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Antworten zu Presse-Fragen auf Joseph von Eichendorff anlässlich seines 225. Geburtstags am 10. März 2013
Eichendorff wird ja oft zu den bedeutendsten Schriftstellern der Romantik gezählt - welche Stellung hatte er innerhalb der Strömung und wie stark hat er die Romantik mit seinen Werken geprägt?
Er gehörte nicht zu ihren Kult- und Gründungsfiguren wie Novalis, Wackenroder und Tieck, hatte keine Ressourcen für eigene Publikationsorgane wie etwa die Schlegels (Athenäum), Brentano, Arnim (Zeitung für Einsiedler), Adam Müller, Kleist (Phöbus, Berliner Abendblätter) und initiierte auch keine literarischen Zirkel wie etwa die Gebrüder Schlegel, Körner oder Arnim und Brentano. Das hängt natürlich eng zusammen mit den Bedingungen seines Lebens, mit der Entscheidung, den drohenden Verlust des Familienbesitzes nicht durch eine reiche Heirat abzuwenden und sich stattdessen auf eine „autonome“ Beamtenexistenz einzulassen, in welcher der erste Gedanke der Versorgung von Frau und Familie gilt.
Eichendorffs Verhältnis zur Romantik ist zeitlich merkwürdig. Salopp formuliert könnte man sagen: Er kam als 1788er Jahrgang zu spät, aber hat sie überlebt und aus einem beruflich bedingten Exil heraus konserviert.
D. h. für das Selbstverständnis der romantischen Generation, deren maßgebliche Autoren bereits in die siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts hineingeboren wurden, konnten von Eichendorff wenig Impulse ausgehen. Als er 1806/07 als junger Student in Heidelberg eintraf, hatte sich die „Romantik“ ideologisch und stilistisch bereits formiert (in Jena noch prorevolutionär und in der Auseinandersetzung mit den aufklärerischen Weimaranern, in Heidelberg und Dresden zunehmend antinapoleonisch im philologischen Disput über kreative Lizenzen im Umgang mit der Volksliteratur). Tieck hatte das Feld der Märchennovelle mit seinen psychologisch-„nachtseitigen“ Novellen bereits abgesteckt (Der Runenberg, 1796). Und mit Tiecks und Novalis romantischen Künstlerromanen „Franz Sternbalds Wanderungen“ (1798) und „Heinrich von Ofterdingen“ (1802) war Goethes „Wilhelm Meister“ (1795/96) in die Schranken gewiesen.
Das Besondere an Eichendorff ist, dass er nach einer relativ kurzen Phase des imitierenden Eintauchens in den novalisierenden Stil auf Distanz ging, für die romantische Lyrik den Volksliedton des „Wunderhorns“ quasi verbindlich zu machen verstand und in seiner Prosa romantische Lebensentwürfe auf die ethische Probe stellte.
Man kann dabei nicht genug betonen, dass dies zumindest bis zur Restauration vor dem Hintergrund ganz gravierender Umbrüche des traditionellen „lifestyle“ durch die von Napoleon erzwungene Reformpolitik erfolgte, die sich nicht nur in religiöser Hinsicht (Säkularisierung), sondern bis in die hintersten Winkel des alltäglichen Lebens (andere Maß- und Währungseinheiten, weltliches Verständnis der Ehe) auswirkte. Zu dieser Fülle von vergleichsweise allgemeinen Neudefinitionen menschlicher Verhältnisse kommt bei Eichendoff noch eine persönliche Betroffenheit hinzu. Durch den Konkurs des Vaters bricht das Ancien régime in seiner Familie sozusagen in nuce und hautnah zusammen.
