Deutsch |English


Exkursion Kriege erinnern.
Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Krieg 1992-1995 in Bosnien-Herzegowina

Route und Exkursionsziele:

1. Zagreb 8. Jablanica
2. Jasenovac 9. Mostar
3. Donja Gradina 10. Sutjeska
4. Kozara 11. Gorazde
5. Prijedor 12. Srebrenica
6. Banja Luka 13. Sarajevo
7. Sarajevo
Sarajevo 2SrebrenicaGorazdeSutjeskaMostarJablanicaSarajevoBanja LukaPrijedorKozaraDonja GradinaJasenovacZagreb

Banja Luka

Inhalte dieser Seite


Überblick

In Banja Luka erwartete uns ein Gespräch mit GeschichtsstudentInnen. Zwei MitarbeiterInnen der Historischen Abteilung der Philosophischen Fakultät der Universität in Banja Luka ermöglichten uns dank ihres Engagements diese Begegnung. Das Ziel des Gespräches war relativ offen gehalten - ein Austausch über Themen, die Studierende hier und dort bewegen war die eine Option, eine weitere war der Austausch über unser Exkursionsthema – den Umgang mit den Kriegen im heutigen Bosnien-Herzegowina bzw. hier, in der Hauptstadt der Republika Srpska.


Bildergalerie Banja Luka

Weitere Bilder ...



Marion Forster, Julia Merl und Birte Richardt: Reisetagebuch vom 24. Mai 2010

Wir sitzen – aus Kazarac, Omarska und Trnopolje kommend – schon wieder im stickig heißen Bus, hin zur Hauptstadt der Republika Srpska, nach Banja Luka. Hier wollen wir uns mit einer Gruppe von Geschichtsstudenten treffen, um uns einfach auch einmal mit gleichaltrigen Studenten und Jugendlichen aus Bosnien zu unterhalten, und dieses Land nicht immer nur durch die Fensterscheibe des Busses zu beobachten.

Nach allem, was wir wissen, freuen sich diese Studenten schon seit Wochen ganz besonders auf unseren Besuch. Wahrscheinlich wundern sie sich so wie die meisten bisher, was eigentlich eine Gruppe von 25 deutschen Studenten ausgerechnet in Bosnien-Herzegowina sucht …

Universität in Banja LukaAber so richtig einstellen auf dieses Treffen können wir uns gerade nicht. Mit den Gedanken hängen wir noch immer in Omarska fest, bei Satko und allem, was wir in den letzten Tagen und Stunden gehört und gesehen haben. Was meinte er, der immer versucht schien, uns von allen Seiten und allen Perspektiven zu berichten, als wir ihm erzählten, wohin wir als nächstes fahren? „Ah, Banja Luka. They’ll tell you that there was no war in Banja Luka, that everything was just fine. But Muslims have been deported, and religious buildings have been destroyed.“

Die Fahrt war nicht sehr lang. In der heißen Nachmittagssonne fuhren wir auf etwas, das wir als Campus interpretierten, obwohl es im ersten Moment eher dem Parkplatz vor einer zerfallenen Lagerhalle glich. Das Bild änderte sich jedoch schnell, als wir um die Ecke bogen. Aus großen, schnörkellosen, aber immerhin freundlich angestrichenen Bauten liefen Studenten emsig aus und ein. Schnell bemerkten wir, dass es sich bei dem Gebäudekomplex um eine ehemalige Kaserne handeln muss.

Auf mich wirkte immer noch alles irgendwie irreal, es ging so schnell, gerade noch auf dem Friedhof, und jetzt in dieser geschäftigen Belebtheit mitten auf dem Campus. Wir stiegen die Treppen hinauf bis in den höchsten Stock, hier in den Korridoren war es wenigstens schön kühl und angenehm ruhig.

Landkarte, die die Ausdehnung des serbischen Reiches zeigt.Vor dem Seminarraum bleibe ich kurz stehen und schaue mir an, was die anderen fotografieren: Hier hängen zwei große Landkarten, die die Ausdehnung des serbischen Reiches zeigen. Einmal im 15. Jahrhundert, einmal um 1373. Eine Zeit also, zu der das mittelalterliche serbische Reich seine größte Ausdehnung erreicht hatte.

