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Exkursion Kriege erinnern.
Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Krieg 1992-1995 in Bosnien-Herzegowina

Route und Exkursionsziele:

1. Zagreb 8. Jablanica
2. Jasenovac 9. Mostar
3. Donja Gradina 10. Sutjeska
4. Kozara 11. Gorazde
5. Prijedor 12. Srebrenica
6. Banja Luka 13. Sarajevo
7. Sarajevo
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Sarajevo (Historisches Institut / Research and Documentation Centre)

Inhalte dieser Seite


Überblick

Institut für Geschichte, Sarajevo

Das Institut für Geschichte (Institut za istoriju, Sarajevo) ist ein außeruniversitäres, wissenschaftliches Forschungsinstitut. Das renommierte Institut unter der Leitung von Husnija Kamberović hat in den letzten Jahren durch seine eigene Forschungstätigkeit und aufgrund weit reichender internationaler Vernetzungen zu einem Aufschwung der historischen Forschung in und zu Bosnien-Herzegowina beigetragen. Im Gespräch mit dort tätigen WissenschaftlerInnen wollten wir uns mit der Frage des Beitrags der historischen Wissenschaft zur Aufarbeitung der Kriegsvergangenheiten befassen.

Offizielle Internetseite des Instituts für Geschichte: http://www.iis.unsa.ba

Research and Documentation Centre, Sarajevo

Das Research and Documentation Centre (Istraživačko dokumentacioni centar) in Sarajevo wurde 2004 gegründet. Heute stellt es in der seit 2006 bestehenden Kooperation mit zwei weiteren Institutionen in Kroatien und Serbien die wohl bedeutendste zivilgesellschaftliche Institution zur Aufarbeitung der Kriegsvergangenheit 1992-1995 dar. Das Zentrum zeichnet sich dadurch aus, dass es in seiner Arbeit und Organisation gesamt-bosnisch orientiert ist, also alle Opfer des Krieges, ungeachtet ihrer ethnischen Zugehörigkeit, einschließt.

Offizielle Internetseite des Research and Documentation Centre: http://www.idc.org.ba

Research and Documentation Centre, Projekt Bosnian War Crimes Atlas: http://www.idc.org.ba/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=112&Itemid=144&lang=bs


Sebastian Buchecker: Kriegsveteranen in Bosnien-Herzegowina

Von der Regierung vernachlässigt und doch eine Gesellschaftsschicht, die das bosnische Volk wieder vereinen kann?

Kriege werden oft nur im Hinblick auf zivile Opfer und die gefallenen Soldaten betrachtet. Dabei wird jedoch eine Gruppe von Kriegsopfern, nämlich Veteranen die mit den Traumata des Krieges weiterleben müssen vernachlässigt. Dies liegt zumeist daran, dass schon die frühere jugoslawische Gesellschaft zu der Bosnien-Herzegowina gehörte, kaum gebrochene Kämpfer, sondern fast ausschließlich glorifizierte Partisanen kannte. Daraus ergeben sich für den Status und die Behandlung von Kriegsveteranen, die ungefähr ein Drittel der bosnischen Bevölkerung stellen, während des Krieges 1992-1995 und 15 Jahre danach signifikante Unterschiede. Nichtsdestotrotz, oder gerade wegen ihrer Missachtung durch den Staat könnte dieser Gruppe eine tragende Rolle in der Versöhnung der bosnischen Gesellschaft zukommen.

Es gibt mittlerweile mehrere Forschungsarbeiten, die sich unter verschiedenen Ansätzen mit dieser Frage auseinandersetzen. Im Folgenden sollen anhand dieser Forschungsarbeiten die Probleme der Kriegsveteranen in Bosnien-Herzegowina dargelegt werden und auf ihre mögliche tragende Rolle in der Friedensarbeit kurz eingegangen werden.

