischer Civitates. Um 1800 liegt der Anteil der römischen Gründungen immerhin noch bei 60%. London zählt schon um 1500 zu den wenigen Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern und steigt im 17. Jahrhundert zur bevölkerungsreichsten Metropole Europas und - für längere Zeit - der Erde auf. Metropolität beschreibt Strukturen von langer Dauer, die sich - zumindest im Falle erfolgreicher Metropolen, die ihren Status über lange Zeiträume behaupten - durch große Anpassungs- und permanente Innovationsfähigkeit auszeichnen. Metropolen sind in diesem Sinne von „Erinnerungsräumen“ durchzogen, die als Objektivationen des kulturellen Gedächtnisses (z.B. in Literatur, Architektur, Ritualen, Denkmälern, Museen) auf historischen Erfahrungen und Deutungen beruhende Identitätsangebote unterbreiten. Trotz vielfältiger Bemühungen der historischen Wissenschaften um vormoderne Städte bleibt die longue durée der europäischen Metropole ein bislang ungeklärtes Problem der Forschung.

 

Im Rahmen des beantragten Regensburger Graduiertenkollegs sollen erstmals und innovativ die konstitutiven Bedingungen und kulturellen Folgen vormoderner Metropolität in Europa multidisziplinär untersucht werden. Dabei wird keineswegs auf ein homogenes, kontinuierlich entwickeltes Metropolitätskonzept von der antiken Polis bis zur vorindustriellen Residenzstadt oder auf den Sonderfall lateinisches Europa abgehoben. Die angestrebten Untersuchungen werden vielmehr durch das epochenübergreifende und transdisziplinäre Design des gemeinsamen Forschungsprogramms für Diskontinuitäten und kulturelle Spezifika einzelner Epochen und Regionen sowie für Vergleiche über Europa und über die Schwelle der Industrialisierung hinaus besonders sensibilisiert.

 

Durch die Beteiligung der Vor- und Frühgeschichte im Kreis der assoziierten Wissenschaftler (T. Saile) können den Graduierten Erkenntnisse, Theorien und Methoden der frühgeschichtlichen Urbanisierung und damit wichtige Vergleichsparadigmen vermittelt werden. In kritischer Auseinandersetzung mit den Theorieangeboten der modernen Metropolitan Studies, deren Expertise sowohl im Kreis der assoziierten Wissenschaftler (M. Walter-Rogg) als auch durch einen Kooperationsvertrag mit dem Georg-Simmel - Zentrum für Metropolenforschung (Berlin) sichergestellt ist, wird hier ein eigener Metropolitätsbegriff entwickelt, der auf folgende Fragen gerichtet ist: Was machte eine europäische Stadt im vorindustriellen Zeitalter zur Metropole? Wie konstruierten verschiedene Epochen und Kulturen metropolitane Geltungsansprüche? Welche Mechanismen der Institutionalisierung und des Wandels sind im Prozess der Metropolisierung (Metropolenbildung) wirksam? Und welche funktionalen und symbolischen Bedeutungen kommen Metropolen im Urbanisierungsprozess zu?

 

Dieses Fragebündel definiert ein innovatives und breites Forschungsfeld, das alle urbanen Lebens- und Funktionsbereiche, die Prozesse sowohl der äußeren als auch der inneren Urbanisierung einschließt. Die Antragsteller bieten hierfür einen multidisziplinären Zugang an, der neben der geschichtswissenschaftlichen und archäologischen Städteforschung spezifische Forschungsfelder zu Sprache und Literatur, Kunst und Architektur, Recht und Wirtschaft, Liturgie und Kirche umfasst. Mit dem interdisziplinären mediävistischen Zentrum „Forum Mittelalter“ und dem 2011 gegründeten Themenverbund „Urbane Zentren und europäische Kultur in der Vormoderne“ sind an der Universität Regensburg zwei anerkannte Kompetenzzentren zur vormodernen Stadt vorhanden, in denen die Antragsteller viel beachtete Forschungen in einer herausragenden fachlichen Breite und mit einem langjährig erprobten Schwerpunkt in der transdisziplinären Städteforschung betreiben. Die Umsetzung des hier skizzierten Forschungsprogramms basiert insbesondere auf den langjährigen Regensburger Forschungen zu den Spezifika urbaner Kommunikation, Repräsentation und Räume in der Vormoderne.

 

Dadurch kann den Graduierten ein überaus breites Betreuungs- und Qualifizierungsangebot eröffnet werden. Die fachliche und internationale Vernetzung der Regensburger Forschungen ist seit 2006 durch jährliche internationale Fachtagungen und Doktorandenkolloquien zur transdisziplinären Städteforschung kontinuierlich aufgebaut worden; Internationalität wird im Rahmen des beantragten Kollegs durch die Einladung an internationale Graduierte und Gastdozenten weiter gestärkt werden.

 

Das Forschungsprogramm „Metropolität in der Vormoderne“ eignet sich dabei in besonderer Weise für ein Graduiertenkolleg, da es eine ausgeprägte Anschlussfähigkeit an Forschungsgebiete in vielen Fächern und zugleich große Offenheit für neue methodische und thematische Zugänge besitzt. Das Betreuungs- und Qualifizierungskonzept ist leitend darauf ausgerichtet, eine Gruppe exzellenter Promovenden aus allen beteiligten Disziplinen so untereinander, mit den beteiligten Regensburger Wissenschaftlern und herausragenden externen Expertinnen und Experten zu vernetzen, dass sie ihre Dissertationen in einem wissenschaftlich anregenden und hochklassigen Umfeld diskutieren und in einem gesetzten Zeitrahmen erfolgreich abschließen können. Neben einer intensiven Zusammenarbeit mit den Antragstellern und Wissenschaftlern des Regensburger Forschungsverbundes „Urbane Zentren und europäische Kultur in der Vormoderne“ wird eine frühzeitige Beteiligung der Graduierten an nationalen und internationalen Kooperationen gefordert und gefördert. Institutionelle Kooperationen bestehen mit dem Institut für Vergleichende Städtegeschichte in Münster, dem Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung und dem HKFZ Trier.

  1. STARTSEITE UR