Krieg
DFG-Projekt: "Krieg im Visier: Literatur im Deutschen Orden als Modell korporativer Identitätsbildung"
im Rahmen der Forschergruppe "Formen und Funktionen des Krieges im Mittelalter" an der Universität Regensburg
Ergebnis
Edith Feistner, Michael Neecke, Gisela Vollmann-Profe: Krieg im Visier. Bibelepik und -chronistik im Deutschen Orden als Modell korporativer Identitätsbildung. Tübingen 2007 (= Hermaea 114).
Projektleitung und Mitarbeiter(innen):
Prof. Dr. Edith Feistner
Dr. Gisela Vollmann-Profe
Michael Neecke
Projektbeschreibung
Das DFG-Projekt setzte sich zum Ziel, die Literatur im Deutschen Orden, deren Erforschung trotz des unbestritten hohen historischen Erkenntniswerts seit langem stagnierte, im Rahmen der Regensburger Forschergruppe 'Formen und Funktionen des Krieges im Mittelalter' an aktuelle Fragehorizonte anzuschließen. Prinzipiell ging es darum, zwei für den Literaturbetrieb im Deutschen Orden maßgebliche Werkgruppen, Bibelepik und Ordenschronistik, herauszugreifen und - anders als bisher - interpretatorisch auch eng aufeinander zu beziehen. Den wechselseitigen Projektionsbezug beider Gruppen indiziert schon die ausführliche biblische Fundierung des kriegsbezogenen Selbstverständnisses, wie es in den Deutschordensregeln und -statuten formuliert wird. Die Tatsache, dass sich diese biblische Fundierung im wesentlichen auf das Alte Testament und auf die Apokalypse bezieht, ist ein maßgebliches Kriterium für die Textauswahl im Bereich der Bibelepik. So wurde die bereits in der Pilotphase des Projekts begonnene Beleuchtung von Verswerken zum Alten Testament ('Judith', 'Hester', 'Die Makkabäer') vor allem durch auf die Apokalypse bezogene Verswerke (Heinrichs von Hesler 'Apokalypse', Tilos von Kulm 'Siben ingesigel') ergänzt. Beide Linien wurden dann anhand der ausgewählten Beispiele bis in den seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts von der Form der Prosa geprägten Literaturbetrieb des Deutschen Ordens hinein weiterverfolgt ('Königsberger Prosa-Apokalypse', Stulers 'Judith'- und 'Hester'-Prosen). Parallel dazu wurde auch im Bereich der Ordenschronistik, ausgehend von den in Versform verfaßten Beispielen der 'Livländischen Reimchronik’ und der 'Kronike von Pruzinlant' des Nikolaus von Jeroschin, der Blick auf deren prosifizierende Bearbeitungen bzw. Fortschreibungen im 14./15. Jahrhundert gelenkt (Prosafassung der 'Jüngeren Livländischen Reimchronik', 'Ältere Hochmeisterchronik’).
Die interpretatorische Aufbereitung der Texte erfolgte im Hinblick auf Problemhorizonte kulturgeschichtlicher Art. Damit war erstens gemeint der Problemhorizont der Konstruktion korporativer Identität im Bezugssystem von Selbstbild und Feindbild bzw. von Eigen- und Fremdkultur sowie zweitens der Problemhorizont der Affektzuschreibung und Affektbewertung im ‘Gewaltdiskurs’. Die entsprechend analysierten Einzeltexte aus der Gruppe der Bibelepik und aus der Gruppe der Ordenschronistik wurden dann schrittweise sowohl gruppenintern als auch gruppenübergreifend miteinander vernetzt, wobei es galt, auf den synchronischen Quer- und den diachronischen Längsschnitt zu achten.