Objektiv betrachtet ist es vielleicht gar nicht so bemerkenswert, dass in einer Geschichtsfakultät diese Landkarten hingen. Nach unserem Vormittag aber, mit unserem Wissenshintergrund, nach allem, was wir bisher in diesem zerrissenen Land gesehen hatten, schockierte es mich doch sehr, dass in einer Universität mitten in Bosnien, im Jahre 2010, Karten des großserbischen Reiches hängen.

Universität in Banja LukaVorausschickend muss man wahrscheinlich noch wissen, dass sich die Diskussion mit den Studenten der Allgemeinen Geschichte, die für das Treffen ausgewählt wurden, weil sie bereits das 20. Jahrhundert durchgenommen haben, zwar offiziell um alles drehen durfte, jedoch betonte die Universitätsleitung schon, dass sie insgesamt eher einen offenen Austausch begrüßen würde.

Kaum betrete ich den Raum, erwartet mich die nächste Überraschung: An jeder Wand stehen zwei Tischreihen, wobei die Fensterseite bereits fast vollständig mit den bosnischen Studenten besetzt ist (bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich Jungs, auch interessant, die sozialen Dynamiken betreffend) und uns (zu einem Großteil Mädchen) nichts anderes übrig bleibt, als uns ihnen konfrontativ gegenüber auf die andere Seite zu setzen.

Im Seminarraum vor dem Gespräch mit den StudentenGespannt sitzen wir uns wie in einer Art psychologischem Experiment oder Verhör gegenüber und warten darauf, wie sich in dieser Atmosphäre wohl ein lockerer, „offener Austausch“ entwickeln wird. Anfangs spricht nur eine der beiden Dozenten, fragt Herrn Brunnbauer und Heike, was genau wir eigentlich studieren. Unser Schwerpunkt liege auf der Geschichte Südosteuropas. Welche Geschichte? Eher die Neuere und Neueste. Wir hören, wenn man nicht wisse, was in Südosteuropa im Mittelalter passiert sei, könne man nicht verstehen, was in den letzten zwanzig Jahren hier passiert ist. Bäm.

Schon wieder, die Fronten scheinen sich immer mehr zu klären. Dann befragt die Dozentin aus Banja Luka uns Studierende, wir sollen von uns erzählen, warum wir eigentlich hier sind, was wir uns von dieser Reise erhoffen, was unser Eindruck von Bosnien sei. Niemand sagt etwas. Aus Angst vor der Stille melde ich mich, woher kommt denn plötzlich dieses Lampenfieber, die Worte überschlagen sich und wollen aus dem Mund raus, ohne sich vorher im Kopf Absolution zu holen, irgendwie kommt schließlich auf der andere Seite an, wir seien überrascht, wie zivilisiert und friedlich hier alles sei.

Die Reaktion kommt genauso prompt wie ohrenbetäubend daher, besonders die Dozentin scheint sich angegriffen zu fühlen. Vielleicht war es ein Fehler, vielleicht wurde dadurch aber immerhin die Atmosphäre entspannt, versuche ich mir einzureden. Was hoffentlich ankam, war, dass wir eben einfach vorher kaum Vorstellungen über dieses Land hatten, trotz aller wissenschaftlichen Vorbereitung. Und schließlich eben sehr, sehr positiv beeindruckt waren. Menschen, die behaupten, sie hätten keine Vor-Urteile, sind genauso töricht wie Menschen, die bei ihren Vor-Urteilen bleiben. Alle beruhigen sich schnell wieder, das harmlosere Geplänkel zwischen den diplomatischeren Dozenten wird wieder aufgegriffen – aber wie soll dieses Gespräch so noch zwei Stunden weiter gehen?

Dann kommt die Rettung. Eine deutsche Studentin schlägt vor, die konfrontative Anordnung doch aufzulösen und in kleinen Gruppen informell zu diskutieren. Anfangs bin ich überrascht, dann erleichtert, die Entscheidung ist schnell getroffen, Bänke rücken, Stühle rutschen, geschäftiges Treiben im ganzen Raum, 5 Minuten später sitzen wir neu gemischt da und starren uns neugierig an.

