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Eine Studienreise in die Vojvodina


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Die jugoslawische Nationalitätenpolitik zwischen 1945-1980

von Jan-Philipp Neetz

Minderheiten und Minderheitenpolitik in Serbien – dieser Artikel befasst sich ausführlicher mit der Geschichte jugoslawischer Nationalitätenpolitik. Was war das Besondere an einer Politik, die darauf abzielte, einen Vielvölkerstaat zu beherrschen und zu befrieden? In einer Region, die von gegenseitiger Abgrenzung und starken nationalen Identitätsgefühlen geprägt war und es noch heute ist. Und wie erfolgreich und nachhaltig war diese Politik, vielleicht sogar über das Ende Jugoslawiens hinaus?

Die jugoslawische Nationalitätenpolitik zwischen 1945-1980

Lange Zeit gelang es der politischen Führung, den Zweiten Weltkrieg, der mit einem blutigen Bürgerkrieg einherging, in einen von Tito zum Sieg geführten Partisanen- und „Volksbefreiungskampf“ umzudeuten. So wurden die Spannungen zwischen den Völkern zugunsten einer jugoslawischen Bundesrepublik klein gehalten. Im Bürgerkrieg während des Zweiten Weltkriegs, der zeitgleich zum Partisanenwiderstand gegen die Besatzungsmächte und ihre lokalen Kollaborateure stattfand, gab es etliche Kriegsverbrechen unter den Völkern Jugoslawiens selbst. Um zu verhindern, dass Nationalismen und Hass die Einheit des zweiten jugoslawischen Staates gefährden, wurde hingegen die Freundschaft zwischen den Völkern betont, die sich im mutigen Partisanenkampf gemeinsam gegen den Faschismus auflehnten und so die Heimat verteidigten.

Jugoslawismus statt Nationalismus

Nach seiner Neugründung 1945 besteht Jugoslawien zunächst aus den sechs Teilrepubliken Serbien, Kroatien, Slowenien, Montenegro, Bosnien und Herzegowina und Makedonien, sowie den autonomen Provinzen Kosovo und Vojvodina innerhalb Serbiens. Bereits vor dem Ausschluss Jugoslawiens aus dem Kommunistischen Informationsbüro (Kominform) am 28. Juni 1948 sagt sich Jugoslawien von der Sowjetunion los. Die Völkergemeinschaft Jugoslawien sollte selbstbestimmt und unabhängig von Moskau einen alternativen Weg des Kommunismus aufzeigen. Unter Führung Titos wird Jugoslawien zu einer souveränen Föderation; eine bis heute als progressiv geltende Nationalitätenpolitiketabliert, die das friedliche Neben- und Miteinander vieler Völker und Nationen ermöglichen sollte. Nachdem die Kommunisten das „bürgerlich-kapitalistische“ System abgeschafft hatten, als dessen Produkt der Nationalismus galt, sollte sich in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung über lange Sicht das Problem des Nationalismus erübrigen. Bis es soweit war, sollte durch die Gleichberechtigung aller in der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien vertretenen Nationen zum einen eine bevormundende Stellung der serbischen Nation verhindert und zugleich die „Gemeinschaft gleichberechtigter Völker“ realisiert werden. Auf dieses Grundprinzip hatten sich die Vertreter des „Antifaschistischen Rates der Volksbefreiung Jugoslawiens“ (AVNOJ) bereits am 29. November 1943 während ihrer zweiten Sitzung und noch vor der offiziellen Staatsgründung geeinigt. Die Folge war ein politischer Jugoslawismus (Transnationalismus) mit ethnonationalem Pluralismus.

