Deutsch |English


Exkursion Kriege erinnern.
Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Krieg 1992-1995 in Bosnien-Herzegowina

Route und Exkursionsziele:

1. Zagreb 8. Jablanica
2. Jasenovac 9. Mostar
3. Donja Gradina 10. Sutjeska
4. Kozara 11. Gorazde
5. Prijedor 12. Srebrenica
6. Banja Luka 13. Sarajevo
7. Sarajevo
Sarajevo 2SrebrenicaGorazdeSutjeskaMostarJablanicaSarajevoBanja LukaPrijedorKozaraDonja GradinaJasenovacZagreb

Donja Gradina

Inhalte dieser Seite


Überblick

Die heutige Gedenkstätte Donja Gradina war bis 1991 integraler Bestandteil der Gedenkstätte Jasenovac. Der Krieg und die Schaffung der Republika Srpska, auf deren Territorium sich die Gedenkstätte heute befindet, haben den Konflikt um die Erinnerung an die Opfer von Jasenovac weiter verschärft. In der Gedenkstätte Donja Gradina wird weiterhin die in sozialistischer Zeit postulierte Zahl von 700.000 Opfern propagiert, während man in Jasenovac selbst mit der heute international weitgehend akzeptierten Zahl von ca. 80.000 Opfern arbeitet.

Derzeit gibt es keine offizielle Internetseite der Gedenkstätte Donja Gradina. Zur Kontaktaufnahme kann man sich an die Mitarbeiter der Gedenkstätte Jasenovac wenden.



Manuela Brenner: Donja Gradina – die Stätte der Massengräber

Die Errichtung eines Denkmals für die Opfer von Jasenovac sollte sich im Wesentlichen auf die kroatische, die linke Seite der Save beschränken. Außen vor blieben damit die Massengräber des Lagerkomplexes, die sich auf der rechten Seite der Save, auf Donja Gradina, befanden. In den Nachkriegsjahren waren die Massengräber trotz der Überwucherungen durch Gras, Bäume und Gestrüpp anhand ihrer rechteckigen Form und ihrer Absenkung gut zu erkennen. Beginnend mit den 60er Jahren, als die Gedenkstätte Jasenovac bereits in der Bauphase war, kam es immer wieder zu Untersuchungen an einigen dieser Massengräber – aber sie wurden bis in die 80er Jahre hinein (und bis heute) nie abgeschlossen. Im von Belgrad Anfang der 60er Jahre abgenickten Gedenkstättenkonzept hieß es zwar, dass Donja Gradina ebenfalls Teil der Gedenkstätte werden solle, aber man setzte den Akzent der Gedenkstätte ganz klar auf die linke Seite der Save. Dort wurden neben dem repräsentativen Denkmal ein Museum und Kuratorenräume, ein Archiv und ein Parkplatz geplant, sogar ein Hotel für das Dorf Jasenovac. Um aber nach Donja Gradina, auf die andere Seite des Flusses zu gelangen, gab es für Besucher von Jasenovac nicht einmal eine direkte Verbindung – die nächste Brücke war fünf Kilometer weit entfernt.

Im Jahr 1966 wurden die Gedenkstätte Jasenovac und die „Steinerne Blume“ von Bogdanović feierlich eröffnet – ohne Tito, der nicht ein einziges Mal diese Gedenkstätte besuchen sollte. Jasenovac wurde in den folgenden 20 Jahren zu einem der meistbesuchten Erinnerungsorte in Jugoslawien. Donja Gradina aber, die Hinrichtungsstätte von Jasenovac, die Stätte der Massengräber, blieb in diesen 20 Jahren ein Provisorium. Immerhin wurden die Grabfelder provisorisch mit unzulänglichen Steintafeln ausgestattet, die aber in den frühen 80er Jahren bereits verwitterten. Besuchern von Jasenovac wurde durchaus von Donja Gradina erzählt – aber trotz allen Drängens wurde keine Brücke über den Fluss gebaut, nicht einmal eine Fährverbindung eingerichtet. Erst im Jahre 1988 schließlich wurde auch Donja Gradina als Teil der gemeinsamen Gedenkstätte Jasenovac offiziell eröffnet. Drei Jahre später begann ein neuer Krieg.

