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Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Serbien

von Anzela Eloeva


Serben als Märtyrer- und Opfernation

Im Ersten Weltkrieg hatte Serbien die größte Zahl von Toten unter allen Kriegsteilnehmern zu verzeichnen: 1,2 Mio., d.h. 53 Prozent der männlichen Bevölkerung zwischen 18 und 55 Jahren, nach dem Krieg steckte es in einer tiefen wirtschaftlichen Krise, der Kampf war aber gewonnen worden. Im Nachkriegsdiskurs wurde die Erinnerung an diesen Pyrrhussieg zum Gründungsmythos des ersten gemeinsamen jugoslawischen Staates. Serben betrachten sich dabei als aufopferungsvolle Altruisten, die in verlustreichen Schlachten die anderen südslawischen Völker von der Tyrannei befreit haben.

Verrat oder Weg zum Frieden?

Am 26. Mai gab der serbische Präsident Boris Tadić auf der Pressekonferenz in Belgrad die Festnahme von Ratko Mladić, dem ehemaligen Oberbefehlshabers der Truppen der bosnischen Serben und engen Vertrauten von Radovan Karadžić, bekannt. Zwei Monate danach wurde Goran Hadžić, von 1992 bis 1995 Präsident der selbst-ernannten Serbischen Republik Krajina und der letzte vom Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher, verhaftet. Das Land müsste jubeln – endlich kann dadurch in die ganze Region Stabilität und Frieden einkehren. Seit dem ersten Aufstand gegen die Osmanen im Jahre 1804 führte Serbien Kriege: für die Freiheit, für die Unabhängigkeit, für Macht und Territorium. Viele Tausende Menschen kamen während dieser Konflikte ums Leben. Mit der Festnahme von Mladić und Hadžić könnte eine neue Zeit in der serbischen Geschichte anbrechen, die dem Volk Ruhe bringt und neue Wege eröffnet.

Nur sind nicht alle mit der Verhaftung des Ex-Generals und seiner Auslieferung zufrieden, einige betrachten sie sogar als Verrat. Am gleichen Tag rufen Hunderte Anhänger von Mladić zu Protesten gegen seine Festnahme auf. Unter den Parolen „Serbien für Serben“, „Mladić – unser Held“ demonstrierten vor allem radikal gesinnte Jugendliche auf den Straßen von Belgrad und Novi Sad.

Warum wird der Mann, der tausende Menschen ermorden ließ, von manchen, gerade auch jungen Serben heroisiert? Seine Schuld am Mord von mehr als 7000 Muslimen in Srebrenica ist außer Zweifel. Trotzdem gilt er vielen als Held. Kann es sein, dass die Weigerung, Mladić als Kriegsverbrecher und Mörder zu betrachten, mit dem Opfergefühl des ganzen Volkes verbunden ist? In seinem Interview mit der F.A.Z. äußert Boris Tadić, dass die meisten seiner Mitbürger überzeugt seien, “das Haager Tribunal sei ein Gerichtshof gegen das serbische Volk.“ In der Tat ist das Haager Tribunal in der öffentlichen Meinung nichts anders als ein als „Jugoslawien-Tribunal“ – ein Gericht über den gemeinsamen Staat der südslawischen Brudervölker, dessen Entstehung Serbien Millionen von Opfer gekostet hat und deswegen eine sakrale Bedeutung hat. Kann die negative Reaktion der serbischen Bevölkerung damit zu tun haben, dass die Vergeblichkeit dieser Aufopferung, an deren Ende der Zerfall Jugoslawiens stand, die serbische Seele bis heute so sehr schmerzt?

Die Idee der Aufopferung zieht sich leitmotivisch durch das serbische Geschichtsbild: von dem sagenhaften Amselfeld-Schlacht bis zur NATO–Intervention 1999. Die Gesellschaft stellt sich als eine Opfernation dar, nur in verschiedenen Konnotationen: als Opfer, Märtyrer oder Helden, die ihr Blut für die gerechte Sache und das Wohl der Allgemeinheit vergossen haben. Es wird in der Familie und in der Schule viel davon gesprochen, landesweit trifft man an den Weg- und Straßenrändern krajputaši – kleine Grabsteine der Soldaten, die während der Befreiungskriege den Heldentod starben.

