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Exkursion Kriege erinnern.
Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Krieg 1992-1995 in Bosnien-Herzegowina

Route und Exkursionsziele:

1. Zagreb 8. Jablanica
2. Jasenovac 9. Mostar
3. Donja Gradina 10. Sutjeska
4. Kozara 11. Gorazde
5. Prijedor 12. Srebrenica
6. Banja Luka 13. Sarajevo
7. Sarajevo
Sarajevo 2SrebrenicaGorazdeSutjeskaMostarJablanicaSarajevoBanja LukaPrijedorKozaraDonja GradinaJasenovacZagreb

Sutjeska Nationalpark

Inhalte dieser Seite


Überblick

Im Nationalpark Tjentište/Sutjeska befindet sich das für das ehemalige Jugoslawien bedeutendste Denkmal an die gefallenen Partisanen, das „Denkmal des Sieges“ des Memorialarchitekten Miodrag Živković. Anfang der 1970er Jahre eröffnet, stellten Park und Denkmal samt Beinhaus und Museum eines der attraktivsten, aufwändig gestalteten Ausflugsziele für Gruppen- und Individualreisen im Binnenland dar. Die Gedenkanlage im Nationalpark ist heute wieder begehbar, hat jedoch aufgrund des Glaubwürdigkeitsverlustes der früheren offiziellen Narration vom „in Brüderlichkeit und Einheit geführten Partisanenkampf“ weitgehend an Attraktivität verloren. Allerdings wurden in den letzten Jahre im Zuge revisionistischer Geschichtspolitik einige Gedenkobjekte hinzugefügt, die an Akteure aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern, welche im sozialistischen Jugoslawien als „einheimische Kollaborateure“ aus der offiziellen Kriegserinnerung ausgeschlossen blieben.

Die bis vor kurzem aktive offizielle Internetseite des Nationalparks existiert nicht mehr.


Bildergalerie Sutjeska

Weitere Bilder ...



Marion Forster, Julia Merl und Birte Richardt: Reisetagebuch vom 27. Mai 2010

Es ist 7.30 Uhr. Sehr früh befinden wir uns also wieder auf dem Weg zum Nationalpark nach Sutjeska. Ich bin noch müde, aber schon in der naiven Vorfreude, vielleicht doch einen wilden Bären zu sehen. Später soll es auch noch nach Goražde gehen. An beiden Orten wollen wir uns mit der Erinnerung an die ehemaligen Partisanen und Kriegsveteranen befassen, wenngleich aus verschiedenen Kriegen.

Unterwegs kommt sehr lange keine Toiletten-Möglichkeit. Schließlich machen wir einfach mitten in der Pampa Halt. Der Bus hält und wir laufen unüberlegt los, um hinter einen Felsen zu gehen. Plötzlich schreit dann jemand Stop! Bleibt stehen! Oh mein Gott. Wir hatten völlig vergessen, dass hier überall Minen liegen könnten. Es war schon ein komisches Gefühl, jetzt hier zu stehen und sich zu überlegen, welchen Weg man nun zurück nimmt. Immer wieder wurden wir damit konfrontiert und dennoch sind wir jetzt einfach gedankenlos ins Grüne gelaufen. Im Bus überlege ich nochmal, wie es wohl sein musste, in diesem Land Kind zu sein? Keine Möglichkeit sich einfach im Wald ein geheimes Versteck zu bauen.

Im Nationalpark Tjentište/SutjeskaWir kommen im Nationalpark Tjentište/Sutjeska an und unser Blick schweift über weites, unberührtes Land. Ein heftiger Wind weht und streichelt das Gras.

Der Führer der Gedenkstätte empfängt uns und wir marschieren los Richtung Denkmal. Es schlängelt sich ein Pfad durch die Natur. Der Weg führt uns zum "Denkmal des Sieges". Der Memorialarchitekt Miodrag Živković hat es entworfen. Es ist gigantisch und die erste Frage, die sich stellt, ist sogleich eine, die unbeantwortet bleiben wird – Wer hat diese riesigen Steine auf diesen Berg geschafft?

Vor dem "Denkmal des Sieges"Wir befinden uns also auf diesem Berg, können den Blick ungehindert in die Berge wandern lassen und der Phantasie vom ungestörten Lebensraum dieser Wälder sind keine Grenzen gesetzt.

Nachdem wir ein Gruppenfoto vor diesem mächtigen Denkmal gemacht haben, führt uns der Weg wieder nach unten, vorbei am Museum. Das Museum ist eine Halle aus Stein, welche innen mit verschiedenen Graffiti verunstaltet ist. Auf den Panoramabildern unter den Graffiti sind Szenen aus dem Zweiten Weltkrieg in Jugoslawien dargestellt. Die meisten dargestellten Personen haben Blut an den Händen. Nur die Partisanen nicht.

Die Wandbemalung ist beeindruckend und sehr eindeutig. Manchmal schaudert es mich beim Anblick der grusligen Fratzen und manchmal fürchte ich mich ein wenig vor den Wölfen, die mal Menschen waren. Wir gehen von Wand zu Wand in dieser hallenden Höhle aus Stein.

Die Diskussion über die Verarbeitung des Zweiten Weltkrieges kommt ganz von alleine auf. Wir unterhalten uns darüber, wie gut aufgearbeitet wir unsere deutsche Geschichte empfinden. Bereits in der Schule lernt jeder selbstverständlich, dass jede Nation Opfer und Täter ist. Schuld für „unsere“ Kriege nehmen wir selbstverständlich an. Seit Jahrzehnten ist Deutschland bemüht, wieder gut zu machen.

WandmalereienWir versuchen zu lernen, dass man auf Grund der Vergangenheit Verantwortung für die Zukunft hat. Genau hier kann man jedoch wieder sehen, wie wenig dieser Prozess in diesem Land voran kommt. Die Partisanen waren nicht nur die Befreier des Landes. Sie haben auch viel Leid verursacht oder in Kauf genommen. Dennoch waschen sie sich, hier an diesem Ort, von jeder Schuld rein.

Egal wo wir in diesem Land hinkommen, immer zeichnet sich jede Seite durch die absolute Schuldlosigkeit aus. Annäherungen an andere Sichtweisen finden nur sehr zögerlich statt. Aber genau das muss uns als erste Hoffnung genügen. Genau deshalb muss man weiter daran arbeiten. Genau deshalb muss kommuniziert werden und genua deshalb darf man den Glauben an den Frieden nicht verlieren. Sonst würde man den eigentlichen Auftrag der Geschichte negieren – aus ihr zu lernen.

WandmalereienNachdenklich verlassen wir diesen Ort und nehmen den Weg zurück durch die traumhafte Landschaft, lassen uns noch einmal vom Wind durch die Haare streicheln und setzen uns, unten angekommen, noch ein bisschen in die Sonne, während drinnen in der kleinen Gaststätte der Prozess von Karadžić vor dem Fernseher verfolgt wird.

Wir blinzeln alle in die warme Sonne, genießen die schöne Landschaft und warten vor allem auf unser Sandwich, welches gerade als Reiseproviant für uns zubereitet wird.

Nachdem alle schnell ihr Sandwich hinuntergeschlungen haben, befinden wir uns auch schon auf dem Weg nach Goražde. Ich sehe aus dem Fenster und überlege, was mich wohl dort erwarten wird. Ich weiß es nicht genau.

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