Narod, Narodnost und Etnička grupa

Hierbei ist die Unterscheidung zu beachten, die hinsichtlich Nation, Nationalität und Ethnischer Gruppe gemacht wurde. Im zweiten Jugoslawien hatte, im Unterschied zum ersten, jede anerkannte Nation (narod) das Anrecht auf einen eigenen Nationalstaat, also eine eigene Teilrepublik innerhalb Jugoslawiens. Dies galt, sofern sie nicht bereits durch einen eigenen Nationalstaat außerhalb der Bundesrepublik vertreten war, was wiederum zur Anerkennung als Nationalität (narodnost) führte. So wurden etwa Albaner, Ungarn, Bulgaren nicht als Nation sondern als Nationalität anerkannt, waren aber den Mehrheitsbevölkerungen und Titularnationen der jeweiligen Republiken rechtlich gleichgestellt. Außerdem gab es neben den Kategorien Nation und Nationalität auch die Möglichkeit, sich einer ethnischen Gruppe (etnička grupa) zugehörig zu erklären. In regelmäßigen Volkszählungen sollten die Bürger eine Selbsteinstufung in diesen Kategorien vornehmen. Die Ergebnisse brachten eines deutlich zu Tage: Nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung war von der Idee einer jugoslawischen Nation überzeugt und machte von der Möglichkeit Gebrauch, sich als „Jugoslawen“ im Sinne einer Nation zu bezeichnen. Diese „Volksgruppe“ machten beim Zensus von 1981 ganze 5,4%, und damit 1,2 Millionen der Einwohner Jugoslawiens aus. In der Vojvodina lag der Anteil der „Jugoslawen“ 1991 mit 9% deutlich höher. Als eine mögliche Erklärung gilt, dass es in der Vojvodina besonders viele Ehen zwischen verschiedenen Nationalitäten gab. Unabhängig von der Nationalität verfügten alle Bürger über den jugoslawischen Pass. Dieser war sehr populär und verhieß internationale Anerkennung und vor allem Reisefreiheit, welche etwa den Bewohnern der Sowjetunion und Staaten des Warschauer Paktes verwehrt blieb. Dass es den Serben bis noch vor einem Jahr nicht möglich war, ohne Visum in den Schengenraum einzureisen ist auch als ein möglicher Grund für eine gewisse „Jugonostalgie“ zu sehen (Zum Essay), wohingegen das heutige Serbien eher von nationalbewussten Tönen geprägt ist.

„Brüderlichkeit und Einheit“

Der Ministerpräsident und spätere Staatspräsident Tito wurde nicht müde, die Losung der „Brüderlichkeit und Einheit“ (bratstvo i jedinstvo) zu wiederholen und zu mahnen. Darauf beruhten schließlich die Legitimität der Herrschaft von BdK und AVNOJ und letztlich auch der innere Frieden der Bundesrepublik. Als am 4. Mai 1980 der Präsident Josip Broz – Kampfname Tito – starb und die Bevölkerung in tiefe Trauer stürzte, wurde vielen klar, dass dieser Tag auch ein Schicksalsschlag für das „Projekt“ Jugoslawien sein würde. Dessen Einheit und die Hoffnung auf ein friedliches Fortbestehen der Völkergemeinschaft wurden vier Tage später gemeinsam mit dem charismatischen Führer und im Beisein dutzender Regierungschefs aus aller Welt zu Grabe getragen. Mit dem gegen Ende seiner Regierungszeit erreichten Grad an Dezentralisierung und dem Machtvakuum, welches Titos Ableben hinterließ, war nun die Stunde der regionalen Politiker gekommen. Sie verstanden es schnell, kommunistische Formeln durch nationalistische auszutauschen und somit ihre Macht in den einzelnen Republiken zu Lasten der Bundesautorität auszubauen. Bereits vor Titos Tod waren die ersten nationalistischen Tendenzen innerhalb der Republiken und unterhalb der jeweiligen Nationen sichtbar. Doch der Reihe nach.