Die Versorgung der Kriegsveteranen während der Kriegsjahre 1992-1995

Fikret Muslimović (Brigadier der Armee Bosniens und Herzegowinas) stellt schon 1993 während des Krieges fest, dass die Versorgung der Veteranen und Verwundeten für eine Armee überaus wichtig sei, weil bei einer schlechten Versorgung der oben genannten Gruppen auch die Kampfmoral sinken würde. So erhielten vor allem Kämpfer der Hrvatsko Vijeće Obrane (HVO), der bosnisch-kroatischen Armee, bevorzugten Zugang zu Arbeitsplätzen, Wohnungen und humanitärer Hilfe. In Adaption an die Maßnahmen der Jugoslawischen Volksarmee (JNA) wurden Verwundeten und Kriegswitwen Renten zugesprochen. In der Armee Bosnien-Herzegowinas (ARBiH) und der Armee der Republika Srpska (VRS) gründete die Versorgung der Veteranen auf den Ruinen eines Systems des sozialen Schutzes, das noch aus der Ära des jugoslawischen Sozialismus stammte.

Was allen drei Armeen gemeinsam war ist, dass Angehörige der Truppen, die für die eigene Nation kämpften (wobei man im Falle von Bosnien-Herzegowina nicht von Nationen, sondern von Ethnien sprechen muss) als Helden und Märtyrer glorifiziert wurden. Dieser Status sollte jedoch nach dem Ende des Krieges durch den Friedensvertrag von Dayton stark gefährdet werden.

Kriegsveteranen als soziale Gruppe nach dem Friedensvertrag von Dayton

Warum sind Kriegsveteranen eine eigene Gruppe in der Gesellschaft? Zum einen haben alle ehemaligen Kämpfer, egal welcher Armee sie angehörten, die gemeinsame Erfahrung gekämpft und – vielleicht - Menschen getötet zu haben. Dies grenzt sie zum Beispiel von zivilen Opfern ab, die oftmals „nur“ auf der Seite der „Betroffenen“ und nicht auch gleichzeitig auf der Seite der „Handelnden“ stehen.

Desweiteren spricht die Gründung zahlreicher Veteranenvereine nach dem Friedensvertrag von Dayton dafür, dass ehemalige Soldaten sich als eigene soziale Gruppe verstehen. Veteranenvereine werden zudem von den nationalen Parteien unterstützt. Dazu kommt, dass die großen Veteranenverbände sogar von staatlicher Seite finanziert werden. Das ermöglicht einen, wenn auch geringen, politischen Einfluss und ein Mitspracherecht bei der Verteilung von Renten.

Darüber hinaus wurden soziale und materielle Ansprüche, die Veteranen während des Krieges hatten an die Gegebenheiten nach Dayton (d.h. an die Bedingungen des Friedensschlusses von 1995) angepasst. Zwar nahm der Anspruch auf humanitäre Hilfe ab, dafür stiegen jedoch die Renten, freies Land wurde an Veteranen und deren Familien verteilt und für unbezahlte Löhne wurden Privatisierungsscheine verteilt. So wurde ein soziales System für eine relativ klar eingegrenzte Gruppe in der Gesellschaft aufgebaut. Somit kann man Kriegsveteranen als eigene soziale Gruppe betrachten, die, wie zum Beispiel die Gruppe der Rentner in Deutschland, vom Staat versorgt wird.

Dennoch sind Kriegsveteranen keine soziale Gruppe, die unabhängig von anderen Gruppen der Gesellschaft existiert, denn in jeder Gesellschaft bestehen Beziehungen und Interaktionen zwischen den einzelnen Gruppen. So genießen viele ehemalige Offiziere bis heute ein hohes Ansehen in der Bevölkerung und waren und sind nach dem Krieg in öffentlichen Vereinigungen und Vereinen überrepräsentiert. Auf der anderen Seite jedoch setzte sich der Großteil der Veteranen aus heimatlos gewordener Landbevölkerung zusammen, welche mit und nach dem Krieg mehr und mehr in urbane Räume eindrang. Dies wiederum führte zu Reaktionen auf Seiten traditioneller urbaner Eliten, die versuchen, sich von den Veteranen abzugrenzen, sich aber in der Realität kaum gegen die Veränderung des urbanen Raumes und seine sich wandelnde soziale Schichtung wehren kann.