Situierung im interdisziplinären Gesamtprojekt der Forschergruppe
Die historische Bedeutung des Deutschen Ordens, dessen Geschichte sich - seinem eigenen Selbstverständnis gemäß - im Mittelalter aufs engste mit Krieg verbunden hat, ist bekannt. Zugleich kommt dem Deutschen Orden eine eminente Bedeutung als Initiator, Träger und Adressat volkssprachlicher Literatur zu. Damit ist das Problemfeld der Literatur im Deutschen Orden, zugespitzt auf die Frage nach der literarischen Interessenbildung als Funktion einer auf körperlichen wie spirituellen Kampf ausgerichteten korporativen Identität, zentral im interdisziplinären Gespräch über Formen und Funktionen von Krieg verankert, das sich die Regensburger Forschergruppe mit Blick auf das Mittelalter zum Ziel gesetzt hatte. Das Problemfeld der Literatur im Deutschen Orden war sowohl auf den morphologischen Aspekt der Kriegsthematik bezogen (im Fokus des sog. 'Heiligen Krieges') als auch auf den Aspekt der medialen Repräsentation, der einen Anschluss an die Teilprojekte aus den Disziplinen Philosophie (Schönberger) und Kunstgeschichte (Stein-Kecks) erlaubte. Besonders enge Anknüpfungspunkte ergaben sich über das schon innergermanistisch verwandte Teilprojekt aus der Sprachwissenschaft (Greule) hinaus mit den geschichtswissenschaftlichen Teilprojekten (Kortüm) zum Themenkomplex des Feindbildes, zumal mit dem neu beantragten Teilprojekt 'Die Kreuzfahrer und ihre muslimischen Gegner'.
Ich-Wahrnehmung
DFG-Projekt: "Ich-Wahrnehmung in der Literatur des Mittelalters"
im Rahmen des Heisenberg-Programms / Heisenberg-Stipendium
In Anspruch genommen vom 1.1.1996 bis zum 31.3.1996 und vom 1.8.1996 bis zum 31.7.1997.
Das Projekt umkreiste durchweg das Thema der Individualität bzw. der Ich-Wahrnehmung im Mittelalter. Gegenüber der bisherigen Forschung ging es dabei erstens um die Überwindung eines punktuellen, nur auf bestimmte Autoren, Werke oder historische Phasen bezogenen Zugriffs durch gezielten Textvergleich und zweitens um eine möglichst facettenreiche Perspektivierung des Themas, bei der auch die Grenzen zwischen theoriebezogenen Sachtexten und narrativen Texten sowie zwischen ‘geistlicher’ und ‘weltlicher’ Literatur überschritten wurden.
a) Intentionalität und Individualität: Zur Semantik des Individuums in der Beichtliteratur des Hoch- und Spätmittelalters
b) Zum Intentionalitätsdiskurs in der höfischen Literatur des Hochmittelalters
c) Rollenspiel und Figurenidentität: Zum Motiv der Verkleidung in der Literatur des Mittelalters
d) Das 'einsame' Ich: Isolationserfahrungen in der Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit
Vgl. etwa
Zur Semantik des Individuums in der Beichtliteratur des Hoch- und Spätmittelalters. In: ZfdPh 115 (1996). S. 1-17.
Rollenspiel und Figurenidentität: Zum Motiv der Verkleidung in der mittelalterlichen Literatur. In: GRM 46 (1996). S. 257-269.
Manlîchiu wîp, wîplîche man: Zum Kleidertausch in der Literatur des Mittelalters. In: PBB 119 (1997/II).
Der Körper als Fluchtpunkt: Identifikationsprobleme in geistlichen Texten des Mittelalters. In: Manlîchiu wîp, wîplich man. Zur Konstruktion der Kategorien 'Körper' und 'Geschlecht' in der deutschen Literatur des Mittelalters. Hg. v. I. Bennewitz/H. Tervooren (= Beiheft zur ZfdPh: Heft 9). S. 131-142.
Bewußtlosigkeit und Bewußtsein: Zur Identitätskonstitution des Helden bei Chrétien und Hartmann. In: Archiv 236/2 (1999). S. 241-264.
Selbstbild, Feindbild, Metabild: Spiegelungen von Identität in präskriptiven und narrativen Deutschordenstexten des Mittelalters. In: Forschungen zur deutschen Literatur des Spätmittelalters. Fs. f. Johannes Janota. Hg. v. H. Brunner und W. Williams-Krapp. Tübingen 2003. S. 141-158.