Obwohl in diesen kleinen Gruppen und ohne die ständige Supervision ihrer konstant übersetzenden Dozentin die Atmosphäre und die Zungen der Studenten aus Banja Luka wesentlich lockerer sind, ist und bleibt es doch eine seltsame Situation. Irgendwie sind alle Diskussionen artifiziell, ich bin so starr darauf bedacht, das Gespräch nicht auf den Bosnienkrieg zu lenken, dass ich aus Versehen und immer wieder richtig unglücklich genau ins Schwarze schlittere, undiplomatisch, platt und plump. Ob sie sagen würden, dass sie Bosnier sind. Ja, natürlich. Und ob sie sich eher zu Bosnien, Serbien oder der Republika Srpska zugehörig fühlen? Sie seien bosnische Serben und hängen definitiv mehr an der Republika Srpska als an Bosnien.

Nun sitzen wir in kleineren Gruppen zusammen und diskutieren.Ich versuche, viele Parallelen und Vergleiche zwischen Nachkriegsdeutschland und Bosnien zu ziehen, um Empathie zu zeigen und nicht anmaßend zu wirken. Auch, um mir ein bisschen Berechtigung zu geben hier zu sein und solche Fragen zu stellen. Will, glaube ich, auf die schwierige Situation, auf Opfer und Täter, auf Aufarbeitung hinaus. Ich glaube, es fällt mir auch deshalb so schwer, um den heißen Brei herumzureden, weil wir eben gerade aus Omarska kamen. Was wir gesehen und gehört haben, alles drängt nach draußen, ich habe den starken Drang, ihnen all das mitzuteilen, sie zu fragen, warum, was sie davon halten, ob sie davon hören, was sie darüber lernen…

Außerdem scheint die Sprachbarriere doch ein wenig hinderlich, aktive Englischkenntnisse sind nicht bei allen selbstverständlich.

Unbeholfen und ungeschickt, als würde ich zum ersten Mal Smalltalk halten, versuche ich, mit den drei Jungs, zu denen ich mich gesetzt habe, über etwas anderes, Normales, Oberflächliches zu reden. Fußball. Musik. Mist, was gibt’s noch? Wenigstens bin ich nicht die einzige, der das Alltagsgeplänkel schwer fällt: Der Einzige in unserer Runde, der ganz gut Englisch kann, steigt ein in die Unterhaltung (Und was für Musik hörst du gern? Reggae…) und meint: Ihr kommt hierher, und habt genaue Ideen. Ihr kategorisiert uns, reduziert uns auf Bosniaken, Serben, Kroaten. Aber wir sind nicht nur das, unsere Identität besteht aus viel mehr. Vielleicht mögen wir dieselbe Musik, vielleicht spielen wir im selben Fußballverein. Ich nicke enthusiastisch und könnte mich im selben Moment kaum mehr schämen. Später erzählt er uns, dass auch er ein Flüchtling sei. Er habe natürlich nichts gegen andere Ethnien, seine Mutter sei ja sogar selbst Kroatin, er komme ursprünglich aus Mostar. Er selbst sei aber Serbe, die anderen seien ihm eigentlich egal.

Universität in Banja LukaWährend wir noch so reden, kommt auf einmal Bewegung in die Sache, alle stehen auf, vor allem die serbischen Studenten animieren uns jetzt, doch rauszugehen, einen Kaffee zu trinken, ein Bier. Ich hab nicht viel Zeit, mich zu wundern und mir zu überlegen, ob wir das denn eigentlich dürfen, wenn ich den Anschluss nicht verlieren will, und das will ich ja nicht. Im Treppenhaus mischen sich die Gruppen wieder neu, ich verliere meine alte Gruppe und habe den Eindruck, als ob nochmal neue Studenten dazugekommen wären. Und tatsächlich, ich hatte es bei der Ankunft gar nicht gesehen, aber gegenüber vom Gebäude befindet sich ein schönes kleines Restaurant im Grünen, stimmt, hier sitzt man besser, endlich bekommt das Ganze die ungezwungene Atmosphäre eines normalen Treffens unter Studenten. Naja. Mehr oder weniger.

Gleichzeitig lösten sich zwei von uns aus der Gruppe. Ich habe erst sehr spät verstanden, dass und warum sie sich an diesem Nachmittag sehr unwohl gefühlt haben müssen.