Statusverlust und sozialer Abstieg ehemaliger Kämpfer in Bosnien-Herzegowina Ende der 90er Jahre

Mit dem Ende der 90er Jahre begann das einstige Bild von Helden und Märtyrern zu bröckeln. Und somit erlitten die Kriegsveteranen einen herben Statusverlust. Einhergehend damit begann auch der soziale Abstieg der ehemaligen Kämpfer.

Mit wachsendem internationalen Einfluss in Bosnien-Herzegowina und dem Beginn der Arbeit des Internationalen Strafgerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag und der damit einhergehenden Verhaftung vieler ehemaliger Offiziere verloren die Veteranen zunehmend an Prestige.

In sozialer Hinsicht brachte das Ende der 90er Jahre jedoch noch tiefere Einschnitte. Die Kriterien für die Verteilung von Renten wurden neu verhandelt. Weiterhin kam es zur Kürzung der Pensionen, bei Auszahlungen derselben kam es zunehmend zu Verspätungen. Heute liegt der minimale Rentensatz für Kriegsveteranen bei 296 KM (148 Euro) pro Monat, was teilweise dazu führt, dass Veteranen auf Minenfeldern Metall suchen um mit dem so verdienten Geld ihre Familie zu ernähren.

Ehemalige Kämpfer und deren Familien mussten Ende der 90er Jahre das Land, das ihnen nach dem Krieg zugesprochen wurde, verlassen und wurden in neu errichteten Wohnblöcken angesiedelt. Somit begannen sich mehr und mehr Menschen (zwangsweise) in urbanen Ballungszentren zu sammeln, was zu Konflikten mit den urbanen Eliten der Vorkriegszeit führt. Verschärfend wirkt hier auch die hohe Arbeitslosigkeit unter den Veteranen.

Der soziale Abstieg der ehemaligen Kämpfer war durchaus drastisch. Sie wurden von den einstigen Verteidigern des Landes zu einer vernachlässigten Gruppe in der bosnischen Gesellschaft. Nichtbeachtung und schlechte Versorgung führen zu einem Gefühl ungerechter Behandlung, Nutzlosigkeit und Verbitterung. Dies hat wiederrum fatale Folgen für ihr tägliches Leben. Zu den größten Problemen, unter denen Veteranen und ihren Familien leiden, zählen Alkohol- und Drogenmissbrauch um die schlimmen Kriegserfahrungen vergessen zu machen. Nicht selten äußern sich die Aggressionen der Veteranen in häuslicher Gewalt. Psychische Erkrankungen (z.B. PTSD, Posttraumatisches Stresssyndrom) haben nicht selten auch Selbstmorde zur Folge. Zudem kann man unter ehemaligen Kämpfern einen erhöhten Drang zur Auswanderung beobachten, um die Erlebnisse des Krieges sprichwörtlich hinter sich zulassen.

Kriegsveteranen in der Friedensarbeit

In Bosnien-Herzegowina gibt es verschiedene Wege mit dem Krieg 1992-1995 Jahre umzugehen und das Kriegsgeschehen aufzuarbeiten. Auf der einen Seite geschieht dies natürlich durch die Arbeit des ICTY. Es gibt aber auch Ansätze in der Friedensarbeit, die in Bosnien-Herzegowina selbst auf Integration durch gleiche Erfahrungen setzen. So zum Beispiel das „Dealing with the Past“ Projekt des Centre for Non-Violent Action in Sarajevo. Im Rahmen dieses Projekts werden öffentliche Diskussionsforen organisiert, bei denen Veteranen aus allen Kriegsparteien über ihren Weg in den Krieg und ihre Perspektive für die Zukunft Bosnien-Herzegowinas sprechen. Die Teilnehmer dieser Foren werden im Vorfeld geschult, um nationalistische Argumentationen auszuschließen. Dies zeigt die Grenzen solch ethnisch übergreifender Projekte auf.

