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Atlas der historischen deutschen Mundarten IN der Tschechischen Republik
Leitung: Prof. Dr. Hermann Scheuringer
Hauptbearbeiterinnen:
Finanzierung: Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), Wien
Laufzeit: 1. 9. 2000 – 31. 8. 2003 (Teil 1), 1. 7. 2005 – 30. 6. 2008 (Teil 2), seit 1. 11. 2008 (Teil 3) - Das Projekt ist seit 24. April 2013 wegen Mutterschutz und nachfolgender Elternzeit von Frau Dr. Christl-Sorcan unterbrochen.
Das Gebiet der heutigen Tschechischen Republik stellte bis 1945 einen Raum intensiver sprachlicher Kontakte zwischen dem Deutschen und dem Tschechischen dar. Die dialektologische Erforschung der deutschen Sprache in Böhmen und Mähren-Schlesien hing an wenigen herausragenden Persönlichkeiten wie Ernst Schwarz und Franz Josef Beranek und gipfelte in Schwarz‘ "Sudetendeutschen Sprachräumen" von 1935. Auch die ab 1936 erschienenen Karten des Deutschen Sprachatlas und des Deutschen Wortatlas beziehen das Gebiet der heutigen Tschechischen Republik mit ein. Die Lexik wird vom "Sudetendeutschen Wörterbuch" bearbeitet.
Eine detaillierte Bestandsaufnahme und Beschreibung der deutschen Mundarten in den böhmischen Ländern kam jedoch nie zustande. Was vielen in den Jahren zwischen 1945 und 1989 aufgrund der politischen Situation unmöglich schien, ist nach der großen politischen Wende in Europa wieder in den Bereich des Möglichen gerückt, und auch die verbliebene deutschsprachige Bevölkerung in der Tschechischen Republik ist zahlenmäßig groß genug, um eine große sprachwissenschaftliche Enquete zu rechtfertigen. Dies jedenfalls ist die Erkenntnis aus den in den letzten Jahren vorerst von Bayern und Österreich aus – im Rahmen des "Bayerischen Sprachatlas" und des "Sprachatlas von Oberösterreich" – in der Tschechischen Republik bei "Verbliebenen" durchgeführten Dialektaufnahmen.
Vorrangiges Ziel ist es, die deutschen Mundarten Tschechiens, wie sie mit ihren letzten Sprechern jetzt noch greifbar sind, zu dokumentieren und zu beschreiben. Innerhalb der nächsten Jahre ist mit dem endgültigen Erlöschen des Deutschen in der Tschechischen Republik zu rechnen. Die Sprache der verbliebenen deutschen Muttersprachler ist auf weiten Strecken konservativ bis archaisch, meist stehen geblieben auf dem Stand von 1945.
Für die Sprachwissenschaft, d. h. insbesondere die deutsche Mundartforschung ist die Erforschung der angrenzenden deutschen Dialekte, die gleichsam zeitversetzt ältere Zustände der eigenen Mundarten repräsentieren, von großer Wichtigkeit für die Erforschung auch dieser eigenen Mundarten.
Das Unternehmen ADT sieht sich in der Tradition der so genannten "oberdeutschen Kleinraumatlanten", die dort erprobte und angewandte Methode wird ebenso übernommen wie der größte Teil des seit langem bewährten Fragenkatalogs.
Im oberdeutschen Raum arbeiten germanistische Linguisten seit über 50 Jahren an dialektologischen Atlasunternehmen der "zweiten Generation". Diese Sprachatlanten werden, alle grammatischen Ebenen umfassend, durch direkte Befragung vor Ort und mit einem engen Ortsnetz erhoben. Der dabei verwendete Fragenkatalog wird an die jeweils spezifische Situation angepasst und so ist auch für das Projekt ADT in Anlehnung an das für den "Bayerischen Sprachatlas" sowie für den "Sprachatlas von Oberösterreich (SAO)" verwendete ein eigenes Fragebuch erstellt worden. Anpassungen waren vor allem deshalb notwendig, weil das Untersuchungsgebiet des ADT auch mitteldeutsche Mundarten einschließt und der tschechisch-deutsche Sprachkontakt in angemessener Weise thematisiert werden soll. Der Fragenkatalog für den ADT existiert als 2-bändiges Fragebuch mit 2960 Fragen für Vollaufnahmen und als Kurzfragebuch mit 865 Fragen für Kurzaufnahmen.
Das Untersuchungsgebiet wird durch einen genau definierten Raster in 600 Planquadrate aufgeteilt, in denen nach Möglichkeit jeweils eine Aufnahme gemacht worden ist. Eine Vollaufnahme war für jeden vierten Ort vorgesehen. Die Befragung fand durch ausgebildete Sprachwissenschaftlerinnen statt, die die Antworten der Gewährsleute in einer Variante der Teuthonista-Transkription aufzeichneten und Teile des Erhebungsgesprächs auf DAT-Kassetten aufnahmen. Seitdem werden die erhobenen Daten kodiert und EDV-gestützt ausgewertet.
Renée Christine FÜRST, Deutsch(e) in Südmähren. Historischer Hintergrund, aktuelle Situation und dialektale Merkmale. Regensburg: edition vulpes 2005. (= Regensburger Dialektforum 6)