Kein Wunder also, dass Eichendorff die Frage nach dem „richtigen Leben im falschen“ (Adorno, Minima Moralia, 50. Satz) umtreibt. In seiner Prosa beginnt er (sehr in Anlehnung an Tiecks Märchennovellen „Der blonde Eckbert“ und „Der getreue Eckart“) mit der Frage nach identitätsbildenden Kraft von Lebenslügen („Die Zauberei im Herbste“, 1808). Sein erster am Bildungs- und Künstlerroman orientierter Roman „Ahnung und Gegenwart“ (1815) behandelt die Frage, wie Integrität unter dem Einfluss des (nicht nur zeitgenössischen) Tagesgeschehens zu wahren ist – anders als Wilhelm Meister, der die gesellschaftliche Nützlichkeit entdeckt, oder Franz Sternbald und Heinrich von Ofterdingen, die das reine Künstlerdasein rechtfertigen, wählen die Eichendorffschen Helden Rückzug und Exil. Seine zweite Erzählung („Das Marmorbild“ (1818) greift Probleme des Genderdesigns auf – der Protagonist Florio verliert vorübergehen durch mythisch überhöhte Genderbilder den Bezug zur Realität. Und Eichendorffs wohl berühmte Aussteigergeschichte „Aus dem Leben eines Taugenichts“ (1822/23) radikalisiert (oder ironisiert) die Entgegnung auf das Postulat einer gesellschaftsrelevanten Existenz, indem sie einen Helden kreiert, den nichts weiter leitet, als seine Liebe.
Und so geht es im Werk weiter bis zur Reflexion über die überlebte Position solcher „romantischer Helden“ in sich wandelnden Zeiten („Dichter und ihre Gesellen“, 1833).
Die inhaltliche Aktualität seiner Texte ließe sich zusätzlich mit Hilfe psychoanalytischer Lesarten untermauern.
Mit einer gewissen Skepsis, die sein literarisches Vermögen betrifft, wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass Eichendorff das Arsenal unzähliger möglicher Bilder auf einige immer wiederkehrende Formel reduziert hat und dass seine Landschaften unrealistisch sind. Dieses Verfahren ist aber nicht nur ein Merkmal der Volksliteratur, sondern auch in der romantischen Malerei (Schinkel, C.D. Friedrich) zu beobachten. Man könnte mit Blick auf die Bilder sogar sagen, dass Eichendorff seine Figuren in den Hauptwerken romantischer Malerei herumspazieren lässt.
Welche Bedeutung hat das Werk von Eichendorff auch heute noch in der Literatur?
Das müssen Sie bitte einen Kenner der Gegenwartsliteratur fragen. Deshalb nur ein paar Stichpunkte.
· Eichendorffsche Verse wie „Schläft ein Lied in allen Dingen“, „In einem kühlen Grunde“, „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“ gehören zum Alltagswissen.
· Von Botho Strauß oder Peter Handke etwa wurden Aspekte der Romantik wie konservative Revolution und Seinsfrömmigkeit revitalisiert.
· Seit 2012 ermittelt ein Joseph von Eichendorff für die Reihe TatortOst. Bernhard Sprung entwickelte vor der historischen Kulisse seiner Biographie zwei Kriminalromane.
Inwieweit hat sein Werk auch nachfolgende Dichter und Autoren geprägt?
Auch das ist eine Frage, zu der Forschung nur punktuell vorhanden ist. Eigentlich ist nur die „Taugenichts“-Rezeption systematisch erschlossen worden, an der sich Thomas Mann und Leon de Winter produktiv beteiligt haben. Ansonsten gilt vor allem für die Lyrik, dass sich das romantische Konzept einer schlichten und authentisches Sprechen simulierenden Lyrik lange erhalten hat und das landläufige Lyrikverständnis bis heute prägt. Auch in der Prosa ist zu beobachten, dass sie sich nur mühsam von dem romantischen Erwartungshorizont löst. Was soll man davon halten, wenn Anton Wohlfart, der Protagonist d e s realistischen Romans „Soll und Haben“ (Autor Gustav Freytag, 1855) zufällig an einem Schloss vorbeikommt und sich dort verliebt, wenn Gottfried Kellers grüner Heinrich (1854) auf einen adligen Mäzen trifft?
Generell würde kann man von zwei Wegen der literarischen Eichendorff-Rezeption sprechen: als Impulsgeber präsent ist er im Schrifttum konservativer Humanisten des 20 Jahrhunderts (Werner Bergengruen, Kasimir Edschmid, Theodor W. Adorno, Rudolph Hagelstange, Marie Luise Kaschnitz, Hermann Kesten, Ricarda Huch) und in der Naturlyrik.
Ein drittes Phänomen der Eichendorff-Rezeption ist weniger literarischer als ideologischer Natur. Auf den deutschen Dichter schlesischer Herkunft, der die enorme Relevanz der Heimat betont hat sich die Bewegung der aus den ostdeutschen Gebieten Vertriebenen berufen, auf den „Dichter des (nicht nur) deutschen Waldes“ die Ökologiebewegung. Auch als Integrationsfigur für den polnisch-deutschen Dialog ist Eichendorff geeignet.