Auch 15 Jahre nach dem Krieg leben in Bosnien-Herzegowina immer noch Täter und Opfer nebeneinander. Diese gesellschaftliche Situation macht eine wirkliche Aussöhnung heute immer noch unmöglich. Es bedarf viel Fingerspitzengefühls, um noch unlängst verfeindete Parteien an einen Tisch zu bringen und über ihre Rolle in der Friedensarbeit zu sprechen. Wenn dies überhaupt geschieht, dann nur in einem ungezwungenen Rahmen.

Desweiteren stellen zwar die gemeinsamen sozialen Probleme einen Kernpunkt der Zusammenarbeit zwischen Veteranenverbänden dar, jedoch sind sie durch verschiedene politische Ziele voneinander getrennt. Und gerade diese unterschiedlichen politischen Ziele erschweren eine Vorstellung der Veteranen als wichtigem Faktor für die Reintegration der Gesellschaft des Landes. Gelingt es jedoch, mehr ehemalige Kämpfer an einen Tisch zu bringen, die bereit wären, ihren Mitmenschen ihre Geschichte zu erzählen, könnten (mit)geteilte Erfahrungen und Perspektiven helfen, auch den Rest der Gesellschaft zum Dialog zu bewegen. Ein Vorteil könnte zudem sein, dass trotz politischer Vernachlässigung viele ehemalige Kämpfer in ihrer ethnischen Gruppe immer noch ein gutes Ansehen genießen und so ihre Mitbürger in die so notwendige dialogische Richtung beeinflussen könnten.

Quellen


Bildergalerie Sarajevo

Institut für Geschichte

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Marion Forster, Julia Merl und Birte Richardt: Reisetagebuch vom 25. Mai 2010

SarajevoUns steht eine mehrstündige Reise durch die Berge bevor, welche wir etwas verspätet antreten, weil manche von uns einfach zu lange abends in Banja Luka unterwegs waren ;-)

Die Landschaft ist unbeschreiblich schön. Saftiges Grün, Berge, ein Fluss. Erinnert mich an Österreich. Aber unberührt. Frei. In Sarajevo angekommen, checken wir zunächst in unser Hotel ein, Hotel Grand, etwas außerhalb der Innenstadt.

Wir machen uns auf den Weg in das Institut für Geschichte. Dieses hat nichts mit der Universität Sarajevos zu tun, sondern ist eine eigenständige wissenschaftliche Einrichtung. Kein Kontakt zu Studenten. Hier beschäftigt man sich auch mit Fragen nach den Zusammenhängen des Zweiten Weltkrieges und des Krieges der 90er Jahre.

Man merkt, dass man nicht mehr in der Republika Srpska ist. Überall zerschossene, zerbombte Häuser. Um in das „Institut“ zu gelangen, müssen wir in ein ganz normales Wohnhaus gehen. Naja, eigentlich ein ziemlich altes Wohnhaus, grau, ziemlich verfallen. Das Institut wirkt, als sei es in eine ehemalige Wohnung hineingedrückt, alles wirkt ein bisschen provisorisch, zusammengebastelt, kahl, klein. Auf dem Tisch ein Titobild. Porträts der ehemaligen Leiter des Instituts an den Wänden. Hier erfahren wir, dass die Frage nach den Schuldigen, den Tätern im Krieg im heutigen Mainstream der bosnischen Gesellschaft im Vergleich zur Zeit vor dem Krieg komplett umgeschrieben wird. Als Schuldige, als Täter im Zweiten Weltkrieg stehen nicht mehr die Deutschen im Blick. Stattdessen werden die Geschehnisse der 90er Jahre auf den Zweiten Weltkrieg rückprojiziert – und so erscheinen als Täter nun die Serben. In beiden Kriegen.

