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Exkursion Kriege erinnern.
Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Krieg 1992-1995 in Bosnien-Herzegowina

Route und Exkursionsziele:

1. Zagreb 8. Jablanica
2. Jasenovac 9. Mostar
3. Donja Gradina 10. Sutjeska
4. Kozara 11. Gorazde
5. Prijedor 12. Srebrenica
6. Banja Luka 13. Sarajevo
7. Sarajevo
Sarajevo 2SrebrenicaGorazdeSutjeskaMostarJablanicaSarajevoBanja LukaPrijedorKozaraDonja GradinaJasenovacZagreb

Goražde

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Überblick

In Goražde ist das Frauenfriedensprojekt „Kuća SEKA“ angesiedelt, ein Verein, der mit kriegstraumatisierten Frauen und Kindern arbeitet. „Kuća SEKA“ arbeitet zudem eng mit dem ebenfalls in Goražde ansässigen Kriegsveteranenverein „Svijetlost Drine“ zusammen, in dem traumatisierte Kriegsveteranen eine Anlaufstelle finden. Beide Vereine arbeiten vor allem im psychosozialen, therapeutischen und sozialpolitischen Bereich, hinzu im Bereich der Friedensarbeit.

Offizielle Internetseite des Projektes „Kuća SEKA“: http://www.seka-hh.de


Sabina Blomann: "Ein Land und seine Rückkehrer"

Im Vorfeld der Exkursion, speziell als Vorbereitung auf unseren Besuch bei dem Verein SEKA, habe ich mich mit Traumata und deren Bewältigung auseinandergesetzt. Dabei bin ich auf eine norwegische Studie gestoßen, die meine Aufmerksamkeit besonders geweckt hat.

In dieser Studie wurden bosnische Flüchtlinge befragt, die in den Jahren 1993 und 941 nach Norwegen geflohen waren. Ungefähr drei Jahre nach ihrer Flucht wurde versucht, erneut Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich zwei Gruppen gebildet: Eine Gruppe von Flüchtlingen, die nicht mehr in ihre Heimat zurückgekehrt sind – häufig aufgrund der schweren Traumatisierung – und eine, die bereits nach drei Jahren wieder nach Bosnien und Herzegowina gezogen war.

Besonders interessant war für mich, dass unterschiedliche Menschen bei ihrer Rückkehr mit denselben Schwierigkeiten konfrontiert wurden, die hier knapp skizziert werden sollen.

Viele der Rückkehrer gaben an, heimkehren zu wollen, da sie am Aufbau des Landes mithelfen wollen und sich für ihre dortigen Verwandten verantwortlich fühlen. Als sie in Bosnien-Herzegowina ankamen, verhielten sich viele Menschen und alte Bekannte ihnen gegenüber ablehnend. Man unterstellte ihnen, dass sie ihre Heimat im Stich gelassen hätten und nun nicht mehr den selben Erinnerungsschatz hätten wie die Zurückgebliebenen. Damit wird dem Rückkehrer seine bosnische Identität aberkannt, mit der er sich selbst jedoch nach wie vor verbunden fühlt. In einem Interview-Ausschnitt wird plastisch beschrieben, dass einer Frau der Lebensunterhalt entzogen wird, da man in der „Nachbarschaft nicht von einer kauft, die im Krieg nicht da war“.

Flüchtlinge wie Zurückgebliebene waren nach dem Krieg mit großer materieller Not konfrontiert. In vielen Fällen war es unmöglich, in ihre Häuser zurückzukehren, da sie zerstört oder von anderen Flüchtlingen besetzt waren. Hinzu kommt, dass das Land auch sonst verändert war, die ethnische Zusammensetzung hat sich in manchen Orten durch den Krieg drastisch geändert.

Viele Flüchtlinge hatten – zumeist kranke – Verwandte im Exil zurückgelassen und litten unter dieser zusätzlichen Belastung. Auch psychologische Behandlungen, die im Ausland begonnen wurden, konnten meist nicht fortgeführt werden.

Das Resultat dieser und weiterer Probleme ist, dass die Rückkehrer sich alleingelassen und ohnmächtig fühlen. Sie nehmen ihre Umwelt als etwas Unberechenbares wahr, ebenso wie sie den Krieg erlebt haben. Dadurch besteht die Gefahr, dass die Rückkehrer nach ihrer Ankunft in Bosnien-Herzegowina erneut traumatisiert werden.