Momentaufnahmen. Ein paar kleine Gruppen sitzen draußen an den Tischen, eine große mitten im Restaurant, wir sind die einzigen Gäste. Es wird gelacht, geredet, diskutiert, argumentiert, gefragt, belehrt, hinterfragt, doziert. Alle sind vertieft in ihr Gespräch, erst hinterher stellen wir fest, wie unterschiedlich unsere Gespräche und die Jugendlichen, mit denen wir geredet haben, doch waren.

So, what do you want to know? Ask. That’s why you’re here, aren’t you?

Einige fangen direkt von sich aus an, uns vom Krieg zu erzählen, von Serbien, vom Geschehen in den 90ern und was wir darüber wissen sollten, fast mit einer erschreckenden Promptheit fallen sie mit der Tür ins Haus: „Ich habe übrigens meine Oma gefragt, welchen Krieg sie schlimmer fand, den Neuen oder den Zweiten Weltkrieg, und sie meinte, definitiv den Zweiten Weltkrieg.“

Wo wir schon überall waren, was wir bisher gesehen haben? Ob wir schon in Srebrenica waren? Nein… Was wir glauben, was dort passiert sei? Wir schauen uns an. Naja…also… Aber die Antwort wurde nicht immer abgewartet: Man werde uns erzählen, wie viele Menschen dort umgekommen seien. Dort könnten aber gar keine 8.000 Menschen gestorben sein, sagt man uns. Wir müssten uns das Dorf anschauen, wenn wir dort sind, es sei so klein, da wohnen insgesamt vielleicht maximal 5.000. Wenn überhaupt. In so kurzer Zeit sei das ja auch gar nicht möglich. Was soll man darauf antworten?

Insgesamt wird offiziellen Opferzahlen hier eher misstraut. Wenn wir nach Srebrenica fahren, sollen wir uns auch einen Ort ganz in der Nähe anschauen, raten uns die Studenten. Hier seien nämlich auch Serben die Opfer gewesen! Das glauben wir.

Allgemein betonen einige der Studierenden öfter, dass sie sich eher in der Opfer- als in der Täterrolle sehen und dass Geschehnisse unnötig aufgebauscht werden von der anderen Seite. So sei Srebrenica nicht so passiert, wie berichtet. Der Begriff "Genozid" werde in diesem Kontext falsch verwendet, da zu wenig Menschen dabei umgekommen seien und außerdem viele der Menschen in Kämpfen mit den Serben starben und nicht einfach, wie sehr oft berichtet, erschossen und in Massengräbern verscharrt worden wären. Wir wurden auch darauf hingewiesen, das Wort „Genozid“ im Duden nachzuschauen, um uns zu vergewissern, dass es sich im Falle Srebrenica auf keinen Fall um einen solchen handele.

Woran wir denken, wenn wir Serbien hören? An die Serben, die ich bisher getroffen habe, meine ich. Unbefriedigend. Die breite Masse würde wohl an Slobodan Milošević denken, gibt eine deutsche Studentin zu. Das sei so typisch. Serbien sei so viel mehr als das, mehr als der Buh-Mann, mehr als der Täter! Das wissen wir, ehrlich! Auch wir waren Opfer. Ja. Stolz zeigen sie uns das Porträt von Nikola Tesla, das streng über unsern Köpfen wacht, erzählen uns von der bosnischen Fußballmannschaft und dass Serbien gegen Deutschland in der WM gewinnen wird.

Ein anderer Student zeigt einer von uns verstohlen, aber stolz sein Barrett aus der serbischen Armee. Drei Monate hat er dort gedient, in Belgrad eine Art Freiwilligendienst gemacht, 2005, und ja, schon stolz darauf. Noch ein anderer beeindruckte durch seine detaillierten Kenntnisse der deutschen Geschichte, er sang uns „Freude schöner Götterfunken“ auswendig vor und hielt spontan einen Kurzvortrag über die Schlacht von Königgrätz.

Es scheint nahe liegender, die Geschichte aus anderen Ländern und anderen Zeiten auswendig zu lernen, als sich mit der eigenen auseinanderzusetzen…

Das wohl kontroverseste Gespräch verscheucht eine unserer Mitreisenden endgültig. Zwei der bosnisch-serbischen Studenten meinen, dass die Trennung von Serben und Bosniaken in BiH das Beste für alle sei. Sie hätten persönlich nichts gegen Bosniaken, aber ein Zusammenleben sei einfach nicht möglich.

