Karte Serbien Multiethnizität leben und gestalten.
Eine Studienreise in die Vojvodina


Karte Vojvodina mit den Exkursionsorten belgrad subotica Novi Sad Backi Petrovac Fruska Gora Belgrad 2 1 Belgrad
2 Subotica
3 Novi Sad
4 Bački Petrovac
5 Fruška Gora
6 Belgrad

Die Geschichte der Slowaken in der Vojvodina

von Annik Trauzettel

Die Slowaken stellen heute die zweitgrößte Minderheit nach den Ungarn in der Vojvodina dar. Sie gelangten im Zuge der Besiedlung der durch das Habsburgerreich eroberten Gebiete und der neu geschaffenen Militärgrenze mit dem Osmanischen Reich nach den Türkenkriegen in die Batschka und von dort nach Syrmien und in das Banat. Dass vor allem evangelische Slowaken in der Vojvodina leben, die Mehrheit im Mutterland allerdings katholisch ist, erstaunt zunächst, ist aber nach einer genaueren Betrachtung der Siedlungsgeschichte nachvollziehbar.

Karte der Vojvodina mit ihren geographischen Regionen Banat, Batschka, Syrmien.

Karte der Vojvodina mit ihren geographischen Regionen Banat, Batschka, Syrmien.
(Quelle: Wikipedia)

Die Vojvodina ist für ihre Multiethnizität bekannt, doch kaum einer kennt die heute zweitgrößte Minderheit der Region – die Slowaken. Sie siedelten ab Mitte des 18. Jahrhunderts in der Batschka und stellen heute mit 56.637 Personen 2,79 % der Gesamtbevölkerung der Vojvodina. Die meisten Angehörigen der slowakischen Minderheit leben auch heute noch in der Batschka, davon 87% in der Gegend um Bački Petrovac (slowakisch: Báčsky Petrovec). Auch im Banat und in Syrmien sind die Siedlungsgebiete der Slowaken sehr kompakt um die Zentren Kovačica und Stara Pazova.
Die Slowaken sind durch Assimilation und Abwanderung bedingt eine Minderheit, die immer kleiner wird. Besonders junge Slowaken, die für ein Studium ins Ausland gehen, viele auch in die Slowakei, kehren oft nicht in ihre Heimat zurück. Zudem gibt es viele Mischehen, so dass die Zahl ethnischer Slowaken sich konstant vermindert.

Die Türkenkriege und die Besiedlung der eroberten Gebiete

Die Ansiedlung der Slowaken erfolgte Mitte des 18. Jahrhunderts, vor allem unter der Habsburgischen Kaiserin Maria Theresia. Die Gebiete der heutigen Vojvodina kamen Ende des 17. Jahrhunderts bis Anfang des 18. Jahrhunderts infolge der sogenannten Türkenkriege zum Habsburgerreich. Die Türkenkriege waren Kriege zwischen dem Habsburgerreich und dem Osmanischen Reich. Die Osmanen hatten im Jahre 1683 zum zweiten Mal erfolglos Wien belagert. Mit dem Scheitern der zweiten Belagerung endete die Reihe osmanischer militärischer Erfolge. In dem folgenden Krieg, der 1699 mit dem Frieden von Karlowitz endete, konnten die Habsburger Ungarn erobern und die Osmanen bis an die Donau-Save-Linie zurückdrängen. Nach einem weiteren Krieg von 1716 bis 1718 kam mit dem Frieden von Passarowitz schließlich auch das Banat zum Habsburgerreich.