Durch unsere Reise hat sich meine Sicht auf die in der Studie präsentierten Daten und Fakten stark verändert. Die Statistiken und Graphen wurden der Realität nur bedingt gerecht, der wir auf unserer Fahrt jeden Tag begegneten. Sowohl die Erfahrungen der Flüchtlinge als auch all jener, die den Krieg in Bosnien-Herzegowina miterleben mussten, sind für mich in ihrem vollen Umfang nach wie vor nicht fassbar. Aber eben deshalb bin ich froh, dass so viele unterschiedliche Menschen bereit waren, mit uns zu sprechen und wirklich jede Frage zu beantworten, die wir als Außenstehende oft einfach in den Raum geworfen haben.

Quelle: Lie, Birgit: The psychological and social situation of repatriated and exiled refugees: a longitudinal, comparative study. In: Scandinavian Journal of Public Health. 32(2004), S 179-187.

1 Die Befragten waren über 16 Jahre alt und wurden zwischen Mai 1994 und Dezember 1995 interviewt.



Sabina Blomann: "Kuca SEKA – Haus SEKA"

Relativ am Ende unserer Reise durch Bosnien-Herzegowina und schon ziemlich lädiert durch die Klimaanlage im Bus trafen wir in Goražde die Mitglieder des Frauenfriedensprojekts SEKA 1, die uns einen warmen Empfang bereiteten.

Bereits zu Beginn nahmen die fünf Damen uns schnell für sich ein, denn sie gestalteten das Treffen und die Diskussionsrunde unkompliziert und offen. Mehr als einmal wurden wir überrascht, denn einige unserer Fragen gingen offensichtlich an der Realität, also der alltäglichen Arbeit in Kuca SEKA vorbei.

Unter anderem interessierten wir uns für die Zusammenarbeit zwischen den Mitarbeiterinnen und den lokalen Ärzten. Denn wir vermuteten, dass bei starken Traumata auch eine medikamentöse Behandlung nötig sei. Doch in der Realität sieht es umgekehrt aus: es geht um die Entwöhnung von Medikamenten, um eine erfolgreiche Therapie zu ermöglichen. Leider war auch unsere Frage nach Therapiemöglichkeiten in ethnisch gemischten Gruppen eher unrealistisch. Der Begriff Versöhnung sei ihr zu oberflächlich und schon zu abgenutzt, sagte dazu die SEKA-Projektmanagerin Gabriele Müller. Dabei bleibt sie optimistisch was die Ergebnisse ihrer Arbeit anbelangt, doch eben auch realistisch. Dafür berichteten uns die Frauen von der Unterstützung vieler Männer, die ihre Frauen ermutigen, an der Therapie teilzunehmen.

Die Mitarbeiterinnen erzählten uns von ihrem Arbeitsalltag und den Projekten, die sie regelmäßig durchführten. Zum einen beinhaltet dies die Arbeit mit Kindern und zum anderen die Arbeit mit Frauen in Einzel- und in Gruppensitzungen. Darüber hinaus werden in den Räumlichkeiten des Vereins auch Fortbildungen für Ehrenamtliche und Kollegen anderer Organisationen angeboten.

Für uns war es sehr beeindruckend zu sehen, mit wie viel Elan und Freude die Mitarbeiterinnen von ihrer Arbeit sprachen. Besonders das Projekt Glückstage ist mir in Erinnerung geblieben. Hierbei wird jedes Jahr – seit 1997 – einer Gruppe von Müttern mit Kindern zur Erholung und Therapie ein Aufenthalt am Meer ermöglicht. Die positive Erfahrung bietet für Mutter und Kind eine neue Möglichkeit die Schrecken des Krieges zu verarbeiten.

Auch Jahre nach dem Krieg beeinflussen die Kriegstraumata das Leben der Menschen in Bosnien und Herzegowina. Frauen und Kinder gehören zu einer stark betroffenen Gruppe; Vergewaltigungen, oder allein die Tatsache, dass die Kinder ihre ersten Lebensjahre im Krieg verbracht haben, haben ihnen schwere Schäden zugefügt. Besonders in einer armen Region wie Ostbosnien sind Vereine wie Kuca SEKA deshalb wichtig, um den Menschen eine Anlaufstelle zu bieten.