Eine besondere Konnotation bekam der Opfermythos durch den Ersten Weltkrieg. Dieser Krieg spielt in der serbischen Geschichtsschreibung eine äußerst wichtige Rolle, weil er eng mit der Idee der Nationsbildung und Staatsgründung verbunden ist. Nach Marie-Janine Calic habe die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg ein neues Bild der Nation erschaffen, in dem die Opferwilligkeit bzw. das Heldentum des serbischen Volkes zum Gründungsmythos des ersten gemeinsamen jugoslawischen Staates wurde. Serben betrachten sich dabei als aufopferungsvolle Altruisten, die in (äußerst) verlustreichen Schlachten die anderen südslawischen Völker von Tyrannei befreit haben. Aufgrund welcher historischer Entwicklungen konnte so ein Geschichtsbild entstehen?

Vom Traum vom südslawischen Staat bis zum Krieg

1913 etablierte sich Serbien durch den triumphalen Sieg im Zweiten Balkankrieg als eine führende Macht in der Region. Als Ergebnis des blutigen Kampfes vergrößerte sich sein Territorium um 81 Prozent und stieg seine Bevölkerungszahl um rund 4,3 Millionen. Neue Gebiete kamen hinzu: Vardar-Makedonien, Kosovo, Sandžak und „Altserbien“ – jenes Territorium, in dem sich im Mittelalter das Zentrum Großserbiens befand. Dieser Erfolg sowie die starke Unterstützung des russischen Zaren (für die Sicherung des russischen Einflusses in Südosteuropa) beförderten die Vergrößerung des nationalen Selbstbewusstseins und das Expansionsstreben von Belgrad. Serbien wollte nicht mehr ein kleines Land sein, dessen Schicksal ständig in den Händen der Großmächte liegt. Es setzte sich ein neues Ziel: den neugeordneten Donau-Balkan-Raum, in dem Serbien als ein mächtiger Staat unabhängig von den internationalen politischen Entscheidungen existieren kann.

Um dieses Ziel zu erreichen, wurde die serbische nationale Befreiungspolitik mit der südslawischen Sammlungsidee verbunden. Das Konzept der jugoslawischen Einigung entstand in den 1830er Jahren in Dalmatien und Kroatien im Rahmen der Illyrischen Bewegung. Die Befürworter des Illyrismus strebten zuerst nur nach der Schaffung einer Literatursprache für alle südslawischen Völker mit Bezug auf die kulturelle und sprachliche Verwandtschaft dieser Ethnien. Später umschloss dieses Projekt lediglich diejenigen südslawischen Völker ein, die sich unter der Regierung der Habsburger Monarchie befanden. Am Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Traditionen des Illyrismus weiter entwickelt und mit der Idee der Gründung eines jugoslawischen Staates, in dem Kroaten, Serben und Slowenen als eine ethnische Volksgruppe in einem gemeinsamen Land leben konnten, verknüpft. Diese Gedanken waren auch dem serbischen Nationaldenken von Anfang an nicht fremd. Noch in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts wollte Belgrad einen südslawischen Staat unter der eigenen hegemonialen Regierung gründen.

Die potenzielle Gefahr eines großen jugoslawischen Staates mit Belgrad als Zentrum und der damit wachsende Einfluss Russlands auf dem Balkan löste Unruhe in Österreich-Ungarn aus. Die Entstehung dieses Landes drohte der Monarchie sowohl von innen als auch von außen. Schon bald bot das Attentat von Sarajevo vom 28. Juni 1914, dem der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Ehefrau zum Opfer fielen, den passenden Anlass, dem Machtstreben der aufsässigen Region Einhalt zu gebieten. Genau einen Monat nach dem Mord, am 28. Juli 1914, erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg.