Vor allem ab den 1840er Jahren fand eine gezielte Ansiedlung in den neu erworbenen Gebieten statt, wodurch Serben, Ungarn, Deutsche und andere Gruppen, darunter auch Slowaken, als Siedler in die Region kamen. Die Ansiedlung hatte zwei Hauptgründe. Zum einen sollte die neue Grenze zum osmanischen Reich befestigt werden. Zum anderen war die Ansiedlung auch ein ökonomisches Projekt. Die Grenzregion zwischen Österreich und dem Osmanischen Reich war infolge der Kriege verwüstet; außerdem waren große Teile landwirtschaftlich unerschlossen geblieben. Durch eine Urbarmachung und Ansiedlung von Bauern sollten Getreide und andere Agrarprodukte für das Habsburgerreich erzeugt werden. Der militärische Aspekt zeigt sich heute noch in erhaltenen Festungsanlagen wie Peterwardein bei Novi Sad, der ökonomische ist in der gut entwickelten Landwirtschaft sowie indirekt in der Multiethnizität der Region zu sehen.

Dabei war die Ansiedlung in der unmittelbaren Grenzregion zum osmanischen Reich als Militärgrenze direkt dem Wiener Hofkriegsrat unterstellt. Dieser begann gleich nach der Eroberung und dem Friedensvertrag mit der Ansiedlung von Grenzern. Die Grenzer erhielten freien Boden, wenn sie sich zugleich zum Militärdienst verpflichteten. Der Besitz war de facto nur ein Lehen seitens der Wiener Hofkammer, allerdings konnten die Bauern über ihre Erträge selbst verfügen und waren nicht an ihre Scholle gebunden. Der Militärdienst diente in der Anfangszeit vor allem der Verteidigung des Grenzgebietes, allerdings gab es später auch Truppen, die außer Landes eingesetzt werden konnten. So entstand entlang der osmanischen Grenze eine bäuerliche, sesshafte Gesellschaft. Der Aufbau von Städten und die Ansiedlung von Handwerkern oder Händlern waren nicht erwünscht, da sie keinen Militärdienst leisten mussten. Unter Maria Theresia wurde die Verwaltung der Militärgrenze nach militärischen Gesichtspunkten reorganisiert, die Region wurde in Regimentsbereiche unterteilt und die Dörfer zu Kompanien zusammengefasst.

Der westliche Teil der österreichischen Militärgrenze

Der westliche Teil der österreichischen Militärgrenze
(Quelle: Wikipedia)

Bevorzugt wurden für das Siedlungsprojekt Deutsche angeworben, da diese bei den Ansiedlungsbehörden als geschickt und fleißig galtenZudem sollten sie ein Gegengewicht zu den zum Aufstand neigenden Ungarn bilden. Diese Ansicht bezog sich darauf, dass es in Ungarn Ende der 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts mehrere blutige Aufstände gegeben hatte. Außerdem wurden bei der Besiedlung der Grenzregion vor allem Katholiken ausgewählt, da man bei Protestanten fürchtete, diese könnten sich gegen das Habsburger Reich wenden. Dies hängt auch mit der Geschichte des Protestantismus im Habsburgerreich zusammen.

Ungarn vor, während und nach den Türkenkriegen

In Ungarn breitete sich vor allem ab der Mitte des 16. Jahrhunderts die Reformation rasch aus. Während die Landesfürsten eher zum Calvinismus tendierten, setzte sich der lutherische Glauben vor allem bei den Deutschen und Slowaken durch. Allerdings blieb auch Ungarn von der habsburgischen Gegenreformation nicht verschont, so dass besonders der ungarische Adel sich wieder dem Katholizismus zuwandte. Im Zuge der Gegenreformation wurden aber nicht nur religiöse, sondern auch die ständischen Freiheiten des ungarischen Adels eingeschränkt und die Lage der Bauern verschlechterte sich zusehends. So kam es Ende des 17. Jahrhunderts zu mehreren Aufständen, den sogenannten Kurutzenaufständen. Etwa zur gleichen Zeit wurden nach der gescheiterten osmanischen Belagerung von Wien die Türkenkriege geführt und die osmanischen Gebiete Ungarns erobert. Infolgedessen wurde Ungarn wieder vereinigt und Erbland des Habsburgerreiches, wenn auch mit einer gewissen ständischen Autonomie. Doch es kam immer wieder zu Aufständen, die nun auch durch die Stationierung der habsburgischen Armee in Ungarn und deren Versorgungskosten bedingt waren. Mit dem Scheitern des Rákóczi-Aufstands 1711 waren die antihabsburgischen Kämpfe allerdings beendet. Ungarn wurde endgültig Teil der Habsburgermonarchie unter Wahrung relativer innerer Eigenständigkeit.

