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Zur Landtagswahl am 8. Oktober 2023 in Bayern führten wir ebenso wie fünf Jahre zuvor ein Lehrforschungsprojekt an der Universität Regensburg durch. Das Schwerpunktthema bildete dabei die Mobilisierung und Analyse der Nichtwähler in der Stadt Regensburg. Auch dieses Mal waren wieder viele Studierende der Universität Regensburg an dem Projekt beteiligt, das im Zeitraum von 4 Wochen vor der Bayernwahl 2023 am 8. Oktober 2023 und 4 Wochen danach stattfand. Der Schwerpunkt lag dabei auf einem Feldexperiment mit schriftlichen Befragungen, Tiefeninterviews, Haustürbesuchen und Fokusgruppengesprächen in ausgewählten Monitoringgebieten des Regensburger Sozialindex und insgesamt 12.000 Haushalten. Der Sozialindex wird seit dem Jahr 2022 von der Stadt Regensburg erstellt. Wir sind daran interessiert, ob sich die Nichtwähler in gut situierten Wohngebieten von den Nichtwählern in prekären Wohngebieten unterscheiden und wenn ja, wodurch. Zudem wurde der überparteiliche Mobilisierungseffekt von einer Erinnerung an die Landtagswahl 2023 getestet. Die Stadt Regensburg hat sich hier sehr kooperativ gezeigt und stellt uns die Daten des Sozial- und Demographiemonitoring für die 71 Regensburger Wohngebiete für die Stichprobenziehung zur Verfügung. Zudem ist die Stadt auch sehr an unseren Ergebnissen interessiert, da sie neben vielen weiteren Indikatoren wie Bevölkerungsstruktur oder Erwerbstätigkeit auch das politische Verhalten in den Monitoringgebieten beobachten möchte. 

Der Forschungsstand zum Thema „ungleiche Wahlbeteiligung“ zeigt, dass auch in Deutschland „massive Unterschiede in der Wahrscheinlichkeit des Wählens abhängig vom Bildungsstand, der Schichtzugehörigkeit oder auch dem Einkommen“ (Roßteutscher & Schäfer 2016, S. 455) zu beobachten sind. Da der soziale Status „nicht zufällig über die Gesellschaft verteilt ist, sondern Menschen mit höherem Status in der Regel in anderen Wohnbezirken leben als Menschen niedrigeren Status, kommt es zu einer zunehmenden Ballung von Hoch- bzw. Niedrigwahlbezirken“ (Roßteutscher & Schäfer 2016, S. 455). Auch in Regensburg ist dieses Phänomen zu beobachten. Zwar war die Beteiligung an der Bundestagswahl 2021 in Regensburg insgesamt mit 77,2 % (Bayern: 79,9%) sowie zur Landtagswahl 2023 mit 71,6 % (Bayern: 73,1 %) zufriedenstellend. Allerdings hat das Amt für Stadtentwicklung bzw. das Statistische Amt für die 71 Gebiete des Regensburger Sozial- und Demographiemonitoring gezeigt, dass die Wahlbeteiligung bei der BTW 2021 zwischen 57,3 % (Friedrich-Viehbacher Allee) und 89,3 % (Oberer und Unterer Wöhrd) variiert (Stadt Regensburg 2022, S. 67). 

Lange Zeit waren Nichtwähler in Deutschland ein „unbekannte[s] Wesen“ (Falter & Schumann 1994) und kein relevanter Forschungsgegenstand. Die wachsende Wahlabstinenz seit den Hochzeiten mit über 90 % Beteiligung in den 1970er Jahren wurde als unproblematisch und eher als Anpassung an normale Verhältnisse in westlichen Demokratien (Normalisierungsthese) angesehen (Roth 1992). Empirische Studien zeigten zu dieser Zeit, dass sich Nichtwähler und Wähler in Herkunft und Einstellungen nicht sonderlich stark unterschieden und deshalb die Nichtwähler als sozialstrukturell „unauffällig“ (Roth & Wüst 2007, S. 400) einzustufen waren. Dies änderte sich allerdings im Jahr 2009. Damals sank die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl mit nur 70,8 % (West: 72,3 %/ Ost: 64,8 %) auf einen historischen Tiefstand (Westle et al. 2013, S. 475) und der Anteil der Nichtwähler nahm bedenkliche Ausmaße an. Auch Merkel und Petring (2012, S. 100) warnten vor den Verwerfungen einer „Zweidrittel-Demokratie“, in der sozial Benachteiligte nicht mehr am politischen Leben teilnähmen. Zunehmend wich die Normalisierungsthese der Krisenthese, die besagt, dass die zunehmende Wahlabstinenz bestimmter Bevölkerungsgruppen mit einer wachsenden Unzufriedenheit mit dem politischen System und seinen Akteuren zusammenhänge. 

Seitdem widmet sich die Politikwissenschaft mit verstärkter Aufmerksamkeit der Analyse von Nichtwählern, allerdings v.a. auf der Bundesebene der BRD. In jüngster Zeit sind aber gerade bei Kommunal- und Landtagswahlen deutliche Beteiligungsrückgänge zu vermerken (Faas & Hohmann 2015; Faus & Alin 2023). So beteiligten sich bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2022 nur 55,5 % der Wahlberechtigten. Faus und Alin (2023) veröffentlichten dazu eine Studie, in der sie verstärkt auf die qualitative Methode des Fokusgruppengespräches setzen, um mehr über die Motive der Nichtwähler zu erfahren. Vor allem in den USA (Gerber & Green 2000, 2017) werden immer öfter Feldexperimente zur Wählermobilisierung eingesetzt. Damit wird die Frage untersucht, ob und wenn ja unter welchen Umständen Nichtwähler wieder zur Teilnahme bereit sind. In der deutschen Nichtwählerforschung bildet diese Methode eher die Ausnahme. Aus diesem Grund führten wir in einer explorativen Mixed Method-Studie mittels einer Kombination aus quantitativen und qualitativen Methoden in der Stadt Regensburg auf Basis des Sozialindex ein Feldexperiment zur Bayernwahl 2023 durch. Vor allem Haustürbesuche haben sich als parteilicher wie auch überparteilicher Mobilisierungsfaktor für die Wahlbeteiligung als effizent erwiesen (Hohmann 2021). Aber auch Methoden wie standardisierte Befragungen, Tiefeninterviews und Fokusgruppengespräche. Die Erhebung dieser vielfältigen Informationen ermöglicht uns, aktuelle Fragen der Nichtwählerforschung gemeinsam mit unseren Studierenden zu untersuchen und zu beantworten. Für die Forschungsergebnisse des Lehrforschungsprojektes ist im Jahr 2027 eine Publikation im Verlag Springer VS geplant, in der auch sehr gute Bachelor- und Masterarbeiten Berücksichtigung finden: 

Walter-Rogg, Melanie und Raphael Richter. 2027. Die Landtagswahl 2023 in Bayern – Analysen zum Wahlverhalten und zur politischen Kultur im Freistaat. Wiesbaden: Springer VS. 

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