Im Kampf gegen die Habsburger Monarchie wurde die Erfüllung der jugoslawischen Idee unumgänglich. Die Serben verstanden, dass die weitere Entwicklung dieses Vorsatzes in ihrem eigenen Interesse liegt – das war eine gute Gelegenheit, die ideologische Befreiungspropaganda zu verstärken und Serbien als das Machtzentrum der südslawischen Bewegungen zu etablieren, was zur Gründung eines würdigen Rivalen für die Doppelmonarchie führte.
Im November 1914 wurden ersten Schritte unternommen, um den „Jugoslawischen Ausschuss“ zu gründen und damit die Unterstützung von den Weltmächten für die Realisierung des Projektes zu bekommen.

Natürlich gab es bei den Verhandlungen über die Gestalt des künftigen Staates zwischen dem „Südslawischen Ausschuss“ und der serbischen Regierung Meinungsdifferenzen und verschiedene Ziele: Die Kroaten wollten eine Konföderation von eigenständigen und gleichberechtigen Völkern, die Serben forderten dagegeneine zentralistisch aufgebaute Monarchie (natürlich unter serbischer Führung) als Belohnung für ihre Mühe in der Befreiung und Vereinigung der südslawischen Nationen, und die Slowenen suchten nach einen goldenen Mittelweg mit regionaler Autonomie. Trotz dieser Meinungsverschiedenheiten wurde das Völkerkonzept zusammen weiterentwickelt. Die Differenzen wollten die Politiker erst später beheben.

Das Konzept der einheitlichen südslawischen Nation sollte alle religiösen, kulturellen und politischen Unterschiede zwischen Serben, Kroaten und Slowenen überwinden und sie im Kampf gegen einen gemeinsamen Feind – den österreichisch-ungarischen Kaiserhof – verbinden. „Nur ein starker, durch den Zusammenschluss aller Serben, Kroaten und Slowenen konstituierter „Nationalstaat“ könne die Gewähr für einen dauerhaften Frieden geben.“ (Sundhaussen 2007, S. 232).

„Serbisches Golgatha“ – ein zyklischer Mythos

Für das durch die Balkankriege entkräftete Serbien wurde der Krieg mit Wien zu einer Katastrophe, die enorme menschliche und materielle Verluste verursachte. Das finanziell erschöpfte Serbien versank nach den ersten Siegen in die größte Not. Schon im ersten Kriegsjahr kamen 163.557 Soldaten und 69.000 Zivilisten ums Leben, fast 600.000 Menschen wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Dazu brach im Winter 1915 eine Typhusepidemie aus, der nochmals mindestens 100.000 Menschen zum Opfer fielen. Um weitere verheerende Offensiven der österreichisch-ungarischen Armee zu umgehen, zogen sich die serbische Soldaten am 26. November 1915, zusammen mit dem König Peter, Regierungsmitgliedern und vielen Zivilisten vom Amselfeld über die montenegrinischen und nordalbanischen Berge an die Adriaküste zurück. Die Serben waren zerschlagen und verraten (die Verbündeten waren zu schwach, um Hilfe zu leisten,), wollten aber dennoch auf keinen Fall die Waffen strecken. „Die Balkanstaaten waren ihrerseits bestrebt, den Weltkrieg zur Vollendung ihres jeweiligen nationalpolitischen Programms zu nutzen.“ (Sundhaussen 2007, S. 226).

Die Not der Menschen während dieses Marsches ist unbeschreiblich. Tausende starben an Hunger, Erschöpfung und Kälte, Tausende wurden während der Angriffe von albanischen Banditen ermordet. Insgesamt rund 150.000 Menschen kamen um und 77.000 Menschen wurden vermisst. Der Rückzug der Armee durch die albanische Küste wird in der Geschichte als „serbisches Golgatha“ bezeichnet und zieht auf einen biblischen Vergleich: so wie sich Jesus Christus auf dem Berg Golgatha zur Erlösung der Menschheit hingab, so opferten sich auch die Serben für die gemeinsame Idee eines südslawischen Staates und müssten dafür mit dem ewigen Leben – in diesem Fall mit dem irdischen Reich – belohnt werden.