Nach diesen Kriegen und Aufständen wurde Ungarn gezielt wieder aufgebaut – dazu gehörte auch eine Besiedlung der verwüsteten oder landwirtschaftlich nicht genutzten Gebiete. Ungarn sollte fortan für die Habsburger eine wichtige Rolle spielen, zum einen für die Erhebung von Steuern und Zöllen, zum anderen als Agrarzone und Vorratskammer. Da jedoch das Land nicht sehr dicht besiedelt war und die Kriege und Epidemien der vergangenen 150 Jahre ihren Tribut gefordert hatten, wurden die neu erworbenen Gebiete gezielt mit angeworbenen Siedlern bevölkert. Ansiedlungsgebiete waren die Batschka, der Banat, Siebenbürgen und die Bukowina.

In der Batschka war die Besiedelung nach der Vertreibung der Türken besonders dünn. Schon vorher hatten hier nicht viele Menschen gelebt, nun waren die Bewohner vor den Kriegshandlungen geflohen, das Land war verödet und lag brach. Nach der Eroberung der Gebiete ging es deshalb darum, diese auch zu besiedeln, um die Eroberung zu sichern. Damit einher ging auch der Gedanke der militärischen Sicherung, die durch den Militärdienst der angesiedelten Bevölkerung erreicht werden sollte. Ungarn konnten zur Besiedlung nur bedingt herangezogen werden, da auch der Rest von Ungarn nicht viele Einwohner hatte und landwirtschaftlich nicht weit entwickelt war. Deswegen warb man Deutsche, Slowaken und Serben für das Ansiedlungsprojekt. Der Grenzcharakter der Batschka spiegelt sich dabei in der Auswahl der Siedler wieder – bevorzugt wurden bei der Besiedlung der Grenzregion Katholiken, da man bei Protestanten fürchtete, diese könnten sich mit den Osmanen und den aufständischen Ungarn verbünden und so zur Gefahr für das Reich werden. Dass dennoch vor allem protestantische Slowaken in die Batschka kamen, hat mehrere Ursachen. Die Wiener Ansiedlungsbehörde warb lieber Ausländer für die Ansiedlung an, da somit ein Nettozugewinn an Bevölkerung für das Reich geschaffen wurde und nicht in anderen Regionen ein Arbeitskräftemangel entstand. Im Gegensatz dazu war es der ungarischen Hofkammer, der die Ansiedlung in der Batschka oblag, nicht so wichtig, woher die Siedler kamen und sie nutzten für die Ansiedlung bewusst ohnehin vorhandene Bevölkerungsbewegungen, wie beispielsweise die der protestantischen Slowaken. Das Hauptziel war im Gebiet der Batschka die agrarische Nutzbarmachung des Landes, die natürlich über die Ansiedlung erfolgte, dabei war der Bevölkerungsanstieg im Gesamtreich nicht wichtig. Dazu kommt noch, dass die Ansiedlung Anfang des 18. Jahrhunderts noch nicht systematisch von der Politik gelenkt wurde, sondern oftmals durch private Initiativen bestimmt. So siedelte beispielsweise der Serbe Černović selbstständig evangelische Slowaken in der Herrschaft Futak (serbisch: Futog) an.