Nach der Zukunft ihres Landes gefragt, meint der eine, die RS solle unabhängig werden. Der andere will einen Anschluss an Serbien. Ob sie das als Chance für die Zukunft sehen, wollen wir wissen. Ohne Krieg könne das jedenfalls nicht gelöst werden. Das Schwierige in Bosnien seien die Berufs- und Zukunftsperspektiven. Es gäbe keine. Vergleichbar mit Deutschland, nach dem Ersten Weltkrieg. Und danach habe es ja wohl auch wieder Krieg gegeben. Alle 30 bis 40 Jahre würde es hier ohnehin wieder Krieg geben, heißt es. Beim Anblick der Uni, einer ehemaligen Kaserne, meinen die beiden, sie lieben Militär und Krieg.

Im Gespräch mit dem anderen ging es eher in Richtung Kosovo. Er bekomme eine Gänsehaut, wenn er über das Kosovo und seine Helden von 1389 spricht. Kosovo. Für uns thematisch eher unbedeutend, ist diese Gänsehaut uns jedoch ein Zeichen für die Geschichtsfürchtigkeit und die starr an ferne Vergangenheiten gehefteten Blicke, denen man in ganz Ex-Jugoslawien noch oft begegnet, nicht nur bei Geschichtsstudenten! Jahrzehntelang wurden diese Denktraditionen hier meisterhaft zelebriert und politisiert.

In dem sich entwickelnden Trialog zwischen einem deutschen und zwei serbischen Studenten scheint sich herauszustellen, wie sehr sich die Lehre hier in Banja Luka wohl von der an unserer eigenen Geschichtsfakultät unterscheidet. Nicht selten wird eine Aussage unsererseits, in der wir sinngemäß fragen, ob man bestimmte Zusammenhänge und Vorgänge denn nicht auch so und so sehen könne, mit einem pauschal anmutendem „No, that’s not true. It happened this way…“ belehrt.

Man sei auch dagegen, dass Serbien oder Bosnien der NATO beitreten, da diese Belgrad im Kosovo-Krieg bombardiert habe.

Andere müssen sich lange bitten lassen, wollen eigentlich nicht über „Politik“ reden und waren erst nach ein paar Anläufen und der Erklärung, wir würden unsere Abschlussarbeiten zu diesen Themen schreiben, bereit, über den vergangenen Krieg und ihre Ansichten zu reden. Alle teilen uns mit, dass sie auch bosnische und kroatische Freunde hätten und es für sie keine große Rolle spiele. Einer erklärt uns, er habe so viele muslimische Freunde; als er sie zu Silvester bei sich eingeladen hatte, habe er extra halal gekocht. Ich verkneife mir die Frage, warum das alles dann.

Eine Gruppe vergleicht sich und die Republika Srpska mit Bayern in Deutschland. Ob wir Bayern uns denn tatsächlich als Deutsche sehen, da ihres Wissens nach die Bayern doch schon immer besonders waren und es doch auch heute noch seien? Inoffiziell betrachte sich die Republika Srpska als eigenständig und unabhängig von Bosnien-Herzegowina, gerade so wie Bayern in Deutschland. Als was wir uns denn fühlen würden, doch sicher auch zuerst als Bayern, nicht als Deutsche.

Schließlich hören wir sogar, die Serben hätten den Muslimen ursprünglich erlaubt, in ihrem Land zu wohnen, und der Krieg könne sozusagen als Rückeroberung des eigenen Territoriums interpretiert werden.

Doch es gibt auch leisere, versöhnlichere Stimmen. Die sich nicht der allgemeinen Meinung anschließen wollen. Die meinen, auch auf serbischer Seite viele Fehler zu erkennen, wenn man die Augen öffnet, wie sie sagen. Der Krieg sei sinnlos gewesen und hätte nicht sein müssen. Wer Krieg wolle, selbst jetzt noch, in einem Land, in dem so viele kriegsmüde sind, der habe noch nie einen erlebt, der wisse nicht, wovon er redet, erklärt mir ein Student. Sein Vater, sagt er, war in der Serbischen Armee. Er kam einmal im Jahr nach Hause, an Weihnachten. Das Weihnachtsgeschenk? Er nahm die Patronen aus dem Gewehr und gab es dem Jungen, hier, spiel damit. Auch er habe keine schöne Kindheit gehabt, obwohl er Serbe war, meint er.

