Das Lehrforschungsprojekt Universitätsstudie Bayernwahl 2018 (USBW18) wurde als Kooperationsstudie von drei bayerischen Universitäten (LMU München, Universität Passau und Universität Regensburg) durchgeführt. Im Rahmen dieses Projektes wurden innovatives Forschen, Lehre und Praxis zusammengebracht. Zentrales wissenschaftliches Ziel dabei ist die valide theoretische und methodische Bestimmung der Wechselwählerströme in Mehrparteiensystemen. Zugleich werden in weiteren Erhebungsmodulen etablierte sowie neuere Erklärungen des Wahlverhaltens empirisch überprüft.
Sommersemester 2018: Lehrforschungsprojekt am Beispiel der Landtagswahl 2018 in Bayern
Die Studierenden erhielten im Lehrforschungsprojekt eine Einführung in die theoretische Grundlagen der empirischen Wahlforschung bzw. Wechselwahlforschung und Wählerwanderungsanalyse. Die Vor- und Nachteile der gängigen Methoden der Wählerwanderungsanalyse (Hochrechnung von Exit Polls und Surveys auf Basis von Indvidualdaten, ökologische Inferenz auf Basis von Aggregatdaten) wurde ausführlich besprochen und danach das Hybridmodell des Iterativen Proportional Fitting-Verfahrens (IPF) nach Klima et al. 2017 vorgestellt. Dieser methodischen Einführung folgte ein Überblick über die Wechselwahlmotive bei Wahlen im Allgemeinen und bei Landtagswahlen im Speziellen sowie eine ausführliche Beschäftigung mit den Wahlen in Bayern und der Frage, ob die „Uhren in Bayern wirklich anders gehen“ (Falter 1982, Mintzel 1987). Im dritten Seminarabschnitt stand der Wahlkampf zur Landtagswahl in Bayern am 14.10.2018 im Vordergrund. Hierbei wurden die wichtigsten Themen, das Kandidatenangebot, mögliche Koalitionsmöglichkeiten sowie die Wählerpräferenzen behandelt. Auf Basis dieser Grundlagen und Erkenntnisse formulierten die Studierenden in Gruppen Forschungsfragen und arbeiteten Untersuchungsdesigns aus, die mit den selbst erhobenen Daten untersucht werden sollten. Auch die komplexe Stichprobenziehung für die Telefon- und Nachwahlbefragung (Exit Poll) war Gegenstand des Seminars. In den letzten beiden Sitzungen wurden die SeminarteilnehmerInnen in der Funktion als Teamkapitän geschult. Jedes Exit-Poll-Team bestand aus einem Kapitän und zwei InterviewerInnen. Die Regensburger Studierenden führten dann am 14. Oktober 2018 die Nachwahlbefragungen in 25 Wahllokalen in der Stadt Regensburg und ausgewählten Gemeinden in der Oberpfalz und Niederbayern durch.
PROF. WALTER-ROGG mit Regensburger Studierenden, die am Lehrforschungsprojekt USBW18 teilnahmen und die Exit-Poll-Befragungen in Regensburg und anderen Städten und Gemeinden in der Oberpfalz durchführten.
In zehn zufällig gezogenen Regensburger Stimmbezirken nahmen über 70 Prozent der Wähler (N = 3.052) an der Nachwahlbefragung teil. Auf Basis dieser Ergebnisse könen wir für die Stadt Regensburg die Wechselwählerströme zwischen den Landtagswahlen 2013 und 2018 sowie zwischen der Bundestagswahl 2017 und der Landtagswahl 2018 nachzeichnen. In der folgenden Abbildung ist die Wählerwanderung zwischen der Landtagswahl 2013 und der Landtagswahl 2018 in Regensburg zu sehen. Dargestellt sind die saldierten Gewinne bzw. Verluste der Parteien. Die Darstellungen an den Seiten geben jeweils den Anteil der saldierten Verluste (links) bzw. Gewinne (rechts) in Bezug auf die gesamten saldierten Wählerbewegungen (y-Achse) und in Bezug auf die Gesamtwählerschaft der Partei (x-Achse) an.
