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An der Universität Regensburg stehen im Rahmen der AVS die folgenden wissenschaftlich-methodischen Ansätze im Vordergrund, wenn es darum geht, Antworten auf die Fragen zu finden, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten die Sprachen sowohl auf der Ebene des Sprachsystems als auch der Sprachverwendung haben, und warum die Sprachen so sind, wie sie sind.
Der erste Ansatz ist der funktional-typologische Sprachvergleich . Möglichst viele Sprachen werden synchron dahingehend verglichen, wie sie bestimmte Funktionen oder Kategorien ausdrücken und ob sie die zu untersuchenden Kategorien oder Funktionen überhaupt formal ausdrücken. Nur durch die möglichst breit angelegte empirische Untersuchung der Einzelsprachen kann festgestellt werden, welche Kategorien und Funktionen in den Sprachen überhaupt vorkommen und mit welcher statistischen Signifikanz. Die empirischen Befunde werden funktional durch kommunikative und kognitive Prinzipien erklärt. Eine bislang kaum genutzte Möglichkeit ist die Anwendung von korpuslinguistischen Methoden in der Sprachtypologie. Die Regensburger AVS wird in diesem Bereich - die Anwendung von Parallelkorpora etwa für typologische Fragestellungen - einen Schwerpunkt (in Zusammenarbeit mit der Medieninformatik und der Slawistik) setzen.
Der zweite Ansatz ist die diachrone Sprachwissenschaft bzw. Grammatikalisierung . Aufschluss über die allgemeinen Kategorien und Funktionen der Sprache gewinnt man auch dadurch, dass man deren Entstehung und Wandel untersucht. Der synchronen Typologie (s.o.) steht daher in der AVS an der Universität Regensburg immer eine diachrone Perspektive zur Seite, die besonders an einer Typologie und funktionalen Erklärung der beobachtbaren Sprachwandelprozesse interessiert ist.
Der dritte Ansatz ist die synchrone und diachrone Arealtypologie . Durch Sprachkontakt über historische Zeiträume gleichen sich geographisch benachbarte Sprachen an, selbst wenn sie genetisch-historisch zu unterschiedlichen Sprachfamilien gehören. Lexikalische Elemente, grammatische Kategorien und Konstruktionen, semantische und pragmatische Regeln können durch Sprachkontakt von einer Sprache zur anderen übernommen werden oder verloren gehen. Sprachkontakt zweier oder mehrerer Sprachen ist in der Regel eingebettet in den größeren Zusammenhang historisch-kultureller Kontakte zweier oder mehrer Völker. Sprachliche Konvergenzareale gibt es verschiedene in Europa (das prominenteste linguistische Areal ist der Balkan), aber Europa selbst wird zunehmend als großes linguistisches Areal anerkannt. Besonders am Beispiel der Sprachen Europas lässt sich die Struktur und Genese sprachlicher Areale durch die relativ gute Datenlage Erfolg versprechend erforschen. Diese Forschung steht erst am Anfang und soll an der Universität Regensburg mit vorangetrieben werden.
Ein vierter Schwerpunkt der AVS in Regensburg sind die Methoden der Sprachdokumentation und der einzelsprachlichen Sprachbeschreibung. Seit Ende der 90er Jahre hat sich im Zusammenhang mit der Beschreibung von vom Aussterben bedrohter Sprachen ein ganz neues Tätigkeitsfeld für Linguisten entwickelt, die Sprachdokumentation. Ziel der Sprachdokumentation ist die Erstellung eines für die Verwendung der Sprache repräsentativen Textkorpus mit den heute technisch zur Verfügung stehenden multimedialen Computer-Tools und den Möglichkeiten der digitalen und strukturierten Archivierung großer Datenmengen. Diese Korpora dienen u.a. der Sprachbeschreibung, indem sie die Daten bereitstellen, über die Generalisierungen formuliert werden können. Der Zweck der Erstellung einer Sprachdokumentation ist aber keineswegs auf die deskriptive Linguistik beschränkt, sondern sie dient darüber hinaus ethnographischen, soziolinguistischen, pragmatischen usw. Forschungen und nicht zuletzt den pädagogischen und sprachkonservatorischen Bemühungen der indigenen Völker bzw. Sprechergemeinschaften ihre traditionelle Sprache zu erhalten. Die Sprachdokumentation stellt eine zweckorientierte Verbindung zu den Entwicklungen in der Medieninformatik und der Korpuslinguistik dar, die in Regenburg weiter ausgebaut werden soll.
Eine weitere Besonderheit der Regensburger AVS ist, dass Absolventen in den Methoden der deskriptiven Linguistik, d.h. der lautlichen, grammatischen und lexikalischen Analyse beliebiger Sprachen und der Erstellung von Grammatiken (Grammatikographie ) und Wörterbüchern ( Lexikographie ) Kompetenzen erwerben.
Der Wissenschaftskontext der AVS an der Universität Regensburg ist international. Die AVS in Regensburg ist eingebettet in das Forschungsparadigma des funktional-typologischen Ansatzes , dessen Kernüberzeugung u.a. darin besteht, dass Sprache/Sprechen eine menschliche Tätigkeit und Fähigkeit ist, die auf vielfältige Weise auf den kognitiven und sozialen und kommunikativen Anforderungen und Kompetenzen des Menschen basiert, die die Spezies evolutionär erworben hat. Die Überzeugung des Paradigmas der generativen Grammatik, dass Sprache ein autonomes System sei, wird nicht geteilt. Darüber hinaus beteiligt sich die Regensburger AVS an den internationalen Bemühungen um die Beschreibung und Dokumentation von bedrohten Sprachen und der Weiterentwicklung der dazu nötigen Methoden.
STUDIum
Dr. Christian Rapold (fachspezifisch)
Ulrike Riederer, M.A. (allgemein)