Gabriele Müller berichtete uns jedoch auch von den Schwierigkeiten, mit denen sie bei ihrer Arbeit immer wieder konfrontiert ist. So beschrieb sie neben mangelnder staatlicher Unterstützung unter anderem die schlechte Zusammenarbeit mit und zwischen den Opferverbänden, welche vor allem die Kontrolle über ihre eigenen Mitglieder bewahren wollen. Nicht zuletzt deshalb beschreiben die SEKA-Mitarbeiterinnen Öffentlichkeitsarbeit und Bewusstseinsbildung zum Thema "Trauma" als eine ihrer zentralen Aufgaben.

Alle weiteren Informationen zur Geschichte des Vereins und zur möglichen Unterstützung online auf www.seka-hh.de.

1 Der Name ‘SEKA’ ist abgeleitet vom serbokroatischen Wort ‘seka’ (= geliebte Schwester) und steht für die Frauensolidarität, aus der das Projekt entstanden ist.



Veronika Wölfl: Krieg gegen die Frauen1: Fakten zur Vergewaltigung von Frauen im Bosnien-Krieg

„Natürlich haben wir Vergewaltigungsfälle, ich kann Ihnen die Frauen zeigen, aber sie sprechen nicht darüber. Sie isolieren sich, sie sagen nicht viel, sie sitzen in einer Ecke und weinen. Wenn man sie fragt, was passiert sei, ob sie in ihre Heimat zurückkehren wollen, sagen sie ‚Oh nein, auf keinen Fall.’, aber sie sagen nicht warum. Sie reden nicht mit uns [...].“ 2

Im Bosnien-Krieg 1992-95 fanden systematische Massenvergewaltigungen muslimischer Frauen durch Serben statt. Dies war Teil der ethnischen Säuberung und wurde bewusst als Kriegstaktik – nicht nur in diesem Krieg- eingesetzt. Frauen wurden dadurch gebrandmarkt, vor allem psychsich angegriffen, und dies stellte somit nicht nur einen Angriff auf sie, sondern auch auf ihre Männer und Familien dar. Der Verein Frauen als Kriegsopfer führte ein von der EU finanziertes Forschungsprojekt durch. Das Ergebnis: 20.000 Vergewaltigungsfälle, wobei die Dunkelziffer bei etwa 50.000 Opfern liegt. Aus Scham schwiegen und schweigen viele Betroffene.

Internationales Aufsehen erregte der Foča-Prozess im Jahr 2000 in Den Haag, der sich ausschließlich mit Vergewaltigungen im Bosnien-Krieg befasste. 3 Vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien wurden drei serbische Männer (zum Prozesszeitpunkt 35, 38 und 39 Jahre alt) angeklagt, denen 50 Vergehen zur Last gelegt wurden.

Man warf den Angeklagten vor, im Sommer 1992 in Foča Frauen gefangengehalten und wiederholt vergewaltigt zu haben. Allgemein ist bekannt, dass von April 1992 bis Oktober 1992 serbische Soldaten systematisch die Dörfer um die Stadt Foča durchkämmten, bosnische Männer verhafteten, vertrieben und töteten, Frauen und Kinder in einer Schule internierten. Dort wurden sie regelmäßig von Soldaten abgeholt und in Wohnungen oder Hotels vergewaltigt, anschließend zurückgebracht.

Ein Angeklagter im Prozess hielt mehrere muslimische Mädchen monatelang in einer Wohnung gefangen, eines der Mädchen war damals erst 12 Jahre alt. Drei Mädchen verkaufte er an Soldaten nach Montenegro. Von einem Mädchen fehlt heute noch jede Spur.

Die drei Angeklagten wurden zu 12, 20 und 28 Jahren Haft verurteilt. Das Besondere an diesem Prozess war, dass die beschuldigten Serben nicht wegen Kriegsverbrechen, sondern wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wurden, worauf eine höhere Strafe steht, sogar lebenslange Haft. Seit diesem Prozess wird Vergewaltigung von Frauen im Krieg international als Verbrechen gegen die Menschlichkeit geahndet und kann somit härter bestraft werden als Kriegsverbrechen.

Dennoch: Erst seit wenigen Jahren erkennt man in Bosnien die Opfer von Vergewaltigungen im Krieg als Kriegsopfer an, wodurch die Betroffenen zumindest einen Anspruch auf eine - geringe - Entschädigung haben.