Wieder andere sprechen eigentlich gar nicht vom Krieg, sondern mehr über das alltägliche Studentenleben, amüsieren sich, lachen zusammen: Weggehen, Biertrinken, Konzerte, Musik, Fußball, Mountainbikes, Hobbies, eben.

Wir sprechen über den Studentenalltag und Hochschulpolitik. Ich kann kaum fassen, dass es in Bosnien-Herzegowina Studiengebühren gibt. Wie sie sich das leisten können? Irgendwie komme man schon immer zu Geld, meint einer, seelenruhig, lächelnd. Man wettet. Auf ausländische Fußballvereine. Klar werde geschoben, klar wisse man den Ausgang teilweise vorher. Einer kennt einen, der einen kennt, der gesagt hat… Korruption sei ohnehin überall.

Irgendwann müssen wir gehen. Aber nicht, ohne uns für abends zu verabreden. Und wir kommen auch wirklich? Ja, natürlich, unbedingt! Stündlich werden wir per SMS benachrichtigt und erinnert, wo und wann wir uns nochmal treffen.

Die Auszeit im Hotel haben wir alle sehr nötig. Der Tag hat sich angefühlt wie eine Woche. Wir waren heute in der Hölle und glaubten, den Teufel schon erkannt zu haben, um dann zu hören, dass es die Hölle nicht gibt und der Teufel ein anderer ist.

Mit unseren Dozenten sprechen wir über die Möglichkeit eines weiteren Krieges in absehbarer Zeit in Bosnien-Herzegowina, über Bildung, über Aufarbeitung, über Perspektivwechsel, Geschichtswahrnehmung, Hoffnung und Engstirnigkeit.

Dann kommen die Taxis, „zum Platz, wie heißt der doch nochmal, Boska oder so, bitte.“

Wirklich alle sind gekommen, sie sind schon da, warten auf uns. Haben Rakija dabei, selbstgebrannt und nur für uns, freuen sich ehrlich, dass wir da sind, und wollen uns die Stadt zeigen, solange es noch ein bisschen hell ist. Zuerst geht es auf eine Art alte Stadtmauer, besser, ihre Überreste. Stammt noch aus osmanischen Zeiten. Eigentlich sei das Gelände ja schon geschlossen. Aber für Gäste aus Deutschland machen wir natürlich nochmal auf. Hier ist es schön, man kann sich gut vorstellen, wie die Jugendlichen sich im Sommer auf der Wiese tummeln, zu Open-Air-Konzerten und beim Grillen.

Dann geht es wieder zurück in die Stadt. Langsam verlieren wir uns. Eine kleine Gruppe bleibt hartnäckig und erläutert die Geschichte jedes einzelnen Hauses, bis wir keine Lust mehr haben und einfach nur noch ein pivo wollen.

Dieser Tag ist wirklich gekennzeichnet von Extremen und Gegensätzen. Erst sind wir in Omarska, dann hören wir diese – teilweise erstaunlichen, schockierenden – Äußerungen einerseits, und wieder andererseits lernen wir bereits am Nachmittag, vor allem aber am Abend diese extreme Gastfreundschaft, Offenheit, diese Neugier auf uns kennen. Wir reden noch viel und viel mehr, über die Gegenwart und die Zukunft, trinken auf den Frieden und auf Freundschaft, à propos, bist du auf Facebook?

Wir werden Freunden vorgestellt, hier, das sind die Deutschen! Für alles entschuldigen sie sich bei uns, den Zustand der Toiletten, dass wir zwei Minuten zu lange auf unser Bier warten müssen, wir fühlen uns fast schon wie Staatsgäste. Es ist ehrliches Interesse, dem wir da begegnen, manche können gar nicht genug über Deutschland erfahren, sie wollen uns nicht mehr weglassen, wünschen, wir würden die ganze Woche in Banja Luka verbringen und sollen doch bitte noch in eine Disko mitkommen.

Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen, so eine bosnische Disko ist schon auch ein besonderes Erlebnis, wir genießen die türkische Musik, obwohl wir weder ein einziges Lied kannten noch verstanden, oh halt, nicht türkisch? Entschuldigung! Serbisch? Doch? Über die Herkunft der Musik war sich nicht jeder einig... Als wir uns dann endlich verabschieden, sagen uns alle einhellig, wie sehr sie sich über unseren Besuch gefreut hätten und dadurch geehrt fühlten.

Nachts treffen wir einen Kroaten, der perfekt Deutsch kann, wie so viele hier, viel zu viele, wenn man bedenkt, aus welchem Grund. Auch er hatte die anderen gerade getroffen, amüsiert sich mit ihnen, flüstert uns aber zu, wir sollen doch bitte niemandem erzählen, dass er Kroate sei. Da hat sie uns wieder, die Realität. Am Ende des Tages verstehe ich langsam, warum zwei Teilnehmer aus unserer Gruppe heute nicht mit ihrem richtigen Namen angesprochen werden wollten. Obwohl. Wirklich verstanden habe ich es nicht.

Vielleicht wurde die Stadt von Waffen, Panzern, Lagern und Bataillonen verschont. Die Narben des Kriegs erkennt man dennoch, wenn man nur ein Telefonbuch aufschlägt: Früher eine multiethnische Vorzeigestadt, ist Banja Luka heute fast rein serbisch, viele Muslime wurden vertrieben und deportiert, viele serbische Flüchtlinge aus anderen Teilen Ex-Jugoslawiens und Bosnien-Herzegowinas haben sich angesiedelt oder ansiedeln müssen. An der gesamten Geschichtsfakultät studiert nur ein Bosniake.

Tagebuch weiterlesen ...





Fazit von Birte Richardt: Gedanken nach der Begegnung in Banja Luka

Wir seien mit Vorurteilen zu ihnen gekommen. Stimmt sicher. Aber sie würden uns nun eines Besseren belehren, das Gegenteil beweisen. Haben sie das? Teilweise haben sie unsere Vorurteile sicher bestätigt. Aber auch das Gegenteil ist wahr. Haben wir uns nicht vorher noch Gedanken darüber gemacht, ob sie sich wohl als Bosnier oder als Serben wahrnehmen? Was macht das eigentlich für einen Unterschied? Ja, doch, es macht einen Unterschied, nämlich den, wie man die eigene Geschichte interpretiert, wem gegenüber man eher dazu neigt, ihm das Label „Täter“ oder „Opfer“ aufzustempeln. Und doch… Vor dem Krieg wussten viele selbst nicht, welcher Ethnie ihr bester Freund angehört. Bestätigen und bestärken wir mit unserer Kategorisierung die bestehenden Grenzen innerhalb der Gesellschaft nicht sogar noch?

Eben weil wir die meisten dieser Studenten als überaus zuvorkommende und interessierte junge Menschen kennen gelernt haben, ist uns wichtig, festzuhalten, dass wir mit diesen Erinnerungen kein schlechtes Bild auf sie werfen und sie auch nicht als ach-so-unaufgeklärt bloß stellen wollen. Nichts liegt uns ferner, als mit einseitiger Berichterstattung auf diesen Nachmittag und die Erlebnisse sowohl in Banja Luka als auch in ganz Bosnien zu antworten. Wir müssen unsere Reaktionen sicher noch in einen größeren Kontext stellen.

Zuerst einmal haben wir, wie bereits erwähnt, durch den Vormittag in Kozarac gewisse Tendenzen in den Gesprächen in Banja Luka krasser wahrgenommen, auf gewisse Äußerungen schockierter reagiert, als möglicherweise geschehen wäre, wären wir nicht vorher in Omarska gewesen. Wahrscheinlich sind wir aufgrund dessen sogar mit einer gewissen Voreingenommenheit gegenüber den uns erwartenden „serbischen“ Studenten in die Hauptstadt der (bösen?) Republika Srpska gefahren.