SarajevoVor dem Krieg, erfahren wir weiter, hatten die Einwohner BiHs keine Probleme mit den verschiedenen Religionen oder der Herkunft. Ja teilweise wusste man nicht einmal, ob der beste Freund Serbe, Kroate oder Bosniake war. Heute, fast 20 Jahre nach dem Krieg: Unterscheidungen, sogar die Schulbücher sind unterschiedlich. Was ist eine Geschichte Bosniens? Schwer zu beantworten - schreibt man über das Volk? Oder schreibt man über die Region? Wie schreibt man die Geschichte eines Landes dessen Bewohner sich zum Teil nicht als Bevölkerung dieses Landes sehen?

Man erzählt uns, dass es Bestrebungen von bestimmten Teilen der Bevölkerung nach dem Krieg gibt, eine Art „Monopol auf Trauer“ zu besetzen. Eine interessante Sichtweise: Ähnlich wie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, sagen sie. Ihr als Deutsche konntet lange Zeit nicht sagen, dass ihr auch Opfer von Vertreibung wart, und man bei euch und anderswo auch lange vergessen, dass auch Roma, Roma und Behinderte und viele mehr in Konzentrationslagern umgebracht wurden - das ging unter der unvorstellbaren Opferzahl von 6 Millionen Juden unter. Sagen sie.

Weiter geht es zum Research and Documentation Center (RDC). Man merkt, dass hier mehr Geld vorhanden ist. Obwohl man sich fragt, wo es herkommt. Spenden und Unterstützung von großen internationalen Organisationen, von westlichen Regierungen auch. Alles ist edel eingerichtet, man wird in einem Raum empfangen, der an die Rezeption einer Arztpraxis erinnert, Vorführung im geräumigen Seminarraum, unzählige Bücher, geschmackvolle Holzmöbel, viel Licht, hochwertige technische Ausrichtung. So hab ich mir ein Institut vorgestellt, und doch schafft es einen seltsamen Kontrast zu dem vorherigen.

Im Research and Documentation Center (RDC)Dort erläutern uns zwei Mitarbeiter die Arbeit des Zentrums. Nur hier in dieser Institution beschäftigt man sich mit ALLEN Opfern des Krieges von 1992-1995, und eben nicht nur mit denen einer Ethnie. Eine der wichtigsten Aufgaben besteht für die Mitarbeiter des RDC darin, die Identität der Opfer festzustellen. Eigentlich Aufgabe des Staates. 97.000 Tote. Mit dieser Zahl ging das RDC 2007 an die Öffentlichkeit, als nicht abschließend, aber bis dahin ermittelte Gesamtzahl der Kriegsopfer. Behinderungen der Arbeit des RDC durch Politiker sind an der Tagesordnung. Manipulationen an der Zahl der Kriegsopfer hatte es bereits seit Kriegsende von allen drei ethnischen Seiten gegeben.

So erfährt das RDC in seiner Arbeit durch politische und staatliche Behörden in BiH kaum Anerkennung, insbesondere da nicht, wo es um die erhobenen Opferzahlen geht. Das RDC leugne den Genozid, wurde kürzlich, im Frühjahr, 2010, in der Öffentlichkeit in BiH kolportiert. Die Antwort des RDC „Genocide is not a question of numbers, but of intend.“ Die beiden Mitarbeiter – sehr jung, sehr sympathisch, sehr ernst – erläutern uns ihre Feldarbeit. Sie waren an jedem bisher bekannten Massengrab Bosniens. In allen bislang bekannten Todes- und Gefangengenlagern. In den ethnisch gesäuberten Regionen. Haben mit Überlebenden geredet, mit Angehörigen. Mit Tätern und Opfern. Ein beeindruckender Kraftakt, wichtig, aber sicher nicht weniger schwer.

Die Regierung hat die Zahlen inzwischen zur Kenntnis genommen, unterstützt die Projekte des RDC jedoch nicht. Allmählich aber beginnen die Bürger den Zahlen des RDC zu vertrauen. Das RDC erstellte einen War Crimes Atlas – im Internet auf den Seiten des RDC aufrufbar - mit kartographischen Angaben zu Massengräbern, mit aufwändigen Diagrammen und Todesopferstatistiken zu jeder Region in BiH, oder auch zu Minengebieten, welche es heute immer noch im ganzen Land gibt, vor allem in den Bergen, vor allem an den ehemaligen Frontlinien. Man kann in diesem Centre in den verschiedensten Gebieten arbeiten: mit einer Ausbildung in Jura, Geschichte, Wirtschaft und so weiter - es wäre bestimmt interessant dort zu arbeiten.