- Die CSU verliert Wähler an alle Parteien. 10.8% der CSU-Wähler in 2013 haben in 2018 die Grünen gewählt, 10.3% die AfD, 7.4% die FW und 6.8% die FDP.
- Den Christsozialen ist es aber auch gelungen, die Stimmen von FDP- und Freien Wählern zu bekommen (20.6% bzw. 18%).
- Die Grünen konnten aus allen politischen Lagern Wähler dazugewinnen. Am meisten von der SPD (29,7%) und der FDP (22.7%), aber auch von den Linken (18.1%) und den Freien Wählern (18%).
- Von allen bei der Landtagswahl 2018 angetretenen Parteien konnten die Grünen die meisten Nichtwähler mobilisieren (29.2%). Aber auch der AfD (18.9%) und der CSU (16.5%) gelang dies in einem beachtlichen Ausmaß.
- Die größte Loyalität zeigen in der Stadt Regensburg die Wähler der Grünen: mehr als drei Viertel der Wähler (76.7%) haben diese Partei bereits im Jahr 2013 gewählt. Mit deutlichem Abstand aber auch relativ hoch ist die Parteitreue der CSU- und der Linken-Wähler (60% bzw. 58.2%).
- Eine große Wechselbereitschaft ist hingegen bei den Wählern der SPD zu sehen: lediglich 36.1% haben 2018 und 2013 diese Partei gewählt. Fast ebenso niedrig sind die Haltequoten bei den Freien Wählern (37.3) und der FDP (38.6%).
In der nächsten Abbildung ist die Wählerwanderung zwischen der Bundestagswahl 2017 und der Landtagswahl 2018 in Regensburg zu sehen. Dargestellt sind die saldierten Gewinne bzw. Verluste der Parteien. Die Darstellungen an den Seiten geben jeweils den Anteil der saldierten Verluste (links) bzw. Gewinne (rechts) in Bezug auf die gesamten saldierten Wählerbewegungen (y-Achse) und in Bezug auf die Gesamtwählerschaft der Partei (x-Achse) an. Drei Regensburger Parteien haben sehr treue Wähler: 72.5% der Grünen-Wähler bei der Bundestagswahl 2017 haben diese Partei auch bei der Landtagswahl 2018 in Bayern gewählt. Bei der AfD und der CSU sind diese Anteil etwas niedriger, aber immer noch sehr hoch (70.1% bzw. 67.7%). Im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 hat vor allem die FDP bei der Landtagswahl 2018 Wähler verloren. Lediglich etwas über ein Viertel (26.1%) der FDP-Wähler 2017 wählten auch 2018 diese Partei. Bei der SPD und der Linken beträgt dieser Anteil 40.4% bzw. 41.%. Bei den Freien Wählern waren es immerhin 50.4%.
Wintersemester 2018/19: Der Mixed-Method-Ansatz am Bsp. des Lehrforschungsprojektes zur LTW 2018 in Bayern
Im WS 2018/19 hatten die Studierenden die Gelegenheit, auf Basis der Mixed-Method-Daten der USBW18-Studie eigene Forschungsprojekte zu realisieren und Seminar- oder Qualifikationsarbeiten abzufassen. Die Forschungsrelevanz war aufgrund der disruptiven Veränderungen des Parteiensystems in Deutschland in der letzten Dekade begründet. Im Vordergrund stand vor allem die Frage, welchen Einfluss Wählerwanderungen auf das Ergebnis der Landtagswahl 2018 in Bayern hatten. Bayern bildete hierbei einen sehr interessanten Spezialfall, da die CSU in den Jahren zuvor versucht hat, sich in der Flüchtlingspolitik von der Schwesterpartei CDU abzugrenzen. Wenn dies gelang, müsste die AfD bei der Landtagswahl 2018 geringere Zugewinne erzielt haben als bei der Bundestagswahl 2017. Das im Sommer 2018 durchgeführte Lehrforschungsprojekt zur Landtagswahl in Bayern ermöglichte es den Studierenden, vielfältige Forschung zu betreiben. Sie konnten z.B die Individualdaten der USBW18-Studie mit den Aggregatdaten der bayerischen Kommunen wie auch mit den offiziellen Wahlergebnissen zur LTW 2013/2018 und BTW 2017 verknüpfen, um z.B. Mehrebenenanalysen durchzuführen. Oder eine Medienanalyse mithilfe der Online-Datenbank Lexis Nexis leisten oder die Inhalte digitaler Kommunikation zwischen politischen Eliten und Bürgern auswerten. Ziel des praxisorientierten Seminars war die Entwicklung von Forschungsfragen im Hinblick auf das Wahlverhalten in Bayern und deren Beantwortung durch eine sinnvolle Kombination verschiedener Dateninformationen. Nach einer kurzen Einführung in den Mixed-Method-Ansatz und die Beschreibung der erhobenen Daten bildeten die Teilnehmer Kleingruppen, die Einzelthemen bearbeiteten und erste Auswertungen präsentierten. Die Themen wie z.B. Wählerwanderung, Wechselmotive, Stadt-Land-Unterschiede oder interdependentes Wahlverhalten zwischen Bundes- und Landesebene orientierten sich am bisherigen Forschungsstand der empirischen Wahlforschung, einige Studierende verwendeten aber auch explorative Forschungsansätze.
Folgende Forschungsarbeiten sind aus dem Praxisseminar entstanden:
1. Vergleich der Themenagenden von Parteien und Wählern – Eine Analyse mit MAXQDA
2. Asylpolitik als Wechselgrund bei den bayerischen Landtagswahlen 2018 – Analyse der Wählerwanderung von der CSU zu den Grünen
3. Wechselwahl von der CSU zu Bündnis 90/Die Grünen
4. Von der CSU zur AfD in der Oberpfalz und in Niederbayern – wer wechselt und warum
MA-Arbeiten:
- Deprivation, Protest und Flüchtlinge: Eine Mixed-Methods-Analyse zu den Gründen der AfD-Wähler und der Themensetzung der AfD bei der Bayernwahl 2018
- Zwischen Protest und rechter Ideologie –Analyse der AfD-Wähler in Bayern bei der Landtagswahl 2018
- Exit Poll, Wahlprogramm und Twitter: Vergleich der Themenagenden von Parteien und Wählern zu den bayerischen Landtagswahlen 2018
BA-Arbeiten:
- Einfluss der Bundespolitik auf den Landtagswahlkampf in Bayern 2018 - Eine Untersuchung politischer Kommunikation auf Twitter
- Die Bedeutung von Themen bei der bayerischen Landtagswahl 2018
Seminararbeiten:
- Wie wählte die stimmstärkste Generation? Eine Analyse des Wahlverhaltens der Babyboomer im Vergleich mit der Generation Y. Ein Mixed-Method-Ansatz zur Bayerischen Landtagswahl 2018.
- Zwischen Protest und rechter Ideologie – Entwicklung eines Forschungsdesigns zur Analyse der AfD-Wähler in Bayern bei der Landtagswahl 2018
- Issue Voting bei den Bayerischen Landtagswahlen 2018 – Eine Mixed-Method-Analyse der Wählerwanderung von der CSU zu den GRÜNEN
- Der Wahlerfolg von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN bei der bayerischen Landtagswahl 2018
- Vergleich der Themenagenden von Parteien und Wählern zu den bayerischen Landtagswahlen 2018
- Ist die Gleichstellung von Frau und Mann für die Regensburger (Wähler*innen) ein Kriterium für die Wahlentscheidung bei der Landtagswahl 2018 in Bayern?
- Wählerverhalten in Regensburg. Eine Analyse anhand der bayerischen Landtagswahl 2018
- Eine Analyse der AfD auf rechtspopulistischen Inhalte im Kontext von Migration auf Twitter