Ende der Fünfziger Jahre besteht bereits ein erheblicher Reformbedarf sowohl in Jugoslawiens Wirtschaft als auch in der Organisationsstruktur der Partei. Es kommt zur zunehmenden Entfremdung zwischen dem Volk der Bauern und Arbeitern und den „Apparatschiks“, deren dekadenter Lebensstil der einfachen Bevölkerung bitter aufstößt. Diese Missstände werden auch von einem ehemaligen Weggefährten Titos, dem montenegrinischen Politiker Milovan Djilas, angeklagt. Sein Buch „Die Neue Klasse“, welches in München erscheint, sorgt für Aufsehen, da es genau diese – aus marxistischer Sicht unzulässige – Bereicherung und Privilegierung der Kader anprangert. Propaganda und Realität sind weit voneinander entfernt und die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst. Obwohl der überzeugte Kommunist Djilas aus der Partei ausgeschlossen und für seine „Stellungnahmen gegen jugoslawische Interessen“ mit neun Jahren Gefängnis bestraft wurde, zeigte die berechtige Kritik, die ja immerhin „von links“ kam und sich auf eine marxistisch-leninistische Argumentation stützte, ein paar Jahre später auch bei den Regierenden eine Wirkung. Auf einer nichtöffentlichen Sitzung beschließt die führende Elite 1962 schließlich, dem Provinzialgeist, Chauvinismus und nationalen Partikularinteressen den Kampf anzusagen. Titos Bestreben, nationale Politiker im Geiste einer „jugoslawischen Gemeinschaft“ zu erziehen, schlägt jedoch fehl. Edvard Kardelj, Slowene und Außenminister macht die ablehnende Haltung vieler führender Politiker aus den einzelnen Republiken gegenüber einer jugoslawischen Nation bereits 1962 in einer Rede deutlich: Die Föderation sei nicht dazu da, um eine jugoslawische Nation zu schaffen.

Dezentralisierung und Nationalistische Spannungen

UN-Generalsekretär Kofi Annan besucht Pec
Ortsschild in mehreren Sprachen

Mit der dritten Nachkriegsverfassung erfolgt die Umbenennung in die „Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien“ (1963-1992). Die Folgen für die Republiken sind teilweise erheblich. So steigt die Region Kosovo zur Provinz auf. Das Recht der Republiken, die Föderation zu verlassen bleibt im Verfassungstext bestehen. Ab nun gibt es vier Amtssprachen, in denen Gesetze veröffentlicht werden müssen (Serbokroatisch (Kyrillisch), Kroatoserbisch (Lateinisch), Makedonisch, Slowenisch.) Muslime in Bosnien und der Herzegowina erhalten für künftige Volkszählungen erstmals den Status einer „Ethnischen Gruppe“ (etnička grupa). Derweil entstehen Debatten zwischen Serben und Kroaten, die durch das Reklamieren der bosnischen Muslime als die „ihrigen“ neue nationalistische Spannungen erzeugen und somit auch indirekt Gebietsansprüche auf deren Territorium anmelden. Um schließlich die Debatten zwischen Kroaten, Serben und Bosniaken über die Ethnogenese der Muslime in Jugoslawien zu beenden, lässt Tito alle dabei zu Felde geführten Theorien gelten, ohne jedoch eine als die richtige oder plausibelste aufzuwerten. Die bosnischen Muslime erhalten 1969 die Anerkennung als eigene Nation (narodnost), was sich neben dem Wunsch einiger Muslime auch auf Erwägungen der Parteiführung in Belgrad zurückführen lässt. Auf diese Weise sollte verhindert werden, dass es in Bosnien zu einem serbisch-kroatischen Antagonismus kommt. Ab diesem Zeitpunkt ist es möglich, sich bei den Volkszählungen als bosnische Muslime „im Sinne einer Nation“ auszugeben.

Mit den politischen Veränderungen, die nach 1963 einsetzen und zur Dezentralisierung führen, vollzieht sich in der Nationalitätenpolitik auch eine Abkehr vom „integralen Jugoslawismus“, der eine zentralistische Parteistruktur förderte und nationale Egoismen durch die gemeinsame jugoslawische Identität zu ersetzen suchte, Patriotismus in den einzelnen Republiken jedoch nicht untersagte. Statt des integrativen Ansatzes befürwortet nun auch Tito, der sich mit seiner nie tief in den Völkern verwurzelten Idee des Jugoslawismus als Ersatz für nationale Identität praktisch geschlagen geben musste, ein neues Konzept namens „organischer Jugoslawismus“. Diese „harmonische Symbiose von nationaler Besonderheit und gefühlsmäßiger Hinwendung zu Jugoslawien“ läutet de facto das Ende des Jugoslawismus ein.

