Karte Exkursion Reiseroute Bosnien-Herzegowina
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Exkursion Kriege erinnern.
Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Krieg 1992-1995 in Bosnien-Herzegowina

Route und Exkursionsziele:

1. Zagreb 8. Jablanica
2. Jasenovac 9. Mostar
3. Donja Gradina 10. Sutjeska
4. Kozara 11. Gorazde
5. Prijedor 12. Srebrenica
6. Banja Luka 13. Sarajevo
7. Sarajevo
Sarajevo 2SrebrenicaGorazdeSutjeskaMostarJablanicaSarajevoBanja LukaPrijedorKozaraDonja GradinaJasenovacZagreb

Projektbeschreibung der Studienexkursion Kriege erinnern.

Heike Karge: Warum „Kriege erinnern“?

Im Nationalpark Tjentište/SutjeskaDas gewählte Exkursionsthema "Kriege erinnern" ist bis heute eines der äußerst kontrovers diskutierten Themen in allen post-jugoslawischen Gesellschaften, und insbesondere in Bosnien-Herzegowina. In der Gesellschaft Bosnien-Herzegowinas, wie in allen Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien, werden intensive Erinnerungskonflikte in Bezug auf beide Kriegszeiten - den Zweiten Weltkrieg und die Kriege der 1990er Jahre - ausgetragen. Dabei fallen die Fronten dieser Erinnerungskonflikte nicht zusammen, das heißt, im Gegensatz zu den Kriegen der 1990er Jahre ist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg weniger ethnisch als eher politisch differenziert.

Und dennoch kann man die Kriege der 1990er Jahre auf dem Territorium des auseinander brechenden Jugoslawien nur vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges und dessen Verarbeitung im sozialistischen Jugoslawien verstehen. Insbesondere die Tabuisierung des interethnischen Bürgerkrieges im Rahmen des Zweiten Weltkrieges auf jugoslawischem Boden ermöglichte seit den 1980er und vor allen in den 1990er Jahren eine politische Instrumentalisierung der Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg - paradigmatisch dafür sind die Auseinandersetzungen um das ehemalige Konzentrationslager Jasenovac (in Kroatien) - und wurde damit zur Basis und zum Mittel gewaltsamer Eskalationen.

Bosnien-Herzegowina gilt auch heute, 15 Jahre nach Dayton, als fragiler Staat. Und so sind hier auch die Erinnerungskonflikte besonders virulent. Konflikte, in denen es nicht nur um die neu zu erfolgende Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges und der traumatischen Erfahrungen des Krieges 1992-1995 geht, sondern zudem um die Frage nach den Chancen und Grenzen interethnischer Versöhnung in einem Staat, der seit Kriegsende weitgehend aufgrund internationalen Engagements zusammen gehalten wird. Und um die Frage nach den Chancen und Grenzen interethnischer Versöhnung in einem Staat, in dem Opfer und Täter nach dem Krieg (wieder) zusammen leben.

Die Exkursion führte zu sorgfältig ausgewählten Orten wie Gedenkparks und Gedenkstätten sowie zur Begegnung und zum Austausch mit wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Institutionen, die von Bedeutung für das historische und gegenwärtige Verständnis der bosnisch-herzegowinischen Gesellschaft und der post-jugoslawischen Gesellschaften insgesamt sind.

Folgende Fragen standen für uns im Vordergrund:

Auf Spurensuche

Granateinschläge in SarajevoViele Gedenkorte an den Zweiten Weltkrieg haben durch die Kriege der 1990er Jahre in Bosnien-Herzegowina und Kroatien sowie den Zerfall des gemeinsamen Staates Jugoslawien ihren Charakter, ihre Sinnzuschreibung geändert. Der rezente Krieg hat auf diese Gedenkorte eingewirkt, sei es durch Zerstörung oder Verwahrlosung oder auch durch die Umgestaltung und Revision vorhandener Gedenkinhalte und -anlagen. Diese Orte, sowie die (noch nicht) neu errichteten Orte der Erinnerung an den Krieg 1992-1995 sind damit Kristallisationspunkte für die Transformationen, die Umformungen öffentlichen und privaten Erinnerns in den betreffenden Gesellschaften, aber auch für die Blockaden im gesellschaftlichen Umgang mit den Kriegsvergangenheiten. Wie eng beide Vergangenheiten, beide Kriege in der Erinnerung verwoben sind, haben wir auf unserer Reise versucht herauszufinden.