Weiterer Beitrag

Teil 1: Manuela Brenner: Gedenken an die Opfer von Jasenovac vor der Eröffnung der Gedenkstätte



Bildergalerie Donja Gradina

Abstrakter Lagerplan

Weitere Bilder ...



Marion Forster, Julia Merl und Birte Richardt: Reisetagebuch vom 23. Mai 2010

Etwas später. Wir überqueren die Save und nähern uns Donja Gradina. Der Grenzübergang nach Bosnien und Herzegowina ist langwierig, wegen der zwei russischen Pässe. In Donja Gradina angekommen treffen wir Dejan Motl, einer von zehn Kuratoren hier. Er wirkt fahrig, ist aber sehr nett. Uns wird erklärt, dass wir uns nun an der eigentlichen Tötungsstätte des Lagers befinden. Auch er beschreibt uns Tötungsmethoden. [Bild 3]Bestialisch. Mit stumpfen Stöcken ...

Davon ist hier fast nichts mehr zu sehen. Wir spazieren einen Weg entlang, viel Grün umgibt uns, Bäume, Vogelgezwitscher, schöne Natur. Wir sind irritiert. Kann an einem solch herrlichen Ort getötet werden? Wir gehen zum Zahlendenkmal, zur zentralen Stätte der Gedenkanlage, immer noch. Dejan erzählt von der zentralen Funktion des Ortes. Kein Lager war es, sondern Hinrichtungsstätte, seit 1942. Neun Gräberfelder mit über 200 Massengräbern gibt es. Die abgesenkte Erde verrät sie oder Bauern entdeckten sie beim Pflügen. Auch die Save gibt in Fischernetzen immer noch Überreste frei, bis heute.

Immer noch blicken uns die Tafeln mit den Opferzahlen an. Neben den Zahlen der getöteten Roma, Muslime und Juden prangert uns das Schild in der Mitte an: 700.000 Opfer. Die Opfer sind in Gruppen aufgeteilt. 40.000 Sinti und Roma. 33.000 Juden. Ach ja, und natürlich noch 127.000 „Antifaschisten“. Kein Wort von Kroaten. Dafür verkündet aber ein großes Schild neben den 700.000 Opfern, dass 500.000 Serben unter den Toten sind. Es handelt sich um die alte, sozialistische Zahl, manipuliert für höhere Reparationszahlungen. Die in Jasenovac jetzt gelisteten und ermittelten Zahlen, 80.000 etwa, seien sehr frisch – man arbeite erst seit 2004/05 an deren Ermittlung, sagt Dejan. Die Gesamtzahl der Opfer sei abschließend kaum feststellbar, weil ganze Familien, Dörfer verschwanden, weil die Orthodoxen ihre Taufurkunden in den Kirchenakten aufbewahrten und die mit den Kirchen verbrannt und zerstört wurden.

Schild mit der Anzahl der KriegsopferDie Zahl liege also irgendwo dazwischen, sagt Dejan. Einige Hundertausend wohl. Und dennoch stellt unsere Dozentin fest, dass das Denkmal neue Schilder bekommen hat, seit ihrem letzten Besuch, 2003. Versehen mit den alten Zahlen. Wir gehen weiter. Die Tonnen zum Kochen der Knochen werden uns präsentiert. Menschliche Knochen. Um Seife herzustellen. Ich kann nur ungläubig und abwehrend den Kopf schütteln.

Zum Schluss werden wir in einen Raum geführt. Die Leinwand verrät uns die Vorführung eines Filmes. Vorher haben wir noch Gelegenheit, uns im Raum umzusehen. Schülerzeichnungen von einem Malwettbewerb. Das Thema: Assoziationen zu Jasenovac. Menschen die in großen Kesseln gekocht werden und an deren Armen und Beinen das Blut herunter läuft. Und dann der Film. Eine 20-min-Produktion von Sime Brdar.