1 Nach dem gleichnamigen Buch von Alexandra Stiglmyer (Hg.), Freiburg 1993.
2 Zitat einer Krankenschwester in Zenica (Stadt in Föderation Bosnien-Herzegowina), November 1992, abgedruckt in Stiglmayer, S. 16.
3 Vgl. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,69669,00.html, 20.03.2000.



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Marion Forster, Julia Merl und Birte Richardt: Reisetagebuch vom 27. Mai 2010

In Goražde angekommen, haben wir nur kurz Zeit, unsere Sachen ins Zimmer zu bringen und werden dann bereits von Gabriele Müller abgeholt. Sie ist Deutsche und kommt ursprünglich aus Hamburg. Sie ist Psychologin und lebt nun schon seit einigen Jahren hier, um den Frauen zu helfen. Sie führt uns durch die kleine Stadt zum Seka- Haus. Rosen bewachsen die zerbombten Häuser und stellen den unglaublichen Kontrast zwischen Leid und Leben dar.

Das Seka-Haus in GorazdeIch betrachte Gabrielle Müller, wie sie durch diese Stadt auf das Haus zugeht. Ich kann nicht recht einschätzen, wie ich sie empfinde. Weiß aber auch gar nicht, was ich eigentlich erwartet habe. Bereits im Vorfeld habe ich viel über ihre Arbeit gelesen und hatte doch ein ganz bestimmtes Bild im Kopf. Bewunderung war jedenfalls von Anfang an im Spiel. Es ist komisch. Ich weiß nicht genau was es ist. Sie ist unglaublich nett, aber irgendwie wirkt sie distanziert. Ein bisschen unsicher. Aber was habe ich denn erwartet? Sie kennt uns doch überhaupt nicht. Bei den ganzen Berichten über das, was sie alles Gutes tut, ist in meinem Kopf doch tatsächlich das Bild einer naiven und glücklichen Frau entstanden, die heiter die Last des Krieges und seiner Folgen mitträgt. Mir wird meine eigene Naivität bewusst.

Im Seka-Haus wechselt meine Wahrnehmung jedoch gleich. Hier ist alles freundlich, herzlich und warm. Es sind nicht genug Stühle für uns alle da und wir werden sofort mit weichen Decken versorgt, so dass wir uns auf den Boden um Gabrielle Müller und ihre Kolleginnen scharen können. Sie sieht uns an. Direkt in die Augen und auch in ihr verändert sich die Erwartung. Sie fühlt an unseren Blicken, dass wir sehr wohl verstanden haben, worum es hier geht. Beim anfänglich zögernden Gespräch merkt sie auch, dass wir viel von diesem Land wissen und bereits viel verstanden haben. Sie spürt, dass auch wir ein unbeirrbares Gefühl für diese Orte entwickelt haben.

Bei Kuća Seka geht man davon aus, dass es so etwas wie kollektive Traumata gibt. Lange war Traumatisierung in Bosnien und Herzegowina kein Thema, auch nicht in den Gesundheitsbehörden. Man machte es sich einfach. Es war normal, traumatisiert zu sein, schließlich ging es allen so.

Im Gespräch mit den Mitarbeiterinnen des Seka-Hauses.Zunächst stellt uns Frau Müller ihre Kolleginnen vor. Es sind – einschließlich Frau Müller – fünf Frauen, die hier arbeiten. Jede gibt einen ersten Einblick in ihre Aufgaben, erzählt ein wenig von der Arbeit, von ihrem Leben hier. Es zeigt sich, dass Frau Müller die Sprache sehr gut spricht, was nicht selbstverständlich ist. Viele Ausländer leben hier in diesem Land, viele Jahre lang und sprechen die Sprache nicht. Kuća Seka kümmert sich um Frauen und Kinder, die den Krieg miterlebt haben und an dessen Folgen leiden. Es werden auch Veteranen behandelt, jedoch eher selten, weil es nur sehr wenige gibt, die aktiv gekämpft haben und darüber reden möchten, oder reden können.

Frau Müller ist Psychologin, ihre vier Kolleginnen Pädagogen und Sozialpädagogen. Nur Esma hat keine therapeutische Ausbildung. Warum sie trotzdem hier arbeitet, erklärt ihr Hintergrund. Sie hat, noch in Jugoslawien, Militärwissenschaften studiert, trat der JNA, der Jugoslawischen Volksarmee bei, und kämpfte aktiv im Krieg der 90er Jahre, für die Verteidigung von Goražde. Dreieinhalb Jahre lang, gegen die Umzingelung der Stadt durch die Serben, die über die umliegenden Berge die Stadt eingeschlossen hatten. Nach dem Krieg ging sie in Therapie und entschloss sich dann, auch anderen betroffenen Menschen zu helfen, die an Kriegstraumata leiden. Wir sind sehr berührt. Esma sitzt vor uns und berichtet so unglaublich offen von ihren Erfahrungen. Ich denke an unsere Reise und bin erneut dankbar für die wunderbaren Menschen, die wir schon getroffen haben. Es ist so wichtig, dass wir die Stimmen all derer gehört haben. Und mit Esma haben wir noch einmal eine ganz andere Perspektive kennen gelernt.

Das Gespräch wird zunehmend offener und vertrauter. Unsere Gruppe stellt ihre Fragen sehr sensibel. Wir sprechen über den Therapiealltag, welcher sich meist in Einzeltermine aufteilt. Für viele wäre die Gruppenarbeit eine Überforderung. Das Wichtigste ist, dass die Frauen Vertrauen spüren, Vertrauen gewinnen. Deswegen sehen die Therapeuten ihre Aufgabe vor allem darin, die Frauen zu bestärken, sie selbstsicherer zu machen, damit sie Vertrauen in eine Zukunft, in die Menschen aufbauen können, welches ihnen nicht so schnell wieder genommen werden kann.

Oft ist es für die Frauen sehr schwierig hierher zu kommen. Die Gesellschaft ist sehr patriarchalisch geprägt. Die Männer wollen oftmals nicht, dass ihre Frauen sich hier Hilfe suchen. Hinzu kommt, dass Goražde kein großer Ort ist und man auf jeden Fall gesehen wird, wenn man zum SEKA-Haus geht. Trotzdem gibt es auch positive Erfahrungen. Manche Männer unterstützen ihre Frauen sogar. Ermutigen sie, sich Hilfe zu suchen. Merken, dass es ihrer Frau und ihrer Beziehung zueinander gut tut.

Seka-Haus.Die Therapeutinnen erzählen uns einige Beispiele von Frauen. Bis sich uns die Frage aufdrängt, wie sie das überhaupt alles verkraften können. Jede Frau erzählt daraufhin von ihrer eigenen Methode sich abzugrenzen. Frau Müller erzählt von ihrem Garten, der ihr Zuflucht und Abstand bietet und davon, dass sie längst aufgehört hat, sich die Schicksale dieser Frauen in Bildern vorzustellen. Es hört sich sehr bewusst und gesund an, wie sie alle mit ihrer Arbeit umgehen, leben.

Viel schlimmer hingegen seien die Grenzen, die ihnen immer wieder von außen gesetzt werden.

Die politische Situation in Bosnien und Herzegowina macht die Arbeit nicht leichter. Den Staat erkennen viele als solchen nicht an, die Menschen leben in Armut, haben keinen Glauben mehr an die Politik. Zudem sitzen führende Kriegstreiber auch heute noch in hohen Positionen. Dies alles lähmt die Menschen hier. Es zwingt sie innerlich dazu, genauso bewegungslos zu sein wie die Politik in diesem Land. Ebenso ist Traumatisierung nach wie vor kein Thema in der Politik. Als Kuća Seka nach Goražde kam, wurde der Verein zwar positiv aufgenommen, unterstützt wird er jedoch in keinster Form. Auch finanziell nicht – weder vom Staat noch von der Stadt. Wir sind alle wirklich erstaunt, wie dieses Projekt trotzdem überleben kann und begreifen, wieviel Engagement diese Frauen noch neben ihrer therapeutischen Arbeit aufbringen müssen, um das Projekt am Leben zu erhalten.

Wir fragen nach den Ethnien. Werden Bosniaken und Serben hier behandelt? Die Antwort lautet: nur Bosniaken. Aber die Antwort ist nicht so einfach. Die Organisation versucht sehr wohl zu vermitteln, Dialog ist für sie ein wichtiges Schlüsselwort. Sie veranstalten beispielsweise jedes Weihnachten ein Fest, an welchem alle drei Feste gefeiert werden. Man müsse sich aber auch bewusst machen, was hier in dieser Stadt geschehen ist, im Krieg. Ist es für Bosniaken nicht schwieriger zur Therapie zu gehen, wenn dort auch Serben behandelt werden? Zunächst einmal geht es schließlich darum, dass die Menschen, die hier Hilfe suchen, wieder ein normales Leben führen können.