Warum sollte man auch heute noch Werke von Joseph von Eichendorff lesen? Was macht Ihrer Ansicht nach die Faszination/das Interessante an seinen Texten/Gedichten aus?
Das ergibt sich aus dem Porträt: die Eichendorffschen Problemszenarien sind bei näherem Hinsehen brandaktuell – seine Staffagen sind es nicht unbedingt.
Das abnehmende Interesse an Eichendorff und am ehrenamtlichen Engagement hat 2010 zur Auflösung der ehemals mitgliederstarken Eichendorff-Gesellschaft geführt.
In Polen hingegen hat die Eichendorff-Rezeption erst seit seinem 100. Todestag 1957 Fahrt aufgenommen. Veranstaltungen, die sich mit Eichendorff-beschäftigen, werden als Beiträge zum kulturellen Selbstverständnis auch heute noch stark frequentiert.
Ein nicht zu vergessender Aspekt ist natürlich die performative Herausforderung, die seine Gedichte - viele sind ja bekanntlich vertont - für Schüler, Rezitatoren, Sänger und Chöre immer noch darstellen. Aber nicht nur die Gedichte sind auf den Bühnen und Youtube präsent, Fritz Barth hat aus dem "Taugenichts" ein unterhaltsames Theatersolo kreiert.
Eichendorff hatte ja auch einige Texte von Calderón de la Barca übersetzt, woher kam dieser Bezug?
U.a. weil ihm die „allerneueste Poesie“ nicht genügt, lernte Eichendorff lernte seit 1836 wie viele seiner Zeitgenossen Spanisch. Die Werke des spanischen Goldenen Zeitalters waren für die Romantiker eine Fundgrube ihrer Vorstellung einer durch gemeinsame ethische Grundsätze automatisch geeinigten und starken Nation, ihres Credos von der Würde und Selbstbestimmtheit des Menschen. Im Unterschied zu seinen übersetzenden Zeitgenossen (August Wilhelm Schlegel, E.T.A. Hoffmann, Grillparzer) wählt Eichendorff jedoch nicht aus den 120 weltklugen Dramen des Frühwerks, sondern aus den 80 Fronleichnamsspielen des Calderónschen Spätwerks. Der beruflich stark in religiöse und konfessionelle Fragen involvierte und mit Görres und dem Sailerkreis verbundene Eichendorff meinte hier resolutere Positionen zu finden und versprach sich hiervon nicht zuletzt frischen Wind in der restaurationsbedingten Literaturflaute.
Das prägende Erlebnis, dass er hochverschuldete Güter der Familie verkaufen musste, wird ja oft als Quelle für zahlreiche Motive der Trennung und des Wiederfindens genannt - stimmen Sie dem zu?
Um diese Frage angemessen zu beantworten, muss man zunächst bemerken, dass ein antikapitalistischer Ton ebenso zu den Markenzeichen romantischer Literatur gehört wie der Ausdruck der Sehnsucht nach einer Heimat. Aber auch davon abgesehen gibt es keine unmittelbaren Zusammenhänge zwischen dem Familienbankerott und der Motivik (z.B. kann sich der 1810 in „O Täler weit, o Höhen“ beschriebene „Abschied“ kaum auf den endgültigen Güterverlust beziehen).
Eichendorffs Vater – zeitweise Besitzer mehrerer Güter – hatte sich vor allem mit seinen Immobilienspekulationen verkalkuliert. 1801, als Eichendorff 13 Jahre alt war, befand sich sein Vater bereits auf der Flucht vor seinen Gläubigern, die endgültigen Zwangsversteigerungen auch des Familienwohnsitzes Lubowitz konnte er aber noch bis 1823 hinauszögern. Bis auf das kleine Gut Sedlnitz, das die Brüder von ihrem Onkel erbten, blieb ihnen gar nichts. Der früh sich abzeichnende finanzielle Leichtsinn und wirtschaftliche Misserfolg des Vaters ist der Grund für beider Jurastudium und Beamtenlaufbahn, die Joseph von Eichendorff dann nochmals zu mehrmaligen Verlegungen der Lebensmittelpunkte zwang (Breslau, Danzig, Königsberg, Berlin, Köthen).
