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Alle Menschen verständigen sich sprachlich, d.h. mittels einer oder mehrerer Sprachen, die sie im Laufe ihrer Kindheit oder später gelernt haben und die sie mit anderen Menschen teilen. Sprache ist das wichtigste Instrument des sozialen Handelns und des Denkens des Menschen in allen Kulturen. Umso erstaunlicher ist die große sprachliche Vielfalt, die man auf allen Kontinenten der Erde findet. Diese Vielfalt bezieht sich nicht nur auf die schiere Anzahl der Sprachen - man schätzt, dass es etwa 6000 verschiedene Sprachen auf der Welt noch gibt - sondern auch auf die enormen Unterschiede, die man unter den Sprachen findet in Bezug darauf wie sie bzw. ihre Sprecher Sachverhalte ausdrücken und ihre Sprache verwenden.
Der Gegenstand des Faches Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft (im Weiteren AVS) ist die Sprache im Allgemeinen und die Einzelsprachen im Besonderen in theoretischer und empirischer Hinsicht. Das Erkenntnisinteresse der AVS ist es, Antworten auf folgende Fragen zu finden: "Was haben die Sprachen der Welt auf lautlicher, grammatischer, lexikalischer, semantischer und pragmatischer Ebene gemeinsam und was unterscheidet sie?", "Warum sind die Sprachen so wie sie sind?", und schließlich ganz allgemein "Was ist eine mögliche menschliche Sprache?". Die universalen Kategorien und Funktionen der Sprache und ihre Variation im Ausdruck in den Sprachsystemen der Einzelsprachen werden durch den breit angelegten, empirischen Sprachvergleich festgestellt und funktional durch allgemeine Prinzipien erklärt, die in den kognitiven, kommunikativen, und sozio-kulturellen Tätigkeiten und Kompetenzen des Menschen zu suchen sind.
Was Sprachwissenschaftler schon immer fasziniert hat ist die Tatsache, dass Sprache zu weiten Teilen systematisch strukturiert ist. Die Teile der AVS, die sich mit den systematischen Bereichen der Sprache beschäftigen sind die Phonologie, die Morphologie, die Syntax , und die Semantik. Das sind die Kerndisziplinen der AVS, die daher auch im BA Studium einen zentralen Platz einnehmen:
Die Lehre über die Sprachlautsysteme der einzelnen Sprachen. Nicht alle möglichen und messbaren akustischen bzw. artikulatorischen Eigenschaften der Sprachlaute werden für das Lautsystem einer Sprache verwendet. Diese akustische Eigenschaften der Sprachlaute und die Erzeugung der Sprachlaute in den menschlichen Artikulationsorganen werden von der Phonetik untersucht. Die Phonologie beschäftigt sich mit den akustisch/artikulatorischen Eigenschaften, die zur Bedeutungsdifferenzierung in den Sprachen tatsächlich verwendet werden. Wichtige Unterabteilungen sind die segmentale Phonologie (Einzellaute oder Lautsegmente) und die suprasegmentale Phonologie (Lautketten, Intonation usw.).
Die Lehre von den "Wortbausteinen" und wandelbaren Wortformen. Die allermeisten Sprachen haben Wortklassen, wie etwa Substantive oder Verben , die veränderbar sind. Meistens werden grammatische Elemente am Anfang oder Ende des Wortes angefügt, die die Bedeutung in mehr oder weniger systematischer Weise verändern. Die Morphologie beschäftigt sich mit allen Prozessen, die die Wortform ändern und mit grammatischer Bedeutung versehen.
Die Lehre von den Regeln der Kombination lexikalischer Elemente (Wörter und Phrasen) zu Sätzen. Sätze sind strukturell gesehen nicht einfach nur linear aneinander gereihte Gebilde, sondern auch hierarchisch strukturierte Einheiten. Da Morphologie und Syntax eng verbunden sind, spricht man auch von Morphosyntax (was dann dasselbe ist wie Grammatik ). Die Wissenschaft von der besten Art und Weise, wie eine Grammatik (im Sinne von grammatischer Beschreibung einer Einzelsprache) herzustellen ist und wie diese gegliedert sein soll, ist die Grammatikographie.
Die Lehre von Sinn und Bedeutung von Sprache auf lexikalischer und auf morphosyntaktischer Ebene. Im Bereich der Morphosyntax aber auch im Bereich des Lexikons einer Sprache finden wir systematische Bedeutungsrelationen entweder in Form von Konjugation und Deklination der Verben und Substantive oder in Form von derivativen Prozessen. Im Lexikon finden wir ebenfalls semantisch systematisch strukturiere Bereich. Die Disziplin, die sich mit diesen letzteren Bereichen beschäftigt, ist die Lexikologie . Die Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, wie man am besten die verschiedenen Typen von Wörterbüchern in einzelnen Sprachen herstellt, heißt Lexikographie.
Das Fach AVS ist empirisch angelegt insofern, als es sprachtheoretische Erkenntnisse auf der Beobachtung der tatsächlichen Verwendung von Sprachen, d.h. realen Äußerungen von Sprechern einer Sprache, gründet. Um wissenschaftlich relevante Sprachdaten zu erheben hat die AVS vielfältige Methoden entwickelt. Auf einzelsprachlicher Ebene gehören dazu a) die Elizitierung von Sprachdaten , die Erstellung von Textkorpora (Sprachdokumentation), die Korpusanalyse , die Diskursanalyse usw.; auf der Ebene des Sprachvergleichs gehört dazu die Erstellung von Stichproben , d.h. Sprachsamples, Analyse und Vergleich einzelsprachlicher deskriptiver Aussagen (z.B. aus einzelsprachlichen Grammatiken) und deren statistische Auswertung.
Durch den Gegenstand als auch das Erkenntnisinteresse ist die AVS notwendig interdisziplinär orientiert. Wichtige interdisziplinäre Bezüge bestehen a) mit der deskriptiven Linguistik im Allgemeinen und mit den neusprachlichen Philologien im Besonderen, insofern sie sich mit der synchronen und diachronen Beschreibung ihrer Sprachen befassen, b) mit der Philosophie, insofern sie sich mit Sprache im Erkennen und Handeln befasst, c) mit der Psychologie, insofern sie sich mit den kognitiven und neuronalen Grundlagen der Sprache und des Sprechens befasst, d) mit den Kulturwissenschaften, insofern sie sich mit den kulturellen Bedingungen und Einflüssen von Kultur auf das Sprechen und das Sprachsystem befassen, und nicht zuletzt e) mit der Semiotik, insofern sie Sprache als das wichtigste Zeichensystem des Menschen mit anderen menschlichen Zeichensystemen vergleicht.
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