Ein Mann. Ein jüdischer Überlebender aus Sarajevo. Er erzählt vom Morden, vom Dahin-Schlachten der Menschen. Vom Alltag. Auch von seinem besten Freund. Von dessen Tod. Er erzählt die Geschichte. Dieser Freund sei am Verhungern gewesen. Der Koch war nach draußen gekommen, um den Küchenabfall zu entsorgen. Kartoffelschalen. Der Freund hätte ihn noch angegrinst, kurz bevor er einfach auf den Behälter los gerannt, zugestürzt sei. Beim Mülleimer angekommen, stopfte er sich so schnell er konnte, alles was er zu greifen bekam, gierig in die Taschen, in den Mund. Der Mann im Film erinnert sich, wie sein Freund ihm noch kurz ein überglückliches Lächeln über die Schulter zuwarf. Und dann? Der Koch kam zurück. Er packte den Freund an der Stirn, holte ein Küchenmesser hervor und schlitzte ihm die Kehle durch. Der Mann im Interview sucht nach Worten, um zu beschreiben, wie unendlich das Blut gespritzt war. Er saß dort. In seinem Versteck. Sah. Fühlte. Verzweifelte.

Ich beginne zu weinen. Es ist mir peinlich. Ich sitze im Dunkel am Boden und weine. Der Film geht weiter. Die Musik wird aggressiver. Plötzlich finden wir uns in einer blitzschnellen Diavorführung wieder, welche in rasendem Tempo nie gesehene, grausamste Bilder auf uns einströmen lässt. Ein Kind, das seinen Kopf in der Hand hält und dazu die hämmernde Musik. Und ein Baby, das nur noch einen Stummel als Bein hat und die Musik. Und ein Mann dessen Augen ausgehöhlt waren und die Musik. Mir schnürt es die Kehle ab und mein Puls wird schneller. Ich muss raus, aber ich stehe nicht auf.

Endlich. Die Vorführung ist zu Ende. Ich bin froh darüber. Ich hätte mich sonst übergeben. Danach. Vor dem Haus. Alle stehen wir wie benommen da. Schauen einfach nur. Krass. Dieser Film wird Schulkindern gezeigt. Serbischen. Andere kommen nicht. Erstmals wird vielen von uns klar, dass das hier nicht eine Reise nach Dachau und wieder zurück werden würde ...

Ein wenig später. Es geschieht etwas, was noch ganz typisch für diese Reise werden wird. Eben noch tief erschüttert, ehrlich betroffen. Jetzt? Wir haben den ersten Schock verdaut und spüren nun alle wieder wie hungrig wir sind. Es ist bereits 15 Uhr. Wir haben gegen halb 7 gefrühstückt.

Seltsam. Wir sprechen im Bus darüber. Wir sind irgendwie alle verwirrt. Vor allem aber einfach nur hungrig.

Wir fahren nach Kozarska Dubica, um endlich „Mittag“ zu essen. Als wir ankommen wird sogleich eine Frau losgeschickt, um Fleisch zu kaufen, weil das Wirtshaus gar nicht auf einen solchen Ansturm vorbereitet war. Wir warten wie die Wölfe auf unser Essen und freuen uns dementsprechend tierisch als wir endlich unser Essen auf den Tellern haben. Es gibt einen Berg Fleisch und Pommes für jeden und dazu köstliches, fettiges Brot. Wir essen alle ohne Maß. Mir ist danach so schlecht, dass ich gleich noch einen Rakija trinken muss ;-)

Wir wollen wieder aufbrechen. Die Wirtsleute bedanken sich noch einmal herzlich bei uns- und drücken manchen von uns noch eine Flasche Saft oder Wasser in die Hand. Natürlich will es keiner annehmen, aber sie bestehen darauf. Diese Leute erweisen sich als so dankbar dafür, dass wir bei ihnen gegessen haben. Dabei haben wir doch so gut und viel gegessen und das für nur 7 Euro. Wir müssen uns bedanken.

Tagebuch weiterlesen ...