Der Avaz-Tower in Sarajevo.Am Abend treffen wir uns wieder mit Satko. Freude in der ganzen Gruppe. Er zeigt uns ein paar wichtige Orte in Sarajevo. Als erstes besuchen wir das höchste Hochhaus auf dem Balkan, den Avaz-Tower. Hinauf in den 35. Stock. Uns bietet sich ein unglaublicher Ausblick über Sarajevo. Von hier aus sehen wir die berüchtigte Snipers Alley, die sich einmal quer durch die ganze Stadt zog. Diese Straße trafen die Heckenschützen auf den umliegenden Bergen besonders gut… Dann ab Richtung Innenstadt. Zur Brücke der ersten beiden Kriegsopfer in der Hauptstadt, zum Marktplatz, zu Gavrilo Prinzip und zur Baščaršija.

Eine beeindruckende, wunderschöne Stadt. Überall erkennt man noch die Narben des Krieges, der langjährigen Belagerung am Ende des 20. Jahrhunderts. Wirklich ein Unterschied wie Tag und Nacht zur Republika Srpska. Irgendwie fast…ehrlicher? Wirklicher? Besser als die eingezäunten Fertighäuser in der RS, die wirklich auch überall stehen könnten und aussehen, als würde niemand darin wohnen? Oder passt dieses Bild nur besser zu dem, was ich von Bosnien erwartet hatte? Fast jede Fassade ist zerschossen. Was für ein Wahn. Die „roten Rosen“ auf den Straßen, die anzeigen, wo die Granaten einfielen. Wie Blutspritzer. Was muss es für ein Gefühl sein, sich nicht sicher sein zu können, ob man den Gang über die Straße überlebt?

Treffen in der AltstadtAuf einmal fühlt man sich, als wäre man mitten in der Türkei. In der Altstadt, Reihen von mannshohen, jahrhundertealten Häusern im orientalischen Stil, die noch das geschäftige Treiben der Hochzeiten Sarajewos ausatmen. Die Stimme des Muezzins hallt durch die warme Nacht, eine befremdliche, aber wunderschöne Melodie an unseren ungeübten Ohren. Sie scheint die Entrücktheit unserer Reise hier verstanden zu haben und wiederzugeben. Eine wunderschöne Moschee in der Mitte, in Sichtweite eine katholische Kirche, eine orthodoxe, eine Synagoge. Früher zumindest. Teilweise im Krieg zerstört. Nirgendwo auf der Welt haben die Weltreligionen so friedlich zusammen gelebt wie hier, meint Satko. Man merkt einmal mehr, wie anders als in arabischen Ländern der Islam hier ist.

Danach gehen wir in das City Pub, wo wir den Abend mit Bier und Rakija ausklingen ließen. Ein Teil hat sich bereits abgeseilt, zurück ins Hotel oder auf eigene Faust durch Sarajevo. Ein lustiger, aber auch sehr komischer Abend. Wir unterhalten uns super, haben Spaß und tanzen sogar ein bisschen zu der jazzigen Live-Musik. Sarajevo ist ein etwas entspannterer Tag, nicht wenn man den Zeitdruck betrachtet, sonder eher vom psychischen Aspekt gesehen. Hier werden wir nicht so eng mit den Lagern und Morden der Kriege in Ex-Jugoslawien konfrontiert. Angenehm. Leichter zu verdauen, obwohl man nicht wirklich Zeit dazu hat.

Für manche von uns wird die Nacht sehr lang, weil die Jungs einen kleinen Whirlpool in ihrer Badewanne haben ;-) Genau das macht unsere Reise schließlich auch aus. Wir sind jung. Wir fühlen Trauer, aber wir leben auch hier auf dieser Reise und genießen einfach alles, was sich uns bietet.

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