Natürlich geht es in der Therapie langfristig darum, Sichtweisen zu verändern, zu öffnen - aber oftmals geht es eben zunächst einfach nur darum, dass die Menschen wieder Halt in ihrem Leben finden, sich für sich selbst eine Zukunft vorstellen können. Bei Kuća Seka blickt man stark nach vorne, in die Zukunft und wünscht sich mit aller Macht den Frieden. Die Frauen hoffen, hier einen Grundstein zu legen.

Ich denke an die vergangenen Tage und sehe einen Hoffnungsschimmer. Endlich spricht jemand von Zukunft UND Frieden.

Wir machen eine Pause. Eine der Frauen führt uns nach unten zum Spielzimmer der Kinder. Man muss die Schuhe ausziehen, weil die Kinder hier rumkrabbeln und sich wie zu Hause fühlen sollen. Man muss die Schuhe ausziehen, um ihren Raum nicht kaputt zu machen. An den Wänden hängen viele Bilder von Kindern. Ich kenne solche Bilder von Psychologen und Kliniken. Die Ärzte müssen oft viel in die Bilder hinein interpretieren, um das Trauma zu erfassen. Hier ist es einfacher. Auf diesen Bildern haben die Menschen Blut an den Händen, welches auf den Boden tropft. Den Menschen schlägt ein blutendes Herz in der Brust. Die Menschen leiden auf den ersten Blick, selbst für einen Laien. Wir gehen wieder nach oben. Auf den Balkon. Rauchen. Sprechen darüber.

Wir haben noch Gelegenheit, einzeln mit den Mitarbeiterinnen zu sprechen. Auf unsere Frage, ob es denn wenigstens viele Praktikanten oder Volontäre gäbe, die sich für dieses Projekt interessieren, fällt die Antwort leider negativ aus. Das größte Problem sei einfach, dass diese Praktika und Volontariate nicht bezahlt werden können, was es natürlich noch unattraktiver macht, sich zu engagieren.

Wir tragen uns in das Gästebuch ein. Beschreiben, wie uns dieser Besuch hier beeindruckt hat. Wünschen ihnen alles Gute für die Zukunft, damit sie noch lange so gute Arbeit leisten können. Berührt denken wir bereits darüber nach, wie wir selbst ein wenig dazu beitragen können, dass dieses Projekt weiter leben kann.

Das Gespräch dauert insgesamt drei Stunden. Es ist heiß, schwül und wir sind erschöpft. Wieder so viel zum Verarbeiten. Wieder so wenig Zeit. E., in Bosnien aufgewachsen und jetzt als Regensburger Student mit uns auf der Reise redet noch lange mit Frau Müller, die umarmen sich, weinen. Spätestens jetzt wird mir bewusst, was ich zu Anfangs bei Frau Müller gespürt habe. Skepsis. Davor, dass wir nicht verstehen könnten, weil es viele nicht verstehen, weil viele nicht verstehen, sondern nur geschockt werden wollen.

Wir gehen zurück zum Hotel. Stehen noch kurz auf der Brücke, die über die Drina führt und fragen uns still, was hier passiert und passiert ist. Die blaue Drina. Ein wunderschöner Fluss. Zerbombte Häuser. Der Fluss fließt ungewöhnlich schnell. Das Leben in dieser Stadt musste ungewöhnlich schnell weiter gehen. Normal werden. Wie normal ist es? Wir sehen der Bewegung des Flusses zu und fragen uns, wann wir das alles verarbeiten sollen und wie es uns gelingen wird. Was wird sein, wenn wir wieder zu Hause sind? Sicher ist nur, dass wir nicht vergessen werden. Wir werden viel mitnehmen.

Am Abend sitzen wir alle im hellen Restaurant des Hotels zusammen, bei leckerem Essen. Unsere Schlafmütze (welche nun morgens schon das zweite Mal nicht aus dem Bett kam) spendiert Rakija für alle und wir lassen den warmen, schönen Abend am Fluss ausklingen. Wir spielen Karten, unterhalten uns und lachen zusammen. Dann erzählt E. von früher. Von 1992. Er erzählt von der Flucht und davon dass dieser wunderschöne Fluss damals rot von Blut war. Und nun. Der Fluss glänzt in der Nacht. Dieser Ort erscheint friedlich. Die Stimme des Muezzin verwandelt die kleine Stadt in ein romantisches Nest.

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