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Geschlechtspezifische Grabausstattungen im frühmittelalterlichen Bayern

Untersuchungen zur geschlechtsspezifischen Grabausstattung im frühmittelalterlichen Bayern

Wissenschaftliche Leitung: Dr. Tobias Gärtner

Kooperationspartner: Dr. Brigitte Haas-Gebhard, Archäologische Staatssammlung München; Dr. Manuela Harbeck, Bayerische Staatsammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München

Die Bestattungen auf Reihengräberfeldern des Frühen Mittelalters (Mitte 5. bis Mitte 8. Jh.) bieten mit ihren umfangreichen Grabbeigaben zahlreiche Ansatzmöglichkeiten für sozialhistorische Untersuchungen. Ausgehend von der skandinavischen und angelsächsischen Forschung finden seit den 80er Jahren auch in Mitteleuropa vermehrt Fragestellungen zur Rolle von Alter, sex und gender sowie anderer Faktoren bei der Grabausstattung Beachtung. Es zeichnet sich ganz deutlich eine Konstante bei der Zusammensetzung der Grabinventare ab, die durch die regelhafte Verknüpfung von Frauen mit Schmuckbeigaben und Männern mit Waffenausrüstung in weiten Teilen des frühmittelalterlichen Europas gekennzeichnet ist. Hierbei wurde in der Forschung bei der Geschlechtsansprache bis in die jüngste Vergangenheit häufig den archäologischen Funden ein deutlicher Vorrang gegenüber den anthropologischen Daten eingeräumt. Kommen Archäologie und Anthropologie zu unterschiedlichen Ergebnissen in der Geschlechtsbestimmung, geht man üblicherweise von einer Fehlbestimmung seitens der Naturwissenschaftler aus.


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Grab 459 von Straubing-Bajuwarenstraße. Juveniles Individuum mit Perlenkette, Schnalle, Spinnwirtel und Feinwaage. Die Feinwaage findet sich als komplett beigebenes Gerät üblicherweise nur in Männergräbern, während die Perlen typisch für weibliche Bestattungen sind (n. Hans Geisler, Das frühbairische Gräberfeld Straubing-Bajuwarenstraße I. Katalog der archäologischen Befunde und Funde. Internat. Arch. 30 (Rahden/Westf. 1998), Taf. 153).


Eine neue Analyse brachte vor einigen Jahren Bewegung in die Diskussion. Im Rahmen von Untersuchungen zu Verwandschaftsverhältnissen von Toten, die auf frühmittelalterlichen Reihengräberfeldern Südwestdeutschlands beigesetzten worden waren, wurden u.a. drei Individuen aus der Mehrfachbestattung Grab 3 von Niederstotzingen (Baden-Württemberg) analysiert. Dieses Grab gilt der Forschung schon seit geraumer Zeit als die gemeinsame Bestattung dreier schwer bewaffneter Krieger. Im Rahmen einer DNA-Analyse wurde eines der Skelette jedoch als weiblich bestimmt (Grab 3 c). Jüngst wurden diese Untersuchungen allerdings kritisch bewertet, sodass die Diskussion noch nicht abgeschlossen ist.

Es zeichnet sich ein neuer Forschungstrend in der Archäologie ab, der das Vorhandensein von schwer bewaffneten Frauen im Frühen Mittelalter akzeptiert, was tiefgreifende Folgen für die Bewertung der Stellung von Frauen in der frühmittelalterlichen Gesellschaft nach sich ziehen müsste. So wurde nun auch für Bayern das Vorhandensein von bewaffneten Frauen postuliert (Gräberfeld Aschheim). Das Projekt möchte die Frage der „Frauen in Waffen“ am bayerischen Fundmaterial unter interdisziplinärer Perspektive verfolgen. Von archäologischer Seite wurden bereits in Frage kommende Grabinventare mit Waffenbeigaben zusammengetragen, die möglicherweise weiblichen Individuen zuzuordnen sind. Die zugehörigen Skelette sollen nun von anthropologischer Seite erneut untersucht werden, wobei der Schwerpunkt auf einer methodisch stark abgesicherten DNA-Analyse liegt. Daneben soll eine Geschlechtsbestimmung anhand morphologischer bzw. morphometrischer Merkmale mit einem erweiterten Methodenkanon durchgeführt werden, welcher sich an den Richtlinien der Britischen Gesellschaft für biologische Anthropologie und Osteoarchäologie orientiert. Schließlich ist eine Geschlechtsbestimmung anhand des Verlaufs des Meatus acusticus internus vorgesehen. Das Felsenbein ist in jüngster Zeit erfolgreich zur Geschlechtsdiagnose insbesondere bei kindlichen oder jugendlichen Individuen, für welche die klassischen morphologischen Methoden der Geschlechtsbestimmung schlecht greifen, eingesetzt worden. Daher soll auch dieses Merkmal durch die Darstellung des Verlaufes des Meatus acusticus internus mittels Negativabdruckverfahren bei allen Individuen untersucht werden. Somit wird die Geschlechtsbestimmung der fraglichen Skelette zu über mehrere Methoden abgesicherten Ergebnissen führen und eine hohe Sicherheit aufweisen, die bei anderen Untersuchungen zu dieser Frage bislang nicht erreicht wurde.

Neben dem Aspekt der „Frauen in Waffen“ sollen auch andere Fragen der geschlechtsspezifischen Grabausstattung berücksichtigt werden. So werden immer wieder „Männer mit Schmuck“ festgestellt, welche die geschlechstspezifischen Rollenbilder von der männlichen Seite ausgehend zur Diskussion stellen. Schließlich gibt es einige besonders interessante Bestattungen von Kindern und Jugendlichen, die aus dem üblichen Geschlechterbild herausfallen. Hier sind die Ergebnisse der DNA-Untersuchungen besonders wichtig, da mit den klassischen anthropologischen Methoden das Geschlecht dieser Altersgruppen meist nicht bestimmbar ist. Haben Jungen auch Perlenschmuck getragen oder sind Mädchen gelegentlich mit einem Schwert und für Männer typischen Geräten beigesetzt worden? Die in Frage kommenden Grabinventare stammen aus den Gräberfeldern von Straubing-Bajuwarenstraße, Peigen, Künzing-Bruck, Aschheim, Pliening, Aubing, Steinhöring und Weiding.       

Literatur:

Tobias Gärtner, Alter, Geschlecht und soziale Rolle. Untersuchungen zu den frühmittelalterlichen Gräberfeldern von Straubing-Bajuwarenstraße, Peigen und Künzing-Bruck. Bayerische Vorgeschichtsblätter 72, 2012, 151-172.

Tobias Gärtner, Zur Ausstattung frühmittelalterlicher Frauengräber in niederbayerischen Donauraum. In: Ludwig Husty/Karl Schmotz (Hrsg.), Vorträge des 31. Niederbayerischen Archäologentages (Rahden/Westf. 2013) 243–284.


  1. Fakultät für Philosophie, Kunst-, Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften
  2. Institut für Geschichte