Wir haben uns also auf Spurensuche begeben – auf eine Suche nach den sichtbaren und den unsichtbaren, nach den verschwundenen und den gerade entstehenden Zeichen und Spuren der Erinnerung.

Wir haben beeindruckende Landschaften der Erinnerung besucht, die in den 1960er Jahren gestaltet wurden – wie die Gedenkstätte Jasenovac. Wir haben Landschaften des Vergessen-Machens besucht, die bis heute kein Zeichen der Erinnerung tragen – wie auf dem Gelände des ehemaligen Gefangenenlagers in Omarska: (k)ein Ort der Erinnerung aus dem letzten Krieg. Wir haben Gedenkstätten zu Ereignissen des Zweiten Weltkrieges besucht, die nach dem Krieg der 1990er Jahre umgeschrieben und umgedeutet wurden – Kozara z.B. -, und wir haben Gedenkstätten an die Opfer des Zweiten Weltkrieges besucht, die der langsamen aber stetigen Verwahrlosung anheimgegeben sind – wie die Partisanennekropole in Mostar. Viele weitere Orte haben wir besucht und viele weitere Arten des Umgangs mit diesen wahrgenommen.

Hinzu kamen Begegnungen mit Menschen, und wir bedanken uns bei ihnen allen für die Zeit und Geduld, die sie sich für uns und unsere Fragen nahmen. Wir sprachen mit HistorikerInnen und Studierenden in Banja Luka und Sarajevo. Mit der NGO „Research and Documentation Centre“, die an der Ermittlung der Kriegsopferzahlen arbeitet ebenso wie mit dem Verein „Kuča SEKA“ in Goražde, der sich um die psychotherapeutische Betreuung von kriegstraumatisierten Frauen, Kindern und Männern kümmert. Und wir haben Satko getroffen, jemanden, der uns als ehemaliger Gefangener im Lager Omarska – Satko damals keine 17 Jahre alt – nicht nur vom Krieg, vom Überleben, vom Tod und von Vergebung aus ganz persönlicher Sicht erzählte, sondern dessen Erzählungen uns vor allem auch mit uns selbst konfrontieren sollten.

Wieder zurückgekehrt haben die Studierenden ihr im Seminar erworbenes Wissen und ihre während der Exkursion erworbenen Eindrücke und Erfahrungen in Form einer Internetpräsentation zusammengetragen. Viele haben sich vor, während und nach der Exkursion intensiver mit einer spezifischen Frage oder einem spezifischen Ort auseinandergesetzt. Für andere war es wichtig, ihre Eindrücke der Reise in einem Reisetagebuch zu verarbeiten. Wir haben uns ganz bewusst dazu entschieden, beiden Zugängen - dem wissenschaftlich-thematischen und dem persönlichen – Raum auf unserer Internetseite zu geben.

Wenngleich nicht für alle war doch für die meisten von uns die Reise nach Bosnien-Herzegowina die erste Begegnung mit diesem Land und seinen Menschen. Wir werden daher auf den folgenden Seiten nicht alle eingangs gestellten Fragen beantworten. Aber wir bieten unsere eigenen, ersten Überlegungen zu diesen Fragen hier an; Überlegungen, die sich auf die Lektüre wissenschaftlicher Texte sowie diejenigen Erfahrungen stützt, die wir auf unserer Suche nach Erinnerung in Bosnien-Herzegowina gemacht haben.