Auch sind die Erinnerungen, die wir hier wiedergegeben haben, eben individuelle Erinnerungen, die in erster Linie nur die subjektive Meinung der einzelnen Studenten wiedergeben. Und auch diese subjektiven Meinungen divergierten ja untereinander innerhalb einer großen Bandbreite, wie hoffentlich klar geworden ist. Schließlich sind auch unsere Erinnerungen durch die Maske der selektiven Wahrnehmung verzerrt. Auch haben wir nur einen winzigen, sehr kurzen ersten Einblick erhalten und wollen uns hüten, jetzt einen Verallgemeinerungsanspruch für alle bosnischen Serben zu stellen.

Warum aber hat uns dieses Treffen so geprägt, erstaunt, Angst gemacht? Warum haben wir die Sichtweise als einseitig wahrgenommen?

Wir glauben, dass das Bildungswesen sowie auch die generelle Sozialisation in Bosnien-Herzegowina natürlicher Weise noch immer sehr von den Kriegserfahrungen aller Bezugspersonen geprägt ist; vom Verschweigen, von politischer Instrumentalisierung und Manipulation, von einem für uns schwer nachvollziehbarem, teilweise einseitigem Geschichtsbild.

Die wegweisende Bedeutung der mittelalterlichen Geschichte für diese Studenten wurde uns bereits in den ersten fünf Minuten vor und im Seminarraum klar. Das Bildungssystem hilft momentan sicher nicht dabei, immerhin nur fünfzehn Jahre nach Dayton Multiperspektivität oder „Objektivität“ zu schaffen, und zeigt, wie die aktuelle Politik der Republika Srpska die Bevölkerung in ihrer Geschichts- und generellen Eigenwahrnehmung noch immer und nachhaltig beeinflusst.

Andererseits mangelt es abgesehen von Schule, Universität, Elternhaus und Medien an Möglichkeiten, den eigenen Horizont zu erweitern und die Perspektiven zu wechseln. Für Reisen in die Föderation fehlt teilweise das Geld, teilweise der Wille. Das „richtige“ Ausland bleibt für Jugendliche, die größtenteils noch nicht einmal einen Reisepass haben, ohnehin meist ein Traum.

Abgesehen davon können und wollen wir mit diesem Bildungs- und Sozialisationshintergrund jedoch vorhandene nationalistische Tendenzen, auf die wir eben auch an diesem Nachmittag gestoßen sind, natürlich genauso wenig entschuldigen. Aber insgesamt ist doch der Eindruck geblieben, dass wir größtenteils sehr offenen, hilfsbereiten und aufmerksamen Menschen begegnet sind. Sie sind keine schlechten Menschen und tragen auch kein „Nationalismus-Gen“ in sich. Und bei manchen drängte sich mir unweigerlich der Gedanke auf, wenn sie nicht hier, sondern möglicherweise in Deutschland geboren worden wären, wären sie sicher nicht weniger geschockt gewesen von dem Bild, das sich uns geboten hat, als wir es waren.

Denn ja, es war schockierend, was wir teilweise gehört haben – besonders nach diesem Vormittag. Vielen von uns kamen beim Zuhören Gedanken wie „Gehirnwäsche“, „Manipulation“ oder „Wenn man immer dieselben Geschichten und immer dieselbe Seite von den Eltern und den Lehrern und den Medien hört – sofern überhaupt über die jüngste Vergangenheit geredet wird – woher sollen sie es auch besser wissen?“ in den Sinn.

Das mag anmaßend sein, auch wir haben die Wahrheit nicht gepachtet. Wie hätten wir reagiert, wären wir eine Schulklasse, sagen wir, im Jahr 1960 gewesen, und eine ausländische Delegation wäre gekommen, um uns neue Sichtweisen auf die deutsche Geschichte zu predigen?

Aber wir sind uns ziemlich sicher, dass einige der Meinungen, die wir in Banja Luka hören durften, sicher nicht dazu beitragen, dass die Geschichte umfassend aufgearbeitet und aus ihr gelernt wird, damit sich nie wieder wiederholt, was in den neunziger Jahren hier passiert ist. Und das wäre unsere unbescheidene Hoffnung. Immerhin handelt es sich bei den Studenten, die wir getroffen haben, um jene Menschen, die in zehn, zwanzig Jahren Kultur, Politik, Geschichtswahrnehmung und Erinnerungskultur in ihrem eigenen Land prägen werden. Auf welche Art?