Abschied vom Jugoslawismus

Die Bestrebungen der einzelnen Nationen, ihre Nationalsprachen und Kulturgüter stärker von den übrigen Nationen abzugrenzen und dezentralisierende Tendenzen, wie die Hoheit der Republiken über Justiz und Wirtschaftspolitik und schließlich die de facto-Autonomien der Provinzen Kosovo und Vojvodina werden durch die vierte Verfassung Jugoslawiens 1974 bestätigt und zerren an der Einheit des Landes. Aus der zentralistisch geführten Bundesrepublik wird mit der neuen Verfassung endgültig ein Staatenbund. Die Republiken und Provinzen bestehen nun auch formal als föderative Einheit. Art. 3 definiert die Republiken als Staaten. Damit wird die Autorität über die Provinzen Kosovo und Vojvodina von Serbien auf die Föderation übertragen, was zu großem Unmut unter der serbischen Bevölkerung führt, die diesen Schritt als eine „Dreiteilung Serbiens“ empfindet.

Die ehemalige Nationalitätenkammer wird durch die Kammer der Republiken und Provinzen ersetzt – Provinzen sind den Republiken gegenüber nun de facto gleichberechtigt. Das Recht auf Selbstbestimmung und Sezession der Republiken wird auch in dieser letzten Verfassung erneut bekräftigt. Damit wird auch der Prozess der Föderalisierung des sozialistischen Jugoslawiens abgeschlossen, der Zentralstaat kann anstehende Reformen mangels Autorität und gegen den Widerstand der zunehmend widerspenstigen Republiken nicht mehr durchsetzen. Das Tabu, über Verbrechen des Bürgerkrieges zu sprechen, weicht schließlich auf. Wirtschaftlich geht es den Menschen zusehends schlechter, die Auslandsverschuldung steigt. Diffuse Ängste werden nun von (vormals kommunistischen) sich nationalistisch gebenden Politikern instrumentalisiert. Titos Tod am 04. Mai 1980 bedeutet schließlich das Ende der Bundesautorität.

UN-Generalsekretär Kofi Annan besucht Pec
Pro-Mladić-Demonstration am 26. Mai in Novi Sad

Die Idee des Jugoslawismus als Ersatz für den Nationalismus scheint aus heutiger Sicht vorerst gescheitert und verlor mit Tito ihren populärsten und einflussreichsten Unterstützer. Die heutige politische Realität deutet nicht darauf hin, dass die wenigen existierenden Bestrebungen, einen neuen Jugoslawismus im Sinne Titos ins Leben zu rufen, in absehbarer Zukunft Aussicht auf Erfolg hätten. Die jüngsten Proteste von Teilen der serbischen Bevölkerung nach den Festnahmen der mutmaßlichen Kriegsverbrecher Goran Hadžić und Ratko Mladić sowie die neuerlichen Ausschreitungen an der Serbisch-Kosovarischen Grenze bekräftigen, wie unversöhnlich sich noch heute viele Volksgruppen des ehemaligen Jugoslawien gegenüberstehen. Eindeutig und andauernd hingegen ist, dass sich grundlegende Ideen von Nation und Nationalität, welche kennzeichnend für die jugoslawische Nationalitätenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg waren, in der heutigen politischen Praxis Serbiens wiederfinden. Besonders deutlich wird dies durch Betrachtung der vielen nationalen Minderheiten Serbiens, welchen als anerkannte Nationalitäten ganz im Sinne der „narodnost“ besondere Rechte zugestanden werden (zum Essay), was ebenso für ethnische Minderheiten als vormals „etnička grupa” gilt. Während der zahlreichen Treffen mit den Minderheitenvertretern auf unserer Exkursion durch die Vojvodina bekamen wir eindrucksvoll vor Augen geführt, wie viel Wert noch auf die strickte Trennung von Nation und Nationalität im Sinne der Staatsbürgerschaft gelegt wird und welche Rolle die Anerkennung als Nation und ethnische Minderheit rechtlich für die Betroffenen spielt. Das Erbe der jugoslawische Nationalitätenpolitik ist in Serbien und besonders in der Vojvodina allgegenwärtig.


Weiterführende Literatur: