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Exkursion Kriege erinnern.
Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Krieg 1992-1995 in Bosnien-Herzegowina

Route und Exkursionsziele:

1. Zagreb 8. Jablanica
2. Jasenovac 9. Mostar
3. Donja Gradina 10. Sutjeska
4. Kozara 11. Gorazde
5. Prijedor 12. Srebrenica
6. Banja Luka 13. Sarajevo
7. Sarajevo
Sarajevo 2SrebrenicaGorazdeSutjeskaMostarJablanicaSarajevoBanja LukaPrijedorKozaraDonja GradinaJasenovacZagreb

Jasenovac

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Überblick

In Kroatien, unweit der Grenze zu Bosnien-Herzegowina, liegt das kleine Dorf Jasenovac. Hier wurde im Zweiten Weltkrieg ein Konzentrationslager errichtet, dessen Geschichte, insbesondere die Frage nach der Höhe der Opferzahlen, bereits im sozialistischen Jugoslawien ein hoch politisiertes und tabuisiertes Thema war. In den 1960er Jahren wurde auf dem Gelände des ehemaligen Lagers eine Gedenkstätte für die Opfer von Jasenovac eingeweiht. Heute ist die einstmals einheitliche Gedenkstätte aufgeteilt in die Gedenkstätte Jasenovac im gleichnamigen Ort, die seit 2007 eine neue, in Kroatien und Serbien kontrovers diskutierte Dauerausstellung zeigt, sowie in die 1996 gegründete Gedenkstätte Donja Gradina in der Republika Srpska.

Offizielle Internetseite der Gedenkstätte Jasenovac: http://www.jusp-jasenovac.hr


Anna Konstantinova: Jasenovac - ein zeitloser Kampfplatz?

Unmittelbar an der Grenze zu Bosnien-Herzegowina gelegen hat der Ort Jasenovac während der vergangenen sechzig Jahre viermal die politische Zugehörigkeit gewechselt. Bis 1941 gehörte er zum ersten jugoslawischen Staat. Danach lag Jasenovac 1941 – 1945 auf dem Territorium des kroatischen Ustaša–Staates, mit dessen Untergang er im zweiten Jugoslawien in der Teilrepublik Kroatien aufging. Im Herbst 1991 wurde Jasenovac von serbischen Einheiten erobert und stand unter der Kontrolle der serbischen „Republik Krajina“. Im Mai 1995 eroberte die kroatische Armee das Gebiet zurück, so wurde Jasenovac wieder in die souveräne Republik Kroatien eingegliedert.

Bereits in den 80-er Jahren indes war Jasenovac auch zum Kampfplatz serbischer und kroatischer Erinnerungspolitiken geworden. In dieser Zeit kam es zu gravierenden Umdeutungen der Vergangenheit(en) in allen Teilen Jugoslawiens. Die Umdeutungen betrafen vor allem die Akteure und Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges. Aus Kollaborateuren wurden Patrioten, aus Helden Verbrecher, aus Schwarz wurde Weiß. Die einstmalige, titoische Ideologie von „Brüderlichkeit und Einheit“ wurde durch nationale Opferideologien ersetzt, die fortan die „schwarzen Lücken“ der Vergangenheit füllen sollten. (Pseudo)wissenschaftliche „Enthüllungen“ über die Opfer und Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges schossen wie Pilze aus dem Boden und dienten der Umdeutung der Vergangenheit im nationalen Geist.

Das Konzentrationslager Jasenovac ist auf unmittelbare Anweisung der kroatischen Ustaša-Behörden errichtet worden - Vorbild waren die von den Deutschen errichteten Konzentrationslager im von ihnen besetzten Teil Europas. In Bezug auf die geographischen Ausmaße und in Hinsicht auf die Gesamtanzahl der Lagerinsassen und der Opfer war Jasenovac das größte von insgesamt 27 Konzentrationslagern im Unabhängigen Staat Kroatien.

Die ersten Baracken des künftigen Komplexes aus fünf „Speziallagern“ entstanden vier Monate nach Hitlers Überfall auf Jugoslawien und der Gründung des „Unabhängigen Staates Kroatien“ (USK) im August 1941. Nach der Überschwemmung der beiden ersten Lagerbestandteile wurden in der alten Ziegelei und in der ehemaligen Lederfabrik von Jasenovac die Lager III und IV eingerichtet. Dem Komplex wurde auch das Frauenlager in Stara Gradiška als Lager V zugeordnet.

Ende November 1941 wurde im USK ein Gesetz erlassen, das die Einweisung „ungewünschter“ und „gefährlicher“ Personen in Konzentrations- und Arbeitslager vorsah: „Unerwünschte“ Personen, die für die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährlich waren oder den Frieden des kroatischen Volkes gefährdeten, konnten durch eine juristisch unanfechtbare Entscheidung der Ustaša-Polizei in ein Lager eingewiesen werden. In erster Linie waren Juden, Roma und Serben sowie auch oppositionelle bosnische Muslime und Kroaten betroffen.

Anfang April 1945 begannen die Ustaše mit der Sprengung des Lagerkomplexes und der Vernichtung aller Unterlagen. Die wenigen noch im Lager verbliebenen Insassen versuchten am 22. April aus dem Lager auszubrechen, die meisten bezahlten den Versuch mit ihrem Leben. Als wenige Tage später Jasenovac von Einheiten der Tito-Armee befreit wurde, lag das KZ bereits in Schutt und Asche.

Ende der 80-er Jahre bereits war der serbisch-kroatische Streit über die Opfer und Täter von Jasenovac und insbesondere über die Frage nach der Höhe der Opferzahlen eskaliert. Während die eine Seite die Zahl der Opfer maßlos herunterspielte, schoss die Opferzahl auf der anderen Seite in unermessliche Höhen. In den 90er Jahren schließlich erhoben zwei Forscher unabhängig voneinander jene Opferzahl für Jasenovac, die heute international weitgehend akzeptiert ist. Demnach seien in Jasenovac etwa 85000 Menschen umgekommen, darunter 48000–52000 Serben, 13000 Juden, 12000 Kroaten und 10000 Roma. Da wissenschaftlich überprüfbare Argumente in der Folgezeit nicht mehr auftauchten, hätte damit der Streit über die Zahl der Jasenovacer Opfer abgeschlossen werden können. Doch das Gegenteil war der Fall.

Für viele, wenngleich nicht alle Serben war und blieb Jasenovac das „verborgene Kapitel des Holocaust“, die „größte serbische Stadt unter der Erde“, das „drittgrößte Konzentrationslager in Europa“ und die „größte Folterkammer in der Geschichte der Menschheit“. Die kroatische Nation wurde von ihnen mit den Ustaše gleichgesetzt und mit genetisch verankerter Neigung zum Genozid versehen. Schließlich warf man sogar Bogdanović, dem Schöpfer der Jasenovacer Blume, vor, er habe eine kroatische statt einer serbischen Blume errichtet.

Für viele, wenngleich nicht alle Kroaten hingegen ist Jasenovac „bloß“ ein „Arbeitslager“ gewesen, wobei sie zugleich die Zahl der dort eben nur infolge von Krankheit, Altersschwäche usw. verstorbenen Personen auch noch extrem minimierten. Der Ustaša–Terror gegenüber den Serben im Unabhängigen Staat Kroatien war für sie eine bloße Reaktion auf die Verbrechen der serbischen Četniks, und insofern also gerechtfertigt.

Während nationalkroatische Historiker auf diese Art versuchen, Jasenovac als abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit behandeln, bleibt es für serbische Historiker ein allgegenwärtiger und zeitloser Teil der Vergangenheit, der nicht vergehen will. Der damalige Direktor des in Belgrad 1991 eröffneten Museums für die Genozid-Opfer, Milan Bulajić, erklärte Ende April 1998 vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, dass der Aufstand der Serben in Kroatien und Bosnien-Herzegowina in den Jahren 1991–1992 eine Folge der Verbrechen von Jasenovac gewesen sei.

Für die Serben bleibt Jasenovac eine unverzichtbare Komponente ihrer nationalen Identität, und daran dürfte maßgeblich Anteil haben, dass viele Kroaten wenig Bereitschaft zeigen, Jasenovac als Teil der eigenen Vergangenheit zu begreifen und zu verarbeiten. So lassen sich die beiden Enden ein und derselben Vergangenheit bis heute nicht zusammenbringen.

Quellen:



Manuela Brenner: Gedenken an die Opfer von Jasenovac vor der Eröffnung der Gedenkstätte 1

Vorbemerkung von Heike Karge:

Jeder Ort hat seine Geschichte. Und so hat auch jedes Denkmal, jedes Zeichen der Erinnerung, das an einem Ort errichtet wird, seine ganz eigene Geschichte. Diese beginnt nicht erst mit dem Sichtbarwerden dieser Erinnerungszeichen. Im folgenden Beitrag wird deshalb die Geschichte des Geländes des ehemaligen Konzentrationslagers Jasenovac im ersten jugoslawischen Nachkriegsjahrzehnt skizziert, ein Zeitpunkt also, zu dem (fast) nichts an die Opfer des Jasenovacer Lagers erinnerte. Das war im europäischen Maßstab indes nichts Ungewöhnliches – nur wenige ehemalige Lager waren in den 50er Jahren zu Erinnerungsorten an die Opfer umgewandelt worden. Jasenovac war hier schlichtweg keine Ausnahme. Und genau wie in anderen Ländern Europas sind es auch hier, in Jasenovac, in Jugoslawien, die Überlebenden der Lager und die Hinterbliebenen der Opfer, die bei der Entstehung von Erinnerungszeichen eine tragende Rolle spielen werden. Dieser Aspekt jugoslawischer Erinnerungskultur an die Opfer der Lager spielte jedoch in den letzten Jahrzehnten überhaupt keine Rolle – weder unter kroatischen noch unter serbischen Historikern. Die hochpolitisierte Diskussion um die Zahl der Opfer von Jasenovac dominierte alles – und versperrte so den Blick auf historische Zusammenhänge, die für unser Verständnis (post-)jugoslawischer Geschichte als Teil der europäischen Geschichte so wichtig sind.

Der erste Hinweis auf eine Initiative für ein Denkmal an die Opfer des ehemaligen Konzentrationslagers Jasenovac stammt vom „Initiativausschuss zum Bau eines Denkmals für die Opfer des Faschismus in Jasenovac“. Dieser Initiativausschuss, der 1951 gegründet wurde, richtete ein Schreiben an den republikanischen Veteranenbund in Zagreb. Der Ausschuss begründete seinen Wunsch nach einem Denkmal damit, dass es sich bei Jasenovac um das berüchtigtste Lager gehandelt hatte und dort sehr viele Menschen gestorben waren. Geplant hatte der Initiativausschuss ein monumentales Denkmal samt internationalem Park sowie einer 8-stufigen Grundschule für das Dorf Jasenovac. Der Initiativausschuss bat Zagreb um eine Genehmigung für dieses Vorhaben, um Ratschläge und weitere Ideen.

Der republikanische Veteranenbund in Zagreb stimmte dem Vorhaben zunächst zu, unter der Vorgabe, dass alle weiteren Aktivitäten mit ihm abzustimmen seien. Aber bereits kurze Zeit später wird auch der Teilrepublik Kroatien die Aufsichts- und Entscheidungskompetenz entzogen – diesmal von Seiten Belgrads, der Hauptstadt des Landes Jugoslawien. Somit war die Errichtung eines Denkmals in Jasenovac nun nicht mehr Angelegenheit einer lokalen Initiative und auch nicht mehr Kroatiens, sondern wurde von der politischen Führung des Landes zur „Sache aller Republiken Jugoslawiens“ erklärt.

Dennoch passiert wenig in den folgenden Jahren – mühsam ist der Entscheidungsprozess in Belgrad, wie man das Gedenken an die Jasenovacer Opfer denkmalsgestalterisch umsetzen könne. Die Mühsamkeit dieses Prozesses verwundert in der Tat wenig – angesichts der Tatsache, dass die offiziell propagierten Opferzahlen für Jasenovac maßlos überhöht waren. Und angesichts der Tatsache, dass die Frage nach den Tätern, die das Leid in Jasenovac zu verantworten hatten, immer auch eine Frage nach dem Aspekt des „Krieges im Kriege“, nach dem innerjugoslawischen Bürgerkrieg im Zweiten Weltkrieg nach sich gezogen hätte.

Denn wie konnte dieser Ort überhaupt erinnert werden, ohne das offizielle Diktum von „Brüderlichkeit und Einheit“ zu gefährden?

Während Belgrad sich mit der Entscheidungsfindung schwer tut, wurde zur Mitte der 50er Jahre noch einmal der kroatische Veteranenbund in Bezug auf das ehemalige Lagergelände aktiv. 1955 begann man, das Gelände um das ehemalige Konzentrationslager einzuzäunen und besäte es mit Gras. Besitzer von Grundstücken auf diesem Gelände waren vom kroatischen Veteranenbund zu diesem Zeitpunkt bereits ausbezahlt worden Erste Begehungen durch Veteranenbundmitglieder und das kroatische Amt für Denkmalsschutz fanden statt und ein kleines, hölzernes Denkmal an die Opfer des Lagers wurde errichtet. Wichtige Punkte auf dem ehemaligen Lagergelände wurden mit provisorischen Holztafeln markiert.

Parallel dazu gründeten Ende der 50er Jahre schließlich auch Lagerüberlebende in Jugoslawien ihre ersten eigenen Organisationen. In Belgrad gründet sich ein „Aktionsausschuss der Lagerinsassen von Jasenovac“, der als ein wichtiger Vorstreiter für die Realisierung eines Jasenovacer Denkmals betrachtet werden kann.

Und – immer mehr Menschen kommen nach Jasenovac, um diese Stätte zu besuchen. Im Jahr 1957 waren es noch nur etwa 700 Menschen. Im Jahr 1963 kamen bereits 10.000. Hinterbliebene und Opfer organisierten Gedenkveranstaltungen, die von der politischen Führung in Belgrad als „öffentliche Demonstration“ wahrgenommen wurden. Diese Form der öffentlichen Kommunikation – die ganz ohne, ja im Prinzip neben den Aktivitäten (oder besser dem Schweigen) der politischen Führung in Bezug auf Jasenovac praktiziert wurde, dürfte der schließlichen Entscheidungsfindung in Belgrad wohl mehr als förderlich gewesen sein.

1 Material aus der Dissertation von Heike Karge, Steinerne Erinnerung, versteinerte Erinnerung? Kriegsgedenken in Jugoslawien (erscheint im Herbst 2010 im Harrassowitz-Verlag)

Weiterer Beitrag

Teil 2: Manuela Brenner: Donja Gradina – die Stätte der Massengräber



Esther Wahlen: "Bogdan Bogdanović und seine Denkmäler"

Teil 1: Gedenkstätte Jasenovac

Vorgeschichte

Gedenkstätte Jasenovac: Die Krater markieren frühere Lagerobjekte.
Die Gedenkstätte Jasenovac. Der Krater im Vordergrund markiert ein früheres Lagerobjekt.

Den Auftrag für die Gestaltung der Gedenkstätte Jasenovac erhielt Bogdan Bogdanović, ein bekannter und etwas querköpfiger Belgrader Architekt. Als er zu Beginn der 1960er Jahre mit den Arbeiten an der Gedenkstätte begann, erinnerte auf dem ehemaligen Lagergelände nichts mehr an die Gräueltaten der Ustaše. Diese waren zu Kriegsende bemüht gewesen, jegliche Spuren an das Lager verschwinden zu lassen.

Auch in der Nachkriegszeit überließ man das Gelände zunächst einmal sich selbst. In dieser Zeit wurden zwar viele Denkmäler in Erinnerung an den Krieg gebaut, bei den meisten standen jedoch die toten und lebendigen Helden im Vordergrund. In Jasenovac gab es keine Helden, und es gab auch keine jugoslawische Brüderlichkeit – hatte doch an diesem Ort die ethnische Zugehörigkeit über Leben und Tod entschieden.

Gestaltung der Gedenkstätte

Die Steinerne Blume in Jasenovac.
Die „Steinerne Blume“, errichtet 1966

Bogdanović ging es um eine Neugestaltung der Landschaft: Er erweiterte die Teiche und markierte die Orte, an denen sich früher die einzelnen Lagerobjekte befunden hatten, mit Atollen und Kratern.

Die „Steinerne Blume“ ist der auffälligste Teil der Gedenkstätte. Sie ist nicht aus Stein, sondern aus Beton gefertigt und 24 m hoch. Bogdanović sieht die Blume als Symbol der ewigen Erneuerung, als Verbindung der Opfer mit dem neuen Leben.

Zur Gedenkstätte gehört außerdem ein kleines Museum von ca. 30 m2 Fläche. Es gibt dort eine schlichte Ausstellung.

Wirkung

Sowohl die Blume als auch die Teiche, die Rasenflächen, Hügel und Krater passen sich recht harmonisch in die Landschaft ein. Auf dem Lagergelände spazieren Störche, und man hört Froschquaken. Dieses Gefühl der Ruhe und Harmonie hat in meinem Kopf zuerst überhaupt nicht zusammengepasst mit dem Wissen um die Geschehnisse an diesem Ort. Aber zu späteren Zeitpunkten auf der Reise begegnet mir diese seltsame, verstörende Ruhe immer wieder.

Weitere Beiträge

"Bogdan Bogdanović und seine Denkmäler", Teil 2: Partisanennekropole Mostar

Bogdan Bogdanović – sein Wirken und sein Schaffen



Bildergalerie Jasenovac

 

Weitere Bilder ...



Marion Forster, Julia Merl und Birte Richardt: Reisetagebuch vom 23. Mai 2010

Denkmal "Die Steinerne Blume"Früh morgens geht die Reise weiter. Wir fahren nach Jasenovac. Dort angekommen sehen wir die steinerne Blume bereits, als wir uns von der Straße aus nähern. Sie sieht sehr schön aus.