Im Februar 1916 evakuierten die Franzosen die überlebenden Serben nach Korfu. Ab dem Frühjahr 1916 waren die serbischen Truppen wieder bereit zu kämpfen. Trotz der faktischen Niederlage propagierte die Regierung weiter die Idee, einen gemeinsamen Staat von Serben, Kroaten und Slowenen zu gründen. Am 20. März 1916 wurde ein Statement von Ante Tumbić, dem kroatischen Vorsitzenden des „Jugoslawischen Ausschusses“, in Paris veröffentlicht: „Serbia´s collapse did not eradicate that ideal, but only strengthened it. Misfortune has actually worked to unite Yugoslavs“ (zitiert nach: Mitrović 2007, S. 278).

Im Kampf auf Leben und Tod hatte Serbien im Ersten Weltkrieg die größte Zahl von Toten unter allen Kriegsteilnehmern zu verzeichnen: 1,2 Mio., d.h. 53 Prozent der männlichen Bevölkerung zwischen 18 und 55 Jahren; nach dem Krieg steckte es in einer tiefen wirtschaftlichen Krise, der Kampf war aber gewonnen worden. Das Land nahm an dem Krieg vom Anfang bis zu seinem Ende teil. Es errang die ersten Siege und kämpfte gegen seinen Gegner buchstäblich bis zum letzten Bluttropfen. Auf Grund seiner Aufopferung und „Auferstehung“ nach dem Todesmarsch im Jahre 1915 verschaffte sich das Land großen Respekt unter den Alliierten und erhielt bei der Gründung des neuen Jugoslawiens die Führungsrolle zugesprochen. Der Nachkriegsdiskurs, in dem die unendlichen Verluste und der tiefe Kummer darüberakralisiert wurden, trug bei zu einer politischen Situation, die Serbien den Vorrang im neugegründeten Staat einräumte: „Im I. Weltkrieg kämpfte Serbien an der Seite der späteren Sieger und konnte daher nach dem Krieg mit der Unterstützung Frankreichs und Großbritanniens für eine Lösung der südslawischen Fragen zu seinen Gunsten rechnen.“ (Hösch 2004, S. 668)

Am 1. Dezember 1918 wurde das erste Jugoslawien, das Königsreich der Serben, Kroaten und Slowenen, unter der serbischen Dynastie Karadjordjević gegründet. In diesem Jahr erreichte, so das serbische Geschichtsbild, die serbische Geschichte einen ihren Höhepunkte, die euphorischen Ziele der Nationsbildung – die Freiheit und der eigene Staat – wurden verwirklicht. Der Traum vom starken jugoslawischen Staat unter der serbischen Regierung wurde mit Tausenden von Leben bezahlt. Tut deswegen der Zusammenbruch Jugoslawiens so weh?

Die kollektive Erinnerung an den 1. Weltkrieg hat sich in Serbien mehrmals geändert: von der einen Macht sakralisiert, von einer anderen für eine bestimmte Zeit verdrängt. Unerschütterlich blieb nur der Mythos, der in diesem Krieg entstanden ist – die ewige Opferrolle des Volkes. 1938 wurde im Auftrag des Königs Alexander I. in der Nähe Belgrads ein Mausoleum zum Gedenken an die Gefallenen des I. Weltkrieges gebaut. Als Platz für das Denkmal wurde der symbolisch wichtige Berg Avala gewählt. Das Denkmal bekam den Namen „Das Grabmal des Unbekannten Helden“ und erinnert bis heute an die Heldentat aller acht Nationen, die im Königreich der Serben, Slowenen und Kroaten zusammen lebten.

Das Märtyrertum zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze serbische Geschichte. Nach A. Mitrović wurde der Mythos zyklisch: Märtyrertod im Kampf gegen Nazis, Opferrolle während der NATO-Bombardierung. Ende der achtziger Jahre baute Milošević seine ganze Politik darauf auf: die Zeit wäre gekommen, dass die Serben nur ihre eigenen Interessen verfolgten. Und bald war Serbien mit Allen in Konflikt geraten – als eine ewige Opfernation. Aber verfolgte Serbien nicht immer schon seine eigenen Ziele, und waren es nicht gerade ihre eigenen hohe Bestrebungen, die sie letztlich zu Opfern machten?


Literaturverzeichnis


Zeitungen


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