Möglicherweise ist der Verlust dieser Existenzgrundlage für Eichendorff die Negativfolie des Taugenichts-Traums von einer brotlosen und doch lebenswerten romantischen Existenz. Bezeichnenderweise verschriftlicht er ihn erst, nachdem er sich ab 1819 auf ein geregeltes Einkommen verlassen kann. Seinen Roman „Ahnung und Gegenwart“ hatte er nicht zuletzt in der Hoffnung, mit dem Bogenhonorar seine junge Familie vorübergehend absichern zu können, vorangetrieben.
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Prof. Dr. Ursula Regener
Universität Regensburg
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VERÖFFENT-LICHUNGEN
Über AURORA, das Jahrbuch der Eichendorff-Gesellschaft und weitere Veröffentlichungen der Eichendorff-Gesellschaft können Sie über die nebenstehend angegebene Adresse Informationen erhalten.
Als zusätzliche Jahresgabe war unsere Heftreihe "APROPOS EICHENDORFF. Kleine Beiträge zur klassisch-romantischen Zeit" gedacht (erschien unregelmäßig).
Die Bände der Ausgabe: Sämtliche Werke des Freiherrn Joseph von Eichendorff. Historisch-kritische Ausgabe. Begründet von Wilhelm Kosch und August Sauer, fortgeführt und hg. von Hermann Kunisch (†) und Helmut Koopmann können Sie über den Buchhandel beziehen.
KONGRESSE
EICHENDORFF-MEDAILLE
| 1974 | Professor Dr. Oskar Seidlin (Bloomington, USA) Schulrat Karl Schodrok (Würzburg) |
| 1976 | Professor Dr. Paul Stöcklein (Frankfurt am Main) Verleger Heinrich G. Merkel (Nürnberg) |
| 1978 | Professor Dr. Keiichi Togawa (Tokio) Lt. Bibl.-Direktor Dr. Hans M. Meyer (Würzburg) |
| 1980 | Professor Dr. Robert Mühlher (Wien) |
| 1982 | Professor Dr. Elisabeth Stopp (Cambridge) Dr. Franz Heiduk (Würzburg) |
| 1984 | Professor Dr. Klaus Köhnke (Johannesburg) Dr. Volkmar Stein (Büdingen) |
| 1986 | Ilse Aichinger (Frankruft am Main) Horst Bienek (Ottobrunn) Professor Dr. Egon Schwarz (St. Louis / USA) |
| 1988 | Professor Dr. Gerhard Schulz (Melbourne) Verleger Georg Bensch (Sigmaringen) |
| 1992 | Professor Dr. Wolfgang Frühwald (München) |
| 1994 | Professor Dr. Günther Debon (Heidelberg) |
| 1998 | Professor Dr. Eberhard Haufe (Lübeck) |
| 2000 | Professor Dr. Christoph Perels (Frankfurt am Main) |
| 2002 | Wolfgang Herbst (Max Niemeyer Verlag, Tübingen) |
| 2004 | Dr. Sibylle von Steinsdorff (München) |
| 2006 | Irmela Holtmeier (München) (Laudatio) |
| 2008 | Dr. Günther Schiwy (Wörthsee) (Laudatio) |
| 2010 | Professor Dr. Hermann Korte (Siegen) |
OSKAR-SEIDLIN-PREIS
| 1982 | Dr. Roger Paulin (Cambridge) |
| 1984 | Dr. Ansgar Hillach (Frankfurt am Main) |
| 1986 | Professor Dr. Alfonsina Janes (Barcelona) |
| 1988 | Dr. Richard Littlejohns (Birmingham) |
| 1990 | Dr. Marek Zybura (Wrolaw/Breslau) |
| 1994 | Harry Fröhlich (Augsburg) Dr. Andreas Lorenczuk (Erlangen) |
| 1996 | Dr. Ursula Regener (Augsburg) |
| 1998 | Dr. Johannes Endres (Trier) |
| 2002 | PD Dr. Jürgen Daiber (Trier) |
| 2008 | Thomas Petraschka M.A. (Regensburg) |
| 2010 | Vera Bachmann M.A. (München) |
| 2012 | Florian Scherübl (Regensburg) |