Wir treffen den Kurator auf Jasenovac, Djordje Mihovilovic. Er teilt sein Wissen mit uns und unsere Dozentin übersetzt all das Schreckliche, was er sagt. Ich schaue sie an. Man merkt, dass es ihr schwer fällt zu übersetzen. Nicht wegen der Sprache, sondern wegen der Geschichte.

Auf diesem Gelände befand sich im Zweiten Weltkrieg ein Konzentrationslager. Es wurde 1941 errichtet. Jasenovac und Donja Gradina bildeten zusammen ein Arbeits- und Vernichtungslager. Serben und andere wurden aus ihren Dörfern hierher gebracht und nach getaner Arbeit getötet, oder auch unmittelbar nach ihrer Ankunft. Als uns die Tötungsmethoden geschildert werden, begreifen [ Bild 2] wir, wie anders der Krieg hier war. Keine Vergasung. Primitiveres Morden. Ein Hammer, ein Messer geht durch die Reihen und tötet einfach. Wir empfinden es als grausamer. Fragen uns dann aber, ob Grausamkeit, Morden, Verbrechen skalierbar sind. Der schreckliche Film der früher hier gezeigt wurde, unter Tito, ist fort. Die Erzählungen sind jedoch geblieben.

Die beiden durch den Fluss und eine neue Grenze zerschnittenen Teile des Konzentrationslagers Jasenovac und Donja Gradina gehörten ursprünglich zusammen. Beide Orte zusammen bildeten mit weiteren Lagerbestandteilen ein Lager. Genauso waren auch ursprünglich die Gedenkstätten angelegt. Seit 1996/97 sind es jedoch zwei getrennte Stätten, in zwei Staaten, unter zwei Ministerien. Die Mitarbeiter hier und dort kennen sich, halten Kontakt. Offiziell gibt es jedoch keine Zusammenarbeit, keine Projekte, einfach nichts.

Dieser Zug brachte die Menschen ins Lager zu Folter und Tod.Wir begehen das Gelände durch die schöne Landschaft, vorbei am Zug, welcher die Menschen brachte, um hier Tod und Folter zu finden. Gras, Wasser und Störche. Die Gedenkstätte ist sehr abstrakt aufbereitet. Das anmutige Denkmal „die steinerne Blume“ vom Künstler Bogdanović, strahlt über die Ebene. Ich denke, seine Intention umzusetzen ist ihm gelungen. Es sieht sehr friedlich aus. Provoziert nicht. Eine Blume muss wachsen. Frieden muss wachsen. Man versteht vieles mehr, wenn man im Schatten dieser Blume steht und aufblickt, zur Blüte, zum Himmel.

Der Blick schweift über die hügelige Landschaft – jeder Krater, jeder Hügel steht für eine Baute auf dem ehemaligen Lagergelände. Was muss es hier für eine Hölle gewesen sein? Und doch: Wie man jetzt hier steht, so mitten in der Sonne, Vögel zwitschern, Wind rauscht durch die Bäume, fühlt man sich eher wie in einer Art Nationalpark. Ich habe Schwierigkeiten, mich in das hineinzuversetzen, was ich höre, es an mich heranzulassen. Sicher liegt es auch an den langen Wegen, den die an sich mehr als aufwühlenden Berichte durch die Übersetzung gehen müssen.

Nachdem wir einige Zeit in der steinernen Blume verbrachten, zuhörten, schwiegen, gehen wir langsam wieder zurück, Richtung Museum. Jemand fragt den Museumsführer, ob eigentlich viele Schulklassen herkommen, in welcher Zusammensetzung, und wie sie hier reagieren. Seine Antwort wundert mich, denn zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass ihn seine Arbeit hier wirklich interessiert, ihm wirklich wichtig ist. Ja, es kämen Schulklassen, zu oft kämen die Schüler mit vorgefertigten Ideen, nein, das hätte es nicht gegeben, nein, mein Vater hat mir erzählt, es sei so und so gewesen… Er sei glücklich, sagt unser Führer, wenn diese Schüler nach einem Besuch hier sagen, sie wollten ihre CDs von rechten, sich neuer Popularität erfreuenden Bands nicht mehr anhören. Wenn Vergessen heißen würde, dass Frieden entstehen kann und so etwas nie wieder passiert, super, sagt unser Führer, er wäre der Erste, der sagt, klar, lasst uns alles vergessen! Doch die Geschichte habe gezeigt, dass es so nicht funktioniert …

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