Gründe für die Ansiedlung der Slowaken

Die Slowaken kamen zum einen in die Region, weil die neuen Gutsherren in der Region ihre Untertanen einfach aus ihren Besitzungen in Oberungarn mitnahmen. Zum anderen handelte es sich um eine Binnenmigration von einem dicht besiedelten Gebiet des Königreiches Ungarn in ein nahezu unbesiedeltes. Die Migration der evangelischen Slowaken ist auch eng mit ihrer Religion verknüpft. Im Habsburgerreich wurde seit dem 17. Jahrhundert eine gegenreformatorische Politik betrieben, die eine Rekatholisierung des Landes zum Ziel hatte. Die Repression der lutherischen Untertanen war besonders Ende des 17. Jahrhunderts und Anfang des 18. Jahrhunderts sehr stark. Dazu kamen noch hohe Abgaben und Frondienste der Bauern an ihre Gutsherren, die, wie bereits weiter oben angeführt, zu mehreren Aufständen führten. Auch das wird ein Grund dafür gewesen sein, warum viele Slowaken abwanderten, als sich die Möglichkeit bot.

Die Umsiedlung der Protestanten im Habsburgerreich nannte man beschönigend Transmigration, man kann aber davon ausgehen, dass praktisch eine Deportation erfolgte. Seit dem Westfälischen Frieden nach dem Dreißigjährigen Krieg galt das ius reformandi – Cuius regio, eius religio (dt.: Wessen Gebiet, dessen Religion). Das bedeutet, dass die Landesfürsten und Grundherrn die Religion auf ihren Ländereien festlegen konnten. Andersgläubige hatten laut ius emigrandi prinzipiell das Recht, das Land zu verlassen, wenn sie sich aus Gewissensgründen der Religion ihres Landesherrn nicht fügen konnten. Allerdings galt das nur mit gewissen Einschränkungen (z.B. nicht für gerade erst Konvertierte) und aus der Freiheit zu migrieren wurde oft auch ein Zwang. Durch die massenweise Ausweisung von Menschen sanken die Bodenpreise, so dass die Menschen oft mittellos zur Migration aufbrachen. Das hatte zur Folge, dass sie in den Ansiedlungsgebieten, so z.B. in Siebenbürgen, oft als Tagelöhner ein Auskommen suchen mussten, da sie es sich nicht leisten konnten, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Viele Siedler starben bereits im ersten Jahrzehnt nach der Ansiedlung.
Zudem kam es auch zu regelrechten Vertreibungen, wenn sich Personen dem Landesherrn widersetzten. Die Auswanderungsfreiheit wurde somit eher als Schreckmittel gegen die Konversion zum evangelischen Glauben eingesetzt, da die Migration schwerwiegende soziale und wirtschaftliche Folgen für die Betroffenen hatte. Die Abwanderung war meist nur die letzte Alternative, wenn sich neben der Konversion keine andere Möglichkeit bot.

UN-Generalsekretär Kofi Annan besucht Pec
Die evangelische Kirche in Bački Petrovac
(Quelle: Wikipedia)

Die Abwanderung in die Peripherien hatte allerdings für die Protestanten den Vorteil, dass das Land hier sozial und herrschaftlich schwächer strukturiert war und eine Ausübung der Religion damit möglich wurde, da sich durch die Distanz zum Zentrum des Reiches größere persönliche Freiheiten und eine geringere Bindung an den Staat ergaben. Für die Herrschenden hatte die „Transmigration“ den Vorteil, dass das Humankapital nicht verloren ging, sondern in den südöstlichen Provinzen von Nutzen bei der Neubesiedlung war. Der Untertan war im Hinblick auf den steigenden Finanzbedarf des Reiches und ständige militärische Auseinandersetzungen, beispielsweise mit Preußen, natürlich auch eine militärische und wirtschaftliche Ressource, die nicht an den Feind verloren gehen durfte.

Zusammenfassend ergeben sich für die slowakischen Siedlungen in der Batschka zwei Hauptgründe. Zum einen war sie bedingt durch eine Binnenmigration. Die Menschen wanderten aus übervölkerten Gebieten aus und ließen sich in wenig bis gar nicht besiedelten Gebieten nieder. Zum anderen steht die Migration im Zusammenhang mit der Geschichte des Christentums in Österreich und der Gegenreformation des 17. und 18. Jahrhunderts. Für Protestanten war die Abwanderung nach Ungarn eine Möglichkeit, ihre Religion weiterhin ausüben zu können und der staatlichen Unterdrückung zu entgehen.


Literatur: